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Fußballverrückt - Wie man Bayern-Fan wird und warum man es bleibt

1. Oktober 2006, 15:22 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Anfänge in der ostwestfälischen Provinz

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, die Leidenschaft zu einem Verein eine Entscheidung für’s Leben.

Bei mir begann alles schon im zarten Alter von zwei Jahren. Es war das Jahr 1962. Da bekam ich meinen ersten Ball geschenkt. Wahrscheinlich einen aus Plastik, was auf den heute schon vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos nicht mehr so genau zu erkennen ist. Jedenfalls erzählen meine Eltern, dass er nicht lange gehalten habe und sie ständig für Nachschub zu sorgen hatten. Wir lebten damals in einem kleinen verschlafenen Örtchen irgendwo in der ostwestfälischen Provinz, nicht weit entfernt von der „Ostzone“, wie die Erwachsenen den anderen deutschen Staat nannten. Das Leben plätscherte so dahin. Alles verlief in geregelten Bahnen. Wir Kinder wuchsen behütet und glücklich auf; wir hatten Platz und waren, wenn es das Wetter zuließ, den ganzen Tag draußen. Wir Jungs meistens mit Ball.

Ende der sechziger Jahre ging es dann so richtig los mit Fußball. Erinnern kann ich mich noch, dass Bayern 1969 das Pokalfinale gegen Schalke spielte. In unserem Kaff waren die Erwachsenen eigentlich fast alle Schalke-Fans, nahezu der gesamte männliche Teil der Großeltern- und Elterngeneration und viele der Jugendlichen dann eben auch. Der größte Fabrikbesitzer am Ort ließ beispielsweise seinen Sohn schon bei der Geburt als Vereinsmitglied bei Schalke einschreiben. Na ja, und die Alten motzten alle über die Bayern, weil es eben Bayern waren. Das bezog sich weniger auf den Verein als vielmehr auf das Bundesland. Ich konnte das gar nicht verstehen, weil das, was ich sah, ziemlich schöner Fußball war. Beckenbauer begeisterte mich schon seit der WM 1966, die meine erste bewusste Fußball-Fernseh-Erfahrung war. Bayern hatte mit Ohlhauser, Maier, Bulle Roth, Schwarzenbeck, Olk, Brenninger sowie eben Müller und Beckenbauer ein klasse Team zusammen, das offensiven Fußball spielte. Wenn mein alter Herr oder die Onkels und Nachbarn über die Bayern herzogen, dann spürte ich gleichzeitig eine stille Bewunderung. Komisch, dachte ich, da stimmt was nicht.

Das erste Trikot

1971, ein paar Tage vor dem Pokalfinale gegen Köln, hatte ich dann meine Eltern endlich überzeugen könne, mir ein Trikot zu kaufen. Das erste Bayern-Fan-Trikot in unserem Städtchen! Es war natürlich ein Dress aus reiner Baumwolle und natürlich ohne Beflockung. So etwas gab es im örtlichen Modehaus, wo das bestellt werden mussten, noch nicht. Also hab ich die Nummer kurzerhand selbst aus ’nem Bettlaken hergestellt, was mir zwar jede Menge Ärger mit meiner alten Dame, aber einige Bewunderung auf den Bolzplätzen einbrachte. Mit einem Vereinstrikot zeigte man damals endgültig und unwiderruflich nach außen: Ich bin Fan dieses Vereins! Wir Jungs aus dem Ort teilten uns in zwei zahlenmäßig etwa gleich starke Gruppen auf: die Bayernfans und die Gladbachfans. Rest-Schalker und später ein paar Kölner waren auch dabei, fielen aber kaum ins Gewicht.

Sportlich lief es auch gut: Wenn wir die Mannschaften nach Vereinszugehörigkeit zusammenstellten, weil die Gladbacher uns mal wieder herausforderten, gingen wir Bayern meistens siegreich vom Platz. Es waren heiße Schlachten, manchmal über mehrere Stunden. Wir vergaßen Schularbeiten, Hunger und Durst und hörten erst dann auf, wenn unsere Mütter ultimativ mit Taschengeldentzug oder Stubenarrest drohten. Hart war es, wenn der Junge, dem der beste Ball gehörte, nach Hause musste.

Vereinsfußball spielten wir Bayern, Gladbacher, Schalker oder Kölner auch. Zusammen holten wir mehrfach die Kreismeisterschaft und den Pokalsieg. Nach einer sehr erfolgreichen Saison 1972/73 wurden wir mit dem Besuch beim DFB-Pokalfinale zwischen Gladbach und Köln im Düsseldorfer Rheinstadion beschenkt. Es war ein legendäres Spiel, das in die deutsche Fußball-Historie einging. Wir Bayernfans hielten geschlossen zu Gladbach und hatten uns sogar vor dem Stadion mit kleinen Fahnen eingedeckt, was dazu führte, dass wir schwer Ärger mit dem Kölner Fanmob im Block neben uns bekamen.

Mein Bayern-Trikot von damals hat übrigens alle Umzüge und Aussortierungen alter Klamotten überlebt und liegt heute noch im Schrank. 28 Jahre später hab ich es dann mal mitgenommen zu einem Besuch in München; Uli Hoeneß und Gerd Müller mussten grinsen, als ich sie um Autogramme auf die Restfetzen bat. Gerd Müller merkte noch an, ich sei in der Zwischenzeit ja sehr gewachsen. Er erinnerte sich natürlich noch an die Zeit, als er in diesem 70er-Jahre-Outfit für Furore im Fußball sorgte. Nebenbei bemerkt: Müller ist ein netter Kerl, der jede Menge zum Thema Fußball zu sagen hat, wenn man sich etwas auf ihn einstellt.

Bayern-Fan sein

Heute sage ich mit Stolz: Ich war der erste Bayern-Fan in unserem verschlafenen Städtchen und der Erste, der seiner Leidenschaft durch das Trikot ein äußeres Zeichen gab. Auch in der Schule. Während der Unterrichtsstunden waren Trikots damals zwar noch absolut tabu, aber es gab ja noch nachmittags den Schulhof. Dazu muss man wissen, dass an unserer Schule und speziell in meiner Klasse jede Menge Jungs waren, die aus allen Teilen Deutschlands kamen und an unserem Ort in ein Internat gesteckt worden waren, weil sie zuhause die Schule nicht gepackt hatten, Papa aber das nötige Kleingeld aufbringen konnte, um sie weit weg von zuhause disziplinieren zu lassen. Okay, diese Jungs waren wegen ihrer schulischen Ehrenrunden im Schnitt ein bis zwei Jahre älter und auch sonst viel abgebrühter als wir Provinz-Eier.

Das drückte sich natürlich auch fußballerisch auf den Bolzplätzen aus. Als einheimischer Milchbubi musste man da schon ziemlich knechten, um bei den Internatszöglingen aus Berlin, Kaiserlautern, Dortmund oder Bielefeld mithalten zu können. Jeder wollte früh in eine Mannschaft gewählt werden. Auch verbal mussten wir uns behaupten. Besonders wir Bayern-Fans. Wenn mir heute einer erzählten will, Bayern-Fans hätten es leicht, dann mag das vielleicht auf 15-jährige Kids aus Süddeutschland zutreffen; ich kann aber über solch ein Klischee nur müde lächeln. Nach einer Münchener Niederlage war am Montagmorgen bei uns in der Schule erst einmal Spießrutenlaufen angesagt. Es war schon damals so: Jeder Punktverlust der Bayern wurde höhnisch kommentiert. Aber meine Rache kam in der ersten großen Pause oder spätestens am Nachmittag; im Fußball haben wir unsere Konflikte einigermaßen sportlich ausgetragen. Es war eigentlich alles ganz locker. Wenn ich heute noch Mitschüler von damals treffe, dann erinnern wir uns gerne an diese Zeit, in der es nur Fußball, Fußball, Fußball gab.

Was mir gar nicht gefiel, war die große räumliche Distanz zu meinem Lieblingsklub. Mein Vater hat zwar ab und an den Besuch bei einem Auswärtsspiel organisiert, und als wir älter waren, sind wir mit unseren ersten eigenen Autos losgefahren, aber es waren doch wenige Spiele, die ich vom FC Bayern sehen konnte. Ich ernährte mich hauptsächlich von der ARD-Sportschau und dem noch wichtigeren ZDF-Sportstudio, wobei es Samstagabends immer schwieriger wurde – wegen der Party und der Mädels und so.

Bayern-Fan bleiben

Später bin ich dann ins Ausland und von da aus zum Studium in eine typische Universitätsstadt in Norddeutschland gegangen. Also wieder in die FCB-Diaspora. In meiner Studentenzeit war Fußball bei den Studis ohnehin nicht so angesagt. Für mich und ein paar Sportstudenten zwar schon, aber nicht für die anderen. Fußball und Intellektuelle haben sich erst später etwas versöhnt. Heute redet ja jeder Schriftsteller und jeder Theaterintendant über Fußball mit. In den frühen Achtzigern jedoch war der den Linken sehr suspekt („Opium für das Volk“ usw.), was ich immer für einen großen analytischen und strategischen Fehler und für eine noch größere Arroganz gehalten habe. Mein Argument war immer, dass jede politische Strategie langfristig scheitern wird, wenn man die Bedürfnisse der Menschen ignoriert oder gar abwertet. Jedenfalls fand ich es total bekloppt, wenn meine Genossen eine Anti-AKW-Versammlung für Mittwochabend ansetzten und gleichzeitig Europapokal war. Unfassbar! Dann kamen manchmal nur 10 Leutchen – Männer mit langen Haare und Frauen mit Latzhosen – zu irgendwelchen Veranstaltungen, und die Veranstalter wunderten sich über die geringe Resonanz, die „dieses wichtige Thema in der Bevölkerung“ hat.

Auch heute noch agiere ich gegen AKWs, Abschiebung von Flüchtlingen und andere politische Schweinereien. Und natürlich habe ich meine Fußballleidenschaft nicht aufgegeben. Manchmal ist es schwer, Fußball und fortschrittliche Politik gleichzeitig zu leben. Meine politischen Freunde haben sich mittlerweile etwas daran gewöhnt und ertragen meine Beklopptheiten. Und meine Fußball-Freunde schütteln manchmal mit dem Kopf, wenn sie hören, dass ich ein wichtiges Spiel verpasse, weil ich zu einer mir wichtigen politischen Veranstaltung gehe.

Vor ein paar Monaten wurde ich zum Beispiel gebeten, eine Podiumsdiskussion zu moderieren. Leider fiel der Termin genau auf ein wichtiges Champions League-Spiel meiner Bayern. Nach langem Zögern übernahm ich den Moderationsjob, bat aber einen Fußball-Kumpel, mich telefonisch auf dem Laufenden zu halten. Am Abend klingelte dann mein Handy. Ich unterbrach die Diskussion, bat um Entschuldigung und nahm den Anruf nervös an. Mein Kumpel sagte nur „0:1“ und ich: „Schei*se. Wie lange noch?“. Im Saal sahen sich die Leute fragend an, manche, die mich mittlerweile gut kennen, grinsten. Ich bin dann wieder auf meinen Platz gegangen und habe die Sache öffentlich erklärt. Es wurde akzeptiert, ein paar zaghafte Anti-Fußball- und Anti-Bayern-Sprüche kamen zwar noch, aber die Sache ist viel lockerer als vor zwanzig Jahren.

Nähe zum Team, Distanz zum Klub

Dennoch bleibt für mein politisches und auch für mein berufliches Umfeld die Tatsache, dass ich nicht nur Fußballfan, sondern auch noch Bayern-Fan (und sogar Mitglied!) bin, ein Problem, mit dem sie nicht klarkommen. Wie kann Francescoli antikapitalistisch und politisch aufgeklärt denken und einem Verein wie Bayern anhängen?

Ich erkläre dann, je nach Gesprächspartner, mal dies und mal das: Weil man eher die Automarke, die Ehefrau, die Biermarke oder das Parteibuch als seinen Verein wechselt. Weil ich strikt trenne zwischen meiner Mannschaft und Fußball auf dem Rasen einerseits und der Bayern-Vereinspolitik andererseits. Weil ich mir eine kritische Distanz zum FC Bayern bewahrt habe. Weil es keinen wirklich alternativen Klub gibt, jedenfalls nicht auf diesem fußballerischen Niveau. Weil sich die Schalke-, Dortmund-, Pauli-, Werder-, Lautern- oder Gladbachfans etwas in die Tasche lügen, wenn sie glauben, dass ihr Verein anders ist. Weil beim FC Bayern bewundernswerte Fußballsportler spielen. Weil ich den Traum von schönem Fußball nie aufgeben werde.

Mit anderen Worten: Genau wie Papa und Opa Schalkefan sein und CDU wählen ist langweilig. Dortmundfan sein und in der SPD bleiben auch. Grün wählen, den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan fordern und den FC St. Pauli und den SC Freiburg “irgendwie gut finden” ist typisch postmodern. Profifußball in einer politisch korrekten Form existiert nicht. Man kann ihn nur als Ganzes kritisieren. Wer sich allein auf die Bayern einschießt, hat keine Ahnung von Politik – und noch viel weniger von Fußball.

Gruß,
Francescoli


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