Bundesliga - Die MAG-Analyse: München und Klinsmann. Das Missverständnis.
21. April 2009, 13:40 geschrieben von informer, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Ob Uli Hoeneß eine Fata Morgana gesehen hatte? Hoeneß frohlockte im Winter-Trainingslager in Dubai: “Der Anpassungsprozess ist abgeschlossen.” Damals war die Welt noch in Ordnung: München stand punktgleich mit Überraschungsherbstmeister und Aufsteiger Hoffenheim an der Tabellenspitze, war auf Kurs im DFB-Pokal und in der Champions League. Bingo. Man brauchte nur die passende Vase aus der Vitrine für die verschiedenen Erfolgsblumen zu holen, die man in der Hand hielt. Seine Entscheidung für den Trainernovizen Klinsmann schien Hoeneß einmal mehr zu bestätigen, der Topmanager unter den Managern der Fußball-Bundesliga zu sein.
Vier Monate später. Uli Hoeneß’ Kopf ist viel besser durchblutet als gegen Ende der Hinrunde, manche Mediziner raten gar schon kardioprotektive Mittelchen an. Kalkweiße Gesichter Karl-Heinz Rummenigges werden in den Medien veröffentlicht. In München ist man dabei, die Übelkeit zu verarbeiten, die den Verein und die Spieler angesichts der turbulenten Rückrunde ergriffen hat. Tolle Spiele gegen Lissabon waren dabei, aber auch drei Niederlagen in den ersten vier Ligaspielen, dazu eine streckenweise blamable Leistung der Münchener im DFB-Pokal, was zum Ausscheiden gegen Leverkusen führte – und eine historische Lehrstunde beim FC Barcelona stehen zu Buche. Speziell der Auftritt in Barcelona war für viele Medien Anlass, einen Reporter als Klinsmanns Bodygard zu installieren, denn er könnte ja jederzeit sagen, dass er das rot-weiße Handtuch wirft. Zumal der mitunter als Verbaltsunami daherplaudernde Kaiser Franz Klinsmann quasi vor dem Auftritt in Barcelona zum Abschuss freigab, in dem er sagte, dass man eine Analyse treffen und “möglicherweise reagieren” werde.
Klinsmanns System ist Veränderung
Klinsmann selbst sagte nach dem – Entschuldigung – Auftritt in Barcelona, dass er Trainer bleibe. Nun ist Klinsmann noch ein Stück entfernt, Deutschlands schlauester Bürger zu sein, aber selbst ihm dürfte nicht entgangen sein, dass ein Trainer in den seltensten Fällen selbst über den Verbleib auf dem Münchener Stuhl entscheidet – das übernehmen meistens andere.
Um seine Handlungsfähigkeit zu zeigen, hat Jürgen ‘die Reform’ Klinsmann einen großen Wandel vollzogen. Zunächst begrüßte Klinsmann die Mannschaft mit den Worten, jeden Spieler besser machen zu wollen. So weit, so gut. Die Umgestaltung des Tagesplans für Spieler und des Trainingsgeländes sowie des Zugangs der Öffentlichkeit wurden schon kritischer beäugt. Ebenso der große Betreuerstab. Für viele Spieler unverständlich war die Entscheidung, Englisch als Mannschaftssprache einzuführen. Als dann noch Veränderungen im Kader vorgenommen wurden, indem man Jungnationalspieler Jansen verkaufte und den routinierten Oddo auslieh, wurden die ersten Fans intensiver skeptisch. Denn was dann folgte, überstieg offenbar den Geist der Mannschaft. Das Ausprobieren von Systemvarianten brachte das Gefüge durcheinander, dazu kastrierte Klinsmann Mannschaftskapitän van Bommel. Erst das Festhalten am Hitzfeldschen 4-4-2 brachte den Erfolg vor der Winterpause zurück. Klinsmanns Probezeit schien wie das Kaputtmachen eines Hauses aus Bausteinen, die er zu einem anderen Haus zusammensetzen wollte.
Klinsmann steht für Turbulenzen, nicht für gleichförmigen Erfolg
Doch wer geglaubt hatte, die Schwierigkeiten mit Klinsmann seien mit der Rückkehr zum 4-4-2 ausgestanden, sah sich getäuscht. Die Rückrunde begann holprig. Nach dem Ausscheiden aus dem DFB-Pokal in Leverkusen sowie dem 1-5 in Wolfsburg schien der Tiefpunkt erreicht. So kann man sich täuschen. Denn während man in Wolfsburg eigentlich gut mithalten konnte (schon das allein sagt, wie dramatisch in München die Lage ist: wenn man mit Wolfsburg mithalten kann!), konnte man das in Barcelona in keiner Phase des Spiels mehr. Nach dem Wolfsburg-Spiel hatte Klinsmann übrigens wieder einmal unorthodox ins Mannschaftsgefüge eingegriffen und Butt zum Ball-aus-dem-Netz-Holer befördert und damit die hinter vorgehaltener Hand stattfindende Torwart-Diskussion öffentlichkeitsfähig gemacht. Ohne Erfolg. München präsentierte sich in Barcelona wie nie zuvor auf der europäischen Bühne: hilf- und wehrlos wie ein Hündchen mit Maulkorb und drei Beinen im Wald, das einen Herzinfarkt erleidet, wenn ein Blatt vom Baum herniederfällt. Selbst die viel gescholtene Hertha hatte im UEFA-Cup bei den peinlichen Auftritten gegen unaussprechliche Mannschaften niemals ein solches Ballgerumpel angeboten.
Der Fall Klinsmann wird in München in die Geschichte eingehen. Denn wie Gentleman Trapattoni stellte sich Klinsmann zunächst vor die Mannschaft. Zuletzt keilte Klinsmann aber schon verbal aus und steht quasi kurz vor der berühmten Wutrede Trapattonis, die für ihn faktisch den Abschied aus München bedeutete. Radikalreformer Klinsmann hatte von Beginn an Skepsis bei den Fans ausgelöst. Sein offensives Fußballverständnis spaltet die Gemüter, aber das allein ist es nicht. Klinsmann ist Kummer gewohnt. Erinnern wir uns an den März 2006, als Italien die deutsche Mannschaft mit 4-1 schlug und bis auf die Knochen blamierte. Trotz trockenen Wetters stand Klinsmann wochenlang wie ein begossener Pudel in der Öffentlichkeit. Doch er schaffte die Wende und führte die DFB-Elf ins Halbfinale.
Unter Klinsmann spielt München nach Ansicht der Fans schlechten Fußball – und das mit dem Erfolgsteam des Vorjahres
Auch in München kann Klinsmann noch Erfolg haben und Meister werden. Es sind nur drei Punkte und wenige Törchen bis Platz 1. Das Restprogramm spricht nominell nicht gegen die Münchener. Reformer Klinsmann selbst auch nicht. Er sagt: “ich habe noch eine gewaltige Energie in mir, das Ding hier durchzuziehen, beruflich und familiär.”
Sorge bereitet den Fans aber die Tatsache, dass ein Kader, der in wesentlichen Punkten identisch mit dem Erfolgskader des Vorjahres ist, einen solch schlechten Fußball anbietet. Das ist Klinsmanns eigentliche Krux, und das wird auch der Punkt sein, der Klinsmann das Genick brechen wird. Denn Klinsmanns Fußball ist weder besonders attraktiv noch erfolgreich – zumindest bisher nicht. Ob er die Zeit hat, den Spieß umzudrehen? Fraglich. In der Süddeutschen Zeitung sagte Klinsmann selbst, dass “er und sein Stab in Frage gestellt werden, wenn wir nicht gleich im Jahr eins Erfolge erreichen”. Nun denn. Hoch lebe die Meisterschaft. Denn alle anderen Wettbewerbe sind für München kein Thema mehr. Vielleicht ein Vorteil, zumindest gegenüber dem HSV, der noch auf allen Hochzeiten tanzt. Wolfsburg hingegen kann sich auch vollends auf die Liga konzentrieren. Vielleicht entscheidet also Ex-Trainer Magath mit über die Zukunft des jetzigen Münchener Trainers Klinsmann. Momentan sieht es schlecht aus für Jürgen, den Veränderer. Es wird ein spannendes Finale der Saison 2008/2009.
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Gute Arbeit Informer.
Als hättest du meine Gedanken gesammelt.
Bei den Bayern wird halt Erfolg gefordert. Wenn man das nicht Bieten kann und jeden Spieler jeden Tag einbisschen schlechter macht, muss man seine koffer packen.
Aber auch wenn die Bayern Meister werden wird er IMO seine Koffer packen müssen.
Wirklich sehr guter Beitrag!
— wubanger Apr 22, 02:46 #
Leider habt ihr vermutlich Recht, dass nächstes Jahr jemand anders beim FCB auf dem Trainerstuhl sitzen wird. Ich finde, man sollte Jürgen noch mehr Zeit und vor allem besseres Personal geben. Grundsätzlich hat Informer sicher Recht, wenn er schreibt, dass der Kader gegenüber letztem Jahr fast identisch ist. Man darf aber nicht vergessen, dass man letztes Jahr mit dem “Erfolgskader” beinahe gegen die Spanische Topmanschaft Getafe ausgeschieden wäre und dann in St. Petersburg sang und klanglos ebenfalls 4:0 ausgeschieden ist. In Barcelona haben dann gegenüber dem letzten “Erfolgskader” Spieler wie Kahn, Lahm, Klose und Lucio gefehlt. Gegen diese Barca Mannschaft hätte diese Bayern Mannschaft auch mit jedem anderen Trainer hoch verloren. Man hat zu Anfang der Saison einfach den Fehler gemacht zu meinen, mit schlechterem / weniger Personal (nur 3 Stürmer, wo gibt’s denn sowas) allein durch einen neuen Trainer mehr erreichen zu können. Und das hat sich jetzt als Fehleinschätzung herausgestellt.
— andi_s Apr 23, 21:59 #