[Handball-EM 2008] Deutschland zieht nach Schweden-Krimi ins Halbfinale ein
25. Januar 2008, 10:30 geschrieben von Mr.Mö.
Die deutschen Handballherren haben sich am Donnerstagabend durch einen hart umkämpften 31:29-Sieg über Rekordeuropameister Schweden als Tabellenzweiter der Hauptrundengruppe II für das Halbfinale qualifiziert und treffen dort am Samstagmittag auf Dänemark.
Deutschland – Schweden 31:29 (16:18)
Christian Zeitz hält den Ball an der Außenlinie, Mitspieler und Gegenspieler laufen wild durcheinander, er sucht einen Anspielpartner, findet keinen, dribbelt kurz, sucht weiter und wird fündig. Kapitän Markus Baur nimmt den schönen Bodenpass auf, steigt frei aus sechs Metern nach oben und jagt den Ball in die Maschen. Der Rest ist nur noch großer Jubel über den Sieg über Schweden, den man benötigte, um in die Vorschlussrunde einzuziehen. Spieler und Trainerteam liegen sich in den Armen und springen hin und her. Doch schnell ebbben die Emotionen ab, sofort gehen die Spieler in die Ruhephase über, und das Regenerationsteam nimmt die Erholungsarbeit auf. Acht Spiele in elf Tagen sind eine harte Nuss, und Trainer Heiner Brand musste schon während der Partie feststellen, dass seine Spieler ausgelaugt sind.
Ein Blick auf die Ersatzbank spricht Bände. Oliver Roggisch hat zwei aus dem Ärzteteam vor sich knien, die die lädierte Wadenmuskulatur verarzten, während er wütend gegen eine Box schlägt. Neben ihm liegt Michael Kraus, dessen Ellenbogenverletzung behandelt wird. Der Anblick gleicht einem Lazarett aus Kriegszeiten. Und während die „angeschossenen“ Spieler behandelt werden, kämpfen die fitten Spieler draußen ums Überleben, holen das Letzte aus sich heraus, kompensieren Ausfälle, unterstreichen die deutschen Tugenden und wachsen so gemeinsam über sich hinaus.
Die deutsche Nationalmannschaft hat nicht mehr die Qualität, die sie noch während der Weltmeisterschaft hatte, aber sie hat den Teamgeist und den absoluten Willen zu gewinnen nicht verloren und ist deshalb nur noch zwei Siege vom Europameistertitel entfernt. Klingt wenig, aber der Weg ist noch weit. Nichtsdestotrotz steigert sich das deutsche Team immer mehr in das Turnier hinein. Fast alle Spieler lernen aus ihren Fehlern. Pascal Hens scheint begriffen zu haben, dass seine Schüsse neben den Querbalken zurzeit kein internationales Niveau haben, und schoss deshalb vermehrt mit enormem Zug nach unten in die Ecken an den Torhütern Tomas Svensson und Dan Beutler vorbei. Sein Gegenüber Holger Glandorf lernt aus selbigen Fehlern. Lernt, dass nicht etwa seine Größe sein Kapital ist, sondern der unbändige Wille, ein Tor zu erzielen, mit der Gewissheit, dahin gehen zu müssen, wo es weh tut.
Zwar steigt der Nordhorner immer noch ein zwei Mal unbegründet aus der Tiefe hoch und jagt den Ball deutlich über das Tor, aber sein Mut, Verantwortung zu übernehmen, sorgte zusammen mit Hens für 14 Treffer. Ein beruhigender Wert für den zuvor so schwächelnden Rückraum. Größter Kritikpunkt bei Glandorf bleiben die Kreisanspiele, die er schon Sekunden vorher deutlich telegrafisch vorausschickt und Tempogegenstöße der Schweden einleiten. Wenn dies überhand nimmt und Glandorf schwächelt, dann kann Brand aber beruhigend den introvertierten Christian Zeitz bringen. Die körperlichen Defizite nach einer längeren Verletzung scheint er ausgemerzt zu haben und lässt immer mehr aufblitzen, wie wichtig er für die Mannschaft werden kann. Im Schweden-Spiel gab es keinen der unmotivierten Schlagwürfe aus der Distanz.
Nur, wenn die Lücke da ist, holt er den Hammer raus, ansonsten wird halt noch mal quer gespielt oder auf den besser positionierten Kreisläufer abgelegt. Heiner scheint seinen jungen Wilden beigebracht zu haben, dass ein Spielzug nicht gleich mit einem Wurf abgeschlossen werden muss. Das Team wirkt ruhiger. Der Brandmeister macht zurzeit alles richtig. Aufgrund der hohen Belastung wechselt der gebürtige Gummersbacher häufig, wie Fussballer beim Kick in der Halle und hat dabei ständig ein gutes Händchen. Das beste Beispiel: die Position des Torhüter-Duos. Beide pushen sich gemeinsam zu Höchstleistung, der pausierende Keeper freut sich mehr über eine Parade als der auf der Platte, und wenn einem mal ein paar Bälle durch die Lappen gehen, kommt der Partner, und das Karussell dreht sich weiter. Das Schweden-Spiel war hierfür mehr als nur ein Lehrbeispiel. Johannes Bitter beginnt die Partie, kriegt aber keinen Fuß auf den Boden. Brand bringt Henning Fritz, der erwischt einen guten Start, wird später schwächer und es kommt wieder Bitter, der dann in der hitzigen Phase den Sieg festhält, als er unter anderem den wohl entscheidenden Siebenmeter zweieinhalb Minuten vor Schluss gegen Lundström pariert.
Lange sorgte dagegen die sonst so starke Abwehr für Probleme. Viel zu oft ließ man die gefährlichen Rückraumshooter Martin Boquist (6 Tore/75%) und Kim Andersson (9/64%) ohne Körperberührung zu leichten Toren kommen. Viel zu sehr war man damit beschäftigt, den Weltklassekreisläufer Markus Ahlm außer Gefecht zu setzen. Dies gelang zwar hervorragend, sodass der Wikinger nur auf zwei Anspiele und ein Tor kam, aber auf diesem Niveau reicht es nicht, nur einen Spieler auszuschalten. Das zu passive Spiel sorgte dafür, dass der Weltmeister über lange Zeit immer und immer wieder einem Rückstand hinterher laufen musste und wertvolle Kraft vergeudete. Mitte der zweiten Hälfte wurde der Abwehrblock aber immer aggressiver und angriffslustiger.
Spätestens nach dem Ausfall von Abwehrspieler Roggisch, der wieder einmal durch unnötige Zweiminuten-Strafen negativ auffiel, als Motivator aber unverzichtbar ist, zogen Sebastian Preiß und Andrej Klimovets im Mittelblock dem gegnerischen Rückraum den Zahn. Zehn Minuten vor Schluss war es Zeitz, der mit seiner linken Peitsche für den Ausgleich sorgte. Die folgende Führung durch Klimovets, der entgegen der letzten Partien eine bärenstarke Leistung zeigte, gab man nicht mehr aus der Hand, weil man es einfach nicht wollte.
Deutschland: Fritz (26%), Bitter (35%) – Hens (7), Roggisch, Klein, Preiß (1), Glandorf (7), Baur (5), Zeitz (2), Jansen (4), Andrej Klimovets (4),Kraus, Kehrmann (5), Kaufmann (n.E.)
Schweden: Svensson (21%), Beutler (23%) – Boquist (6), Lundström (2/2), Andersson (9), Källman (1), Jernemyr, Petersson, Lennartsson (4/1), Doder (3), Ahlm (1), Arrhenius (1), Larholm (1), Carlen (1)
Schiedsrichter: Visekruna/Stanojewvic (Serbien)
Zuschauer: 2915
Strafminuten: 10 / 6
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