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Rezension: Zinédine Zidane: Der mit dem Ball tanzt

19. Juli 2005, 22:28 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Rezensionen.

Rezension: Zinédine Zidane und Dan Franck: Der mit dem Ball tanzt. Deutsch von Monika Rausch. Bombus-Verlag München. Hardcover, 288 Seiten, mit Fotos. ISBN 3-936261-33-4. EUR 19,90 (D), lieferbar ab März 2005

Normalerweise treibt ein Spieler den Ball vor sich her, Zidanes Füße dagegen schweben über dem Ball. (Enzo Francescoli, uruguayischer Spielmacher bei Olympique Marseille)

Nun endlich, sechs Jahre nach dem französischen Original (Zidane – Le roman d’une victoire, Éditions Robert Laffont, Paris), hat der Bombus-Verlag in München für die längst überfällige deutsche Übersetzung gesorgt. Der mit dem Ball tanzt ist dabei ein überaus treffender Titel für ein Buch über Zinédine Zidane, einen der ganz großen Spielmacher im Weltfußball. Verfasst hat es Dan Franck, französischer Schriftsteller und Journalist, der das Privileg genoss, Zidane im Zeitraum März bis September 1999 mehrere Male intensiv interviewen zu können.

Herausgekommen ist eine sehr feine Charakterstudie, die weit über das hinausgeht, was die meisten der konventionellen Sportler-Biographien, die seit Jahren den Buchmarkt überschwemmen, anzubieten haben. Hier geht es nicht allein um den WM-Titel Frankreichs im Jahr 1998, nicht um das Abfeiern ungezählter Erfolge Zidanes und auch nicht um die Glorifizierung eines Fußballers, der längst zum Idol einer ganzen Fußballergeneration geworden ist. Vielmehr bringt das Buch etwas Licht in das Geheimnis, das Zinédine Zidane umgibt. Ihn haben wir Fußballliebhaber in so vielen großartigen Spielen, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit erleben können: Der mehrfache Weltfußballer scheint nichts von einem despotischen Strategen zu besitzen, der das Spiel gedanklich entwirft und dessen Plänen sich die Mitspieler unterzuordnen haben. Sein Spiel ist mannschaftsdienlich angelegt, er mischt sich ein in das hoch verdichtete Mittelfeldgeschehen des modernen Fußballsystems. »Meine Aufgabe verpflichtet mich, praktisch immer in Ballkontakt zu sein. Ich bin da, wo der Ball ist, meistens im Mittelfeld. Ich muß ihn holen, Pässe spielen, da sein, wenn es eng wird. Das ist sehr anstrengend.«

Zurückhaltend, verschlossen, unnahbar wirkt Zidane, oftmals sehr ernst, und dabei doch unerwartet aufbrausend und unbeherrscht, so dass er stets Rot-gefährdet erscheint – wie im WM-Vorrundenmatch gegen Saudi-Arabien, als er sich bei einem 2:0-Vorsprung seiner Franzosen einen Platzverweis einhandelt und damit den Turniererfolg gefährdet. Diese Mischung aus Schüchternheit und Impulsivität, erzählt Zidane, gehe zurück auf seine Kindheitserfahrungen in La Castellane, einem sozial stark benachteiligten Stadtviertel von Marseille, in dem Yazid, so der familiäre Kosename Zidanes, als eines von fünf Geschwisterkindern aufwächst. »Ich stecke eine Menge Schläge ein, ohne etwas zu sagen, aber irgendwann kommt der Moment, wo … ich explodiere, es ist stärker als ich. Ich komme aus einem harten Viertel in Marseille. Dort wollte ich niemals den Streit, aber wenn man dich provoziert, kannst du nicht alles mit dir machen lassen! … Ich kann einstecken, okay, aber dann teile ich auch aus.«

In den Gassen und Straßen von La Castellane gibt es für die Söhne der maghrebinischen Einwandererfamilien nur eine Freizeitzeitbeschäftigung: Fußball. Yazid, immer etwas kleiner und schmächtiger als die anderen Jungs, liebt es, sich am Ball zu beweisen und sich damit sozialen Respekt zu verschaffen. Der Straßenfußball prägt ihn, prägt sein überragendes Ballgefühl, das ihm heute auf höchstem Niveau gestattet, sich auch in ausweglos erscheinenden Situationen freizuspielen und dem Spiel in jedem Moment eine entscheidende Wendung zu geben. »Waren wir viele, gingen wir auf den betonierten Platz. Die Tore waren aus Steinen, Kleidung, irgend etwas … Alles, was ich gelernt habe, stammt aus dieser Zeit, von der Straße. Gemeinsam mit meinen Kumpels versuchten wir, uns immer neue Tricks beizubringen. Derjenige, der etwas Neues entdeckte, mußte es allen anderen zeigen. … Es ging darum, den Trick am besten zu beherrschen. Ich war wie die anderen: ich nahm den Ball und dachte mir Dinge aus. Das ist Straßenfußball.«

Doch Talent allein reichte nicht, um in die Weltspitze aufzusteigen. Die Eltern fördern ihn von Beginn an – nicht ohne Angst, ihren Jungen in die große Fußballwelt zu entlassen. Jean Varraud, der Talentsucher des AS Cannes, eist Yazid, als dieser 13 Jahre alt ist, von der Familie los. Der Junge fühlt sich in Cannes einsam, weint »ein Jahr lang jeden Abend«, will nach Hause zurück, beisst sich aber schließlich durch. »Ich trainierte nur. … Ich mußte doppelt so hart arbeiten, weil ich ein Immigranten-Kind war.« Zidane debütiert mit 17 Jahren bei den Profis. Nach vier Jahren und dem Abstieg in die zweite Liga wechselt er zu Girondins Bordeaux. Trainer Rolland Courbis, der Zinédine den Spitznamen Zizou verpasst, fördert den jungen Spieler behutsam, setzt auf seine einzigartige Balltechnik und drängt gleichzeitig darauf, seine Athletik zu verbessern. In Bordeaux wird Zidane im August 1994 dann auch zum Nationalspieler, doch der große Erfolg auf Vereinsebene stellt sich nicht ein; in Erinnerung bleibt allenfalls das verlorene Uefa-Cup-Finale 1996 gegen den FC Bayern. Zidane wechselt im selben Jahr zu Juventus Turin. Mit dem italienischen Rekordmeister gelingen ihm zwei nationale Titel, auf europäischer Ebene jedoch muss er wieder herbe Niederlagen einstecken; Juventus verliert zwei Champions League-Finale in Folge gegen Borussia Dortmund (1997) und Real Madrid (1998).

Körperlich und psychisch angeschlagen reist Zidane zum WM-Turnier 1998 an, bringt sich nur mit Disziplin und Fleiß in Form. Die Erwartungen der französischen Bevölkerung an die Equipe Tricolore und an deren Spielmacher sind erdrückend groß. Und das erste Spiel, gegen Südafrika, findet ausgerechnet in Marseille vor 55.000 Zuschauern statt, im Stade Vélodrome – in jenem Stadion, in dem Zidane als Junge, wann immer es ging, die Spiele von Olympique Marseille besuchte. »Olympique bleibt immer die Nummer eins in meinem Herzen. … Ich dachte nie, dass ich eines Tages die Umkleidekabine von Marseille betreten würde.« Doch nun konzentriert sich Zidane auf das Jetzt; er weiß, wie wichtig es ist, gut in das Turnier zu starten. Frankreich gewinnt tatsächlich mit 3:0, überzeugt das Publikum. In all dem Jubel auf den Straßen denkt Zidane während der Abreise über die Marseiller Autobahn an seine Kumpels aus La Castellane, an seinen Vater und seine Mutter, und er bedauert, sie nicht besuchen zu können.

Im Laufe des Turniers rückt das französische Team immer enger zusammen, beendet die Vorrunde als Gruppensieger, bezwingt Paraguay im Achtelfinale, schaltet Italien im Viertelfinale aus und gelangt über einen Halbfinalsieg gegen Kroatien ins Endspiel. Gegner ist Brasilien. Es wird das Spiel, das Zinédine Zidane einen festen Platz in der Fußballhistorie garantieren sollte. Gleich zu Beginn spürt Zizou, dass das Spiel günstig für Frankreich laufen wird. »Wir waren so gut, daß ich keine ernsthaften Befürchtungen hatte. … Wir mußten gewinnen.«

Eckball für die Equipe Tricolore, Emmanuelle Petit gibt den Ball hoch in den brasilianischen Strafraum, Zidane läuft in den Ball und köpft ein. Dan Franck notiert dazu: »Er umarmt Emmanuelle Petit, macht ein ernstes Gesicht, lacht nicht, lächelt nicht einmal.« Seine Körpersprache verrät nicht – wieder einmal nicht –, wie es in ihm wirklich aussieht: »Dieser Kopfball war verrückt … Ich war wie in Trance. Ich hatte ein Tor im WM-Finale geschossen! Für Frankreich!« Zidane wächst über sich hinaus, treibt das Spiel der Blauen an, wird jetzt sehr eng von den Brasilianern bewacht. Aus dem Nichts gelingt ihm das zweite Tor, wieder per Kopf. Unglaublich auch für ihn. »Zwei Tore! Kannst du dir das vorstellen? Das ist ganz und gar verrückt!« Das Publikum erhebt sich und skandiert »Zizou, Zizou!« Zidane nimmt es nicht wahr. Erst in der Halbzeitpause wird ihm klar, dass Frankreich vor dem größten Triumph seiner Fußballgeschichte steht. »Ich wollte nicht weinen. Das kam später. Ich mußte noch auf das Spielfeld zurück.« Frankreich kann in der zweiten Halbzeit Brasilien auf Distanz halten und sogar auf 3:0 erhöhen. Abpfiff. Die Equipe Tricolore ist Weltmeister! Ganz Frankreich versinkt in grenzenlosem Jubel.

Im September 1999, mehr als ein Jahr nach dem Endspiel, spricht Zidane noch ein letztes Mal mit Dan Franck, bevor dieser das Buch abschließt. Das Gespräch kommt auf den triumphalen Empfang, den die französische Bevölkerung ihrer Mannschaft in Paris bereitet hatte. »Eine Million Menschen auf dem Champs-Élysées! Unseretwegen! … Manchmal wird mir ganz schwindelig.« Doch dann, bevor sich Zizou verabschiedet, blickt er noch weiter zurück: »Als ich klein war, in La Castellane, organisierten wir Turniere. Wir losten Gruppen aus, wie in der WM. … Und es gab auch eine Trophäe. Als ich den WM-Pokal hochhob, erinnerte ich mich an früher. … Es war nur eine Plastikflasche. Mit Alufolie umwickelt.«

Mit dieser bezeichnenden Erinnerung endet das Buch, dem ich Erfolg auf dem deutschen Markt wünsche und das ich allen Fußballinteressierten, die das Original nicht lesen konnten, sehr empfehlen kann. Sollte es eine zweite Auflage schaffen, wäre der Verlag gut beraten – dies ist die einzige kleine Einschränkung, die an dieser Stelle zu machen ist –, einige Textstellen, die fußballtechnische und -taktische Beschreibungen enthalten, sprachlich überarbeiten zu lassen.

Zum Bombus-Verlag

Die WM 1998 in unserer Statistik-Abteilung

Frankreichs Weg zum Titel


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