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[Wimbledon 2008] Der König ist tot, es lebe der König!

9. Juli 2008, 18:56 geschrieben von Mr.Mö.

Wimbledon und der Tennissport haben einen neuen König. Der 22-jährige Spanier Rafael Nadal besiegte am vergangenen Sonntag Roger Federer mit 6-4, 6-4, 6-7 (5-7), 6-7 (8-10), 9-7.

Wo Superlative erlaubt sind

Fünf Stunden, 48 Minuten, zwei Regenunterbrechungen und Tennis vom Allerfeinsten im 122. Finale der All England Championchips. Dafür verantwortlich zeigten sich die beiden weltbesten Tennisspieler Rafael Nadal und Roger Federer. Der Mallorquiner und der Schweizer bestritten, und da sind sich wohl alle Augenzeugen einig, das beste und aufregendste Tennisspiel in der Geschichte des weißen Sports.

Die 91 britischen Pfund, die die Zuschauer zu zahlen hatten, um live dabei zu sein, der strömende Regen, den Tausende vor dem Stadion am Henman Hill auszuhalten hatten, die Millionen Fernsehzuschauer (allein bei BBC knapp 13 Millionen), die über sieben Stunden zu Stubenhockern wurden, werden jeden noch so erdenklichen Aufwand nicht bereut haben. Denn dieses Spiel lebte nicht nur von der Dramatik, sondern insbesondere von der Klasse. Nie gesehene Passier- und Grundlinienschläge, dazu wichtige Asse in den spannendsten Momenten und atemberaubende Ballwechsel – die 14.000 Zuschauer auf dem Centre Court werden heute noch heiser sein und wunde Hände haben vom ganzen Aufschreien, vom Anfeuern und vom enthusiastischen Applaudieren.

Es war ein Spiel, in dem jeder Tenniskritiker ins Schwärmen kam und man jedem Autor die ganzen Superlative verzeiht – so wie man den beiden Spielern die ungewöhnlich vielen Unforced Errors nicht krumm nimmt. Federer traf 52 Mal die Filzkugel nicht richtig, Nadal 27 Mal. Wenn man bedenkt, dass jeder Schlag dem Spieler alles abverlangte und er alles reinlegen musste, weil einem jeder halbstarke Ball gnadenlos um die Ohren geschossen würde, dann handelt es sich, besonders bei Nadal, um fabelhafte Werte.

Mit einer detaillierten Beschreibung zu beginnen, würde den beiden Kontrahenten nicht die Anerkennung entgegenbringen, die sie für diese Leistung verdienen. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde man einen besonderen Ballwechsel vergessen, einen der unzähligen besonderen Ballwechsel, einen der Ballwechsel warum man sich so lange mit einem Tennisspiel beschäftigte. Jeder Gang zur Toilette, jeder Weg an den Kühlschrank, jeder Blick in die halbleere Chips-Tüte hätte der falsche Moment sein können – da ein Höhepunkt den nächsten jagte, hätte man etwas verpassen können.

Der grobe Spielverlauf ist somit schnell erzählt. Nadal hatte den besseren Start in die Partie und nahm Federer früh den Aufschlag ab. Ein Break, das der Schweizer nicht mehr egalisieren konnte – 6:4 für den Spanier. Rafa Nadal schaffte es dagegen, im zweiten Satz nicht nur einen Rückstand aufzuholen, sondern ihm gelang auch gleich das zweite Break, um auch den zweiten Satz mit 6:4 an sich zu reißen. Mitte des dritten Satzes eine Schrecksekunde. Der Herausforderer war ausgerutscht und hatte sich das rechte sowieso schon lädierte Knie verdreht und blieb Sekunden lang liegen. Nach einer kurzen Behandlungspause ging es für ihn aber weiter.

Nach der ersten einstündigen Regenpause ging es mit Sonnenschein weiter, mit dem auch Federer sich anzufreunden schien. Er spielte entschlossener und gewann den dritten Durchgang im Tie-Break. Im vierten Satz ähnliches Spiel. Erneut entschied Federer den Tie-Break für sich. Musste dieses Mal aber die ersten beiden Matchbälle abwehren. Im fünften Satz zeigte Nadal Nervenstärke. Er musste als Zweiter servieren und andauernd einem Rückstand hinterherlaufen. Vom enormen Druck unbeeindruckt war er es aber, der zum Ende hin immer wieder an einem Break nagte, bis ihm zum 8:7 der Durchbruch gelang. Bei eigenem Aufschlag vergab er zwei weitere Matchbälle, bevor er jubelnd und unter den Augen von den Glücksbringern Prinzessin Letizia und Prinz Felipe von Spanien als frischgebackener Wimbledon-Sieger zu Boden sinken konnte. Damit ist er der erste Spieler seit Björn Borg, der das Kunststück geschafft hat, Roland Garros und Wimbledon in einem Jahr zu gewinnen – die beiden Beläge, die direkt hintereinander ausgetragen werden, aber so unterschiedlich sind wie kein anderer Untergrund. Mit dem Sieg beim Vorbereitungsturnier in Queens ist er sogar der erste Spieler aller Zeiten, der diese drei Titel in einem Jahr abgreifen konnte.

Komplex Rafa

Verantwortlich für seinen fünften Erfolg bei einem Grand-Slam Turnier war neben den unmöglichsten Konterschlägen seine Top-Spin-Vorhandpeitsche, mit der er Federer entweder über den Platz scheuchte oder auf dessen Rückhandseite festnagelte. Dem hatte Federer häufig wenig entgegen zu setzen. Immer wieder hatte er Probleme mit den Top-Spin Schlägen die mit 5.200 Umdrehungen pro Minute (Federer schafft nur die Hälfte) über das Netz jagten.

„Schuldig“ war aber auch der Kopf. Der Kopf von Roger Federer. Nur in den beiden Tie-Breaks und bei den ersten vier Matchbällen zeigte er die gewohnte Coolness. Coolness, die ihn in den großen Spielen immer als Sieger hat hervorgehen lassen. Die Gabe, da zu sein, wenn es drauf ankommt. Dass der 26-Jährige bis Mitte des dritten Satzes nur eine von zwölf Break-Möglichkeiten verwertet hatte, spricht für sich. Gegen einen bis dato starken Leyton Hewitt hatte er noch alle drei Breakmöglichkeiten genutzt, alle acht des Gegners abgewehrt und war scheinbar locker und leicht in die nächste Runde eingezogen.

Die Gründe für diese Probleme liegen auf der Hand, auch wenn der sonst so ehrliche Federer, dem bisher immer widersprochen hat. Die ehemalige Nummer 1 der Welt hat einen großen Komplex – und der heißt Rafael Nadal.

Der aufmerksame Leser und informierte Tennisfan wird gestutzt haben. Bisherige? Natürlich ist Roger Federer immer noch der Führende des South African Airways ATP Rankings, aber seit 9:18 Uhr Londoner Zeit tickt die Tenniswelt anders. Roger Federer ist nur noch auf dem Papier der weltbeste Tennisspieler. Rafael Nadal hat ihm den Rang abgelaufen, weil er sich unbekümmert und mit unbändigem Siegeswillen sukzessive verbessert hat. Besonders auf dem Belag, für den der Allrounder Roger Federer stand – auf Rasen. Seit 2002 hatte der Schweizer auf dem Grün nicht mehr verloren, sich eine Siegesserie von 65. Spielen auf dem schnellsten Belag der Tour erspielt. Und dadurch fünf Mal in Folge Wimbledon gewonnen, darunter zwei Mal im Finale gegen Nadal. Dieses Mal hieß es „Klappe, die Dritte“ und Nadal hatte den Erfolg im Kasten.

Es war auch Nadal, der vor zwölf Monaten Federer das erste Mal seit seiner Regentschaft als unangefochtener Rasenkönig in einen fünften Satz zwang. Im Jahr zuvor hatte es bereits für ein Vier-Satz-Match gereicht, gegen einen Federer, der in der Regel ohne Satzverlust die Rasenturniere gewann. Englands ehemaliger Tennisspieler Tim Henman formulierte die sich anbahnende Wachablösung treffend: “Nadal hat die Sache Schritt für Schritt erledigt. Das Finale 2008 war nur der Vollzug eines Umschwungs mit ganz langem Atem.”

Selten hat die Tenniswelt den Branchenprimus mit so einer Körpersprache über den Platz gehen sehen. Die Schultern hängend, der Kopf unten, hilflose Blicke gen Himmel. Wer im Tennis zu viel nachdenkt, verliert. Das bekam der Schweizer zu spüren, denn er dachte zu viel. Federer ist zu intelligent, um diesen drohenden Sturz vom Tennis-Thron nicht mitzubekommen.

Entzündete Schürfwunden

Dass er innerhalb von 108 Minuten von Nadal bei den French Open quasi verprügelt wurde, störte ihn nicht. Das betonte er immer wieder. Denn Jahr für Jahr konnte er die Schürfwunden, die ihm die Niederlagen auf der Asche zufügten, mit den Siegen auf Rasen heilen.

Dies gelang ihm dieses Jahr nicht. Dieses Jahr zerplatzten seine Träume. Der Traum, als erster Spieler sechsmal hintereinander in London zu gewinnen. Direkt nach dem finalen Punkt sah man, wie sich die Schürfwunden gefährlich entzündeten. Sofort realisierte Federer, was gerade geschehen war. Er sank auf seinem Stuhl zusammen, hielt sich die Hände vors Gesicht und weinte bittere Tränen. Er hatte verstanden, dass seine fast selbstverständliche Herrschaft ein Ende gefunden hatte. Was ihn aber noch mehr bedrückte, war die Hilflosigkeit in Spielen gegen Nadal. „Ich habe heute nichts dazu gelernt, nichts darüber, wie ich gegen Nadal auf Gras spielen muss, Und das tut wirklich weh. In Paris zu verlieren war mir egal, aber hier zu verlieren ist ein Desaster“, sagte er später auf der Pressekonferenz mit lauter Achselzucken, rot verweinten Augen und Bewegungen, die vor Selbstzweifeln nur so strotzten.

Sportsmänner und Erzfeinde

Und trotzdem muss man ihm hoch anrechnen, dass er im Moment seiner größten Niederlage fair stehen blieb, als die Zuschauer Nadal bei der Siegerehrung feierten. Niemand hätte es ihm übel genommen, wenn er gegangen wäre. Zu grotesk war das Schauspiel für ihn, mit anzusehen, wie sich jemand in seinem Wohnzimmer gemütlich macht. Er blieb tapfer, mit leerem Blick stehen und verliert trotzdem über seinen großen Erzfeind nichts als lobende Worte.

Nadal steht ihm in nichts nach. Die beiden haben ein gutes Verhältnis, weil sie sich den Respekt zollen den sie verdienen, weil sie in fast jedem Interview erwähnen, dass sie es lieben gegen einen der besten Spieler aller Zeiten zu spielen, weil beide zwei sympathische Charaktere sind, die außerhalb des Platzes so zurückhaltend und unauffällig agieren. Jedoch scheint Roger Federer dem ganzen Druck, immer und immer wieder gegen Nadal zu verlieren, zu erliegen. Oft vergisst man, dass dieser coole Spieler neben dem Platz ein ganz sensibler Mensch ist, der die Erfolge braucht, um den Druck von sich fallen zu lassen. Man sagt zwar immer: Wenn es einer packt, dann Roger. Aber ihm wurde gerade sein Herz herausgerissen. Hoffen wir, dass er daran nicht zerbricht. Der Sport wäre so bizarr, wenn einer der fairsten Sportsmänner dafür sorgt, dass ein anderer fairer Sportsmann an ihm zerbricht.


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  1. Es ist ungemein Brutal wie rasch Roger Federer von der Presse abgestempelt wird. Hat man schon vergessen, wieviele Grand Slam Titel er gewonnen hat! Was für grossartige und konstante Leistungen er in den letzten 5 Jahren erbracht hat! Da wurde er von Euch lieben Journalisten über den grünen Klee gelobt von Wegen “Tennisspieler aller Zeiten usw.) Nun kommt ein Spieler namens Nadal und lässt Roger Federer gegen sich verlieren. Von seinen unfäiren, teilweise an den Haaren herbeigezogenen Medical Timeouts spricht niemand.
    Nadal muss zuerst diese Konstanz von Roger Federer über 5 Jahre und mit 12 Titeln Beweisen. Erst dann glaube ich, ist es berechtigt davon zu sprechen, dass er der neue König ist. Ganz abgesehen davon wird er in der Presse bemitleidet (absage Stuttgart) wie kaputt er ist und was für Schmerzen er in seinem rechten Knie hat. Dass Roger Federer aber, an einer sehr schlimmen Krankheit gelitten hatte, und sich erst wieder über die letzten Monate zurückkämpfen musste, von dem will man bei einer Niederlage nie sprechen.
    Also liebe Presseleute lasst Roger Federer Zeit.
    Und lasst solche verletzenden, abwertenden Äusserungen gegenüber einem grossen Sportler sein. Noch Besser macht den gleichen Fehler gegenüber Nadal nicht und lobt ihn über den Himmel hinaus, denn wenn er diese kräfteraubene Spielweise weiterführt, hällt seine Physis das keine 2 Jahre mehr durch.


    — Elli    Jul 9, 21:49    #
  2. Ich kann leider Eure Meinung überhaupt nicht teilen. Dieser Artikel ist eine sehr grosse Frechheit, einem grossen Sportler gegenüber. Federer hat wirklich viel geleistet und war immer ein fairer Sportler.
    Uebrigens bei diesem fantastischen Endspiel hätte es eigentlich keine Verlierer geben müssen, da waren wirklich beide gleich gut. Leider gibt es im Tennis kein Remis.
    Mich nimmt ja wunder, was Ihr schreibt, wenn Federer ende Jahr immer noch die Nummer 1 ist.

    Ich bin der Ansicht, dass die Epoche Federer noch lange nicht vorbei ist. Wenn er im Moment ein schlechtes Jahr hat soll man dies akzeptieren und nicht demütigen.
    Ich kann mir vorstellen, dass der “Schreiberling” dieses Artikel auch nicht immer in Hochform ist. Mit diesem Artikel ist ihm wirklich keine Erfolgs-Story gelungen.

    Mit freundlichen Grüssen
    M.R.


    — Max Regli    Jul 10, 01:32    #

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