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Halbzeitbilanz Bundesliga: Die Meisterschaft geht nur über den FC Bayern

27. Januar 2009, 02:14 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Die Hinrunde des FC Bayern


Bayern München

Der Saisonverlauf

Es begann schleppend. Sogar sehr schleppend. Nach den ersten sechs Spielen hatte der FC Bayern den schlechtesten Saisonstart seit 31 Jahren hingelegt: Platz 9 bei nur 8 Punkten kam in München einer mittleren Katastrophe gleich. Als dann am 7. Spieltag das Heimspiel gegen die vermeintlich auswärtsschwachen Bochumer trotz einer 3:1-Führung nicht gewonnen werden konnte (Endstand 3:3), geriet Trainer Jürgen Klinsmann endgültig in die Kritik der Medien. Uli Hoeneß sprach zwar stellvertretend für die Vereinsleitung seinem Trainer Jürgen Klinsmann demonstrativ die volle Unterstützung aus, doch man spürte die Nervosität, die an der Säbenerstraße herrschte.

Der Saisonverlauf

Platz: 2
Punkte: 35 – 10 S/5 U/2 N
Heim: 17 – 5/2/1
Auswärts: 18 – 5/3/1
Bester Schütze: Toni 9
Bester Scorer: Klose 12 – 6 Tore/6 Vorlagen
Zuschauerschnitt: 69.000 / Auslastung: 100%
Fair-Play-Wertung: Platz 13 / 43 Punkte

Dies war für die Vereinsleitung wohl die Zeit, sich stärker in die sportlichen Belange einzuschalten. Man hatte richtig erkannt: Klinsmann wollte zuviel – und das zu schnell. Seine taktischen Experimente mit der Dreierkette und die konsequent betriebene Rotation waren unter einer mittel- und langfristigen Sicht sicherlich sehr sinnvolle Maßnahmen, doch in München müssen stets die Ergebnisse stimmen. Wie bei der Nationalmannschaft korrigierte sich Klinsmann, stellte auf das 4-4-2-System um und formte seine Stammelf. Michael Rensing, der in seiner ersten Saison als Nummer 1 besonders unter den Defiziten in der Defensivbewegung zu leiden hatte, brachte es im Interview mit der AZ rückblinkend auf den Punkt.

“Wir haben viel am System umgestellt und hatten keine eingespielte Hintermannschaft. Durch das neue System wurde viel ausprobiert, dadurch wurden wir variabler. Einige Spieler kamen auch erst so spät zur Vorbereitung, dass sie noch nicht fit waren. Nach der letzten Saison dachten wir vielleicht schon, dass 70 Prozent reichen, die Gegner zu schlagen, am Anfang dieser Saison haben wir ruckzuck gemerkt, dass das nicht geht. Aber nach einigen heftigen Gesprächen haben wir gemerkt, dass wir uns den Hintern noch mehr aufreißen müssen. Mittlerweile sind wir ganz die Alten, es läuft hervorragend auch in der Champions League.”

Es folgte am 8. Spieltag ein hart erkämpfter Sieg beim KSC (1:0), der wieder spielerische Mängel offenbarte. Doch das Ergebnis stimmte. Uli Hoeneß war es wieder, der das Wort ergriff und verkündete, dass die Bayern jetzt eine Serie hinlegen würden und sogar noch die Herbstmeisterschaft holen könnten. In den diversen Massenmedien und Internetforen erklärte man den Bayern-Manager für verrückt. Doch der hatte sein Ziel erreicht, weil er sich in die Schusslinie brachte und der Mannschaft samt Trainer ein wenig Deckung verschaffte.

Eine Woche später überzeugten die Bayern beim 4:2 gegen den VfL Wolfsburg. Die Mannschaft zeigte absoluten Willen, präsentierte sich mental und physisch topfit und war in der Lage, einen 0:2-Rückstand umzubiegen. Die Folgeprobleme der schlechten Saisonvorbereitung – wegen der Europameisterschaft und diverser Verletzungen stiegen eine Reihe von Spielern erst sehr spät ins Training ein – schienen gelöst. In taktischer Hinsicht lief vieles zwar noch nicht rund, dennoch war eine klare Steigerung zu erkennen. Danach legten die Bayern tatsächlich eine imponierende Serie hin und holten aus den restlichen acht Spielen der Hinserie 20 von 24 möglichen Punkten. Zur Herbstmeisterschaft reichte es trotz des Sieges in einem wunderbaren Fußballspiel gegen Spitzenreiter Hoffenheim (2:1, vorletzter Spieltag) wegen der schlechteren Tordifferenz nicht.

Als “gefühlter Herbstmeister” (Uli Hoeneß) kann der FC Bayern nach den ersten 17 Spielen mehr als zufrieden sein. Die Startschwierigkeiten sind überwunden, das Team spielt geschlossener und konnte auch am Ende der Hinserie noch einmal zulegen.


Personalien

Neben den Korrekturen, die Jürgen Klinsmann anbrachte, trägt der positive Umschwung einen Namen: Franck Ribéry. Der kleine Franzose stieg am 6. Spieltag nach einer Verletzung aus dem EM-Turnier wieder ins Geschehen ein und spielt ohne größere Anlaufschwierigkeiten eine überragende Saison. Zu Recht wurde er sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland zum Fußballer des Jahres sowie zusammen mit Philipp Lahm in die FIFA-Elf des Jahres und die UEFA-Elf gewählt.

Aber die beeindruckende Serie ist nicht nur auf Franck Ribéry zurückzuführen; das gesamte Team hat sich stabilisiert. Insbesondere die Defensivbewegung funktioniert besser als zu Beginn der Saison. Zé Roberto und der zwischenzeitlich auf die Bank degradierte Kapitän Mark van Bommel zeigen sich mittlerweile gut abgestimmt und sorgen für Entlastung der Abwehrreihe. Dort sind mit Philipp Lahm, Lúcio und Martín Demichelis drei Plätze fest vergeben. Nur auf der rechten Seite gab es zwischenzeitlich einen Wechsel von Christian Lell auf Massimo Oddo, der italienischen Leihgabe vom AC Milan, die notwendig geworden war, weil Willy Sagnol aufgrund einer hartnäckigen Verletzung keinen Anschluss mehr an das Team schaffte und seine Karriere wohl beenden wird. Gleichzeitig verabschiedete sich Marcell Jansen nach Hamburg, da er keine sportlichen Perspektiven bei den Bayern mehr für sich sah.

Der junge Breno hat seine Klasse, die er zuletzt im Trikot der brasilianischen Olympiamannschaft in Peking zeigte, in München bislang nicht unter Beweis stellen dürfen. Daniel van Buyten kam immerhin auf zehn Bundesligaeinsätze, ist aber in der Innenverteidigung nur die Nummer drei hinter Lúcio und dem Argentinier Martín Demichelis. Dessen Landsmann José Sosa wird sich nach zwei erfolglosen Jahren wohl aus München verabschieden. Er soll eventuell nur ausgeliehen werden; im Gespräch sind Espanyol Barcelona und US Palermo. Sosas Chancen, sich ins Team zu spielen, waren spätestens nach der Rückkehr von Hamit Altintop weiter gesunken. Der Deutschtürke ist nach seiner langen Verletzung die neue alte Hoffnung auf der vergleichsweise schwachen rechten Seite, der es chronisch an Durchschlagskraft fehlt.

Weder Bastian Schweinsteiger noch Toni Kroos konnten dort überzeugen; während Schweinsteiger seinen Vertrag bei den Bayern vorzeitig bis 2012 verlängerte, ist Supertalent Kroos in München sehr unzufrieden und spricht offen von einem Vereinswechsel, den die Klubleitung bislang allerdings kategorisch ablehnt. Etwas besser konnte sich Andreas Ottl etablieren. Das Münchener Eigengewächs ist zu einem der wichtigsten Ergänzungsspieler (12 Einsätze) im Spiel des FC Bayern geworden und liefert immer sehr solide Leistungen ab.

Seine erste Saison in München spielt Tim Borowski. Der Ex-Werderaner ist ebenfalls noch nicht über die Rolle des Ergänzungsspielers hinausgekommen, kam aber in 16 Bundesligaspielen zum Einsatz und hat immerhin fünf zum Teil sehr wichtige Tore geschossen. Im Sturm hat sich Jürgen Klinsmann eindeutig auf Miroslav Klose und Luca Toni festlegt. Beide konnten zwar noch nicht an die Topform des Vorjahres anschließen, zeigen jedoch aufsteigende Form und haben mit sechs bzw. neun Toren maßgeblich zum Münchner Erfolg beigetragen. Lukas Podolski (11 Spiele, 3 Tore) hingegen enttäuschte auf ganzer Linie und wird nach langem Transfertheater im Sommer in seine Kölner Heimat zurückkehren. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der FC Bayern mit Landon Donovan einen vierten Stürmer nach München geholt hat. Der US-Nationalstürmer von Los Angeles Galaxy soll leihweise mindestens bis zum 15. März bleiben, unter Umständen auch länger.

Bereits mit Blick auf die neue Saison hat der FC Bayern sich bemüht, den Vertrag mit Zé Roberto um ein Jahr zu verlängern. Der technisch versierte Brasilianer, der mit 34 Jahren seinen zweiten Fußballfrühling erlebt, zögert noch, doch die Zeichen stehen gut. Ebenfalls um ein Jahr soll mit Mannschaftsführer Mark van Bommel verlängert werden – ein Angebot, das der Niederländer aufgrund der kurzen Vertragslaufzeit ziemlich deutlich zurückwies. Bei beiden Personalien könnte es ein Pokerspiel werden, da immer noch nicht klar ist, ob der FC Bayern seinen Wunschspieler im zentralen Mittelfeld bekommen wird: Anatoly Tymoschuk. Der Ukrainer gilt nach den grandiosen Auftritten mit Zenit St. Petersburg im UEFA-Cup als absoluter Top-Spieler auf der Sechser-Position und könnte die Mannschaft noch einmal qualitativ verbessern.


Trainer und Umfeld

Nach den anfänglichen Schwierigkeiten zu Saisonbeginn hat sich Jürgen Klinsmann in München fest etablieren können. Die Vereinsleitung unterstützte ihn in allen Phasen – insbesondere gegen die Springer-Presse, die Klinsmann bereits auf die Abschussliste gesetzt hatte. Die Geschlossenheit der Bayern-Bosse machte sich bezahlt; der Trainer und sein Team können konzentriert arbeiten, was sich auf dem Platz sehr positiv bemerkbar macht.

Intern hat Jürgen Klinsmann die Zügel wohl etwas angezogen und ist, wie eingangs bereits erwähnt, von taktischen Experimenten und der Rotation abgewichen. Wer den eigensinnigen, aber nicht beratungsresistenten Schwaben kennt, weiß, dass dies noch nicht das Ende seiner Idee vom radikal offensiven Fußball ist. Es wird interessant sein zu sehen, ob die Bayern noch einmal von der Vierer-Abwehrkette abrücken und in der Folge auch mit einer anderen Mittelfeldformation spielen werden. Die Tatsache, dass man Toni Kroos unter keinen Umständen abgeben wird und den Vertrag mit Bastian Schweinsteiger frühzeitig verlängerte, deutet darauf hin, dass man daran arbeitet, die kreative Position im zentralen Mittelfeld, also die klassische 10er-Position, wieder zu besetzen.

Experimente bergen immer die Gefahr des Scheiterns in sich. Doch der FC Bayern weiß, dass er sich in allen Bereichen modernisieren muss. Jürgen Klinsmann wurde nicht geholt, um das Erbe Ottmar Hitzfelds zu verwalten


Die Saisonziele, Prognose

Die Bayern wollen die Meisterschaft. Alles andere wäre eine Enttäuschung. Ärgster Konkurrent ist vorläufig Herbstmeister Hoffenheim, der allerdings durch den Ausfall von Top-Scorer Vedad Ibisevic einen harten Rückschlag zu verdauen hat und sich in der Rückrunde zudem auf eine härtere Gangart einstellen muss. Aber auch Vereine wie Hamburg, Leverkusen oder sogar Bremen haben Potential, noch einmal entscheidend in das Meisterschaftsrennen einzugreifen. Dennoch: Sofern der FC Bayern von großem Verletzungspech verschont bleibt und mit der zusätzlichen Belastung durch den DFB-Pokal und der Champions League einigermaßen zurecht kommt, sollte am Ende dieser Bundesligasaison die Schale in München bleiben. Oder wie es Kölns Coach Christoph Daum formulierte: “Die Mannschaft, die Meister werden will, muss am FC Bayern vorbei.”



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