MAG-Reportage: Der 1. FC Nürnberg in der Saisonvorbereitung
8. August 2007, 21:28 geschrieben von Jiinxo, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Sechs Wochen Dorf, Schweiß und Training – Der 1. FC Nürnberg in der Saisonvorbereitung
21. Juni – Fünf Tage bis zum Trainingsbeginn
Betritt man die Pressestelle des amtierenden DFB-Pokalsiegers, beschleicht den Besucher das Gefühl, die Geschäftsstelle eines ostwestfälischen Dorftennisvereins betreten zu haben. Untergebracht ist die Pressestelle in einer Hälfte eines zurecht so bezeichneten Flachbaus. Nebenan ist das Büro des Nachwuchsleistungszentrums und ein Teil der Geschäftsleitung. All diese Büros sind völlig abgeschnitten von den operativen Vorgängen in der Geschäftsstelle, die sich 100 Meter entfernt befindet. Die eigentliche Pressestelle besteht aus einem Zimmer mit zwei Schreibtischen und einem Fernseher.
An der einen Wand hängen Spielankündigungsplakate der vorvergangenen Saison, an der anderen steht ein weißes Regal, das den Eindruck erweckt, als habe es den letzten Meistertitel des FCN erlebt. Das Fenster des Zimmers zeigt zum Trainingsplatz der ersten Tennismannschaft. Alles wirkt wie aus einer Zeit, als Trainer noch Übungsleiter hießen und die Trikots blank waren; die Infrastruktur hat mit dem rapiden Aufstieg des Vereins nicht Schritt gehalten. Sieht man sich um, ist man geneigt zu schließen, dass eine neue Geschäftsstelle wichtiger ist als ein neuer Mittelstürmer.
Es ist eine Woche vor Trainingsbeginn; der einzige hauptamtliche Mitarbeiter der Pressestelle hat sich zwei Tage Urlaub gegönnt. Somit liegt die Öffentlichkeitsarbeit in den Händen der Praktikantin. Kein Problem; nicht nur, weil sie diese Aufgabe seit Oktober immer wieder übernommen hat, sondern auch, weil der wichtigste Anruf des Vormittags die Nachfrage eines Journalisten wegen der Schwangerschaft einer Spielerfrau ist. Es ist die erste Woche, in der vor dem kleinen Fanshop am Vereinsgelände keine Sicherheitsleute stehen müssen. Der Andrang auf die Pokalsiegerparaphernalia und Dauerkarten hat vier Wochen nach dem Triumph in Berlin langsam nachgelassen. Der Dauerkartenrekord ist dennoch schon gebrochen.
Die neue Saison kann also beginnen, nur ein Mittelstürmer fehlt noch. Hätte man den bereits gefunden, wäre die Presseschau, die auf dem weißen Kaffeetisch in der Pressestelle liegt, noch dünner. Einen einzigen Artikel hat der regionale Ableger der Zeitung mit den vier Buchstaben an diesem Tag dem Pokalsieger gewidmet: Javier Pinola, einer der Aufsteiger der letzten Saison, kann nun doch heiraten – Alfio Basile hat ihn im letzten Moment für Juan Riquelme aus dem argentinischen Kader für die Copa América gestrichen. Es ist eben ein „slow news day“, der so langsam ist, dass am Ende des Tages die Kanäle des Fernsehers in der Pressestelle neu geordnet sind.
26. Juni – Trainingsauftakt
Fünf Tage später ist es mit der vorläufigen Ruhe wieder vorbei, ein „slow news day“ sieht auch anders aus. Die Reservierungen der Dauerkarten sind abgelaufen und das Training der Profimannschaft beginnt wieder. Der Hype ist groß, eine halbe Stunde nach Öffnung der Verkaufsstelle reicht die Schlange bis weit aus dem Fanshop heraus. Einer der ersten in der Schlange ist Johannes. Er studiert Mathematik in Erlangen und will unbedingt für seine Freundin den Platz neben sich ergattern.
Er hat den Verdacht, dass der bisherige Inhaber des Platzes seine Reservierung nicht wahrgenommen hat: „Der war ja in den letzten Spielen kaum da!“ Der 24-jährige aus Nürnberg steht seit fünf Uhr morgens in der Schlange, viereinhalb Stunden vor der Öffnung der Verkaufsstelle. Er war aber bei Leibe nicht der erste, erzählt er: „Manche sind um ein Uhr gekommen, die hatten dann auch noch das Pech in den Regen zu geraten, ich bin wenigstens trocken geblieben.“ Das ruft unweigerlich Bilder von Teenagern auf, die nächtelang vor den Hallen warten, um „Take That“, „Caught in the Act“ oder „Tokio Hotel“ zu sehen.
Einige der Spieler, die heute zum ersten Mal nach dem Sommerurlaub einlaufen, hätten es beim Casting für eine Boyband sicherlich auch weit geschafft, der Applaus und Jubel den sie beim Aufsteigen aus den Katakomben des Trainingskomplexes erhalten, kann mit dem für eine derartige Formation durchaus mithalten. Wie immer kommt Hans Meyer als letzter aus der Kabine und wie immer erhält er den stärksten Applaus. Am ersten Tag seiner Amtszeit hatte er noch versucht, den Trainingskiebitzen das mit den Worten „Ich hab doch gar nix erreicht“ auszureden. Das lässt er inzwischen, er nickt den bekannten Gesichtern zu und begibt sich auf den Platz.
Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte des FCN sind auf dem Feld mehr Journalisten als Spieler zu finden. Schließlich stehen die obligatorischen „Trainer mit seinen Neuzugängen“-Fotos an und für die Fotos des Pokalsiegers interessieren sich plötzlich auch ganz andere Medien als nur das übliche Nürnberger Quartett aus Nürnberger Zeitung, Nürnberger Nachrichten, Abendzeitung und BILD. Während die Neuen – zu denen noch immer kein Mittelstürmer gehört – also für die Presse stramm stehen, jonglieren die Alten – auch Pinola, der quasi ohne Urlaub geblieben ist – fleißig Bälle in neuen Trainingsklamotten. Die ganze letzte Saison über trainierte der Verein noch in Klamotten mit veraltetem Sponsoraufdruck. Der Charme des Provinzvereins weht eben nicht nur durch die Pressestelle.
Das Training, das folgt, ist aber alles andere als provinziell. Stationentraining ist angesagt. Reaktionsschnelligkeit und Passvermögen an der einen, Spielsituationen an der anderen und Aerobic an einer dritten. Spannend anzusehen ist es nicht, außer wenn man sich die neuen Gesichter schneller einprägen möchte. Der grau-schwarze Himmel tut ein Übriges dafür, dass eine Stunde nach Trainingsbeginn von den knapp tausend Kiebitzen nur noch 250 übrig geblieben sind. Einer davon ist Johannes, er hat inzwischen eine Karte für seine Freundin erstanden, gefragt, ob sich das frühe Aufstehen gelohnt hätte, antwortet er: „Die Karten, die ich wollte, sind doch noch abgeholt worden, jetzt sitzt sie einige Reihen hinter mir.“
11. Juli – Testspiel in Erlangen
Einige Reihen weiter nach hinten muss man sich auch begeben, wenn man beim ersten Testspiel des FCN nach der Rückkehr aus Bad Gögging, nicht so viel früher gekommen ist, wie Johannes vor zwei Wochen. 45 Minuten vor Spielbeginn ist der VIP-Parkplatz bereits gefüllt, der FSV Erlangen-Bruck hat zu viele Parktickets verteilt. Schnell versucht eine Helferin den letzten freien Platz noch zu besetzen, damit der Oberbürgermeister, der noch nicht eingetroffen ist, nicht zu weit laufen muss. Der Landesligist hat sich den Auftritt des Pokalsiegers angeblich 30.000 Euro kosten lassen und die Sporthalle im Sportkomplex des ortsansässigen Elektrounternehmens in einen VIP-Raum umfunktioniert. So stehen jetzt Bierbänke unter Basketballkörben, Bratwürste und – ganz klischeehaft – Schrimps werden serviert. In einer Ecke steht sogar eine Sponsorenwand, wie man sie aus der Bundesliga kennt. In einer anderen Ecke ist ein Teil der Führungsriege des FCN versammelt, man macht Scherze über die Politikkarriere eines Vizepräsidenten, der überraschend auf der Stadtratsliste der CSU aufgetaucht ist und unterhält sich über den neuen Mittelstürmer Angelos Charisteas.
Zwei Tage zuvor verpflichtet, hatte der Grieche beim Shooting für das Teamfoto bereits für den ersten Lacher gesorgt. Überrascht von einem Hagelschauer flüchteten die Spieler in die überdachten Ersatzbänke eines Nebenplatzes, um die Trikots für das Shooting trocken zu halten. Daher müssen die restlichen versammelten Mitarbeiter auch anderswo Unterschlupf finden. Hier kommt „Harry“ ins Spiel: Eine Mitarbeiterin des FCN verlor bei dem Sprint Richtung alternativen Unterstellplätze ihr Handy. Charisteas hob das Telefon auf und überreichte es ihr, nachdem der Wolkenbruch beendet war, mit den Worten „Wir haben leider nicht alle SMS lesen können“. Vielleicht erklärt das, warum Charisteas als einziger auf den Regenbildern lacht.
Nach zwanzig Minuten gegen Erlangen kann der EM-Held von 2004 erneut lachen. Er hat sein erstes Tor für den FCN nach Hackentrickvorlage von Misimovic erzielt. Die Geschichte für die Zeitungen am nächsten Tag ist damit schon nach kurzer Zeit klar: Charisteas trifft im ersten Einsatz. Für den FCN ist es nicht der erste Spiel bei Erlangen-Bruck. Ein Jahr zuvor war die Mannschaft auch in der Vorbereitung zu Gast. Damals mühte man sich vor 3000 Zuschauern zu einem 3:2. Heute trat man vor 7500 Zuschauern an, mehr durften nicht mehr hineingelassen werden, auch wenn man sicherlich noch eine Reihe Bierbänke, auf die sich die Zuschauer dann stellen konnten, hätte aufstellen können.
Der Charme solcher Spiele bei unterklassigen Teams bricht an diesem Abend nicht nur durch die Zuschauer auf den Bierbänken immer wieder hervor. So droht der Vize-Präsident einem Bekannten über die Lautsprecheranlage, dass er seinen Namen öffentlich machen würde, wenn er jetzt keine Lose kaufen würde. Lose, mit denen man unter anderem ein Trikot von Greuther Fürth und der SpVgg Unterhaching gewinnen kann. Vielleicht sind deshalb bei Spielschluss noch nicht alle verkauft.
Nach dem Abpfiff haben die Profis alle Hände voll damit, Autogramme zu schreiben. Die Kinder, die während des Spiels in regelmäßigen Abständen dazu aufgefordert waren vom Spielfeldrand zurückzubleiben, stürmen blitzartig auf das Feld und umringen die Spieler. Einzig Robert Vittek, der bei Schlusspfiff an der Eckfahne in der Nähe des Ausgangs war, scheint unbehelligt zu entkommen. Während sich draußen die Autogrammjägertrauben langsam auflösen und auch Daniel Klewer, der am anderen Ende des Platzes im Tor stand und so die meisten Unterschriftenwünsche zu erfüllen hatte, in die Kabine kommt, gibt es direkt am Eingang wieder Parkplätze, der Oberbürgermeister hat sich verabschiedet. Von ihm wollte keiner ein Autogramm.
14. Juli – Testspiel in Regensburg
Ob der Regensburger Oberbürgermeister am folgenden Samstag im örtlichen Jahnstadion war, ist nicht bekannt. Anwesend ist ein Polizeibeamter, der beim letzten Pflichtspiel der beiden Teams auch schon als Zuschauer vor Ort war. Jenes Pflichtspiel zwischen den beiden Teams fand am 2. April 2004 statt, liegt aber für beide Seiten gefühlte Jahrzehnte zurück. Damals trafen beide als Zweitligisten aufeinander; heute, drei Jahre später, stehen die einen in der Hauptrunde des UEFA-Cups, die anderen sind Aufsteiger in die Regionalliga Süd. In der vergangenen Saison hatte Jahn Regensburg noch Pflichtspiele gegen die zweite Mannschaft des 1. FC Nürnberg ausgetragen.
Von dieser divergierenden Entwicklung war an jenem schwülen Aprilabend nichts zu spüren. Die Regensburger gewannen damals mit 2:1. Es sollte der letzte dreifache Punktgewinn der Oberpfälzer als Zweitligist sein, denn mit dem Sieg gegen die Franken setzte ein rapider Absturz ein. Für den FCN war es der letzte Punktverlust, bevor man rechnerisch wieder erstklassig war. Doch nicht nur auf Grund des symbolischen Werts ist eine Reise nach Regensburg für die Clubfans, die trotz der brütenden Hitze reichlich erschienen sind, etwas Besonderes. Nach dem Spiel kam es 2004 zu wüsten Szenen, die Polizei stürmte den Block und bis heute ist für die Nürnberger Anhänger nicht geklärt, was genau passierte. Selbst der anwesende Regensburger Polizist deutet an, dass er die Schuldfrage für diesen Abend nicht auf die Nürnberger Anhänger abwälzen wolle und erzählte außerdem, dass an jenem Abend weitaus mehr Zuschauer im Stadion waren als veröffentlicht. Immer wieder kommt die Sprache unter den Fans an diesem Nachmittag auf dieses Thema, die Wunden sind tief.
Nur zwei der Spieler des FCN waren an jenem Abend auch auf dem Feld: Andreas Wolf, der damals sein erstes Tor als Profi schoss, sowie der Slowake Robert Vittek. Dominik Reinhardt war im Kader, kam aber damals nicht zum Einsatz; Marek Nikl und Marek Mintal dagegen waren damals auf dem Feld, fehlen aber heute. Eines hat sich nicht verändert: das alte Regensburger Jahnstadion. Es versprüht immer noch mit seiner überdachten Haupttribüne aus Holz und der lange Stehgeraden auf der gegenüberliegenden Seite, auf der an diesem Nachmittag nur schwer Schatten zu finden ist, den Charme der Kampfbahnen der Dreißiger Jahre. Die Versorgung der Gegengerade wird durch zwei einzelne Getränkestände erledigt. Essen gibt es nur an einem. Auf den Ansturm von knapp 2500 Besuchern ist man nicht vorbereitet, man begegnet ihm aber mit einem Schuss altbairischen Stoizismus: „Geit hoid niad anerscht.“ Es geht auch dann nicht anders, wenn nach 35 Minuten nur noch Bier als Getränk vorhanden ist und die Schlange ob der gründlichen Arbeitsweise am Grill beträchtlich wächst.
Auch auf dem Platz geht es ebenfalls eher beschaulich und gemächlich zu. Das einzig wahre Highlight – neben einem verirrten Hasen auf dem Platz – der ersten 45 Minuten war das sehr einseitige Duell zwischen Dominik Reinhardt und einem älteren Regensburger Anhänger. Jener hatte sich nach einem Foul des jungen Nürnbergers schnell verbal auf ihn eingeschossen und belegte eine jede Aktion des Rechtsverteidigers mit hämischen Kommentaren. Aus Bayernligazeiten nicht gewohnt, dass die Spieler auch Namen tragen, bezeichnet der Zuschauer den gegnerischen Spieler jedoch stets als „Achtazwanzge“. Reinhardt trägt die 28 auf seinem Rücken. Als nach der Pause Lars Jacobsen auf der Seite nahe der Gegengerade auftaucht, bleibt der weißhaarige Querulant still. Während er zehn Minuten vor Schluss seinen Platz verlässt, klatschen die umstehenden Club-Fans spöttisch Beifall. Zu diesem Zeitpunkt steht es 4:0 für Nürnberg. Spielerisch nicht immer überzeugend, aber effektiv. Anderscht geits hoid niad in der Vorbereitung.
18. Juli – Testspiel gegen Trondheim
Ob es in Feucht vier Tage später anders gegangen wäre, bleibt unbeantwortet. Völlig ineffektiv agiert der FCN im Markt, dessen Stadion nur acht Kilometer von dem des FCN entfernt ist. Gegner ist allerdings nicht der örtliche Landesligist, der vor knapp zwei Jahren noch Regionalliga spielte. Das Stadion des 1. SC Feucht ist eng, so eng, dass sich die Nürnberger Reservespieler hinter der Tribüne aufwärmen müssen und sich, um dort hin zu gelangen, ihren Weg durch die Zuschauer bahnen müssen.
Die Regionalliga-Vergangenheit sieht man der Spielstätte an manchen Stellen an. Zwar ist der Gästekäfig, der hier zu Regionalligazeiten stand, wenn Kickers Offenbach und der FC Augsburg vorbeischauten, inzwischen wieder abmontiert, dennoch wirkt es moderner als das ehemalige Zweitligastadion in Regensburg. Die Sitzplatztribüne ist nicht aus Holz, es gibt keine Spinnweben an den Werbebanden, hinter einem Tor findet man tatsächlich einen kleinen Biergarten. Sogar eine digitale Anzeigetafel ist an einem Ende des Stadions montiert. Allerdings bleibt die heute ausgeschaltet. Ob dies am Zwist des Platzvereins mit den Energieversorgern liegt, kann keiner so recht beantworten. Der SC Feucht ist hochverschuldet, die Drohung, dem Verein den Strom abzudrehen, ist bisher wohl nur aus politischen Gründen nicht vollzogen worden. Dennoch müssen die Jugendmannschaften wohl des Öfteren kalt duschen. Der 1. FC Nürnberg versucht dem Verein, der mit Roberto Hilbert schon einen Nationalspieler hervorgebracht hat, unter die Arme zu greifen.
Also spielt man an diesem Abend eben im Waldstadion von Feucht gegen Champions-League-Teilnehmer Rosenborg Trondheim und nicht anderswo in der Region. Es ist deutlich zu merken, dass der Gegner mehr als nur eine attraktive Physiotherapeutin mitgebracht hat. Trotz ausverkauften Hauses gelingt dem deutschen Pokalsieger gegen den norwegischen Rekordmeister kein Tor, gegen Ende des Spiels beschert ein geschenkter Foulelfmeter dem Gegner den Sieg. Dass es ein schwieriges Unterfangen an diesem Tag werden würde, hätte Hans Meyer schon vor dem Spiel ahnen können.
Wiederholt misslang es ihm, seinen Verwandten auf der Tribüne eine SMS zu schicken und wiederholt musste sein Enkel ihm die Funktionen des Mobiltelefons erklären. Auch sein Verteidiger Jan Kristiansen hatte während des Spiels Probleme mit der Kommunikation: Mitspieler Matthew Spiranovic bezeichnete er mit „Meggsy“, dem Spitznamen des anderen australischen Innenverteidigers, Michael Beauchamp, der zu diesem Zeitpunkt noch beim Asiencup weilte und Dominik Reinhardt musste nach einem völlig verpatzten Trick selbst lachen. Ob Peer Kluge auch lachen musste, als Hans Meyer ihn zum Kapitän für ein Spiel ernannt hatte, ist nicht überliefert. Was überliefert ist, ist die Tatsache, dass er für seinen ersten Einsatz als Spielführer des FCN satzungsgemäß zweihundert Euro in die Mannschaftskasse zahlen musste.
Richtig unzufrieden ist dennoch kaum einer der Anwesenden. Ein serbischer Anhänger des FCN gestikuliert zwar noch kurz vor Schluss wild und lautstark, ob einer vergebenen Großchance von Chhunly Pagenburg, meint aber nach dem Schlusspfiff kühl, dass so ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit auch etwas Gutes für sich hat. Auf der Pressetribüne, die aus Bierbänken hinter der letzten Sitzreihe besteht, ist eher kollegiales Geschnatter als scharfe Analyse angesagt. Der Kollege aus Norwegen hatte sich bereits in der achtzigsten Minute verabschiedet.
24. Juli – Ligapokal gegen Schalke
Ganz anders muss es am folgenden Dienstag unter den Pressevertretern zugegangen sein. Die viel zu oft benutzte, aber in diesem Falle zutreffende Phrase von den eklatanten Abwehrschwächen, die sich offenbaren, beschreibt treffend was sich abgespielt hat. Der FC Schalke 04 hat in sieben Minuten die Abwehr des FCN drei Mal durch die Mitte ausgehebelt und Daniel Klewer drei Mal überwunden. Das Argument, dass auch der Ligapokal eben nur Vorbereitung sei, verpufft für einen Teil der Nürnberger Anhänger, als sie die eigene Mannschaft auffordern zu kämpfen.
Nichts offenbart die gesteigerte Erwartungshaltung im Frankenland besser als diese Gesänge. Dass man gleichzeitig eine Emanzipation vom langjährigen Freund Schalke 04 versucht, indem man diesen an die verpasste Meisterschaft erinnert, zeigt auch, dass man sich nicht mehr als kleiner Verein fühlt. Auch im Gesamteindruck wirkt die Rückkehr ins Frankenstadion zum ersten Spiel seit dem Pokalsieg nicht wie eine Rückkehr ins selbe Stadion. Nicht, weil das Stadion auf Grund der horrenden Preise für ein Vorbereitungsspiel nur halb gefüllt ist, die lautstarke Ultragruppierung das Spiel aus ideologischen Gründen boykottieren oder Raphael Schäfer nicht mehr Kapitän des FCN ist. Vielmehr wirkt die Zuschauerstruktur anders, viele Stammgäste sahen plötzlich neue Gesichter neben sich: Menschen, die erst in den letzten Monaten die Faszination für den Nürnberger Fußball (wieder-)entdeckt haben, ebenso viele äußerst junge Gesichter und das Brimborium, das vor dem Spiel von der DFL veranstaltet wurde, hätte noch vor drei Monaten seltsam deplatziert in Nürnberg gewirkt. Der Großteil der Nürnberger sieht sich nicht mehr als Fahrstuhlverein, sondern als Größe in der Bundesliga. Auch deshalb fallen die Reaktionen auf die drastische Niederlage so heftig aus.
Hans Meyer, der ewige Mahner und Euphoriebremser scheint nach dem Spiel fast geschockter von den Reaktionen der Fans als wegen der Leistung seiner Mannschaft. Kein Wunder, da ihm die Baustelle Innenverteidigung schon viel früher aufgefallen war, sie hat ihn wahrscheinlich nicht überrascht. Auf eine schnelle Wiedererlangung der Form bei Stammverteidiger Glauber hofft er angeblich nicht mehr. Er sucht nach anderen Alternativen. Vier Tage später in Augsburg offenbart sich Michael Beauchamp als solche. Ein anderer, der sich dort gut präsentiert, verschwindet nach Anderlecht. Jan Polák, vor zwei Jahren noch als Heilsbringer aus Liberec gefeiert, verlässt den FCN. Die Ansprüche sind gestiegen.
7. August – Testspiel gegen Abu Dhabi.
Den gestiegenen Ansprüchen ist es wohl auch geschuldet, dass das Überstehen der ersten Pokalrunde gegen Victoria Hamburg eher im Vorbeigehen wahrgenommen wurde. Ein 6:0 gegen einen Fünftligisten ist nichts Erwähnenswertes mehr, obwohl man noch vor sechs Jahren gegen einen solchen die Segel streichen musste. Von denen, die in der Startelf gegen den Verein von der Elbe auftraten, steht heute gegen Al Jazira Abu Dhabi keiner auf dem Feld. Hans Meyer schickt zum letzten Test die B-Elf aufs Feld. Wahrscheinlich ein genaues Negativ der Elf, die sich nach sechs Wochen Dorf, Schweiß und Training als die Startelf für den kommenden Sonntag gegen den KSC herauskristallisiert hat. Einzig der Torwart dürfte auch Sonntag im Tor stehen.
Sportlich ist das Spiel ein Muster ohne großen Wert, der FCN gewinnt mit 1:0 durch ein Tor von Joshua Kennedy. Einzelne Spieler zeigen, dass mit ihnen eher zu rechnen ist als mit anderen. Mehr als eine lockere Trainingseinheit ist es aber selbst für die spät im Spiel eingesetzten Amateure nicht. Aber selbst heute, an einem grauen Abend im frühen August, der so sehr nach Regen aussieht wie Jaromir Blazek nach Torwart, ist der Boom, der Hype, das Ballyhoo um den 1. FC Nürnberg ungebrochen. Trotz der Ankündigung eine B-Elf einzusetzen, trotz des mäßigen Gegners, der während des Spiels oft vom Schiedsrichter in mäßigem Englisch ermahnt werden muss, finden sich knapp 1500 Zuschauer am Valznerweiher ein. Die Sommerferien machen sich bemerkbar, aber auch die Tatsache, dass der Club “in” ist. Zu einem Pokalspiel gegen LR Ahlen geleitet von Robert Hoyzer kam vor drei Jahren gerade mal die vierfache Anzahl der Cluberer ins Frankenstadion.
Dass man immer noch nicht so ganz Schritt halten kann, zeigt sich an der Beschallungsanlage am Sportplatz. Pressesprecher Haltermann, der als Stadionsprecher fungiert, kann man auf der Gegengerade kaum verstehen, die Lautsprecher scheinen seit dreißig Jahren nicht gewartet worden zu sein. Gleichzeitig kann sich jener Haltermann freuen, seit einem Monat ist er nicht mehr der einzige hauptamtliche Mitarbeiter der Pressestelle, er hat eine Assistentin zur Seite gestellt bekommen. Langsam verändert sich eben auch der FCN, bis 2009 soll eine komplette neue Geschäftsstelle entstehen. Dann sieht vielleicht auch die Pressestelle nicht mehr nach ostwestfälischem Dorftennisverein aus.
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