Rumgekoddert - Die Liga nach dem 22. Spieltag
19. Februar 2007, 14:51 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Bayern München und Werder Bremen – die Aushängeschilder des deutschen Fußballs. Zumindest in den vergangenen Jahren konnte man die beiden so bezeichnen. Betrachtet man die aktuelle Situation, drängt sich aber der Titel “Kanonenfutter” auf. Konnte die Bremer Niederlage gegen Schalke noch als “traditionell” abgehakt werden, so war das Abschneiden beim VFB aufgrund der Höhe der Niederlage doch schon schmerzlich. Dass nun gegen den HSV zum dritten Mal in Folge alle Punkte hergegeben wurden, tut in dreifacher Hinsicht weh. Es war die vierte Heimniederlage (die zweite in Serie), es ging gegen den Tabellenletzten und – das Schlimmste – es ging gegen den HSV. Da hilft es seitens der Vereinsführung wenig, sich über den “Elfmeterschinder Jarolim” aufzuregen oder die UEFA-Cup-Belastung ins Feld zu führen. Einerseits gab es für Knut Kircher wenig andere Möglichkeiten als auf den Punkt zu zeigen, andererseits muss sich die Mannschaft fragen, warum sie seit zwei Wochen Spielfreude, Motivation und Offensivgeist gegen Ideenlosigkeit, Arroganz und Lethargie eingetauscht hat. Ein erkämpfter Erfolg gegen die “zweite Mannschaft von Ajax” sollte über diese Entwicklung nicht hinwegtäuschen.
Schaut man ganz in den Süden der Republik ist die Situation nicht besser. Ein kümmerlicher Sieg in der Rückrunde (gegen den Rückrunden-Tabellenletzen aus Bielefeld) und ein Unentschieden gegen die akut abstiegsgefährdeten Bochumer bedeuten aktuell Rang 4. Realistisch gesehen spielt der Rekordmeister um die UEFA Cup-Teilnahme, Rang 3 ist weiter entfernt als der 6. Platz. Auch die Entlassung von Felix Magath und die Wiedereinstellung von Ottmar Hitzfeld verhinderte nicht, dass der große FCB in der Rückrundentabelle einen Abstiegsplatz belegt und in den letzten vier Partien nur einen Treffer zustande brachte. Es krankt in allen Mannschaftsteilen. Roy Makaay trifft das Tor nicht, neben ihm ist sowieso tote Hose. Im Mittelfeld spielt lediglich Mark van Bommel gelegentlich ansprechend; Bastian Schweinsteiger ist weit von seiner WM-Form entfernt. Lucio versucht mehr die Unzulänglichkeiten der Offensivkräfte auszubügeln als seinem eigentlichen Job nachzugehen und Phillip Lahm leistet sich einen Klops nach dem anderen. Bleibt zu hoffen, dass die Münchner sich am kommenden Dienstag im Estadio Santiago Bernabeu beim Duell Not gegen Elend ihr Selbstvertrauen wieder holen.
Woran liegts? Meiner Meinung nach handelt es sich hier um zwei Krisen mit unterschiedlichen Vorzeichen. Im Falle des SV Werder sehe ich die Situation unkritisch. Die Heimniederlage gegen Schalke war sicher ärgerlich, man kann diese aber genau wie die gegen in einem Rausch spielende Stuttgarter unter der Kategorie “kann passieren” abhaken. Schon in Gladbach und gegen Bochum können die Werderaner sich wieder freischwimmen. Da Schalke gegen Leverkusen und den HSV ran muss und der VFB mit der Hertha und in Leverkusen auch keine Freilose hat, kann die Tabellen nach dem 24. Spieltag schon wieder wesentlich freundlicher für den Vizemeister aussehen.
Anders schaut es beim FC Bayern aus. Im Nachhinein spricht es sich einfach, doch wird man den Eindruck nicht los, dass die Misere hausgemacht ist. Mit Michael Ballack wurde der Leader der Mannschaft in der Sommerpause abgegeben, ein gleichwertiger Ersatz aber nicht verpflichtet. Ballack war zwar der oft Gescholtene, doch fehlt ein Spieler, der in 37 Partien 16 Treffer erzielt – davon acht Mal das wichtige 1:0 und vier Mal das 2:1. Auch für das kreative Element Ze Roberto fand sich kein adäquater Ersatz. Statt dessen wurde mit Mark van Bommel ein später, aber wenigstens namhafter Transfer getätigt. Der Holländer füllt aber bisher allenfalls die defensive Ballack-Rolle aus. Natürlich konnte keiner der Bayern-Verantwortlichen den Leistungseinbruch von Schweinsteiger und Lahm oder die schwere Verletzung von Owen Hargreaves voraussehen. Doch eines muss man den “Sesselfurzern” ankreiden: Es gibt keine Alternativen! Und das ist angesichts des Alters der beiden angesprochenen deutschen WM-Fahrer und den damit fast zwangsläufig verbundenen Leistungsschwankungen nahezu grob fahrlässig.
Doch lassen wir das Elend an der Tabellenspitze mal Elend sein und schauen uns lieber das Elend im unteren Tabellendrittel an … oder besser in der unteren Tabellenhälfte. Ja, ab dem zehnten Tabellenplatz – den hat aktuell der VFL Wolfsburg mit 25 Punkten intus – schweben neun Mannschaften in akuter Abstiegsgefahr. Weil der Hamburger SV endlich nach dem 1:0 auch mal das 2:0 nachlegt und weil die Mainzer ihre “Mission Impossible 15” mit 13 Punkten aus fünf Spielen (beste Rückrundenmannschaft mit Schalke und Nürnberg) bislang recht erfolgreich gestalten, liegen zwischen Wolfsburg und dem ersten Abstiegsplatz gerade mal drei Punkte – und der Tabellenletzte Gladbach ist auch nur fünf Punkte von den Niedersachsen entfernt. Frankfurt, Cottbus und Bielefeld sind nach Klasse-Saisonstart auch wieder da angelangt, wo sie eigentlich nicht hin wollten, so kommt es zu dieser überaus interessanten Konstellation im “erweiterten Tabellenkeller”. Wenigstens in einer Tabellenregion bleibt es spannend…
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