Fazit der FF-Redakteure zur WM 2006
17. Juli 2006, 13:15 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter WM-2006, Int-Fussball.
Schön war die Zeit…
Viel zu schnell ging sie vorüber, “unsere” WM. Wir haben fantastische Bilder gesehen von den Fanmeilen und Public Viewing-Veranstaltungen quer durchs Land, feiernde Menschen unterschiedlicher Nationen tanzten auf den Straßen und machten diese 31 Tage zu einer einzigen, rauschenden Party. Diese Bilder lieferten ein völlig neues Bild von uns Deutschen in alle Welt. Dass wir Weltmeister im Organisieren sind war hinlänglich bekannt, doch diese fast südländische Stimmung und Gastfreundlichkeit kannte man außerhalb unserer Landesgrenzen bisher nicht – wohlgemerkt trifft dies auch auf “innerhalb der Landesgrenzen” zu. Ein Bericht vom “Schwimmenden Videowürfel” in Frankfurt sei hier exemplarisch genannt: Beim Spiel Frankreich gegen die Schweiz versammelten sich 30.000 Menschen in der “MainArena”, die über 90 Minuten eine einzige, riesige Party veranstalteten. Die Stimmung steigerte sich von “riesig” auf “gigantisch”, sobald ein Akteur sich eine Torchance erarbeitete. Dass dies bei diesem Spiel nur äußerst selten vorkam, störte keinen der Zuschauer.
Die Redakteure des FF-Magazins haben ihre WM06-TOP-Elf nominiert:

Unsere Top-Elf
Gianluigi Buffon setzte sich in beeindruckender Manier im Kasten durch. Elf von zwölf Redakturen sehen den Weltmeisterkeeper im Tor, nur Ray hatte unseren “Elfmeterkiller” Jens Lehmann auf dem Zettel. Vor Buffon agiert unser Torfloh Phillip Lahm und bildet die Flügelzange mit Gianluca Zambrotta. Lahm verwies mit acht Stimmen den italienischen Weltmeistermacher Fabio Grosso und Juan Pablo Sorin (je drei), Zambrottra (sechs) hatte mit Willy Sagnol (zwei) keine Mühe. In der Innenverteidigung geht es ebenfalls italienisch/deutsch zu. Dass an Fabio Cannavaro kein Weg vorbei führt war eigentlich klar, wie sein Torhüter Buffon erhält der Gewinner des silbernen Balls elf Stimmen (Heiland verweigerte sich). Neben ihm spielt mit Per Mertesacker der beste Zweikämpfer des Turniers, “der Lange” setzt sich mit fünf Nominierungen gegen Lilien Thuram (drei) und Marco Materazzi (zwei) durch.
Obwohl wir zuerst von einem 4-4-2 als Nominierungskriterium ausgingen zeigte sowohl die Nominierung als auch die bevorzugte Aufstellung im Turnier mehr in Richtung 4-5-1. So kommen wir zu zwei “Staubsaugern” im defensivem Mittelfeld mit Gennaro “Knochenbrecher” Gattuso und Thorsten “Lutscher” Frings, die beide auf vier Nominierungen kommen. Patrick Viera und Andrea Pirlo haben mit je drei Nennungen knapp das Nachsehen. Auf den Flügeln agiert der Argentinier Maxi Rodriguez (drei, vor Maniche mit zwei) und Altmeister Luis Figo (fünf, vor Frank Ribery mit vier). Trotz seines Ausrasters im Finale führt einfach kein Weg an Zinedine Zidane vorbei. Mit acht Nominierungen erhält der Franzose die vierthöchste Stimmenanzahl, einzig Juan Roman Riquelme hat für diese Position ein paar Stimmchen abbekommen (drei). Und die Sturmspitze? Klar, es gibt nur einen. Ausnahmslos jeder Redakteur hatte den WM-Torschützenkönig auf dem Zettel und so schlägt uner Miro Klose einen Zwölf-Stimmen-Salto und verweist Thierry Henry auf Rang zwei (fünf Stimmen).
Interessant: Keiner berücksichtige die vor der WM hoch gehandelten Christiano Ronaldo, Wayne Rooney, Ronaldinho oder Kaka. Von der Selecao schaffte es überhauptkein Akteur in die TOP-Elf eines Redakteurs. Ebenso stimmenlos bleibt der deutsche Kapitän Michael Ballack, und das obwohl die Redaktion überwiegend deutsch und mit einigen FC-Bayern-Anhängern besetzt ist. Insgesamt ist diese Elf ein recht gutes Spiegelbild der bei der WM gezeigten Leistungen. Je vier Spieler des Weltmeisters (bezeichnenderweise kein Offensivakteur) und des Gastgebers schaffen den Sprung in die Elf, unterstützt werden sie im offensiven Mittelfeld von drei Akteuren aus Argentinien, Frankreich und Portugal.
Die Top-Teams der Redakteure
Im folgenden haben die Redakteure des FF-Magazins ihre persönlichen Eindrücke der vergangenen vier Wochen niedergeschrieben und ihre persönliche TOP-Elf der WM 2006 gekürt.
JB007 (4-5-1): Buffon – Lahm, Mertesacker, Cannavaro, Zambrotta – Pirlo, Gattuso – Makelele, Zidane, Figo – Klose
Heiland (4-6-3, 14 Spieler ^^): Buffon – Jansen, Materazzi, Ayala, Sancho – Lahm, Essien, Y. Touré – Maniche, Riquelme, Ribery – Al-Jaber, Adebayor, Klose
Fohlenfreak (4-4-2): Buffon – Lahm, Canavaro, Mertesacker, Zambrotta – Frings – Xabi Alonso, Beckham – Zidane – Klose, Henry
Kival (4-4-2): Buffon – Lahm , Canavaro, Thuram, Zambrotta – Gattuso – Sorin, Rodriguez – Riquelme – Klose, Henry
der_raucher (4-4-2, 8 Spieler): Buffon – Lahm, Cannavaro, Gallas, ... – Frings – ..., ... – Zidane – Klose, Crespo
Ray (4-4-2): Lehmann – Sorin, Cannavaro, Thuram, Zambrotta – Vieira, Maniche – Figo, Riquelme – Klose, Torres
dr-snuggles (4-4-2, 9 Spieler): Buffon – Lahm, Cannavaro, Mertesacker, ... – Gattuso – ..., Ribery – Zidane – Klose, Crespo
Jinxo (4-4-1-1): Buffon – Lahm, Mertesacker, Cannavaro, Zambrotta – Pirlo – Grosso, Zidane, Figo – Ribery – Klose
Francescoli (4-4-2): Buffon – Sorín, Cannavaro, Márquez, Sagnol – Gattuso, Figo, Zidane, Maxi Rodríguez – Klose, Torres
Mario (4-4-2): Buffon – Grosso, Cannavaro, Materazzi, Zambrotta – Pirlo – Vieira, Essien – Zidane – Klose, Henry
Elbefohlen (4-4-2): Buffon – Lahm, Cannavaro, Mertesacker, Miguel – Frings – Schweinsteiger, Ribery – Zidane – Klose, Henry
Tschaikowskij (4-4-2): Buffon – Grosso, Cannavaro, Thuram, Sagnol – Maxi Rodriguez, Viera, Frings, Figo – Klose, Henry
Eindrücke, Stimmungen, Resümees u.v.m.
Tschaikowskij:
Ich will mein persönliches Fazit mit dem Beeindruckendsten dieser WM beginnen: Ich habe noch nie eine solche Stimmung erlebt! Mein Besuch der “MainArena” wird mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien – ein Mega-Calssico – schon Freitag Vormittag lief die Ankündigung von 80 bis 85.000 erwarteten Zuschauern im Radio rauf und runter. Fünf Stunden vor Spielbeginn standen wir vor den Toren der Arena – und kamen nicht mehr rein! Geschätzte 50.000 Leute standen, sangen, feierten bei 35 Grad allein vor dem Eingang zur Sitztribühne. Gesehen haben wir das Spiel dann von der anderen Mainseite, wo Bäume ein bissl Schatten spendeten. Vor uns die Sitzplatztribühne mit offiziell 14.000 Plätzen, garantiert 20.000 Leute bevölkerten die Innenstadtseite des Mains. Unter uns der VIP-Bereich und viele, viele Stehplätze, sicher nochmal 20.000 Leute. Und da war ja noch die “Weseler Werft”, eine Videoleinwand war zusätzlich aufgebaut, an der bestimmt nochmal 10 – 15.000 Menschen feierten. Gigantisch!! Rund um uns herum versammelte sich so ziemlich alles, was Frankfurt zu bieten hat. Links von uns zwei ältere Ehepaare, die schon drei Stunden vor dem Anpfiff völlig nervös ihre Fähnchen schwenkten. Rechts zwei Studenten mit Rasta-Zöpfen, die in den vier Stunden vor dem Spiel geschätzte viereinhalb Gramm weggeraucht haben. Rechts hinter uns – naja – der Kollege hat sich zwei Stunden vor dem Anpfiff schlafen gelegt. Zum Spiel war er aber ausgenüchtert und wach! Dazwischen stand noch ein kleines Männchen, dessen Nationalität ich nicht mal erraten kann.
Und dann dieses Match! 50.000 Menschen singen die Nationalhymne vor dem Spiel. Gemischte Stimmung nach der ersten Hälfte. Kollektiver Schockzustand direkt nach der Pause und der absolute Wahnsinn nach Miros Bude! Eine riesige Staubwolke zieht unter uns hoch, orkanartiger Freudentaumel hinter uns auf der Straße “Sachsenhäuser Ufer”, auf der an Autofahren nicht zu denken ist. Die Zitterpartie in der Verlängerung und das Wechselbad der Gefühle im Elfmeterschießen! Mit den Tränen der Glückseeligkeit ringend, nach Sauerstoff japsend und gegen den Kreislaufkollaps kämpfend höre ich das kleine Männchen neben mir nur rufen “Lihmän is die Beste!! Lihmän is die Beste!! ...”. Feuerwerkskörper knallen, fünf Jungs tanzen auf den aufgestellten Dixie-Klos (die Polizisten haben nach kurzer Zeit aufgegeben, die da runter zu holen), drei Jungs mit “Türkdeutschland”-Flagge fallen uns um den Hals und tanzen einfach nur im Kreis, zwei Japaner machen mir ohne deutsch oder englisch zu sprechen klar, dass ich ihnen meine Deutschlandflagge leihen und sie damit fotografieren soll, ein “Big-Fat-Black-Papa” hüpft wie aufgezogen mit einem riesigen Deutschland-Hut auf dem Kopf vor einer Kneipe auf und ab, die Kurt-Schumacher-Straße (vier- bis sechs-spurig, eine der Hauptverkehrsadern durch die City) ist ein Fahnenmeer von Sachsenhausen bis zur Zeil. Sowas hab ich noch nie gesehen!
Bei aller Emotion – diese WM war spielerisch weit von dem entfernt was die Fans aus aller Herren Länder hier veranstaltet haben. Die wirklich fesselnden Spiele kann man an einer Hand abzählen, hier ist sicher das Vorrundenduell Argentinien gegen die Elfenbeinküste zu nennen, ebenso wie das argentinische Torfestival gegen Serbien und Montenegro. Mir persönlich haben noch die Auftritte der Mexikaner gut gefallen, natürlich war ich auch von der deutschen Elf begeistert. Aus den Fehlern im Eröffnungsspiel hat die Mannschaft sehr schnell gelernt und obwohl Michael Ballack nicht die überragende WM spielte war er IMO unglaublich wichtig für das gute Abschneiden der DFB-Auswahl. Wir sollten uns ob den Halbfinalaus nicht zu sehr grämen. Deutschland hat mit den besten Mannschaften des Turniers auf Augenhöhe gespielt und das Halbfinale gegen Italien hätte genausogut auch andersrum ausgehen können.
Die Enttäuschung dieser WM sind für mich natürlich die Brasilianer. Sicher, gegen Frankreich kann man verlieren, aber wie sich die besten Fußballer dieses Planeten durch das Turnier gequält haben stimmt mich schon nachdenklich. Das Scheitern allein an der Überspieltheit vieler Akteure fest zu machen halte ich für falsch. Vielmehr halte ich die erste Elf für überaltet und auch Trainer Parreira will ich nicht von Schuld freisprechen. Er hat es nicht geschafft eine Mannschaft auf’s Feld zu schicken, in der eine für die Spielfreude der Brasilianer notwendige, gute Stimmung herrscht.
In meiner TOP-Elf finden sich somit auch keine Vertreter der Selecao. In der Verteidigung setze ich auf die Nationen aus dem Finale, beide haben im gesamten Turnier nur zwei, bzw. drei Tore kassiert. Auf links war es für mich knapp zwischen Grosso und Phillip Lahm. Doch der Tick mehr Offensivdrang beim Italiener und natürlich seine turnierentscheidenden Aktionen haben ihn in meinen Augen nach vorne geschoben. Im zentralen Mittelfeld habe ich mich gegen den ausschließlich offensiven Spieler entschieden, weil mich keiner in der alleinigen Rolle des “Sechsers” überzeugen kommte. Deswegen nominiere ich zwei “Sechser”, die beide mit starkem Offensivspiel glänzen konnten.
Jinxo
Wer meine Kolumnen in den letzten Wochen gelesen hat, der wird gemerkt haben, dass ich ganz gerne historische Parallelen auspacke. So gesehen steigt bei mir die Hoffnung, dass diese WM für Deutschland eine Wiederholung der WM 1970 ist. Da ging man nach einer Final-Niederlage mit zwei Toren Unterschied vier Jahre zuvor und einer Blamage bei der EM ins Turnier. Es folgten drei Vorrundensiege, ein Viertelfinale mit Verlängerung und ein dritter Platz nach einem Halbfinalaus gegen Italien in der Verlängerung. Ach, ja, den Torschützenkönig stellte man auch. Zwei Jahre später hatte man die Europameisterschaft gewonnen; vier Jahre den Weltmeistertitel.
Für die gesamte WM lässt sich diese Einschätzung als Parallele zu 1970 wohl leider nicht aufrecht zu erhalten. Die WM 1970 gilt gemeinhin als die beste der WM-Geschichte. Diese war wohl eine der spielerisch schwächsten. Die meisten Spiele waren von einer für den normalen Fan kaum zu durchschauenden taktischen Trägheit. Die Tore fielen entweder zu Beginn (als die Systeme noch nicht standen) oder am Ende (als die Systeme nicht mehr standen). Was ebenso eklatant auffiel war, dass es keinen Star, der alles überschien gab, keinen Maradona von 1986, keinen Matthäus von 1990, keinen Kahn von 2002. Nun ja, vielleicht doch einen Kahn von 2002, einen Helden, der seine Mannschaft ins Finale führte und dann durch einen Fehler die Chancen seines Team schmälerte. 2006 hieß er Zinedine Zidane. Er hat sich für immer in die Geschichtsbücher gespielt. Er ist der vierte der in zwei WM-Finals traf, der vierte, der in einem WM-Finale vom Platz flog, der zweite, der dies bei zwei Weltturnieren erleiden musste. Auf dem Platz ist er wohl das Gesicht des Turniers und das obwohl seine Vorrunde ein Desaster war und in Frankreich debattiert wurde, ob man ihn nicht auf die Bank verbannen sollte. Aus diesem Grund scheint mir auch seine Auszeichnung mit dem goldenen Ball (so er sie denn behalten darf) als ein Fehler. Fabio Cannavaro war konstanter und hatte sieben gute bis sehr gute Spiele. Dass als der wohl tatsächlich beste Spiele des Turniers ein Innenverteidiger ist, ist auch symbolisch für das Turnier.
Das Gesicht jenseits des Platzes sieht anders aus. Es hat schwarz-rot-goldene Streifen im Gesicht, eine Fahne umgebunden und steht vor einer Videoleinwand. Vier Wochen lang war das Land in einem schwarz-rot-goldenen Rausch, die Fanfeste und Leinwände sind unglaublich gut angenommen worden und es bleib erstaunlich friedlich in den Städten. Der Nürnberger Einsatzleiter meinte, dass er bei manchen Landkirchweihfesten mehr Einsätze und Verhaftungen hätte, als bei der WM in Nürnberg, die immerhin Engländer und Holländer beherbergte. Organisatorisch waren alle vorher ausgerufenen Krisen vergessen, es gab keinen Terroranschlag, keine Vogelgrippeabsage, keine halbleeren Stadien. Auf dieser Ebene war die WM ein voller Erfolg.
Ganz persönlich war es für mich eine ganz neue Erfahrung in einem Stadion zu sitzen und nicht die emotionale Involvierung zu haben, die man in der Bundesliga hat. Ebenso war das erleben einer fast völlig friedlichen Atmosphäre etwas, das man aus der Bundesliga nicht kennt. Auch die Erfahrung zu machen, zwischen Montag und Sonntag fünf Spiele besuchen zu können ohne einen Overkill zu erleiden, möchte ich nicht missen. Es war ne geile Zeit. Dennoch möchte ich mit den Worten von Axel Hacke aus dem SZ-Magazin vom 14.7.2006 schließen: „Warum ich mich auf die Bundesliga freue: weil Fußball wieder Fußball ist und nichts bedeutet als Fußball“.
Die Top Elf (4-4-1-1): Buffon – Lahm, Mertesacker, Cannavaro, Zambrotta – Pirlo – Grosso, Zidane, Figo – Ribery – Klose
Fünf Spieler vom Weltmeister, drei vom Gastgeber, zwei vom Vize und einer vom Vierten; ja, die Auswahl hat auch mit dem Erfolg der Teams zu tun, doch gerade in der Defensive haben die Italiener das Turnier so sehr geprägt, dass fünf ihrer Defensivspieler es in mein Top-Team geschafft haben. Einer davon sogar auf turnierfremder Position, weil kein linker Mittelfeldspieler mich in Gänze überzeugt hat und man eigentlich weder auf Pippo Lahm, der sich bei der WM in mein Herz gespielt hat, noch auf Fabio Grosso verzichten kann. Eigentlich wäre eine Nominierung von Gattuso oder Frings anstelle von Figo angemessener, aber dann hätten wir ja gar keine echten Außenmittelfeldspieler. Die Nominierungen der drei besten in der Wahl zum besten Spieler des Turniers, die des Torschützenkönigs und des besten Keepers des Turniers hingegen bedürfen wohl keiner Erklärung.
Mario
Mein Fazit zur WM 2006 fällt durchgweg positiv aus. Ich habe im Gegensatz zu meinen Kollegen jedoch im Vorfeld keine größeren spielerischen Glanzpunkte erwartet und bin deshalb in dieser Hinsicht auch nicht enttäuscht. Die teilnehmenden Mannschaften befanden sich, bis auf wenige Ausnahmen, mehr denn je auf Augenhöhe. Nur wenige Augenblicke waren es, die teilweise über Sieg und Niederlage entschieden haben. Größere Überlegenheit eines Teams in taktischer oder technischer Hinsicht habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, nur in einer Hand voll Spiele gesehen. Aber auch dann war mir bewusst, dass die unterlegene Mannschaft unter ihren Möglichkeiten gespielt hat.
Entscheidend waren im Endeffekt, wie auch schon bei den vergangenen großen Turnieren, Kleinigkeiten. Einige Finalspiele wurden erst im Elfmeterschießen entschieden, einige erst in der Verlängerung, oder aber kurz vor dem Schlusspfiff. Für mich kein Indiz für taktisches Geplänkel, sondern für Ausgeglichenheit auf höchstem Niveau. Spielerische Glanzpunkte blieben zwar und werden auch in Zukunft immer mehr auf der Strecke bleiben, aber zu vermeiden ist dies meiner Meinung nach nicht.
Die zunehmende Athletik des Spiels, die im Gegensatz zu früheren Turnieren immer größer werdende Laufbereitschaft, nimmt dem kreativen Spielgeschehen immer mehr den erforderlichen Platz. Läuferische Dominanz gleicht Spielerische Klasse mehr und mehr aus. Gattusos braucht es im Mittelfeld, wo die Laufarbeit am gefragtesten ist, mehr denn je. Zidanes wird es hoffentlich immer geben, aber es ist zu befürchten, dass sie die rühmliche Ausnahme bleiben. Auffällig ist, dass die Teams bedeutende Turniere gewinnen, die die besten Abwehrreihen stellen und nicht solche, die in der Offensive überragend bestellt sind. Brasilien war uns ein beeindruckendes, jedoch vorhersehbares Beispiel. Ja, auch ich hatte die Ballzauberer auf dem Zettel, doch Kollegen, wie z.B. JB 007, haben den Kakas und Ronaldos von Anfang an wenig Chancen eingeräumt und behielten Recht.
Ich denke, dass diese WM dazu beitragen wird, den taktischen Bereich noch mehr zu fördern und die Spielsysteme mehr und mehr darauf abzurichten, zunächst die Abwehrreihen zu stärken und danach die Offensive auszurichten, so ungern dies auch mancher lesen wird. Die Euro 2004 und die vergangene WM haben bewiesen, dass man im Fußball alles erreichen kann, wenn man ein funktionierendes System und einen unbändigen Willen zum Sieg mit sich bringt. Der Star an sich ist nicht mehr so gefragt, wie es einst war. Das Kollektiv rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Erfolgreich ist eine Mannschaft, die mit Typen gespickt ist und nicht mit Stars. Es braucht Cannavaros, Gattusos, oder auch Grossos und nicht Ronaldinhos, Ronaldos oder Adrianos. Nicht, dass erstgenannte keine Stars wären, sicher sind sie das. Erfolgreicher waren sie aber deshalb, weil sie ihr Können in den Dienst der Mannschaft stellten und vom Ich zugunsten des Wir abgerückt sind. Typen also…......
Francescoli
Wir erlebten vier Wochen lang ein wahnsinniges Fußballfest. Nicht zuletzt die deutsche Mannschaft übertraf alle Erwartungen. Und gemeinsam mit Fans aus aller Welt machten wir dieses Turnier zu einer einzigen riesen Party. Doch wie ist die 18. Fußball-Weltmeisterschaft fußballerisch einzuordnen?
Diese WM wies eine der geringsten Torquoten aller Zeiten auf. Vielen Kommentatoren erschienen die Spiele nicht spektakulär genug. Sogar FIFA-Präsident Blatter erwog in einem seiner populistischen Momente radikale Regeländerungen, um den Fußball wieder attraktiver zu machen. War es denn wirklich so, dass bei diesem Turnier der alte Mythos, nach dem die Offensive Spiele, die Defensive aber Titel gewinnt, das taktische Verhalten der Teams determinierte und uns Rasenschach in Reinform bot? Sahen wir jenen “Trainer-Fußball”, wie Marcel Reif diese Form höchster taktischer Disziplin nannte? Meiner Meinung traf Reif mit dieser Beobachtung einen wahren Kern, was aber nicht heisst, dass wir unattraktive Spiele erlebt hätten.
Taktische Entwicklungen
Zunächst einmal zeigte dieses Turnier: Das Niveau der teilnehmenden Teams war ausgeglichener aus je zuvor. Anders als vielleicht noch vor zehn oder zwanzig Jahren trafen in Deutschland Mannschaften aufeinander, in deren Reihen elf fußballerisch komplette Spieler standen, technisch und taktisch voll ausgereift. In nur ganz wenigen Fällen sahen wir individuelle Defizite. Nein, die Begegnungen verliefen in der Regel sehr eng, weil sich Qualität auf der einen und Qualität auf der anderen Seite neutralisierten.
Ein zentraler Faktor ist dabei die Viererkette gewesen. Sie wird mittlerweile von fast allen Teams praktiziert. Erstklassige Fußballer, die in nichts mehr an die ungelenken Vorstopper alter Schule erinnern, übergeben und übernehmen die angreifenden Gegenspieler im Raum – und dies so flexibel und effektiv, dass es auch für Weltklassestürmer sehr schwer wird, gefährlich in den Strafraum zu gelangen. Dort verrichten sehr gut ausgebildete Torhüter ihr Werk – heute mit dem Vorteil, dass fast jede Körperberührung gegen sie als Foul gepfiffen wird. Außerdem verrichten bereits vor der Kette zwei Mittelfeldspieler Defensivaufgaben. Ein prominentes Beispiel ist Michael Ballack, der kein einziges Tor erzielte, aber für Geschlossenheit im deutschen Spiel sorgte. Als letzten wichtigen Faktor für die Erklärung der geringen Torquote können wir die stürmerfeindliche Auslegung der Abseits-Regel nennen. Wenn die Schiedsrichter enge Situationen zu beurteilen hatten (gleiche Höhe?) und das Risiko einer Fehlentscheidung tragen mussten, dann tendierten sie eher dazu, eventuell einen Vorteil abzupfeifen, als ein möglicherweise irreguläres Tor zuzulassen.
Gleichzeitig waren – obgleich dies zunächst paradox erscheinen mag – die meisten Teams konsequent offensiv ausgerichtet. Denn wenn ein dichter Defensivverbund in Ballbesitz geriet, wurde sehr schnell nach vorne gespielt. Ballsicherung, Ballgeschiebe und Rückpässe auf den Torwart sahen wir bei diesem Turnier nur sehr selten. Nostalgiker, die früher alles besser fanden, sollten sich einmal Aufzeichnungen der 82er-WM in Spanien ansehen. Heute zeigten sich die Teams athletisch in der Lage, 90 Minuten oder auch länger höchstes Tempo zu gehen. Immer wieder schalteten sich Abwehrspieler in die Vorwärtsbewegung ein. Mannschaftliche Geschlossenheit entschied über Sieg oder Niederlage.
Und daher ist es auch kein Zufall, dass mit Italien ein Team Weltmeister wurde, dessen elf Turniertore von neun Spielern erzielt wurden. Es war auch Italien, das im Halbfinale in zweifacher Weise taktisch mutig agierte. Der italienische Coach Marcello Lippi ließ Francesco Totti, nominell Mittelfeldspieler, quasi als hängende Spitze agieren, womit er den Deutschen Sebastian Kehl aus dem Mittelfeld wegzog und dort ein Übergewicht für die Azzurri schaffte. Zum anderen hatte Italien in der entscheidenden Schlussphase durch geschickte Einwechselungen mehr nominelle Stürmer als Mittelfeldakteure auf den Platz – ein taktischer Meisterzug Lippis!
“Trainer-Fußball”?
Noch einmal: Der spätere Weltmeister Italien, Erfinder des gepflegten Catenaccio, entschied das Halbfinale gegen den Gastgeber für sich, weil Trainer Lippi am Ende mit vier Stürmern spielen ließ – beim Stand von 0:0 und nicht etwa bei Rückstand! Ist dies der beklagte “Trainer-Fußball”? Lippi hatte erkannt: Die deutschen Akteure waren nach der schweren Viertelfinalbegegnung gegen Argentinien erschöpft, aber auch seine Spieler brachen konditionell ein. Ein Mittelfeld konnte nicht mehr existieren; folglich schlug Italien lange Bälle auf seine Spitzen, das deutsche Team wurde immer weiter in die Defensive gedrängt. Das Ergebnis ist bekannt.
War also diese WM nicht attraktiv genug? Doch sie war es! Vielleicht einigen wir uns auf diese Formel: Wir sahen viel von jenem “Trainer-Fußball”, dessen taktische Finessen eine Reaktion auf die natürlichen Entwicklungen im technischen und athletischen Bereich des Fußballs sind. Wir sahen aber auch in der Mehrheit der Partien den ungebrochenen Willen zum Sieg – und dies auf technisch hohem Niveau und mit nie dagewesenem Tempo.
Francescolis WM-All-Star-Team
Gianluigi Buffon verzockte angeblich mehr als zwei Millionen Euro bei wohl nicht immer so ganz legalen Sportwetten. Das WM- Trainingslager musste er für einen Tag verlassen – Rapport bei der Staatsanwaltschaft Florenz. Denkbar, dass ihm dort auf der Basis erdrückender Beweismittel klar gemacht wurde: entweder Sozialstunden im Altenpflegeheim schieben oder den Weltmeistertitel nach Italien holen. Wir wissen, Buffon entschied sich für den sportlichen Weg. Und dies in glänzender Manier. Gianluigi Buffon wurde folgerichtig zum besten Keeper bei dieser WM ausgezeichnet. Der Versuch eines Portraits
Willy Sagnol muss seinem ersten internationalen Titel weiter hinterher laufen. Mit dem FC Bayern regelmäßig in der Champions League gescheitert, reichte es auch im Trikot der Équipe tricolore nicht. Sagnol trug daran keine Schuld. Er spielte stark, von Anfang an. Hinten rechts gab es keinen Stärkeren. Willy der Stratege
Unumstritten bester Innenverteidiger die WM: Fabio Cannavaro. Als im Finale die Azzurri platt waren und das Elfmeterschießen herbeisehnten, spielte dieses unglaubliche Energiebündel immer noch jeden Ball, der sich dem italienischen Strafraum näherte, kontrolliert aus der Gefahrenzone. Nach diesem Turnier dürfte jeder Fußballliebhaber wissen, warum Cannavaro Kapitän des mit Stars gespickten italienischen Teams ist. Der Mann auf dem Trampolin
Ähnlich stark spielte Rafael Márquez, der jedoch das Pech hatte, in einer mexikanischen Mannschaft zu stehen, die wieder einmal enttäuschte und früh nach Hause fahren musste. Márquez jedoch zeigte, was einen modernen Innenverteidiger auszeichnet. Seine tolle Antizipation, allerbeste Zweikampfwerte und taktisch saubere Spieleröffnungen brachten ihn in mein All-Star-Team. Der mexikanische Beckenbauer
Bei dieser WM sahen wir einige gute Linksverteidiger; keiner reichte an Juan Pablo Sorín heran. Der Argentinier verlor kaum einen defensiven Zweikampf – das Kopfball-Duell gegen Miro Klose einmal ausgenommen – und sorgte auf seiner Seite zusätzlich für mächtig Alarm nach vorne. Als Mannschaftsführer der Gauchos hätte er gerne den WM-Pokal in den Himmel gehoben. Sorín ist ein interessanter Mensch auch außerhalb des Platzes
Sein Landsmann Maxi Rodríguez fiel nicht nur durch eine gezielte Gerade in den Nacken von Bastian Schweinsteiger auf. Imponierend auch sein unbedingter Siegeswillen, gepaart mit der Selbstsicherheit eines argentinischen Fußballers, der alles am Ball kann. Rodríguez schoss beim 2.1 gegen Mexiko das schönste Tor dieses Turniers. Bei mir bekommt er den Platz im linken Mittelfeld. Ein kleines Portrait von Maxi Rodríguez
Rechts darf Luis Figo ran. In seinem letzten Turnier lief der 33jährige noch einmal zur Höchstform auf. Seine gezielten Tempoläufe überraschte einige Experten, die ihn schon totgesagt hatten. Warum ihn Scolari im Spiel um Platz drei erst brachte, als sich die linke deutsche Seite schon mächtig ausgetobt hatte, wird wohl das Geheimnis Portugals Coach bleiben. Ohne Titel beendet Luis Figo seine Karriere. Figo tritt ab
Im defensiven Mittelfeld, auf der jetzt wichtig gewordenen Sechser-Position, spielt bei mir Gennaro Gattuso. Energisch, aber fair fegte der kleine Kalabrier so ziemlich alles weg, was sich auf das italienische Tor zubewegte. Ein ehrlicher Fußballer, der das, was er kann, in Weltklassemanier spielt. Gennaro Gattuso der nette Junge von nebenan
Für die Kreativität zwischen Mittelfeld und den Spitzen sorgt kein Geringerer als Zinédine Zidane. Wie viele andere hatte auch ich vor dem Turnier dem Franzosen eine solche Leistungssteigerung nicht zugetraut. Nach wechselhaften Spielzeiten im Verein war Zizou bei diesem WM-Turnier aber wieder voll da. Er legte im heißen deutschen Sommer zwar einige Male kurze Ruhepausen ein, jedoch nur, um dann wieder voll aufzudrehen. Unnachahmlich und wohl für lange Zeit unerreicht seine Dribblings auf engstem Raum, die nie Selbstzweck, sondern stets am Raumgewinn orientiert sind. Zidane leitete viele französische Angriffe ein. Er selbst beendete dieses Turnier und damit seine Karriere sehr menschlich. Der Mythos wird dennoch weiterleben. Zinédine Zidane tritt als Mensch ab
Von Fernando Torres schwärmen die Spanier schon seit einigen Jahren. Nun hatte der Madrilene von Atlético Gelegenheit, sich vor großem internationalem Publikum zu präsentieren. Schnell, technisch versiert und mit sagenhafter Frechheit wirbelte der 22Jährige die gegnerischen Abwehrreihen durcheinander. Er war einer, der die Hoffnung auf entfesselten Offensivfußball nährte. Spanien scheiterte früh im Turnier – im Achtelfinale unglücklich gegen die Franzosen, womit Fernando Torres die Chance verwehrt blieb, sein Tor-Konto (3) weiter zu erhöhen. Mehr zu Fernando Torres
In keinem Allstar-Team darf der Name des besten Torschützen dieses Turniers fehlen. Miroslav Klose holte sich die Torjägerkrone mit fünf Treffern. Seine Leistungen waren symptomatisch für das deutsche Team: Klose brillierte in der Vorrunde, spielte stark gegen Schweden, blieb cool gegen Argentinien und stemmte sich bis zur Erschöpfung gegen die Niederlage im Halbfinale. Der Werderaner zeigte dem Publikum, dass er längst nicht mehr nur der überragende Kopfballspieler ist, sondern seine kraftvollen Antritte jede Abwehr vor große Probleme stellen. Ein klasse Turnier von Miro Klose. Miro Klose gewinnt den Goldenen Schuh
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