Götzendämmerung in Italien
20. Mai 2006, 01:36 geschrieben von Kival, abgelegt unter Int-Fussball.
Götzendämmerung in Italien
Kurz vor dem Ende der Saison in Italien durchfährt ein Schock das ganze Land: Juventus Turin, die alte Dame des italienischen Fußballs, gewann zumindest die letzten beiden Meisterschaften nur durch Manipulation. Schon lange vermutete man dunkle Machenschaften im Hintergrund des Spielgeschehens, und der Ruf der Serie A und B war nie der beste; doch was in diesen Tagen ans Licht kommt, verletzt das Fußballherz der Italiener. Die italienische Presse berichtet von einem Tsunami (Gazetta), der sich auf den Fußball niederschlägt. La Republica nennt den vermutlichen Hintermann gar ein „Monster“ und vergleicht den Skandal mit dem tangentopoli, der Schmiergeldaffäre Anfang der 90er, die das Ende der 1. Republik einläutete.
Das System Moggi
Schon die Bekanntgabe, dass 29 Spiele der letzten Saison seitens Juve manipuliert waren, schockte die Öffentlichkeit, doch damit war es nicht genug. Nachdem erst nur Juventus Turin betroffen war, weitete sich der Skandal im Laufe der letzten Tage auf weitere Vereine aus. Inwieweit Vereine wie der AC Mailand, AC Florenz und Lazio Rom verwickelt sind, kann noch nicht abschließend festgestellt werden. Die Affäre zog immer weitere Kreise, immer tiefer wurde der italienische Fußball in den Strudel gezogen. Jeden Tag konnte man neue Schreckensnachrichten in der Presse lesen. Der Name, der dabei immer wieder auftauchte, war: Luciano Moggi, der bereits als Fußballpate tituliert wird. Er zog die Fäden im Hintergrund. Der Sportdirektor von Juventus Turin kontrollierte die Liga. Während Moggi Schiedsrichter bestach, darunter de Santis, den der italienische Verband zur WM schicken wollte, die Auslosung der Schiedsrichter für die Spiele manipulierte und die Aufdeckung seitens der Zeitlupenwiederholungen durch seine Kontakte zu RAI-Sport verhinderte, scheffelte er vermutlich zusammen mit seinem Sohn Alessandro Geld mit der GEA World, der größten Spielervermittlungsagentur Italiens.
Im schnellen An- und Verkauf von Spielern sollen einzelnen Vereinen beachtliche Buchgewinne erzielt haben – darin waren angeblich Lazio, Parma, Florenz, auch Rom und sogar der AC Milan verstrickt. Dieses Geschäftsnetzwerk war wiederum über Familienbande verknüpft mit dem Bankchef Cesare Geronzi, zu dessen Banca di Roma eine Bank gehört, die der Chef des Fußballbundes leitete. Delikat ist auch, dass der Sohn des Nationaltrainers Lippi ebenfalls ein Spielervermittler der GEA ist. Infolgedessen gerieten einige Nominierungen Lippis in Verdacht, nur der Wertsteigerung der Spieler gedient zu haben.
Das Netzwerk Moggis soll riesig gewesen sein. Er soll sich sogar
im Zuge des Doping-Verfahrens gegen Juventus Informanten bei der Polizei, der Justiz und sogar beim Geheimdienst bedient haben. Auch mehrere Politiker sind in den Skandal verwickelt, darunter der Forza-Italia-Abgeordnete Antonio Tajani, der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister Siniscalco und der ehemalige Innenminister Giuseppe Pisanu. Italienische Zeitungen veröffentlichten Abhörprotokolle zwischen Pisanu und Moggi, in denen der Minister um Unterstützung für den abstiegsbedrohten Drittligisten Torres bat. „Heute sahen wir uns mit einem Referee konfrontiert, der uns schon einmal Schwierigkeiten machte. Den hätte man ja auch anderswo einsetzen können“, beklagte sich Pisanu. „Geht in Ordnung, ich werde mich darum kümmern“, versprach daraufhin Moggi.
Aufgedeckt wurde dies alles durch im Laufe der Saison 04/05 erstellte Verhörprotokolle der Polizei, deren Übergabe an die Presse mittlerweile auch den Justizminister auf den Plan gerufen hat, welcher sich wiederum darüber empört, dass Informationen einer laufenden Ermittlung durchsickerten. Moggi und Komparsen erwarten nun Anklagen wegen Bilanzfälschung, Steuerbetrugs, Sportbetrugs, Manipulation der Meisterschaften, Bestechung von Schiedsrichtern und Wettbewerbsverzerrung. In Nepal wird gegen den Sportdirektor sogar wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Insgesamt fünf Staatsanwaltschaften verdächtigen über 50 Personen krimineller Machenschaften im Rahmen der Affäre.
Der Wettskandal
Zur gleichen Zeit wurden auch Ermittlungen gegen Gianluigi Buffon wegen Wettbetrugs bekannt. Mittlerweile stehen auch Vincenzo Iaquinto, der Starstürmer Udineses, sowie 13 weitere Profis im Verdacht, illegale Wetten platziert zu haben. Sie sollen über Mittelsmänner auf Meisterschaftsspiele gewettet haben. Der Nationaltorhüter gab mittlerweile zu, vor einigen Jahren gewettet und dabei auch große Verluste gemacht zu haben. Er behauptet aber felsenfest, nach dem Verbot der Wetten damit aufgehört zu haben. Nach dem Verbot von Sportwetten für Sportler vor einigen Jahren drohen den Verdächtigen empfindliche Strafen.
Rücktritt und andere Folgen
Die erste Konsequenz der Affäre war der Rücktritt von Franco Carraro. Der Präsident des italienischen Fußballverbandes hatte die Bilanz-, Steuer- und Dopingskandale überstanden, den Untergang von Klubs wie Fiorentina, Napoli, Torino, Perugia, Ancona und Como überlebt, sogar die Rettung von Lazio und Parma mit Hilfe seiner Bank Capitalia organisiert, aber dieser Sturm fällte auch ihn.
Der italienische Fußball leidet. Der Verband musste seinen Schiedsrichter für die WM zurückstellen, die AIA hat inzwischen neun Schiedsrichter suspendiert. Die Verwicklungen einiger Spieler und des Trainers der Nationalmannschaft in die Affäre werden nicht spurlos an dem WM-Mitfavoriten vorbeigehen. Der Trainer ist jedoch optimistisch. „Ich glaube nicht”, ließ er wissen, „dass der Skandal bei der WM Auswirkungen auf meine Mannschaft haben wird.”
Am stärksten betroffen ist natürlich die Turiner Mannschaft. Mittlerweile ist nach Moggi auch der gesamte Vorstand zurückgetreten; der Verein sieht düsteren Zeiten entgegen. Turin droht nicht nur der Verlust der letzten Meisterschaften, sogar der Abstieg und große finanzielle Einbußen sind möglich. Nach dem Bekanntwerden der Razzia stürzte die Juventus-Aktie an der Mailänder Börse zeitweise auf 1,32 Euro ab – also auf weniger als die Hälfte der Jahreshöchstpreises. Außerdem ist fraglich, welche Werbeverträge der stark angeschlagene Verein wird halten können. Bei ihren Fans hat die alte Dame jedenfalls viel Kredit verspielt: Die Ultras pfiffen ihre Mannschaft nach dem Titelgewinn aus und Juve verzichtete auf die üblichen Meisterfeiern. Inwieweit auch andere Vereine Folgen tragen müssen, ist noch unklar, dürfte sich aber in den nächsten Wochen zeigen. Da nach bisher unbestätigten Gerüchten auch die aktuelle Saison betroffen sein könnte, konnten die Meisterschaft genauso wenig wie die Championsleagueplätze bisher bestätigt werden.
Eine Kuriosität ist auch zu vermelden: Der Salzburger Buchmacher Intertops zahlt wegen des Skandals für zwei Meister aus.
Erste Gegenmaßnahmen
Die FIGC (Federazione Italiana Giuoco Calcio) reagierte schnell auf die Demission Carraros, als sie kaum eine Woche später den Wirtschaftsexperten Guido Rossi zum kommissarischen Vorsitzenden ernannte. Er versprach nach Amtsantritt eng mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.
Die neu ernannte Sportministerin Melandri verspricht sich durch klare Normen eine Besserung der Verhältnisse im Calcio. „Der Fußball muss seine Würde zurückfinden. Die Ermittlungen dieser Tage beweisen, dass neue Regeln notwendig sind“, sagte die Ministerin der Regierung von Romano Prodi. Außerdem kündigt die Regierung weitere Untersuchungen an.
Ein baldiger Abschluss der Ermittlungen ist eher anzuzweifeln, auch der Präsident der Spielergewerkschaft glaubt nicht daran, dass die nächste Saison planmäßig am 27. August beginnen kann. Doch bis zum 7. Juli muss Rossi der UEFA bekannt geben, welche Mannschaften Italien für die Champions League anmeldet. So ist der Kampf um Aufklärung auch ein Kampf gegen die Zeit.
Währendessen hat Antonio Coviello, ein Wirtschaftsprofessor an der Universität Neapel, eine Gruppierung gegründet, die sich selbst Castigateli („Bestraft sie!”) nennt und Zivilklagen um horrende Schadensersätze gegen die beteiligen Klubs anstrengen will.
Ein Kommentar
Dass sich gerade nach der Abwahl Berlusconis mancher Schatten in Italien lichtet, verleitet dazu, vorschnelle Urteile zu fällen, ohne dabei zu bedenken, dass die Staatsanwaltschaft schon in den letzten Jahren ermittelte. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass ein frischer Wind weht. Silvio Berlusconi, der Medienmogul, Bernardo Provenzano, der Mafiaboss, Stefano Ricucci, der Immobilienhai, und Luciano Moggi, der Mauschler des Fußballs. Ein Götze nach dem anderen fiel von seinem Thron. Die Unruhe in Italien muss dennoch nicht schädlich sein. Das Aufdecken der Machenschaften kann der Liga vielleicht helfen, ihren Ruf auf längere Sicht zu verbessern. Wenn der italienische Fußballverband jetzt lückenlose Aufklärungsarbeit leistet und hart durchgreift, wird das dem Ruf des Fußballs gut tun. Was allerdings noch von der Serie A übrig bliebe, wenn alle beteiligten Vereine konsequent bestraft würden, steht in den Sternen…
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