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Premiere-Kommentator Marco Hagemann im MAG-Interview

3. Dezember 2008, 00:35 geschrieben von Mr.Mö, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Das MAG hat Premiere-Kommentator Marco Hagemann über den Berufsalltag eines Kommentators, seine Meinung zur Investorenflut und die Liebe zum Fußball befragt.

Es ist kurz vor halb acht. Vor gut zwei Stunden ertönte der letzte Abpfiff des Bundesligasamstags, in „Alle Spiele, alle Tore“ wurden die Geschehnisse noch einmal gründlich aufgearbeitet – und auch die Nachbesprechung ist seit wenigen Augenblicken Geschichte.

Redakteure, Moderatoren, der Studio-Experte, die Zuständigen für die Konferenz, die Leute aus der Grafik und für den Ton – fast die gesamte Schar der großen Premiere-Crew zieht in den Feierabend. Nur Hagemann ist noch in eine Vier-Augen-Besprechung mit dem Ablaufredakteur der Sendung vertieft, bevor er sich mit sympatisch verschmitztem Lächeln und dezentem Hinweis, dass der Kühlschrank zuhause fast leer und die Geschäfte gleich geschlossen seien, dem Gespräch mit dem MAG-Reporter zuwendet.

Marco Hagemann

“Ein Traum geht in Erfüllung”

MAG:: Beschreibe zu Beginn einmal bitte die entschiedenen Abschnitte auf deinem Weg zum Kommentator

Hagemann: Ich glaube, ganz entscheidend war der Einstieg 1993 bei der Tageszeitung bei mir in der Heimat Schloß Holte-Stukenbrock (Nahe Bielefeld), wo ich damals als 15-jähriger angefangen habe, über die ansässigen Klubs zu berichten. Das war sicherlich der Einstieg, da sich dort die Leidenschaft entwickelt hat und ich gemerkt habe, dass mir der Sportjournalismus gefällt.

In meinem Praktikum im Januar 2000 beim DSF, wo ich das erstes Mal ein bisschen mit dem Mikrofon schnuppern und Beiträge vertonen durfte, stellten die jeweiligen Menschen, die da was zu sagen hatten, schnell fest: Der kann tatsächlich geradeaus sprechen und hat auch nicht so eine schlechte Stimme, also kann man den ein bisschen pushen.

Anschließend ging es eigentlich relativ schnell. Auch aufgrund der internationalen Leidenschaft, die ich schon seit ewigen Zeiten habe, durfte ich bei “Laola” kommentieren. Nach kurzer Zeit kam die Bundesliga dazu mit Bundesliga Pur”. Auf dem Weg war natürlich entscheidend, dass ich mit Diethelm Straube einen Chef hatte, der mich sehr gefördert hat.

2004 rief mich dann der damalige Premiere-Sportchef Benno Neumüller an und sagte, er wolle mich haben. Darauf folgte das absolute Highlight, der Durchbruch. Mein erstes Live-Spiel: Juventus Turin gegen Palermo aus der Serie A.

MAG:: Wie sind deine Erinnerungen an dein erstes Live-Spiel, besonders in Anbetracht deiner heutigen Leistungen?

Hagemann: Allgegenwärtig. Das vergisst man nie, dieses Live-Spiel, das war ein Sonntagabend und ich weiß nicht, wie viele Stunden und Tage ich mich darauf schon vorbereitet habe.

Ich habe damals schon mit Claudio Miele zusammen gearbeitet, der fließend Italienisch spricht, was ich nicht tue, und habe mit ihm sämtliche Gazetten dieser Welt durchforstetet. Ich habe unzählige Seiten mit Geschichten und Statistiken gefüllt.

Das war aufregend, dass ist überhaupt keine Frage. Wenn ich mir das heute noch einmal anhöre, was ich ab und zu mal tue, dann merkt man schon eine gewisse Entwicklung. Man hörte damals die pure Nervosität hinter dem Mikrofon, die große Anspannung.

Das heißt jetzt nicht, dass ich vor einem Spiel nicht mehr nervös oder angespannt bin. Aber ich glaube, aufgrund der Routine und der Erfahrung habe ich das ganz gut in den Griff bekommen. Aber damals war das “Um Gottes Willen, jetzt habe ich meinen Traum tatsächlich erfüllt“. Und es ist immer wieder ein Traum, der in Erfüllung geht.

MAG:: 1. Bundesliga, 2. Bundesliga, Primera Division, Premier League als Konferenz, Live-Spiel oder Spieltags-Zusammenfassungen für Premiere. Bei Eurosport die Zusammenfassungen der europäischen Fußballwoche, unzählige Jahrgänge der Junioren- bzw. Juniorinnen-Spiele, A-Länderspiele der Herren und Damen, auch aus Asien und Afrika der Herren und Damen, sowie Tennisspiele. Im deutschen Kommentatorenwesen bist du der “Running-Man”. Du hast doppelt so viele Einsätze wie die Nummer zwei. Wie sieht da ein Tagesablauf ohne Fußball aus, oder gibt es diese Tage gar nicht?

Hagemann: (lacht) Ganz selten. Ich glaube, gerade wenn man das Hobby zum Beruf gemacht hat – und es bleibt ja letztendlich ein Hobby – dann guckt an einem freien Tag beim Fernsehen auch in den Videotext: Was gibt es eigentlich neues, was hat sich getan? Man macht trotzdem den Computer an, um Mails zu checken und natürlich landet man dann auf den Sportseiten oder auf den englischen Zeitungen, wo ich fast täglich bin und mir die Artikel durchlese. Das ist einfach eine Leidenschaft – das gehört einfach dazu in meinem Leben und die freien Tage ohne Fußball, ohne Fußballinformation, die hat es glaube ich noch nie gegeben.

Aber ansonsten der Tagesablauf an sich, wenn man frei hat, dann versuch ich schon mich zu bewegen, ein bisschen Sport zu treiben, natürlich auch zu lesen, abzuschalten, zu entspannen, vielleicht mal ein paar Tage wegzufahren, um mal den Kopf wieder ein bisschen frei zu kriegen.

MAG:: Ein Kommentator führt den Zuschauer durch das Fußballspiel und füttert ihn mit wichtigen Statistiken, Einschätzungen und interessanten Randgeschichten. Woher beziehst du diese ganzen Informationen?

Hagemann: Wir bekommen, ich kann jetzt insbesondere von Premiere sprechen, statistische Angaben von der Datenbank “Impire”. Das kann man sich so vorstellen: Man bekommt eine Infomappe von ungefähr 100 Seiten mit allgemeinen Statistiken zu den Mannschaften und sehr detaillierten Informationen zu den jeweiligen Spielern. In der 2. Liga ist es ein bisschen dünner, da sind es dann meistens 25 bis 30 Seiten. International muss man sich halt durch die verschiedenen Tageszeitungen durchwühlen, da gibt es aber genügend. Zum Beispiel in England, die sind da alle komplett fußballverrückt. Da kriegt man wirklich viele Informationen.

Es geht einfach darum, bis ins kleinste Detail – so mache ich das jedenfalls – zu recherchieren. Jeder Frage, die sich stellt, hinterher zu gehen und sie irgendwie zu beantworten. Nicht zu vergessen, die Kontaktpflege ins Ausland, mit Telefonaten bei den englischen Sportredaktionen, bei denen man sich noch ein paar Geschichten holt.

“Manchmal gibt es nichts Richtiges und nichts Falsches”

MAG:: Inwiefern unterscheidet sich die Premiere-Berichterstattung von der Arbeit bei Eurosport?

Hagemann: Von den Live-Spielen an sich gibt es eigentlich keinen großen Unterschied. Wir bekommen bei Eurosport auch genügend Informationen vorab, was Statistiken anbelangt.

Bei Magazin-Sendungen von Eurosport, wie “Eurogoals”, die wir Montagabends um 18 Uhr live vertonen, gibt es wohl den gravierendsten Unterschied. Es ist nichts aufgezeichnet, und wir bekommen im Vorfeld nur Skripts per E-Mail zugeschickt. In denen steht, wie die Sendung geschnitten ist. Aber die Bilder sehen wir dann tatsächlich erst wenn die Sendung läuft. Also ist man da manchmal überrascht, was kommt, weil man keine Zwischenschnitte kennt oder ähnliches.

Ansonsten, was die Vorbereitung oder das Kommentieren anbelangt, bin ich so wie ich auch bei Premiere bin, da verstelle ich mich nicht.

MAG:: Zuletzt hast du beispielsweise Südkorea – Nordkorea kommentiert. Wie trägst du für so ein exotisches Spiel die nötigen Informationen zusammen?

Hagemann: Nordkorea ist definitiv schwieriger als Südkorea, da Nordkorea nicht das Land mit der größten Pressefreiheit ist, das es gibt. Die sagen gar nichts. Ich habe mal den Verband angeschrieben. Da kommt keine Antwort. Die hätte ich auch zehnmal anschreiben können. Die halten da alles sehr dicht. Südkorea ist wieder ein ganz offeneres Land, da bekommt man mehr Informationen. Das sind dann allgemeine Geschichten die da zusammengetragen werden. Aber bei Nordkorea, da denkst du manchmal wirklich, ich habe immer noch so ein weißes Blatt vor mir liegen und habe nicht so viel, außer den allgemeinen Nummern.

MAG:: Inwiefern muss man sich bei solchen Spielen mit Spieler-Sprach-Proben beschäftigen?

Hagemann: Ja, da sollte man durchaus Kontakte suchen die dir helfen. Das gelingt nicht immer. Wenn du als deutscher Kommentator beispielsweise nach Finnland schreibst und bittest um eine Aussprache-Liste. Die bekommst du dann, aber das können wir manchmal gar nicht umsetzen.

Ich geb’ dir ein Beispiel: Dirk Kuijt vom FC Liverpool. Der eine sagt „Kaut“, der andere sagt „Koit“. Ich habe mal einen holländischen Kollegen gefragt, der sagte zu mir, es sei eine Mischung aus “Kaut“ und “Koit“, aber das können wir nicht nachmachen. Das ist holländisch und das bleibt holländisch. Da gibt es manchmal nichts Richtiges und nichts Falsches. Auf der sicheren Seite bist du oftmals nicht.

Grafite vom VfL Wolfsburg ist auch noch so ein Fall. Da gab es ja auch lange das Hin und Her: “Grafite”, “Grafit”, “Graftitschi”, “Grafitsch”. Ich habe einen Beitrag gesehen beim NDR, da war Monica Lierhaus mit Grafite als Studiogast. Im Vorfeld hat sie gefragt “Wie heißen sie denn eigentlich?“, da sagt er “Grafitsch“ – “Ja, da haben wir das ja geklärt“. Daraufhin gab es einen Beitrag über seine Heimat, in der auch seine Mutter vorkam und sie grüßte ihn auf Portugiesisch “Viele Grüße ‚Grafite’”. Da fällst du echt vom Stuhl. Da weißte: „Ja, ihr wisst auch Bescheid“.

“Man braucht professionelle Einstellung und Ernsthaftigkeit”

MAG:: Du kommentierst auch Junioren-Spiele. Inwiefern fällt es leichter bzw. ist es schwieriger, solche Spiele für den Zuschauer interessant zu kommentieren, wo muss man Abstriche machen? Für den Zuschauer ist es schließlich ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn er U17-Spiele mit der A-Nationalelf vergleicht.

Hagemann: Ich glaube, man muss das immer einschätzen können, dem Zuschauer immer noch ein bisschen mehr an Informationen transportieren, was den Junioren-Fußball ausmacht, wie lange man in der Alterklasse spielen kann, wo die Akteure herkommen, was die Spieler schon gemacht haben. Das sind schließlich alles Fußballspieler oder Fußballspielerinnen, die noch in der Entwicklung stehen.

Genauere Informationen über die Mannschaft herauszukriegen, ist natürlich deutlich schwieriger. Zum Beispiel die U17-WM der Juniorinnen in Neuseeland. Wenn du da Kanada hast, Neuseeland oder Nordkorea insbesondere, dann sind die Informationen natürlich sehr spärlich.

Es gibt aber die FIFA-Homepage, die macht das super. Die Verbände in Teilen auch, wie England, die sehr ausführlich darüber berichten. Wenn man deutsche Spiele hat, dann ist es natürlich wunderschön, wenn man den direkten Kontakt pflegen kann. Ansonsten versucht man natürlich, den Fußballverband vorher zu kontaktieren, dass er dir einige Informationen gibt.

Bei einem A-Länderspiel, wo das ganze Land zuguckt, da gibt es natürlich deutlich mehr Informationen. Da ist es bei den Junioren natürlich schwieriger.

MAG:: Und vom Spielverlauf, zum Beispiel neulich Island gegen Irland der Damen?

Hagemann: Es macht trotzdem Spaß. Außerdem: Letztendlich muss ich es ja auch professionell machen. Ich bekomme den Einsatz Island gegen Irland zu kommentieren, ein Playoff-Rückspiel für die Europameisterschaft, und man darf immer eines nichts vergessen: Für die Frauen, die da spielen, ist es einfach ein ganz entscheidendes Ziel, sich zu qualifizieren, und da kann ich nicht einfach mal flapsig daher reden und sagen “Naja, komm! Ist nicht ganz so tragisch, das Spiel hier.”

Das muss man schon mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angehen, und das tue ich, und ich habe bei solchen Spielen genauso viel Spaß oder weniger Spaß wie in der Fußball-Bundesliga oder in der Premier League. Denn da geht es einfach um die Qualität des Spiels. Manche Spiele sind gut, manche Spiele sind schlecht. Da gibt es tatsächlich keinen Unterschied. Es geht einfach um die professionelle Einstellung, um die Ernsthaftigkeit die man überall, glaube ich, haben muss.

MAG:: Durch deine Wortgewandtheit, dein Wissen und die Freude am Fußball genießt du einen guten Ruf, hast also auch ein breites Publikum. Besonders bei deinen zahlreichen Einsätzen, wie groß ist die psychische Belastung, wenn man ständig für komplette 90 Minuten unter Strom steht?

Hagemann: Nicht groß. Na klar, man merkt irgendwann schon, ein bisschen ist der Kopf leer. Und je näher das Saisonende rückt, umso weniger kannst du in der Vorbereitung Sätze lesen wie “Die sind seit zehn Spielen ungeschlagen” und “Die sind noch drei Punkte hinter dem UEFA-Cup Platz zurück”. Das wiederholt sich natürlich in sämtlichen Ligen, dass ist gar keine Frage.

Nichtsdestotrotz ist die Belastung nicht so hoch, weil es immer ein Hobby ist und bleibt. Und deswegen ist es keine anstrengende Geschichte, sondern ich liebe halt den Beruf und mag den Fußball.

MAG:: Die Amerikaner hatten vor Kurzem die Wahl zwischen Obama und McCain. Du hast die Möglichkeit zwischen Live-Spiel und Konferenz. Wo machst du dein Kreuzchen und warum?

Hagemann: (lacht) Ich enthalte mich der Stimme. Es ist schwierig. Bei Obama und McCain kann man ja Unterschiede feststellen, der eine macht das, der andere macht das, und dann versucht man, sich seine Linie heraus zu suchen, mit der man sympathisiert.

Beim Live-Spiel oder in der Konferenz ist es fast nicht vergleichbar, denn beides hat seinen Reiz. Klar sieht man im Stadion mehr, hat die Atmosphäre um sich herum, kann auch mal abseits des Balles gucken, was wir in der Konferenz nicht können, weil wir nur den Monitor haben und nur den Ausschnitt sehen, den die Zuschauer auch sehen.

Die 6 m2 Hightec-Sauna – der Arbeitsplatz in der Konferenz hat zu jeder Jahreszeit Temperaturen wie im finnisches Bad

Aber die Konferenz hat wieder den Reiz, dass du eine Geschichte ganz schnell zu machen musst, weil irgendwo immer was passieren kann und du selbst es total spannend findest, wenn ein Kollege, wie heute Roland Evers“Tor in Karlsruhe” schreit und du dann denkst “Jetzt bin ich mal gespannt, machen die wirklich das 2:3 oder steht es 1:4?“. Es ist die Spannung in der Konferenz und im Live die Begebenheit Stadionluft zu schnuppern, Rasen zu riechen, Atmosphäre zu genießen. Aber ich genieße beides.

“Ich bin Fußballverrückt”

MAG:: Was für Marotten hast du? Mit und ohne Headset.

Hagemann: Kurioserweise zieh ich mir fast vor jeder Konferenz englische Weingummis aus dem Automaten. Die schmecken überragend, die Schwarzen kann ich nur empfehlen.

Marotten, so beruflich weiß ich gar nicht. Private Marotten: Unordentlich. Das ist sicherlich verbesserungswürdig.

Wahrscheinlich bin ich komplett fußballverrückt. Ich glaube, ich recherchiere manchmal zu viel und verbringe wirklich unzählige Stunden vor einem Fußballspiel. Mich packt es dann und dann sitze ich da bis tief in die Nacht, weil ich es einfach spannend finde.

MAG:: Wo liegen fußballerisch deine Vorlieben bzw. wie bewertest du die Unterschiede in den verschiedenen Ligen?

Hagemann: Also die Premier League, das ist meine Liga, schon von klein auf. Ich war damals mal in England, habe ein Spiel besucht mit meinen Eltern und fand es klasse. Außerdem gab es damals ab und zu in den öffentlichen Bereichen ein paar Schnipsel, wenn Liverpool z.B. mal etwas Großes gewonnen hatte. Da kam schnell die Affinität daher.

Dazu kommt, dass ich die englische Sprache liebe, ab und an in London war und mir dort mehrere Fußballspiele angeschaut habe. Da entwickelte sich die große Liebe und ich glaube, dass dort im Moment der Fußball gespielt wird, der der faszinierendste ist – in Europa.

In Südamerika gibt es nämlich auch faszinierenden Fußball, wenn die Derbys in Argentinien oder Brasilien anstehen. Das ist natürlich auch klasse.

Wenngleich es auch in der Bundesliga oder Primera División super Spiele gibt, aber die Premier League schlägt im Moment – für mich persönlich – alles. Auch von der Seele und von der Tradition.

Es kommt bald der Boxing Day, am zweiten Weihnachtstag. Da ist traditionell jedes Stadion voll. Es geht die komplette Familie hin und es ist eine ganz besondere Atmosphäre. Das finde ich überragend.

MAG:: Hand aufs Herz, für welchen Verein schlägt dein Herz?

Hagemann: Borussia Dortmund in der Fußballbundesliga und international habe ich durchaus Sympathien für den FC Liverpool.

MAG:: Du hast gesagt, du bist fußballverrückt. Inwiefern schmerzt es, dass man, wenn du Liverpool oder Dortmund kommentierst, nicht deine wahren Gefühle zeigen kannst, sondern neutral bleiben willst bzw. musst?

Hagemann: Man muss! Und da sind wir wieder bei der Professionalität, die du haben musst.

MAG:: Aber im Inneren kitzelt es doch.

Hagemann: Klar, wenn man mal nicht spricht, dann kann man schon zur Seite gehen und „Scheiße“ sagen, „was ist das eigentlich für ein Film, in dem ich hier gerade sitze“.

Aber On Air steht ganz klar die Professionalität im Vordergrund. Da muss ich neutral sein und wenn die Dortmunder mal schlecht spielen, weil der Gegner einfach gut spielt, wie in Hoffenheim, wo ich die 1:4-Niederlage kommentiert habe, da muss ich halt die Neutralität, die Objektivität, die Professionalität beweisen und sagen, Hoffenheim spielt hier einfach einen nahezu perfekten Fußball und Dortmund eben nicht. Das gelingt, dass muss gelingen!

“Wichtig ist, dass der Verein nicht seine Seele verkauft”

MAG: Inwiefern hat man ein Mitspracherecht, was die Spiele angeht, oder kommt einfach der Plan: „Hagemann – Wolfsburg gegen Cottbus!“?

Hagemann: Ja, genau so ist es.

MAG:: Man kann also nicht sagen, ich würde auch gerne mal “dieses“ Spiel kommentieren?

Hagemann: Mir ist es auch wirklich egal. Weil jedes Spiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit angegangen werden muss. Das meine ich gar nicht despektierlich, ob es Cottbus gegen Wolfsburg ist oder Bayern gegen Dortmund. Beide Spiele haben ihre Berechtigung.

In England z.B. hat Arsenal gegen Manchester seinen Reiz oder Liverpool – Manchester, weil da natürlich auch eine große Tradition herrscht. Aber ich mache auch sehr gerne Hull City gegen Blackburn. Das hat auch was.

MAG:: Du bist in England, da bleiben wir in England: Zu Saisonbeginn sorgte Manchester City für Aufsehen. Die Premier League liegt im Großen und Ganzen in den Händen von Investoren, in Hoffenheim polarisiert Dietmar Hopp und in Hannover will man die 50+1 Regel kippen. Wie stehst du dazu, dass der traditionelle Fußball vom kommerziellen überflutet wird?

Wichtig ist, dass der Verein an sich nicht seine Seele verkauft.

Beispiel Hoffenheim: Was dort geleistet wird, finde ich phänomenal. Natürlich hat Dietmar Hopp eben das nötige Kleingeld, um diesen Verein nach vorne zu bringen, aber man darf nicht vergessen, das tut er in jedem Bereich. Die haben eine überragende Jugendabteilung, er hat selbst dort mal gespielt, und es ist sein großer Traum, diesen Verein zu etablieren, in jedem Bereich. Die haben da auch gute Golfer, was ich mal von Franz Beckenbauer gehört habe. Und da wird alles mit Klugheit gemacht, und das hat meinen vollen Respekt, da finde ich es okay.

Bei Manchester City, da kommt irgendeiner daher, der ein paar Milliarden auf dem Konto hat, kauft sich da irgendeinen Verein und da tue ich mich damit schwer, ob er sich tatsächlich damit identifiziert. Da verkauft der Verein dann, meiner Meinung nach, seine komplette Seele. Nur, um sich vielleicht einen kurzfristigen Erfolg zu erhaschen. Das geht meistens nicht gut. Siehe ManCity. Ich glaube nicht, dass sie die große Konstanz beweisen und dass es aufgeht.

Ich halte das für fragwürdig. Ich finde schon, dass der Verein an sich die eigene Kontrolle behalten sollte und nicht Hinz und Kunz, von irgendeinem Investor, der meint, jetzt irgendeinen Verein kaufen zu können, nur um mal ein paar vermeintliche Topspieler, in seinem Verein zu haben und die Fans zu beglücken. Ich glaube, auf Dauer geht das nicht gut, weil die Seele kaputt geht.

MAG:: Und wann wird die erste “Marco Hagemann Kommentatoren-Schule” eröffnet?

Hagemann: (lacht) Ich weiß gar nicht, ob ich das will (lacht). Nein, es ist schön, wenn dich viele positiv sehen, ich hoffe, es gibt auch welche, die mich negativ sehen, weil sowohl von positiver als auch von negativer Kritik entwickelt man sich. Ich bin jetzt gerade 32 geworden und ich glaube, ich habe noch genügend Entwicklungspotenzial und ich brauche keine Kommentatorenschule aufmachen. Ich kann gerne Tipps geben und mir viele Dinge anhören, aber jeder sollte seinen eigenen Weg, seinen eigenen Stil finden und keinen kopieren. Das ist das Allerwichtigste.

“Kongo gegen Costa Rica wäre der Wahnsinn”

MAG::Was machst du am 11. Juli 2010?

Hagemann: (lacht) Mal gucken, vielleicht in Südafrika sein. Das wäre überragend, wenn ich da im Stadion sitze in Südafrika und mir das anschauen kann.

Klar, die Weltmeisterschaft ist ein Ziel. Ich habe das Glück gehabt 2006 bei der WM bei Premiere mitzuarbeiten, leider kein Live-Spiel kommentieren zu dürfen. Ich glaube aber, dass ich mich in den vergangenen zwei Jahren deutlich weiterentwickelt habe und es wäre der Wahnsinn, wenn ich da ein Spiel zwischen Kongo und Costa Rica kommentieren könnte. In Südafrika dabei zu sein und ein Spiel machen zu dürfen, wäre sensationell.

MAG:: Das Internet gewinnt immer mehr an Priorität. Auf welchen Seiten bzw. in welchen Foren bist du Stammgast? Oder vertraust du primär den Printausgaben und Telefonaten?

Hagemann: Sowohl als auch. Das Internet wird immer wichtiger, man kann ja alles abrufen, was es so abzurufen gibt.

Wenn man in die Geschichte gehen will, auch bei der Recherche, dann hilft das Internet ungemein. Ich frage mich heute “Wie haben die das in den 70, 80er Jahren gemacht?“ Natürlich war der Kommentarstil ein ganz anderer, weil da nicht die Informationsflut da war, weil es eben kein Internet gab. Ich bin da wirklich abhängig vom Internet, das ist überhaupt keine Frage.

Guardian, Independent, Times, Mirror, Sun, Kicker es gibt so viele Internetseiten und komischerweise findet man durch die Recherche immer wieder welche, die man so gar nicht auf dem Plan hatte. Es gibt jedoch keine Seite, auf der ich am häufigsten bin – das variiert.

Natürlich lese ich auch weiter die Printmedien und das Allerwichtigste ist der persönliche Austausch, also der Kontakt zu den einzelnen Menschen.

MAG:: Zum Schluss die entscheidende Frage: Wie oft liest du hier im Forum mit und unter welchen Namen bist du angemeldet bzw. wirst dich anmelden?

Hagemann: Angemeldet bin ich in keinem Forum. Ich habe mal das Digitalfernsehen.de Forum gesehen und kennengelernt. Aber wie gesagt, ich kenne die Masse der Leute nicht, die da schreiben. Und wenn sie es positiv meinen, dann freue ich mich tierisch darüber. Wenn sie es negativ schreiben, dann bin ich keiner, der dann sagt “Was ist denn jetzt los?“. Die nehme ich mir dann auch zu Herzen. Das sind Zuschauer und ob es jetzt fünf sind oder fünf Millionen, spielt in dem Moment keine Rolle.

Ich bin aber kein aktiver Forenuser, weil ich möchte ja meinen Weg weitergehen und meinen Stil beibehalten und das ist ja das alles entscheidende. Ich muss mich da selbst überprüfen, bin da sehr selbstkritisch mit mir und höre mir im Nachhinein viele Spiele noch einmal an.

Es ist natürlich klasse, wenn viele sagen “der gefällt uns“. Dann weiß ich, so schlecht kann es nicht sein. Das ist schön, aber ich bin da kein Aktiver.

MAG:: Also kann man im Fußball-Forum die Reservierung für den Nickname “MarcoHagemann” auflösen?

Hagemann: Den braucht man nicht reservieren, nein. (lacht)


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