BVB - Hannover 96: ein Kommentar
30. September 2006, 19:17 geschrieben von der_raucher, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Da hatten die knapp 66.000 Zuschauer im Signal-Iduna-Park gestern Abend doch die Hoffnung, dass es ein Torfestival geben würde. Sämtliche Statistiken sprachen eine eindeutige Sprache: Alles andere als ein Heimsieg war überhaupt nicht möglich.
Die Stimmung im Stadion war eines Freitags-Abends-Flutlichstspiels würdig. Bereits eine halbe Stunde vor Spielbeginn sang und tanzte die Südtribüne im Glauben an den sicheren Erfolg. Nun konnte man nach nur fünf Minuten sogar das erste Mal jubeln auf Dortmunder Seite. Ebi Smolarek staubte aus drei Metern einen Pfostenschuss von Kringe ab. Die Zuschauer wähnten sich bei einem Schützenfest. Schließlich gab es das letzte schnelle Tor beim 3:3 in München am 34. Spieltag der letzten Saison (2. Minute Koller). Allerdings sollte die Torverteilung ein wenig besser fürs Heimteam sein. Bis zur 30. Minute ungefähr beherrschte man das Spiel und den Gegner, konnte aber diese Überlegenheit nicht in Zählbares umsetzen. Sprich, das Tor wollte nicht noch einmal fallen. Einzig ein Pfostenschuss von Pienaar sprang noch heraus – bereits der siebte Aluminiumtreffer in dieser Saison für die Borussen. Aber genau dieser Pfostentreffer hätte eigentlich ein Tor verdient gehabt, so schön, wie der Schuss von halblinks aus ca. 20 Meter angesetzt und abgezogen war. Eigentlich.
Danach versank das Spiel des BVB mehr und mehr in Lethargie. Man war sich wahrscheinlich zu sicher, dass man das Spiel doch noch locker irgendwie nach Hause schaukeln würde. Das zweite Tor würde mit Sicherheit noch fallen. Gut, bis zur Pause passierte dann nicht mehr viel und man ging nach einem für neutrale Zuschauer ordentlichem Spiel in die Kabine.
Die Gäste aus Hannover kamen wie verwandelt aus der Pause wieder auf den Platz. Plötzlich spielte man auch von sich aus nach vorne, nachdem in der ersten Halbzeit fast nur Degen für Chancen der Gäste sorgte. Auf jeden Fall spielten die Niedersachsen jetzt forsch und gefällig nach vorne, was den BVB anscheinend erschreckte. Auf den Rängen konnte man meinen, dass dort nicht Hannover 96, sondern der große FC Bayern oder Barcelona auf dem Platz stehen würde als Gegner des BVB – allerdings nicht aufgrund der Spielweise der Gäste, sondern wegen eben dieser der Dortmunder. Man hatte plötzlich keine Ideen mehr, um den Ball in den eigenen Reihen nach vorne zu spielen. Bälle, die nach einem Hannoveraner Angriff abgefangen wurden, wurden lang nach vorne geschlagen, wo dann – wenn überhaupt – noch die Riesen Smolarek (178 cm), Frei (179 cm) oder später dann Tyrala (171 cm) warteten. Wie gesagt, wenn überhaupt, denn meistens waren auch sie in der Abwehr tätig. Der Ausgleich lag in der Luft. Bei jedem Angriff musste man damit rechnen. Und endlich – für Hannover – traf dann auch der eingewechselte Hashemian in der 74. Minute zum 1:1. Aber die Freude währte nicht lange. Nach schönem Pass von Tinga in den Lauf traf erneut Smolarek mit Direktschuss zum 2:1. Auch dieser Jubel war noch nicht zu Ende gejubelt, da fiel auf der Gegenseite der erneute Ausgleich. Es war ein Spiegelbild des Tors von Smolarek. Pass von Hashemian auf Huszti und Direktschuss zum 2:2. Danach beruhigte sich das Spiel wieder. Aber man hatte immer das Gefühl, dass der kleine HSV einem Siegtreffer näher war als der BVB.
Auf Dortmunder Seite kann ich nur sagen, dass Pienaar fast in Dortmund angekommen ist mit seinem Spiel. Man merkte bei ihm, dass er besser war als noch beim letzten Spiel in Gladbach und davor gegen den großen HSV. Einzig die Einstellung der Spieler in Gelb stimmte gestern Abend. Man griff auch in der zweiten Hälfte immer wieder früh an, sobald Hannover in Ballbesitz war. Aber kann man wirklich innerhalb eines Spiels das Kicken verlernen? Immer wieder die Befreiungsschläge aus der eigenen Abwehr in die Sturmspitze. Vielleicht sollte man den Spielern einmal sagen, dass Koller nicht mehr da ist und diese Bälle aus der Luft pflücken, kontrollieren und verteilen kann. Bester Mann für mich war gestern, wie schon in Gladbach vor Wochenfrist, Christian Wörns, der vielleicht wirklich nicht mehr der Schnellste ist, aber mit seinem Stellungsspiel viele Bälle, die in die Hannoveraner Sturmspitze kamen, entschärfte oder gar ablief. Schlechtester Mann im BVB Dress war auf jeden Fall Philipp Degen, der in der ersten Halbzeit ein ums andere Mal für Chancen der Gäste sorgte, die diese allerdings auch nicht verwerten konnten.
Wollte man doch nach dem Grottenkick im Pokal in Thannhausen (3:0 gewonnen) eine Wiedergutmachung bereits gegen den HSV zeigen, wartet man bis heute auch nur auf den Ansatz dieser versprochenen Leistung. Letzte Woche in Gladbach war mindestens genauso schwach wie diesen Freitag gegen Hannover. Was bitte schön will man denn noch erreichen, wenn mal Mannschaften kommen, die richtig gut Fußball spielen können? Meint man wirklich, dass man in den UEFA Cup kommen kann? Dann sollten sich die Spieler aber mal ernsthaft Gedanken machen, wie man Spiele gegen den Tabellenvorletzten auch gewinnt. Und zwar nicht das 1:0 nach Hause zittern, sondern auch mal ein 2:0 oder 3:0 nachlegen. Wie oft ist es denn in den letzten Jahren schon vorgekommen, dass man in der zweiten Hälfte, wie auch gestern, plötzlich aufhörte, Fußball zu spielen? Meint man wirklich, dass der Gegner kein Tor schießen kann? Ist man unverwundbar? Oder gar unbesiegbar? Wie sonst kann man sich so eine Einstellung erklären?
Alles in allem war es ein sehr verdienter Punkt für die Roten, die auch mit etwas Glück sogar als Sieger vom Platz hätten gehen können. Und selbst dann hätte man sich auf Dortmunder Seite die Niederlage selbst zuzuschreiben gehabt – wie schon das Unentschieden. Wenn man solche Spiele nicht mehr gewinnen kann, gegen wenn denn dann noch? Viel Glück noch Borussia in dieser Saison – da braucht ihr noch sehr viel von.
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