Nach dem vierteiligen Nord-Derby: Ein Interview mit Tschaikowskij und Schneiderlein
31. Mai 2009, 13:25 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Nach vier hitzigen Duellen in 19 Tagen hat sich das MAG bei Werder-Fan Tschaikowskij und HSV-Anhänger Schneiderlein nach der Gemütslage erkundigt.
MAG: Nach dem Vierfach-Duell zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV: wie fällt das persönliche Fazit für “euren” Verein aus?
Tschaikowskij: Bei mir kann dieses Fazit natürlich nur rundum positiv ausfallen. Mitte April, nach dem Viertelfinale gegen Udine, als klar war, es gibt binnen 19 Tagen vier Derbys gegen den HSV, war bei mir persönlich die Einstellung: “Also in einem Pokalwettbewerb sollte Werder sich durchsetzen können”. Der HSV kam immerhin mit der Empfehlung einer starken Bundesligasaison und als Tabellendritter im Pokal-Halbfinale an, Werders einziger Vorteil war, dass man die Saison schon abhaken und sich nur noch auf fünf Spiele fokussieren musste: Pokal-Halbfinale, zwei UC-Halbfinale, eventuell zwei Finals.
Das DFB-Pokalspiel fand – das muss man im Nachhinein wohl sagen – glücklicherweise in Hamburg statt. In allen Pokalduellen tat sich die Auswärtsmannschaft IMO wesentlich leichter. Werder war in Hamburg überlegen, der HSV rettete sich glücklich ins Elfmeterschießen. Im UC-Hinspiel war Werder dann das glücklichere Team. Das 0:1 war zwar kein optimales, sicher aber auch kein schlechtes Ergebnis für das Rückspiel in Hamburg. Werder hatte im UEFA Cup auswärts seine besten Saisonspiele abgeliefert. Das 2:3-Aus auf internationaler Ebene war sicher der Knacks in dieser Saison für den HSV. Besonders dieses Traumtor von Baumann nach Vorlage von Diego und Papierkugel.
All das ist natürlich nur schön für die Statistik, wenn nicht mindestens eines dieser Finals auch gewonnen wird. Die erste Chance hat man schon verpasst, geht der DFB-Pokal nach Leverkusen hat Werder zwar vier Derbys für sich entschieden, muss dem HSV aber trotzdem nächstes Jahr bei den Europapokalspielen zuschauen.
Ich muss aber auch einen Gruß zum Rivalen von der Elbe schicken. Das Bundesligaspiel hätten meine Jungs ruhig den HSV gewinnen lassen können. Die hätten die Punkte nötiger gebraucht. Ich bin auch überzeugt, dass Werder in diesem Spiel nicht mehr 100% gegangen ist. Der HSV hätte nach den beiden bitteren Pokalpleiten aber sicher auch gegen unsere A-Jugend die Rothosen voll gehabt.
“Die Bilanz aus den Spielen gegen Bremen ist nicht so schlecht”
Schneiderlein: Insgesamt hat der HSV fünf Pflichtspiele gegen Werder angetreten. Die Bilanz ist dabei, oberflächlich betrachtet, nicht so schlecht: zwei Siege, ein Unentschieden und zwei Niederlagen, wobei die Bremer ein Törchen mehr zu Buche stehen haben. Man darf ja auch das Spiel in der Hinrunde nicht vergessen, das auch sehr eng und sehr umkämpft war und am Ende durch ein tolles Tor von Olic entschieden wurde. Das Rückspiel wiederum war ein sehr lahmes Spiel, Werder keineswegs klar besser, eher genauso schlecht. Beiden Teams fehlte die Lust oder auch die Kraft. Bei Werder hat sich mit Almeida jemand hervorgetan, der in den wichtigen Finalspielen nie in der Startelf zu finden war.
Das DFB-Pokal-Halbfinale war ein sehr enges Spiel. Der HSV musste einen Rückstand wettmachen, hatte in der Verlängerung die Möglichkeiten, das Spiel für sich zu entscheiden. Elfmeter-Schießen ist auch Glückssache. Wiese hat allerdings auch sehr stark reagiert. Ob da der letzte Wille da war, weiß ich nicht.
Auch die UEFA-Cup-Spiele muss man sich genauer anschauen, v.a. das entscheidende Rückspiel natürlich. Das wurde von Anfang an extrem intensiv geführt. Nach der Führung hatte der HSV das Spiel im Griff. In dieser Phase hat Werder sehr stark Aggressivität ins Spiel gebracht. Beiersdorfer meinte nach dem Spiel, wenn man daheim drei Tore kassiert, habe man etwas falsch gemacht. Ich denke, sofern der HSV überhaupt etwas falsch gemacht hat, geschah das in dieser Phase.
Der Ausgleich fiel jedenfalls durch ein geniales Zusammenspiel von Bremens Besten, Pizarro und Diego. Solche Tore können meines Erachtens immer fallen und Spieler wie Diego und Pizarro sind auch deshalb so wertvoll für ein Team, weil sie an guten Tagen mit solchen Toren den Unterschied ausmachen können. Die Entstehung des 2:1 habe ich nicht mehr so im Kopf, aber Werder hat natürlich nach dem Ausgleich seine Chance gesehen und großen Druck aufgebaut.
Danach kam dann wieder der HSV. Werder hat keine überragende Defensive und der HSV hatte schon im DFB-Pokal einen Rückstand aufgeholt. Dass und wie dann das 3:1 fiel, ist extrem unglücklich. Die HSV-Mannschaft war im Vorwärtsdrang, Gravgaard hat den Ball sicher – und dann müssen auf einmal alle zurück, weil es Ecke für Werder gibt, und es fällt so ein Pingpong-Ding.
Natürlich ist das unbeschreiblich deprimierend, sein Team so ausscheiden zu sehen. Ich hätte daher auch eine Wutreaktion im Liga-Spiel erwartet. Diese 2:0-Niederlage hat mich persönlich dann auch tatsächlich sehr enttäuscht, weil auch Werder keineswegs gut gespielt hat. Der HSV hat sich im letzten Spiel gegen Bremen aus meiner Sicht unterirdisch präsentiert. Und beinahe hätte man dafür die Quittung kassiert und dem BVB Platz fünf überlassen müssen.
“Den Bremern fehlt das nötige Mittelfeld”
MAG: Tschaikowskij, wie erklärst du dir die massiven Leistungsunterschiede der Bremer in der Liga im Vergleich zu den Pokalwettbewerben?
Tschaikowskij: Werder lebt seit Jahren von seiner Offensive. Seit der Meistersaison 2003/2004 kassiert Werder immer die meisten Gegentore der Spitzenmannschaften. Dieses Jahr kam jetzt einiges zusammen. Zwar war in der Spitze noch zweifelsfrei mit Diego und Pizarro hohe Qualität da, es fehlte aber dahinter das nötige Mittelfeld.
In der Meistersaison hatte man mit Micoud und Ailton einen Regisseur und einen Topstürmer, das hatte man jetzt auch noch. Daneben hatte man mit Klasnic einen Arbeiter mit Torjägerqualitäten, man hatte mit Ernst und vor allem Borowski aber auch zwei Antreiber auf den Halbpositionen im Mittelfeld. Der Verkauf von Ernst konnte mit Frings sehr gut wettgemacht werden, der Abgang von Borowski tut IMO heute noch weh. Özil ist zwar offensiv ein adäquater Ersatz, was Boro defensiv geleistet hat kann der junge Türke aber nicht bieten.
Heisst zusammengefasst – um deine Frage zu beantworten: Werder hat zwar noch eine gute Offensive, aber nicht mehr die brachiale Offensivgewalt der letzten Jahre. Da konnte man gegen massiv hinten stehende Gegner noch ein Tor reinzwingen ohne die Defensive zu weit zu entblößen. Das gelingt diese Saison nicht mehr. Sowohl gegen nationale Topmannschaften, als auch im internationalen Geschäft fällt das meiner Meinung nach weniger ins Gewicht, weil die Gegner nicht so defensiv stehen. Genauso im DFB-Pokal. Da tat sich Werder in der zweiten Runde in Aue richtig schwer. Man kam danach in Dortmund, in Wolfsburg und in Hamburg weiter. Jeweils die Heimmannschaft, die eher nicht hinten drin steht.
Ich hab hier im Forum von einem Werderaner Mitte der Saison gehört: “Gegen Werder ist’s ganz einfach. Stell’ Dich hinten rein und Diego drei Mann auf die Füße. Einen Konter wirst Du bekommen.” Das passiert international halt nicht so.
“Gegen Werder ist’s ganz einfach…”
MAG: Wird es dann in der nächsten Saison, wenn Spielmacher Diego weg ist, noch schwieriger für die Bremer, oder wiegt sein Abgang nicht ganz so schwer, weil Werder dadurch wieder an Unberechenbarkeit gewinnt?
Tschaikowskij: Das kommt jetzt auf die Neuverpflichtungen an. Den Diego-Ersatz hat man meiner Meinung nach in Özil schon gefunden. Dann bräuchte man aber einen Özil-Ersatz. Plus den Ersatz für Borowski, den man diese Saison nicht hatte. Und einen Baumann-Ersatz.
Diegos Abgang wird mit Sicherheit sehr schwer für Werder wiegen, den Wegfall eines solchen Klassespielers merkt jedes Team der Welt. Das gleiche System sollte man meiner Meinung nach nicht spielen, weil Özil – trotz aller sehr guten Ansätze – vielleicht noch ein Jährchen braucht. Zudem wird man sich anschauen müssen wie er damit zurecht kommt, dass die Kettenhunde des Gegners sich nicht mehr auf Diego, sondern auf ihn konzentrieren. Für die von dir angesprochene Unberechenbarkeit bräuchte man aber noch die ein oder andere oben angesprochene Neuverpflichtung.
Man wird auf jeden Fall in der Aufstellungsvariante flexibler. Özil kann sicher den Diego-Part auf der 10 spielen. Dann bräuchte man aber einen für die linke Seite. Meiner Meinung nach sogar einen für links und einen für rechts, weil Frings vielleicht mal über den Job vor der Abwehr nachdenken sollte. Ich weiss nicht, was ich in dieser Hinsicht – auf der Außenbahn im Mittelfeld – von Tziolis halten soll. Ich habe ihn nur selten “live” gesehen, da wechselten sich gute Szenen mit haarsträubenden Aktionen ab.
Ich denke aber eher an die Aufstellung, die ich zuletzt in Frankfurt gesehen habe: Doppel-Sechs mit Özil und Mr. X – in Frankfurt war es Frings – auf rechts. Die Namen Misimovic – bisher nur ein Gerücht – und Marin – wahrscheinlich mehr dran – geistern ja durch die Gazetten. Dann bräuchte man aber in der Mitte einen guten Partner für Frings, den ich dann nicht mehr auf rechts sehen will. Tziolis? Den werden mir die Werder-Stadiongänger um die Ohren hauen. Ich habe da irgendwie negative Schwingungen wahrgenommen. So ein Typ wie Rolfes würde mir da gefallen, aber den haben wir ja schon mal weggeschickt…
“Beim HSV besteht in allen Mannschaftsteilen Handlungsbedarf”
MAG: Schneiderlein, was fehlt dem HSV noch im Vergleich zu Werder Bremen? Ist eine zentrale Figur im Offensivspiel – wie es Diego beim Konkurrenten war?
Schneiderlein: Ich weiß nicht. Der HSV wird in der Liga jedenfalls über Werder stehen. Ich persönlich bin kein Freund individueller Extravaganzen beim Fußball. Die Abhängigkeit des HSV von van der Vaart hat mich in den vergangenen Spielzeiten gestört. Ein Rackerer wie Olic ist für mich ein Ideal, auch Jansen konnte mir in dieser Hinsicht imponieren. Der HSV hat schon ein gutes Team. Gleichwohl besteht in allen drei Mannschaftsteilen Handlungsbedarf. Atouba wird gehen, der Vertrag mit Reinhard wird wohl leider nicht verlängert. Im Mittelfeld fehlt de Jong und Olic wird gen München wechseln. Wer da konkret infrage kommt, weiß ich nicht. Der HSV hat sich mit seiner exzellenten Infrastruktur als Ausbildungsverein positioniert, man wird also weiter eher in junge, hungrige und lernfähige Spieler investieren, die man kaum langfristig wird halten können. Man wird von der Anlage der Mannschaft nicht den Sturm-und-Drang-Fußball erwarten dürfen, wie ihn Werder die vergangenen Jahre phasenweise zelebriert hat. Und von mir aus ist das auch ganz okay so.
MAG: Ein Einbruch zu Saisonende ist mittlerweile beim HSV fast schon traditionell geworden. Auch in dieser Spielzeit war man lange Zeit in der Spitzengruppe, um jetzt am Ende grade noch das internationale Geschäft erreicht zu haben. Ein Zeichen von Konditionsschwäche, auch im Vergleich zu anderen Teams?
Schneiderlein: Ja, der ist leider wirklich schon fast traditionell zu nennen. Ist schwer zu erklären. In der vergangenen Saison kam der Einbruch soweit ich mich erinnern kann auch nach dem Aus im UEFA-Pokal. Offensichtlich war das Team schon sehr auf den UEFA-Cup fokussiert und nach dem Aus war die Motivation raus. Letzte Saison hat man sich dann noch zusammengerissen. In diesem Jahr sieht das noch einmal schlechter aus.
“Die Konstellation war sicher kein Beitrag zur Völkerverständigung”
MAG: Ist die Rivalität zwischen beiden Vereinen nach dem vierteiligen Duell noch größer geworden?
Schneiderlein: Das war sicher kein Beitrag zur Völkerverständigung. Man muss aber sagen, dass die letzten Jahre – leider – satt waren an unschönen Ereignissen in Spielen zwischen Werder und dem HSV. Es scheint auch – insbesondere vonseiten Werders – null Interesse an Gegensteuerung zu geben. Im Gegenteil, heizen gewisse Aktionen – Diego und die Eckfahne, Kung-Fu-Tritt gegen Olic, Anti-HSV-Sprechchöre von Wiese angeleitet, u.v.m. – die Rivalität immer wieder an. Ich würde mir das anders wünschen.
Im Fußball-Forum geht es zum Glück sachlicher zu. Auch von Werder-Fans wurde sich in sehr fairer Weise nach den intensiven Finalspielen geäußert.
Tschaikowskij: Ich habe da glaube ich das Glück, nicht wirklich nahe am Geschehen zu sein.
Ich weiss nicht, ob die Rivalität noch größer geworden ist. Natürlich waren diese 19 Tage Ausnahmezustand, aber für mich lief alles im Rahmen. Ich sehe diese kleinen von Schneiderlein genannten “Scharmützel-Aktionen” weit weniger kritisch. Werder gegen HSV ist nun mal eine andere Atmosphäre als Bochum gegen Cottbus. Sicher sind Wieses Gesangeskünste unnötig, genauso unnötig sind aber auch die laufenden Provokationen der HSV-Akteure speziell im UC-Rückspiel, die Werder im Finale entscheidend geschwächt haben. Aber das muss man abhaken, das ist Derby – “is halt so”. Davon leben solche Duelle. Der Wiese hat mal “Sch*** HSV” in ein Megaphon gebrüllt und der Beckenbauer hat mal ne Wat’schn von einem Sechziger bekommen. Irgendwann wird das mal ein Klassiker …
Eins will ich aber noch loswerden zum Thema “Kung-Fu-Tritt gegen Olic”. Man sollte meiner Ansicht nach ganz normale – wenn auch keine gutzuheißenden – Aktionen nicht hochsterilisieren, nur weil sie im Glanze eines Derbys passiert sind. Boateng tritt Hasebe bei Dortmund gegen Wolfsburg fast die Nase weg, dieses Foul wurde aber weit weniger thematisiert als Wieses Tritt.
“Man sollte die Derbies nicht hochsterilisieren”
MAG: Zum Abschluss noch die Chance zur Versöhnung: Was wünscht ihr dem Rivalen für die kommende Saison?
Tschaikowskij: Im Sinne der Nationenwertung drücke ich dem HSV wie jedem anderen deutschen Verein in der Europa League die Daumen. Sicher verliert man mit Olic einen Ausnahmestürmer, Guerrero soll ja auch nicht so sicher sein, dennoch traue ich der Mannschaft zu, die Abgänge zu kompensieren und international ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Die Gruppenphase und deren Überstehen sollte ein machbares Ziel sein, ich wünsche dem HSV mindestens die Viertelfinalteilnahme.
National wünsche ich dem HSV, dass man endlich mal eine Saison ohne Einbruch am Saisonende hinter sich bringt. Dann springt sicher wieder ein Platz im internationalen Geschäft heraus, ich wünsche ihnen die direkte CL-Qualifikation, solange sie einen Platz hinter meinem SV Werder stehen.
Schneiderlein: Ich wünsche Werder, dass sie hinter dem HSV Vizemeister werden.
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