Jürgen Klinsmann und der FC Bayern. Ein Kommentar
12. Januar 2008, 00:10 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Jürgen Klinsmann und der FC Bayern gehen ein mutiges Experiment ein
Sehr überraschend hat der FC Bayern heute Jürgen Klinsmann als neuen Trainer ab Sommer 2008 präsentiert. Kaum jemand hatte mit einer so schnellen Entscheidung gerechnet, und nur die wenigsten hatten dabei den 43-jährigen Wahl-Kalifornier auf ihrer Rechnung. Klinsmann erhält einen Zweijahres-Vertrag.
Bayern stagniert seit 2001
Mit diesem Coup hat die Führungscrew des FC Bayern Mut bewiesen und signalisiert, dass man in München gewillt ist, eine längst überfällige Modernisierung einzuleiten. Eine solche wurde nach 2001, als man mit Ottmar Hitzfeld die Champions League gewann, verpasst. Die Bayern versäumten es, im Anschluss an diesen sportlichen Höhepunkt, einen Umbruch im Team herbeizuführen. Drei Jahre später wurde offenkundig, dass Team und Trainer nicht mehr das Feuer hatten, um die nationale Spitzenstellung zu verteidigen oder gar auf europäischer Ebene im Konzert der Großen mitzuspielen. Auf den ausgebrannten Hitzfeld folgte im Sommer 2004 mit Felix Magath ein eher biederer Übungsleiter, der die Mannschaft zwar zu erstaunlicher Fitness führte, jedoch nur selten glanzvollen Fußball bot – wohl auch deshalb, weil der Kader spätestens nach dem Weggang von Michael Ballack diesen Ansprüchen qualitativ nicht mehr genügen konnte. Magath wurde im Februar 2007, in seinem dritten Trainer-Jahr in München, gefeuert.
Die Bayern entschieden sich für eine konservative Lösung: für die Reaktivierung des zweieinhalb Jahre zuvor geschassten Ottmar Hitzfeld. Der brachte die verkorkste Saison allerdings mehr schlecht als recht zu Ende; reizvoller dürfte für ihn die Aufgabe gewesen sein, mit mehr als 70 Mio. Euro ein runderneuertes Team auf die Beine zu stellen. Doch Hitzfeld scheiterte ein zweites Mal. Zwar überwintert der FC Bayern als Tabellenführer und ist weiterhin im Uefa-Cup und im DFB-Pokal vertreten, doch die Kritik an der nach unten zeigenden Leistungskurve der Mannschaft hat Hitzfeld offenkundig sehr angeschlagen. Konsequenterweise setzte er den Schlusspunkt und gab bekannt, seinen bis Sommer 2008 datierten Vertrag nicht verlängern zu wollen. In diesem Fall dürfte die Trennung wirklich im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt sein.
Klinsmann ist für die Bayern unbequem
Nun ist seit heute bekannt, dass Jürgen Klinsmann in der neuen Saison die sportliche Verantwortung übernehmen wird. Klinsmann und der FC Bayern – dies überrascht. Denn der Schwabe hatte in seiner Zeit in München (1995-97) schon nicht so recht zu den Bayern gepasst, und auch in seiner Funktion als Bundestrainer (2004-06) trug Klinsmann so manches Scharmützel mit den mächtigen Münchnern aus. Jetzt wird er deren Chef-Trainer. Von außen lässt sich natürlich nicht beurteilen, wie weit oben Klinsmann auf Bayerns Prioritätenliste stand, aber die Tatsache, dass die Klubführung ihn geholt hat, zeugt vom Willen, einige Fehler der Vergangenheit korrigieren zu wollen.
Klinsmann gilt als stur, und seit der WM weiß man, dass er sein Ding durchzieht. Aber er hat im Laufe des Turniers auch bewiesen, dass er sich beraten lässt und sich korrigieren kann. Gleichwohl besitzt er den nötigen Dickkopf, um sich gegebenenfalls auch bei Konflikten gegen die übermächtige Führung, bestehend aus Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer sowie Paul Breitner durchzusetzen. Der FC Bayern hat sich mit ihm einen unbequemen Mann ins Haus geholt, der nicht so pflegeleicht und loyal sein wird wie seine Vorgänger. Nur vor dem Hintergrund der fußballerischen Stagnation seit 2001 und der Erkenntnis der Klubführung, dass etwas passieren musste, lässt sich dieses Wagnis erklären.
Klinsmann steht für eine offensive Fußballphilosophie, für die er beim FC Bayern erstklassige Spieler vorfinden wird. Es wird an ihm liegen, daraus einen modernen, attraktiven Fußball entstehen zu lassen. Für Klinsmanns Orientierung am schnellen Kombinationsfußball, am “vertikalen” Spiel und der One-Touch-Doktrin stehen ihm Spieler zur Verfügung, die er in einer solchen Ansammlung noch nie trainiert hat. Gleichzeitig ist der Trainer-Job in München ungleich schwerer als der, der ihm 2004 anvertraut wurde. Der DFB und die Nationalmannschaft lagen nach der desaströsen Europameisterschaft am Boden. Der FC Bayern hingegen ist stark – in allen Belangen.
Klinsmann kommt nicht als Retter oder als allmächtiger Erneuerer, der wie beim DFB “den ganzen Sauhaufen ausmisten” könnte. Er kommt zum FC Bayern und wird sich dort in ein hochkompetentes Führungsgremium einordnen müssen. Selbstredend wird er für die sportlichen Dinge allein verantwortlich zeichnen, doch wird er sich mit den anderen Welt- und Europameistern in den Büros der Säbenerstraße abstimmen müssen. Intern dürfte der Fußballer-Trainer Klinsmann die Kritik der Bayern-Führung wohl als fachlich bereichernd erleben. Jedoch wird er nach außen ihre volle Unterstützung benötigen; gegenüber den Medien wird vermutlich insbesondere Uli Hoeneß ihm von Beginn an kompromisslos den Rücken stärken.
Respekt für beide Seiten!
Sehr wichtig wird für Klinsmann die Zusammensetzung seines Trainerstabes sein. Im Bereich Kondition, Medizin und der Individualisierung der Trainingsarbeit ist nicht mit allzu vielen personellen Veränderungen zu rechnen, da der FC Bayern bereits vor mehr als einem Jahr viel von den Konzepten der Nationalmannschaft übernommen hat. Interessant wird jedoch die Wahl des Assistenten. Klinsmann braucht für die Arbeit mit einer Vereinsmannschaft einen Co-Trainer, der den Bundesligaalltag von der Bank aus kennt, jemanden, der die Herausforderungen von englischen Wochen und Auswärtsspielen in der Provinz einschätzen kann und weiß, wie man im Alltag den Spannungsbogen bei den Spielern hoch hält. Bundesliga und Champions League unterliegen anderen Rhythmen als ein qualifikationsfreies WM-Turnier.
Jürgen Klinsmann ist aus Sicht des FC Bayern ein mutiges Experiment. Wenn die Klubführung aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat und dem ehemaligen Bundestrainer Vertrauen schenkt, kann es ein gelingendes Experiment werden. Von beiden Seiten – vom FC Bayern und von Klinsmann – verlangt diese Entscheidung, in den nächsten Jahren zusammenzuarbeiten, in jedem Fall großen Respekt. Die Bayern wollen einen qualitativen Sprung machen und gehen mit dem eigensinnigen Klinsmann ein hohes Risiko ein. Jürgen Klinsmann nimmt seinerseits die große Herausforderung an, einen der am schwersten zu trainierenden Klubs in neue sportliche Dimensionen zu führen.
Die Trainer-Diskussion im Forum
Team-Check FC Bayern
Redakteur Tschaikowskij vor der WM
Redakteur Francescoli vor der WM
Teile uns deine Meinung zu diesem Artikel über das Kontaktformular mit.
Weitere Artikel
- Eingeworfen: Jupp Heynckes steht in der Diskussion
- [1. Bundesliga 2011/12] Die MAG-Halbzeitbilanz: Der FC Bayern steht wieder oben
- [Champions League Qualifikation 2011/12] Der FC Bayern gähnt sich in die Gruppenphase
- [MAG-Bundesligavorschau 2011/12] FC Bayern München - mit Jupp Heynckes wieder an die Spitze?
- [Champions League 2010/11] Bayern ist draußen - Inter Mailand gewinnt mit 3:2 in der Allianz-Arena
« Klinsmann neuer Bayern-Trainer! | [Biathlon] Weltcup in Ruhpolding »
