Fussball-Forum-Fußball von seiner schönsten Seite!
Forum Fussball-Statistiken Magazin Tippspiel Impressum

Eingeworfen: RB Leipzig - ein Retortenverein auf dem Weg in die Bundesliga

19. August 2009, 14:48 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Deutscher-Fussball, Portraits.

RasenBallsport Leipzig e. V. ist ein neu gegründeter Verein, der in der NOFV-Oberliga Süd spielt – noch. Denn RB Leipzig (steht für RasenBallsport) ist ein lupenreiner Retortenclub, der mit Hilfe des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull in nicht allzu ferner Zukunft in die 1. Bundesliga will. Das MAG blickt auf die Hintergründe und Ziele des ebenso ambitionierten wie umstrittenen Vorhabens.

Red Bull – Widerstände werden umflogen

Nein, halbe Sachen mag er nicht, der Dietrich Mateschitz. Wenn der österreichische Geschäftsmann und Milliardär mit kroatischer Abstammung etwas anpackt, dann mit vollem Elan und ehrgeizigen Zielen. Nachdem der Marketingsspezialist zu Beginn der 80er Jahre in Asien auf einen Energie-Drink aufmerksam wurde, das Potenzial für ein großes Geschäft erkannte und sich die internationalen Lizenzrechte sicherte, gründete Mateschitz die “Red Bull GmbH”. Er hatte den richtigen Riecher, denn mittlerweile ist die Marke Red Bull mit weltweit über 4 Milliarden verkauften Dosen pro Jahr nicht nur ein Global-Player – sie ist ein Mythos mit Kult-Charakter. Laut der überaus geschickt geführten Werbekampagne verleiht das fernöstliche Aufputschmittel, ja bekanntlich Flügel. Das kann ich persönlich zwar nicht bestätigen, aber auf Red Bull selbst trifft dieser Slogan mit Gewissheit zu – denn Widerstände werden vom Mateschitz’schen Unternehmen gekonnt umflogen.

Und Widerstände gegen das damals völlig unbekannte Getränk gab es genug. Sie begannen schon, bevor auch nur eine einzige Dose verkauft wurde. Jahrelang wartete Mateschitz in Deutschland vergebens auf die Genehmigung, seinen koffeinreichen Trunk verkaufen zu dürfen. Unsere österreichischen Nachbarn entpuppten sich als kulanter. Die Alpenrepublik erteilte nach einigem Hin und Her 1987 grünes Licht für die Markteinführung. Sei es nun Zufall oder Absicht, im selben Land startete Red Bull mit dem Sport-Sponsoring im heute bekannten Ausmaße.

Ein Leipziger Vorort wird zur großen Bühne

Mateschitz verdiente sich mit dem Getränk eine goldene Nase – und Geld muss bekanntlich arbeiten. Und so begann er damit, in seine Leidenschaften zu investieren. Neben einer Flugzeugflotte mit eigenem Hangar, einigen kostspieligen Engagements im Motorsport (u.a. Formel 1, NASCAR) und einem Eishockeyteam werden auch diverse Events, Serien und Sportler aus dem Bereich des Extremsports gesponsert. Im Jahr 2005 entdeckte Mateschitz dann den Fußball als weitere medienwirksame Plattform. Er übernahm zunächst den dahin dümpelnden Traditionsverein SV Austria Salzburg, der fortan als FC Red Bull Salzburg in neuem Glanz erstrahlte und in den letzten vier Jahren zweimal Meister wurde. Mateschitz kam, sah, investierte, krempelte um, und siegte – auf Tradition und Kritik aus der Fan-Szene wurde keinerlei Rücksicht genommen und kompromisslos das neue Konzept durchgesetzt, wie man zum Beispiel in diesem Kommentar vom 30. Juli 2005 nachlesen kann.

Nachdem mittlerweile mit den New York Red Bulls und den Red Bull Brasil zwei weitere Teams zum Konzern gehören, hat man es jetzt im zweiten Versuch auch in Deutschland geschafft, Fuß zu fassen – aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Den ersten Anlauf von Red Bull auf dem deutschen Markt anzudoggen, bremsten im Jahr 2006 die Anhänger des FC Sachsen Leipzig mit massiven Fanprotesten und der DFB mit seinem Veto aus. Sie wollten partout nicht, dass der traditionsreiche Club zum Spielball des Österreichers wird und hatten Erfolg mit ihrem Aufbegehren – die unterschriftsreifen Verträge waren für die Katz.

Und nun also Markranstädt. Markran-wer? – wird sich der geneigte Fußballfan fragen. Zurecht, denn der rund 15.000 Einwohner zählende, nicht einmal 10 km südwestlich von Leipzig gelegene Ort, sagte bislang nur den Menschen in der Region und jenen Anhängern des runden Leders etwas, die sich für die Belange der unter dem Dach des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) organisierten Oberliga Süd interessieren. Dort, in der fünften Spielklasse kämpfte die erste Herrenmannschaft des SSV Markranstädt vor beschaulicher Kulisse, im ebenso beschaulichen Stadion am Bad, bisher um Punkte. Und das tut sie eigentlich auch in dieser Saison noch, wenn man mal davon absieht, dass sie aus dem Verein ausgegliedert wurde. Markranstädt trat seine Lizenz an den neu gegründeten Verein RasenBallsport Leipzig ab. Mit der Namensänderung hin zu RB Leipzig – erst in der Kurzform wird die Mail zum Red Bull richtig deutlich – ging eine Änderung der Vereinsfarben einher. Aus blau-weiß wurde rot-weiß, wie bei allen anderen Mannschaften Red Bulls. Verändert haben sich auch die Zuschauerzahlen und das Gesicht der Mannschaft. Kamen in der vergangenen Saison ganze 3.611 zahlende Zuschauer zu den Heimspielen insgesamt, so erlebte man beim ersten Auftritt unter dem neuen Namen einen regelrechten Quantensprung: Stolze 2.565 Eintrittskarten verkaufte man für die Partie gegen den FSV Zwickau, den man schließlich glatt und hochverdient mit einer 4:0-Klatsche wieder nach Hause schickte. Jene Zaungäste, die schon im letzten Jahr den Weg ins “Stadion am Bad” gefunden hatten, dürften Schwierigkeiten gehabt haben, ihre Mannschaft an den Gesichtern der Spieler zu erkennen. Gerade einmal zwei Akteure vom letztjährigen Kader standen in der Startaufstellung, zwei weitere wurden später eingewechselt. Erkennungshilfe gab es deshalb auf dem Trikot, dessen Brust jenes weltbekannte Logo mit den beiden roten, aufeinander zuspringenden Stieren ziert. Ein Wappen hat der neue Verein indes noch nicht. Alle bisher beim sächsischen Fußballverband eingegangenen Vorschläge wurden abgelehnt, da sie zu sehr an das Logo von Red Bull erinnern. Aber das Team von Coach Tino Vogel, der sein Amt im November des letzten Jahres antrat, kann sich auch ohne Wappen sehen lassen. Unter den vielen Neuzugängen befinden sich bekannte Namen wie Thomas Kläsener, Lars Müller und Sven Neuhaus, die teilweise Erfahrungen in der 1. und 2. Bundesliga gesammelt haben, sowie mit Ingo Hertzsch sogar ein ehemaliger Nationalspieler.

Doch diese Veränderungen sind nahezu unbedeutend im Vergleich zu denen, die in den nächsten Jahren in Angriff genommen werden sollen. Geht der Masterplan auf, dann heißen die Gegner in spätestens acht Jahren nicht mehr Budissa Bautzen, Gera 03 oder VfB Auerbach, sondern Bayern München, Borussia Dortmund und Hamburger SV – die 1. Bundesliga ist das klar formulierte Ziel, nicht mehr und nicht weniger. Glaubt man den in den Medien kolportierten Zahlen, dann ist Red Bull bereit 100 Mio. € in den Verein zu stecken. Doch selbst wenn diese Zahl nicht stimmt, um die ehrgeizigen Pläne umsetzen zu können, muss eine Menge Geld fließen. Geld, das Neider auf den Plan rufen und RB Leipzig auf dem Weg nach oben zum Feindbild werden lässt. Schon jetzt in der Oberliga muss sich der neu gegründete Club mit, blankem Hass, Schmähungen und Beleidigungen auseinandersetzen, doch Widrigkeiten kennt Red Bull zur Genüge – Mateschitz & Co. werden knallhart gegen Störenfriede vorgehen und ihre Ziele mit aller Vehemenz verfolgen. Auch wenn alle Partien in der gerade angelaufenen Oberligasaison als Risikospiele eingestuft wurden und so vermehrte Polizeipräsenz garantiert ist, hat man vorsichtshalber die Zäune im Markranstädter Stadion erneuert und verstärkt. Verbale Auseinandersetzungen und demütigende Plakate von Anhängern anderer Clubs wird man sich trotzdem gefallen lassen müssen. Gewalt hat auf und neben dem Fußballplatz nichts zu suchen!

Zudem irrt Geschäftsführer Joachim Krug, der darauf hofft, dass sich die Abneigung gegen RB Leipzig mit der Zeit legt und Akzeptanz umschlägt, meiner Meinung nach gewaltig. Natürlich wird der Verein in Leipzig und Umgebung neue Anhänger gewinnen. Viele in der Region sehnen sich nach höherklassigem Fußball, da sie von den alteingesessenen “Platzhirschen” Lok und Sachsen Leipzig mehr als einmal bitter enttäuscht worden sind und die beiden, ebenfalls in der Oberliga Süd spielenden Vereine, obendrein mit Problemen gewaltbereiter Fans zu kämpfen haben. Im großen Rest von Deutschland aber wird die Tatsache, dass RB Leipzig ein waschechter Retortenverein ist, wie ein Damoklessschwert über dem Club hängen. Mit jedem Aufstieg wird die Fanszene der Konkurrenten größer und organisierter. Vielen Fußballfans ist die zunehmende Kommerzialisierung ihres Sports ein Dorn im Auge, und sie werden sich nicht scheuen, dies zum Ausdruck zu bringen. Auch ich bin eher konservativ eingestellt. Ich lehne beispielsweise die vorgenommene Zersplitterung der Spieltage ab und wünsche mir inständig eine 6+5-Regelung, die sicherlich vielen zu weit gehen würde. Eine bekannte Floskel sagt zurecht: “Für Tradition kann man nichts kaufen.” – aber muss ich deshalb die Gründung und den vorprogrammierten Aufstieg eines Vereins gutheißen, der auf den Grundlagen eines anderen Clubs aufbaut, das gemachte Nest mit enormen finanziellen Mitteln ausputzt und als Startgrundlage nimmt? Ich meine, nein. Meine Vorbehalte gegen RB Leipzig werden bestehen bleiben, und die vieler anderer wohl auch. Red Bull wird die Proteste zur Kenntnis nehmen, ein Ende ihres langfristigen und gut durchdachten Engagements wird man aber nicht in Betracht ziehen. Und wer weiß, vielleicht irre ich mich ja. Vielleicht sind die Fußballfans der Republik viel toleranter als ich denke und RB Leipzig geht ohne größere Probleme den vorgezeichneten Weg. Gut möglich ist auch, dass die Szene durch das Beispiel Hoffenheim, das – auch wenn man beide Modelle nicht 1 zu 1 vergleichen darf – in Markranstädt gern als Vorbild genommen wird, sensibilisiert ist.

Warum ausgerechnet Markranstädt?

… werden sich viele Menschen in Deutschland fragen. Dass Red Bull in Markranstädt die perfekte Braut fand, hat drei gewichtige Gründe. Zunächst einmal durfte der Übernahmekandidat nicht in der 4. Liga oder höher spielen, denn nur bis dahin hat der DFB mit seinem Lizenzierungsverfahren direkt Einfluss auf die Vereine. Allein durch diesen Fakt wurde die bekannte 50+1-Regel, die besagt, dass ein Investor nicht die Anteilsmehrheit an einem deutschen Fußballclub haben darf, elegant umschifft. Diese Regel wurde vom DFB beziehungsweise der DFL allerdings schon selbst ad absurdum geführt, denn bei genauer Betrachtungsweise sind Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen längst im Besitz ihrer potenten Geldgeber. Vor dem Europäischen Gerichtshof hätte eine Klage, so sie denn jemand anstrebt, wohl gute Chancen auf Erfolg.

Leere Ränge im Zentralstadion sollen bald der Vergangenheit angehören

Die Tür aufgemacht für Red Bull hat dann der Manager des SSV Markranstädt, Holger Nussbaum. Der ortsansässige Unternehmer stieß an seine Grenzen, hatte aber für seinen Verein einen tollkühnen Plan. Und damit kommen wir zum zweiten Grund, warum Markranstädt Hebamme für Bundesligafußball in Leipzig wurde. Die Nähe zur sächsischen Metropole war ein entscheidender Faktor, denn hinter den Kulissen fädelte ein im deutschen Fußball kein unbekannter Mann den Deal ein: Dr. Michael Kölmel. Kölmel, umtriebiger Geschäftsmann mit Wahlheimat München, der vor Jahren mit seiner Sportwelt Beteiligungs GmbH bei in Finanznot geratenen Traditionsvereinen als Marketing-Partner einstieg und dabei herbe Verluste einfuhr, ist Besitzer und Betreiber des Leipziger Zentralstadions. Doch die Ränge in der über 44.000 fassenden, schmucken Arena bleiben zumeist leer und Gewinne somit aus. Die Idee des Markranstädters Nussbaum, mit Hilfe Red Bulls in Leipzig Profifußball zu etablieren, war für Kölmel kein Neuland. Schließlich hatte er diese 2006 selbst, wurde aber bekanntlich vom DFB und den Fans der damaligen Braut, FC Sachsen Leipzig, böse ausgebremst. Aber jetzt witterte er seine große Chance, da bei Markranstädt die Ausgangslage perfekt schien. Kölmel und Mateschitz setzten sich zusammen, wurden sich rasch einig und arbeiteten die Verträge aus – was fehlte, war die Zustimmung des Nordostdeutschen Fußballverbandes zu den Plänen. Das Präsidium stimmte der Linzenzerteilung für RB Leipzig zu und machte Kölmel so zu einem glücklichen Mann. Und so so wird ab der Saison 2010/11 – möglichst nach dem Aufstieg in der Regionalliga – wieder der Ball im Zentralstadion rollen, das dann alsbald “Red-Bull-Arena” so so ähnlich heißen wird.

Last but not least der dritte Grund, der den Ausschlag für Markranstädt gab. Der Verein besaß keine allzu große Fangemeinschaft und hatte eine Führung, die bereitwillig Platz machte für Vertreter Red Bulls. Es gab zwar vor Ort Protestkundgebungen, aber nur im einkalkulierten Umfang. Im neu gegründeten Führungsgremium bei RB Leipzig sitzen nur Mitarbeiter und Vertraute Red Bulls – das alleinige Sagen hat damit Mateschitz, der in Sachen Red Bull und des deutschen Fußballs langen Atem bewiesen hat und wieder einmal alle Widerstände ausgeräumt hat. Wer zuletzt lacht, lacht eben am besten: Red Bull verleiht Flügel!”


Teile uns deine Meinung zu diesem Artikel über das Kontaktformular mit.


Weitere Artikel


|