Quergepasst: Der Fluch der bösen Tat
9. März 2007, 14:31 geschrieben von Jiinxo, abgelegt unter Int-Fussball, Deutscher-Fussball.
Quergepasst: Der Fluch der bösen Tat
Zwei Kopfstöße und nun eine Massenschlägerei, Marco Materazzi wird innerhalb eines Jahres zum dritten Mal für Gewalt auf dem Fußballfeld verantwortlich gemacht. Nie als Schläger, immer als Provokateur. Nun ist „Matrix“ sicherlich kein Kind von Traurigkeit, wie im Internet schnell aufzutreibende Zusammenschnitte seiner „schönsten Fouls“ beweisen. Ihn als Unschuldsengel und missverstandenen Wohltäter darzustellen, wäre nicht nur falsch, sondern grob verzerrend.
Dennoch erscheint es leicht grotesk, dass einige deutsche Leitmedien erneut Materazzi als Ziel ihrer Kritik ausgemacht haben. Sein zugegebenermaßen überhartes und rotwürdiges, Einsteigen kurz vor Schluss des Champions League-Viertelfinales soll also „Wild West in Valencia“ (Gazetta dello Sport) ausgelöst haben? Ein einzelnes Foul sorgt dafür, dass die Spanier vergessen, dass sie gerade ins Viertelfinale eingezogen sind? Ein einzelnes Foul führt dazu, dass ein harmloser Schubser an der Mittellinie in eine Massenkeilerei ausartet? Ein einzelnes Foul führt dazu, dass eine Nase bricht und Inter-Spieler ihre übelsten Blutgrätschen auspacken und die Kabine von Valencia stürmen?
Gemäß dieser Logik hätten am vergangenen Samstag Teile der Alm in Bielefeld niedergerissen werden müssen. Jörg Böhmes Einsteigen gegen Raphael Schäfer hatte nämlich eine ganz andere potentiell lebensgefährliche Qualität. Trifft der Stollen den Nürnberger Torwart einige Zentimeter höher, zerschmettert er Jochbein, Augenboden und womöglich die Schädelbasis. Ein Foul, das Rot nicht nur verdient hatte, sondern zwingend erfordert hätte. Doch Böhme blieb auf dem Feld und erzielte den Siegtreffer. Dennoch kein enthemmtes Ausrasten, keine Faustkämpfe und Jagdszenen auf dem Platz. Keine sich vergessenden Fußballer. In Valencia aber schafft ein hartes, aber im Vergleich zu Böhmes Foul minderschweres Foul, die Stimmung so zu kippen, dass die Sieger ihren Sieg vergessen und gegnerische Nasenwurzeln zerschmettern?
Zumindest zweifeln darf man an dieser Begründung. Gemäß des gefährlichen Präzedenzfalls der Materazzi-Sperre nach dem WM-Finale könnte sie womöglich sogar zu einer Sperre führen, obwohl der Spieler sich während des anschließenden Hauen und Stechens nichts zu schulden kommen hat lassen. Materazzi scheint inzwischen teilweise ein Opfer seines Rufs zu werden: Wer einmal eine Legende seines gerechten Triumphs beraubt, dem traut man jede andere Schandtat auch zu. Statt aber bei jedem Gewaltausbruch in seiner Nähe sofort den Zusammenhang zu sehen, sollte man einmal mehr überlegen, ob jene Verbindung nicht nur auf Grund der Vergangenheit des Spielers gezogen wird.
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