[Champions League 08/09] Barça vs. ManUtd. Vorschau zum Treffen der Giganten in Rom
25. Mai 2009, 17:53 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Int-Fussball.
Am kommenden Mittwoch steht mit dem Finale in der Königsklasse der Höhepunkt im europäischen Vereinsfußball der Saison 2008/09 an. Manchester United und der FC Barcelona streiten in der italienischen Hauptstadt Rom um die wertvollste Trophäe des Kontinents. Das MAG deckt in seiner Vorschau viele Gemeinsamkeiten, aber auch einen großen Unterschied auf.
Treffen der Stars und zweier Trainergeneration
Wenn am Mittwoch im Stadio Olimpico um 20:45 Uhr der Schweizer Referee Massimo Busacca das diesjährige Champions-League-Finale anpfeift, werden rund um den Erdball Millionen von Fußballfans gespannt in die italienische Hauptstadt blicken, um dem Kampf um Europas Thron gebannt mitzuverfolgen. Gegenüber stehen sich zwei absolute Schwergewichte des Kontinents – zwei Mannschaften, die in ihrer Heimat eine exponierte Stellung einnehmen und weit über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus überaus beliebt sind, zwei Teams, die viele Gemeinsamkeiten haben und deren größter Unterschied beim Blick auf die Trainerbänke deutlich wird. Die Rede ist von Manchester United und dem FC Barcelona.
Beide Clubs schauen auf eine ruhmreiche und erfolgreiche Geschichte zurück, es gibt kaum einen Titel, der nicht errungen wurde mit einem dazu passenden Pokal im Trophäenkabinett. Nicht nur im jetzigen Kader der beiden Giganten stehen absolute Weltstars, schon in der Vergangenheit hatten die Red Devils und Barça eine Vielzahl von absoluten Ausnahmekönnern in ihren Reihen – in beiden Clubs zählt das “Besondere”, Spieler die sich von anderen abheben und den eigenen Verein somit auch. So sind beispielsweise die Namen von Sir Bobby Charlton, George Best, Eric Cantona, Roy Keane und Spiceboy David Beckham untrennbar mit Manchester United verbunden, unvergessen im Trikot der Blaugrana sind unter anderem Paulino Alcántara, Johann Cruiff, Migueli, Antoni Zubizarreta, Bakero, Bernd Schuster, Hristo Stoichkov oder die Brasilianer Romario, Ronaldo und Ronaldinho – und diese Liste ließe sich problemlos fortführen. Die Namen der heutigen Stars aufzuzählen ist müßig, in Zeiten nahezu umfassender Medienpräsenz kennt jedes am Fußball interessierte Kind Spieler wie Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney, Thierry Henry, Xavi oder Lionel Messi.
Neben der Tatsache, dass beide Vereine zu den umsatz- und mitgliederstärksten auf dem Globus zählen und mit dem Old Trafford beziehungsweise dem Camp Nou jeweils über die größten Vereinsstadien ihrer Heimatländer verfügen, verbindet sie eine überaus erfolgreiche Jugendarbeit. Beide verfügen über eine vorbildlich geführte Jugendakademie, aus der immer wieder Talente den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, sowie über ein perfekt funktionierendes Scoutingsystem. Der Nachwuchs spielt in der Philosophie beider Vereine eine übergeordnete Rolle.
Abweichend von den zahlreichen Gemeinsamkeiten könnte der Kontrast bei den Trainern nicht größer sein. Hier treffen mit Sir Alex Ferguson und Josep “Pep” Guardiola zwei Trainergenerationen aufeinander. Während der Schotte Ferguson, der seit 1986 die sportlichen Geschicke der Red Devils lenkt, so ziemlich alles im Fußball erlebt und ziemlich jeden Titel gewonnen hat, über einen unglaublichen Schatz an Erfahrungen verfügt, steht Barça-Coach Guardiola erst am Anfang seiner Karriere. Der 38-jährige, der selbst aus der Talenteschmiede der Katalanen hervorging, zum Kapitän aufstieg und zwischen 1990 und 2001 472 Mal überaus erfolgreich für Barcelona die Schuhe schnürte, übernahm das Kommando erst zu Saisonbeginn. Er konnte das in ihn gelegte Vertrauen auf Anhieb rechtfertigen. Guardiola gelang es, die unter seinem Vorgänger Frank Rijkaard zuletzt wenig harmonierende Mannschaft zu alter Stärke zurückzuführen.
Der Titelverteidiger
Manchester United, das unter Sir Alex den Erfolg praktisch abonniert hat und die Königsklasse im letzten Jahr durch einen Erfolg im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea gewann, könnte mit einem Sieg Geschichte schreiben – noch nie seit Bestehen der Champions League in ihrer jetzigen Form seit 1992/93 gelang es einem Team, den Titel zu verteidigen.
Die Red Devils können mit breiter Brust in dieses Finale gehen. Nach dem Triumph bei der Club-Weltmeisterschaft früher im Jahr und dem Erfolg beim Community Shield, sicherte man sich vor einigen Tagen zum dritten Mal in Folge die englische Meisterschaft. Dies war der 18. Titel insgesamt, so dass man mit dem Erzrivalen FC Liverpool gleichzog und sich fortan Rekordmeister nennen darf.
Die große Stärke Uniteds ist das gesamte Paket. Es gibt wohl kaum eine Mannschaft, die über einen so ausgeglichenen und qualitativ bis in die Tiefe so gut besetzten Kader besitzt, der in der Lage ist, auch mehrere Ausfälle zu kompensieren. Die Spieler können sich immer wieder motivieren und sie wissen, wie man die “großen Spiele” gewinnt. Jeder weiß auf dem Platz, wo er hingehört und was zu tun ist. Mit dem Selbstbewusstsein eines Champions ausgestattet und der Berechtigung des Slogans: “Can Manchester United score? They always score!” in den Köpfen, lässt man sich auch von einem möglichen Rückstand nicht aus der Ruhe bringen. Dieser unbändige Wille ist auch im Hinblick auf das Duell mit den spanischen Ballkünstlern ein zu beachtender Fakt. Zudem wird sicherlich die Erfahrung von Alex Ferguson zum Tragen kommen. Dem Schotten wird nicht entgangen sein, wie mühevoll sich Barcelona im Halbfinale gegen den FC Chelsea gezittert hat. Er wird seine Lehren aus den beiden Spielen gezogen haben und seine Mannschaft entsprechend einstellen.
Ferguson selbst könnte mit einem neuerlichen Triumph in der Champions League einen weiteren Meilenstein erreichen. Es winkt ihm nach 1999 und 2008 der dritte Titel in diesem Wettbewerb, und das schaffte bislang nur der legendäre Bob Paisley mit dem FC Liverpool. (1977, 1978, 1981). Und so darf man gespannt sein, welche Formation der Schotte am Mittwoch ins Rennen schickt, um den Pott erneut auf die Insel zu holen. Da Ferguson ein alter Taktikfuchs ist und schon des Öfteren mit seinen Aufstellungen überraschte, ist eine Startelf nur schwer vorher zusagen. Klar ist, dass Edwin van der Sar im Tor stehen, Evra, Vdic und wohl auch O’Shea in der Viererkette auflaufen werden. Hier wird der letzte Platz entweder an Rio Ferdinand, der zuletzt angeschlagen pausieren musste, oder Youngster Johnny Evans vergeben. Die Besetzung des Mittelfeldes und der Angriffsreihe hängt vom gewähltem System ab. Sollte Ferguson auf ein 4-3-3 setzen, könnte das Dreier-Mittelfeld Carrick, Anderson, Scholes heißen. Superstar Cristiano Ronaldo und der nimmermüde Wayne Rooney sollten auf den Flügeln wirbeln und einem Angreifer in vorderster Front, der wohl Berbatov heißen wird, zuarbeiten. Es kann aber auch ganz anders aussehen … Fehlen wird auf jeden Fall Darren Fletcher, der Rot gesperrt zum Zuschauen verdammt ist.
Der Herausforderer
Genau wie der Gegner aus Manchester tritt auch der FC Barcelona erhobenen Hauptes die Reise in die “Ewige Stadt” an. Wie die Red Devils ist auch Barça frischgebackener Landesmeister und machte mit einem 4:1-Erfolg gegen Athletic Bilbao bei der Copa del Ray sogar das Double perfekt. Auch wenn die letzten beiden Ligaspiele, bei denen allerdings ein Großteil der Stammkräfte geschont wurde und Guardiola eine B-Elf ins Rennen schickte, verloren gingen, so ist die Bilanz der Katalanen in der Primera Division überaus beeindruckend. Vor allem die Tordifferenz mit +70 fällt ins Auge. Die 104 geschossenen Tore lassen erahnen, mit welcher Angriffs-Power die Blaugrana in der Liga auftrat und diese dominierte.
Womit wir auch schon bei der absoluten Stärke der Spanier wären: die Offensive. Zweifellos ist der Dreiersturm mit Thierry Henry, Samuel Eto’o und Lionel Messi, der mit Vorlagen von Xavi und Iniesta aus dem Mittelfeld sowie Dani Alves vom rechten Flügel gefüttert wird, das Prunkstück der Katalanen. An einem guten Tag können die Ballartisten einen Angriffswirbel entfachen, dem kein Kraut gewachsen ist. Dass man aber auch gegen diese Ausnahmekönner bestehen kann, zeigte der FC Chelsea im Halbfinale. Wenn man ihnen permanent auf den Füßen steht, ihnen keinen Platz zum spielen lässt, schon im Mittelfeld die Räume zustellt und den kurzpassgeprägten Kombinationsfußball nicht zur Entfaltung kommen lässt, dann geraten sie in Schwierigkeiten. Es fällt Barça schwer, von ihrer gewohnten Spielweise abzurücken und andere Stilmittel erfolgreich anzuwenden. Und so appelliert Guardiola an die eigenen Stärken, seine Elf soll dem Gegner ihr Spiel aufzwingen.
Guardiola lässt seine Elf zumeist in einem angriffsorientierten 4-3-3-System spielen, indem Regisseur Xavi alle Freiheiten nach vorn hat und das Spiel aus der Zentrale heraus lenkt. Neben Xavi haben eigentlich auch Iniesta und Yaya Touré ihren Platz sicher. Iniesta war allerdings verletzt, so dass sein Einsatz noch nicht als ganz gesichert gilt. Touré könnte den herrschenden Personalproblemen – mit den verletzten Marquez und Milito sowie den gesperrten Dani Alves und Abidal fehlen gleich vier Defensivspieler – im Abwehrbereich zum Opfer fallen und als Innenverteidiger neben Piqué in die Viererkette rücken. Kapitän Puyol könnte den Platz als rechtes Außenglied für Dani Alves einnehmen. Die größte Baustelle muss Guardiola hinten links flicken. Ein gleichwertiger Ersatz für Abidal fehlt, und gerade hier droht mit Cristiano Ronaldo horrende Gefahr.
Ein Blick zurück
Beide Club treffen sich auf europäischer Ebene nicht zum ersten Mal in einem Endspiel. Am 15. Mai 1991 kreuzte man in Rotterdam im Finale des Pokals der Pokalsieger schon einmal die Klingen. Damals setzte sich Manchester United mit 2:1 durch. Ausgerechnet der Waliser Mark Hughes, der zuvor von Manchester United an den FC Barcelona verkauft wurde, dort völlig enttäuschte und 1988 reumütig nach Old Trafford zurückkehrte, erzielte beide Tore. Für den FC Barcelona kam der Anschlusstreffer von Ronald Koeman zu spät. 1983/84 stand man sich im gleichen Wettbewerb im Viertelfinale gegenüber. Auch hier behielt Manchester die Oberhand, einem 0:2 im Camp Nou folgte ein 3:0 im Rückspiel auf der Insel.
In der Champions League ist die Bilanz komplett ausgeglichen, bei sechs Spielen gab es vier Remis und je einen Sieg für die Engländer und einen für die Spanier. Zwei der drei Duelle fanden in der Gruppenphase statt, das letzte im Halbfinale der vergangenen Saison. United reichte nach einem torlosen Unentschieden in Barcelona ein knapper 1:0-Erfolg vor heimischer Kulisse, um das Ticket für das Finale in Moskau zu buchen. Der Held des Abends war damals Paul Scholes, der den Ball aus über 20 Metern ins Kreuzeck drosch.
Insgesamt feierten die beiden Renommee-Clubs fünf Titel in der Champions League beziehungsweise im Europapokal der Landesmeister. Die Red Devils triumphierten wie bereits erwähnt 1968, 1999 und 2008, Barça 1992 und 2006. Während Barcelona, das zum insgesamt sechsten Mal im Endspiel um Europas höchste Auszeichnung im Vereinsfußball steht, schon dreimal (1961, 1986 und 1994) ein solches Finale verlor, hat Manchester United in dieser Hinsicht eine makellose Bilanz. Dreimal schaffte man den Sprung ins Finale und dreimal nahm an den Pott mit nach Hause.
Wer am Mittwochabend jubelt, bleibt abzuwarten. Erwartet wird ein Duell auf Augenhöhe, da ein klarer Favorit nicht auszumachen ist. Hoffen wir auf ein schönes und faires Spiel, mit prickelnden Torszenen und dem ein oder anderen Treffer. Hoffen wir weiterhin, dass im Rahmen dieses Großereignisses alles friedlich bleibt und der Fußball sich der Welt von seiner schönen Seite präsentiert.
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