[WM-Qualifikation 2010] Spanien und England qualifiziert
10. September 2009, 02:43 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Int-Fussball, WM-2006.
England und Spanien sind qualifiziert – Teilnehmer neun und zehn stehen fest
Am Mittwochabend war Großkampftag in der europäischen WM-Qualifikation und insgesamt fünf Mannschaften hatten die theoretische Chance sich für die WM zu qualifizieren. Am Ende durften die beiden Teams feiern, bei denen es vorher schon am wahrscheinlichsten war, dass sie das Ziel in Südafrika erreichen. Sowohl Spanien als auch England hatten bislang alle Qualifikationsspiele gewonnen. Während bei Spanien im Heimspiel gegen Estland keiner zweifelte, dass die Serie fortgesetzt werden würde, kamen bei den Engländern dunkle Erinnerungen hoch. Vor zwei Jahren verhinderte der Gegner vom Mittwoch an gleicher Stelle die EM-Qualifikation. Doch dieses Mal hatten die Kroaten keine Chance, England gewann 5:1 und fährt nach Südafrika, ebenso wie Spanien nach dem 3:0 gegen Estland.
Das MAG nimmt die Qualifikation Englands und Südafrikas zum Anlass, die Mannschaft kurz vorzustellen:
| Spanien |
Steckbrief:
Trikotfarben: rot-gelb-dunkelblau
FIFA-Weltrangliste: 2
WM-Teilnahmen: 1934, 1950, 1962, 1966, 1978, 1982, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002, 2006
Größter Erfolg: Vierter (1950)
Kontinentalmeister: 2 (1964, 2008)
Rekordnationalspieler: Andoni Zubizarreta (126 Einsätze)
Rekordtorschütze: Raúl González (44 Tore)
Trainer: Vicente del Bosque (58 Jahre)
Bilanz der letzten 10 Spiele: 9 Siege, 1 Niederlage (30:7 Tore)
WM-Historie, aktuelle Spieler und Trainer:
Spanien und Weltmeisterschaften scheinen kein Traumpaar zu bilden. Obwohl die Furia Roja bereits zwölf Mal an einer WM teilnahm, kann sie mit keinerlei Erfolgen aufwarten. Setzt man die Anzahl der Teilnahmen und das beste erzielte Ergebnis ins Verhältnis war nur Mexiko (13 Teilnahmen, nie weiter als Viertelfinale) ein weniger erfolgreicher WM-Teilnehmer. Der Anfang dieser wenig erfolgreichen Geschichte findet sich im Jahre 1934 im italienischen Genua, wo Spanien sein allererstes WM-Spiel bestritt und mit 3:1 gewann. Gegner damals: Brasilien. In der nächsten Runde, dem Viertelfinale, war dann allerdings gegen die Gastgeber und späteren Weltmeister Schluss. Nach einem 1:1 nach Verlängerung in der ersten Partie verlor Spanien das Wiederholungsspiel mit 1:0 durch ein Tor von Giuseppe Meazza.
Sechzehn Jahre später reisten sowohl Spanien als auch Italien nach Brasilien zum ersten Turnier nach dem zweiten Weltkrieg. Während die Italiener nach der Vorrunde heimfuhren, erreichte Spanien die Finalrunde, die – einmalig in der WM-Geschichte – als eine zweite Gruppenphase ausgetragen wurde. Dort aber blieben die Südeuropäer ohne Sieg, obwohl sie in der Vorrunde noch gegen die als hohe Favoriten gehandelten Engländer hatten gewinnen können. Das 2:2 gegen den späteren Weltmeister Uruguay im ersten Finalrundenspiel sollte der einzige Punktgewinn der Seleccion in jener Finalrunde bleiben, es folgten ein 1:6 gegen Brasilien und ein 1:3 gegen Schweden.
Auch das nächste Auftreten bei einer WM war für die Spanier auf dem südamerikanischen Kontinent, nachdem man die Titelkämpfe in der Schweiz (im Entscheidungsspiel gegen die Türkei nach Losentscheid ausgeschieden) und in Schweden (in der Qualifikation an Schottland gescheitert) verpasst hatte. Erneut war Brasilien einer der Gegner und wie schon 1950 unterlag Spanien der Selecao, verbunden mit der Auftaktniederlage gegen die CSSR hieß es damit – trotz eines 1:0-Sieges gegen Mexiko – Koffer packen nach der Vorrunde. Das gleiche Schicksal ereilte die Spanier auch vier Jahre später in England, einem 2:1-Sieg gegen die Schweiz standen Niederlagen mit dem gleichen Ergebnis gegen Argentinien und der BRD gegenüber.
Noch erfolgloser verlief es in den kommenden beiden Qualifikationen für die Turniere 1970 und 1974. Für keines der beiden Turniere konnte man sich qualifizieren, einmal wurde man nur Dritter in einer Vierergruppe hinter Belgien und Jugoslawien, das andere Mal verlor man ein Ausscheidungsspiel gegen die Jugoslawen, mit denen man in der Gruppe zuvor punkt- und tordifferenzgleich geblieben war. Umso erfreuter waren die Iberer, dass sie 1978 wieder an einer WM teilnehmen durften. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße, das Aus kam in der Vorrunde. Brasilien und Österreich zogen in die zweite Gruppenphase ein, Spanien durfte zusammen mit Schweden die Heimreise antreten.
Zu Hause bleiben durften die Spanier auch für die WM 1982, allerdings diesmal, weil sie das Turnier ausrichteten. Während viele Gastgeber bei Turnieren über sich hinauswachsen, schaffte Spanien gerade einmal einen Sieg in fünf Spielen. Nicht einmal die eigene Vorrundengruppe gewannen die Iberer; sie überließen Nordirland, gegen die sie 0:1 verloren, den Vortritt. Dank eines 1:1 gegen Honduras und eines 2:1 gegen Jugoslawien erreichte man dennoch die Zwischenrunde, in der man Deutschland 1:2 unterlag und gegen England 0:0 spielte. Als sich Spanien also für die WM 1986 qualifiziert hatte, hatte man 36 Jahre lang nie mehr als ein Spiel bei einer WM gewonnen, dies sollte sich ändern. Bis ins Viertelfinale konnte die Seleccion vordringen und nach der Auftaktniederlage gegen – mal wieder – Brasilien sogar drei Spiele in Folge gewinnen (Nordirland, Algerien und Dänemark waren die Gegner), ehe man im Viertelfinale gegen Belgien die Segel streichen musste. Natürlich nicht einfach so, sondern – der spanischen WM-Geschichte mit Losentscheid und Entscheidungsspielen entsprechend – erst im Elfmeterschießen.
Seither hat Spanien im Abstand von acht Jahren immer wieder das Viertelfinale erreicht: Sowohl 1994 in den USA, wo Italien die Endstation war, als auch 2002, wo man an Gastgeber Südkorea im Elfmeterschießen scheiterte. Dazwischen liegen zwei Achtelfinaleinzüge 1990 (1:2-Niederlage nach Verlängerung gegen Jugoslawien) und 2006 (1:3 gegen Frankreich) und ein blamables Vorrundenaus bei der WM in Frankreich, als Paraguay und Nigeria vor den Spaniern landeten. Folgt man dem Acht-Jahres-Rhythmus wäre für die Spanier als nun wieder ein Einzug in Viertelfinale an der Reihe.
Bedenkt man die personelle Ausstattung und die Ergebnisse der letzten Jahre, so muss man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass ein Viertelfinaleinzug das Mindeste ist, was man von der „roten Bestie“ in Südafrika erwarten kann. Immerhin lautet die unheimliche Bilanz der Spanier aus den letzten 40 Spielen: 36 Siege, 3 Remis, 1 Niederlage. Die Spanier dürfte es besonders wurmen, dass diese Niederlage ausgerechnet im Halbfinale des Confederations Cup kam und noch dazu gegen die USA, die normalerweise nicht in die vorderste Front der Weltmächte des Fußballs gerechnet werden. So verpassten die Spanier den zweiten Titel binnen einen Jahres, nachdem man ein Jahr zuvor in Wien durch ein 1:0 gegen Deutschland Europameister geworden war.
Natürlich bilden die Akteure aus dieser Erfolgstruppe einen Großteil derer, die für die Qualifikation für die WM 2010 verantwortlich sind. Einzelne Akteure hervorzuheben ist schwer, da die Mannschaft als Kollektiv besser funktioniert als nahezu alle anderen Nationalmannschaften dieses Planeten, dennoch stechen vorne, in der Mitte und hinten drei Akteure stets hervor. Zum einen Kapitän und Torwart Iker Casillas. Obwohl erst 28 Jahre alt, dürfte der gebürtige Madrilene, der seine ganze Karriere lang für Real Madrid gespielt hat, noch vor der WM sein 100. Länderspiel bestreiten. Casillas – vier Mal spanischer Meister, dreimal Champions League Sieger – ist der unumstrittene Rückhalt der Furia Roja. Mit seinen Paraden schafft er es oft, seinen Vorderleuten Selbstvertrauen und Energie zu verleihen. Außerdem scheint die Abwehr mit ihm im Rücken gelassener zu agieren, er macht also – ein Zeichen eines großen Spielers – andere Spieler um sich herum besser.
Selbiges gilt mit Sicherheit auch für Xavi Hernandez: 29 Jahre alt, Spieler des Turniers bei der EM 2008, Spieler des Spiels im Champions-League-Finale 2009. Im Mannschaftsgefüge der Seleccion ist er hinter Casillas die Nummer zwei und auch dessen Stellvertreter als Spielführer. Er hat wie dieser in seiner Karriere nur für einen Verein gespielt, allerdings ist bei Xavi der FC Barcelona der Verein des Herzens. Obwohl Xavi oft wenig auffällt, hält er doch die Fäden des spanischen Spiels in der Hand und ist eine der Schaltzentralen der Nationalmannschaft. Er lenkt und leitet das Spiel in geordnete Bahnen und sorgt mit seiner Übersicht oft für präzise gefährliche Anspiele in die Spitze. In leidvoller Erinnerung ist vielen deutschen Fans jene Fähigkeit aus dem EM-Finale 2008, schließlich war es Xavi, der den Siegtreffer der Spanier mit seinem Steilpass einleitete.
Der Empfänger jenes tödlichen Passes ist der dritte „Star“ im Bunde: Fernando Torres. Im Gegensatz zu den anderen beiden Genannten hat Torres den Verein bereits gewechselt. Der 25-jährige ist wie Casillas in Madrid geboren, sein Stammverein ist allerdings der Lokalrivale Reals, Atlético Madrid. Vor zwei Jahren verließ er Madrid in Richtung Liverpool. Seitdem hat der Stürmer sich in Sachen körperlicher Robustheit und Torgefährlichkeit noch weiter verbessert. Er ist an der Anfield Road unter Rafael Benitez zu einem Weltklassestürmer gereift, der seine Schnelligkeit, Wendigkeit und Kaltschnäuzigkeit zu seinen Gunsten auszunutzen weiß. Torschützenkönig bei der EM wurde trotz Torres’ Fähigkeiten ein anderer Spanier: David Villa. Villa gehört zusammen mit Andres Iniesta, Sergio Ramos, Cesc Fabregas und Xavi Alonso zu einer Reihe weiterer spanischer Spitzenklasseakteure, die alle ihr dreißigstes Lebensjahr noch nicht begonnen haben.
Zusammengehalten wird das Gefüge dieser Spieler seit August 2008 von Vicente del Bosque. Der übernahm das Amt von Luis Aragones, der Spanien zum EM-Titel geführt hatte. Del Bosque stand also keine leichte Aufgabe bevor, schließlich war Aragones der größte Triumph des spanischen Fußballs in über 40 Jahren gelungen. Doch bislang hat sich del Bosque bravurös geschlagen: Seine ersten 14 Spiele als Nationaltrainer gewann er, es folgte besagte Niederlage im Confed-Cup, seitdem hat er wieder alle Spiele (bislang vier) gewinnen können.
Dass del Bosque als Trainer Erfolg haben kann, hatte der 58-jährige bereits in seiner Zeit bei Real Madrid unter Beweis gestellt. Real hatte unter seiner Führung (1999-2003) die erfolgreichste Zeit der jüngeren Vereinsgeschichte: Zweimal gewann man die Champions League, zweimal die spanische Liga. Dennoch erschien der in Salamanca geborene, immer zurückhaltende, akribische Arbeiter Reals Präsidenten Perez als zu wenig repräsentativ für seine „Galacticos“ und entließ del Bosque 2003, obwohl Real gerade spanischer Meister geworden war. Seitdem erreichte Real nie mehr als das Viertelfinale der Champions League (und das auch nur einmal; unter del Bosque war Real immer mindestens ins Halbfinale gekommen) und gewann nur zwei weitere Meisterschaften. Ein deutliches Indiz für die gute Arbeit, die del Bosque als Trainer geleistet hatte. Womöglich ist genau er derjenige, der es schafft die WM und Spanien doch noch als Traumpaar zu vereinen.
| England |
Steckbrief:
Trikotfarbe: weiß
FIFA-Weltrangliste: 7
WM-Teilnahmen: 1950, 1954, 1958, 1962, 1966, 1970, 1982, 1986, 1990, 1998, 2002, 2006
Größter Erfolg: Weltmeister (1966)
Kontinentalmeister: – (Halbfinale 1996)
Rekordnationalspieler: Peter Shilton (125 Einsätze)
Rekordtorschütze: Bobby Charlton (49 Tore)
Trainer: Fabio Capello (63 Jahre)
Bilanz der letzten 10 Spiele: 8 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage (30:9 Tore)
WM-Historie, aktuelle Spieler und Trainer:
England – Mutterland des Fußballs – Heimat der reichsten Liga der Welt – WM-Versager außerhalb der eigenen Insel. Diese Assoziationskette haben Fußballfans auf der ganzen Welt, jene erwähnte Insel eingeschlossen, gemeinsam. Blickt man auf die WM-Geschichte Englands zurück, so hält das Urteil über die Leistungen der Three Lions bei Weltmeisterschaften größtenteils stand. Schließlich beginnt die Geschichte ja bereits mit einer Blamage: Nachdem der englische Verband die ersten drei Weltmeisterschaften boykottiert hatte, da man ja 1928 im Streit über das Amateuerstatut aus der FIFA ausgetreten war und der festen Überzeugung war, dass bei diesen Wettbewerben nur die zweitbeste Mannschaft der Welt ausgespielt würde, erbarmte man sich 1950 zur Teilnahme an der WM in Brasilien. Siegessicher trafen die Engländer ein, geschlagen kehrten sie heim. Das erste Spiel gegen Chile war noch mit 2:0 gewonnen worden, doch danach folgte die Blamage: Die englische Nationalmannschaft, der Stolz der Nation, gespickt mit Profispielern, hatte mit 0:1 gegen die Amateurkicker der USA verloren. Englische Zeitungen konnten die Niederlage zunächst nicht glauben und hielten das Ergebnis für einen Übertragungsfehler im Telegraphensystem. Drei Tage später verlor man auch noch gegen Spanien mit 0:1, es ging geschlagen zurück auf die Insel.
Noch ein weiteres Mal überstanden die Engländer die Vorrunde nicht. Acht Jahre später in Schweden beendeten die Engländer die Vorrunde hinter Brasilien punkt- und torgleich mit den UdSSR. Es musste ein Entscheidungsspiel her, man verlor 1:0. Hätte man vorher Österreich geschlagen und nicht unnötigerweise 2:2 gespielt, das Entscheidungsspiel wäre überflüssig gewesen. Stattdessen eine erneute Blamage für das „Mutterland des Fußballs“. Vier Jahre vorher hatten die Engländer in der Schweiz die Gruppenphase überstanden, waren dann aber im Viertelfinale an Uruguay gescheitert.
Es war das erste Viertelfinalaus der Three Lions bei einer WM, fünf weitere sollten folgen, so dass England bei der Hälfte seiner Teilnahmen im Viertelfinale ausschied: 1962 und 2002 war Brasilien der Stolperstein für die Briten. In Chile spielte Garrincha die Europäer schwindelig, in Japan genügte ein Freistoß von Ronaldinho um bei David Seaman Schwindelgefühle zu erregen. 1970 schieden die Engländer gegen Deutschland aus. Lange Zeit wirkten sie dabei wie der sichere Sieger, bis Trainer Ramsey Bobby Charlton auswechselte, um ihn für das Halbfinale gegen Italien zu schonen. England brach ohne Charltons Führung zusammen, Deutschland siegte in der Verlängerung, das Halbfinale gegen Italien fand ohne England statt. Dass berühmteste Viertelfinalaus kam auch in Mexiko, allerdings sechzehn Jahre später. Hier war Argentinien das unüberwindbare Hindernis, allen voran Diego Armando Maradona. Binnen drei Minuten erzielte der Argentinier zwei unvergessliche Tore: Eines mit dem Fuß, das andere mit der Hand; eines nach einem Sololauf, das andere nach einem Heber; eines, das all seine Genialität zeigte und das andere, das seine dunkle Seite offenbarte. Linekers Anschlusstreffer kurz vor Schluss reichte nicht, England verlor 1:2 und beweint noch heute das Tor durch die „Hand Gottes“, gerne vergessend, dass nur drei Minuten vorher die gesamte Mannschaft von einem kleinen Argentinier stehen gelassen worden war.
Das bislang letzte Viertelfinalaus kam vor drei Jahren in Gelsenkirchen. Portugal behielt im Elfmeterschießen die Nerven und zog ins Halbfinale ein. Womit man eleganterweise schon beim nächsten Versagenspunkt der Engländer angekommen ist, der mit diesem und zwei weiteren Ausscheiden verknüpft ist: Der Angst des Engländers beim Elfmeter. Neben 2006 erwiesen sich die Engländer auch 1990 und 1998 als schlechte Elfmeterschützen. Profitiert haben davon 1990 im Halbfinale die Deutschen und 1998 im Achtelfinale die Argentinier. Beide Spiele sind darüber hinaus für Tränen englischer Stars bekannt. 1990 weinte Paul Gascoigne nachdem er seine zweite Gelbe Karte sah und ihm klar wurde, dass er auf keinen Fall im WM-Finale spielen würde, 1998 tat es David Beckham, als er nach einem Nachtreten gegen Simeone vom Platz flog.
Somit wären eigentlich alle WM-Versagen der Engländer abgehandelt. Einzig 1982 passt nicht so recht in einen Rahmen, dort überstanden die Three Lions ohne Mühe die erste Vorrunde, gewannen alle drei Spiele (gegen Frankreich, die CSSR und Kuwait), scheiterten dann aber unspektakulär an Deutschland in der zweiten Gruppenphase. Bleibt also nur noch eine WM übrig, doch bevor diese behandelt werden kann, muss noch auf eine andere englische Eigenart des WM-Versagens eingegangen werden: Die Nicht-Qualifikation.
Immerhin drei Mal schafften es die Engländer gar nicht erst zu den Welttitelkämpfen. 1974 scheiterten sie an Polen, nachdem sie im entscheidenden Gruppenspiel gegen jene Polen nur ein 1:1 in Wembley schafften. Held des Abends war der polnische Torwart Jan Tomaszewski, der vor dem Spiel noch vom englischen TV-Experten und Trainer enfant terrible Brian Clough als „Clown“ bezeichnet worden war. Vier Jahre später war es Italien, die verhinderten, dass England nach Argentinien fahren durfte. Beide Teams gewannen ihre Heimspiele gegeneinander mit 2:0, doch Italien hatte in den Spielen gegen Finnland und Luxemburg drei Tore mehr erzielte und durfte deshalb zur WM fahren. Das letzte Mal, dass England nicht bei einer WM dabei war, war 1994. Die Schuldigen: Holland und Norwegen. Gegen beide Mannschaften schafften die Briten nur Unentschieden in Wembley und verloren die Auswärtsspiele.
Bei der einzigen WM, wo man den Engländern kein Versagen vorwerfen konnte, hatten sie genau dies nicht: Auswärtsspiele. 1966 wurden die Engländer Weltmeister auf heimischen Boden. Wie nahezu alle Kommentatoren und Fußballhistoriker sich einig sind zurecht. Die „Wingless Wonders“, so benannt weil Trainer Alf Ramsey auf gelernte Flügelspieler verzichtete und stattdessen Mittelfeldspieler nach außen zog, dominierten das Turnier, kassierten auf dem Weg ins Finale nur ein Gegentor und schalteten im Halbfinale den bis dahin dominierenden Spieler des Turniers, Eusebio, völlig aus. Nur im ersten (0:0 gegen Uruguay) und im letzten Spiel waren die Engländer nicht immer dominierend. Doch auch in jenem Finale gegen Deutschland, das letztlich durch das berühmteste (Nicht-)Tor der WM-Geschichte entschieden wurde, waren die Engländer das bessere Team, hatte sich Deutschland nur durch einen Treffer in letzter Minute in die Verlängerung gerettet. Dennoch bleibt natürlich für viele Deutsche der fade Beigeschmack, dass der Ball „nicht drin“ war, sie könnten bei einem Blick auf die WM-Geschichte Englands seit dem zumindest ein wenig versöhnt sein.
Um der WM-Geschichte kein weiteres Kapitel des Versagens, sondern ein zweites des Erfolgs hinzuzufügen haben die Three Lions personell eigentlich gute Voraussetzung, allerdings auch eine, seit Gordon Banks’ Rücktritt anhaltende, große Schwäche. Im Tor findet sich nämlich keine Besetzung, die internationalen Ansprüchen genügen würde. Egal welcher Torwart von den Trainern ausprobiert wurde – ob David James, Robert Green, Paul Robinson, Ben Foster, Joe Hart oder Scott Carson – keiner der in den letzten zwölf Monaten ausprobierten Keeper tat sich als Bollwerk hervor. Umso wichtiger ist die Rolle des Kapitäns der englischen Nationalmannschaft, John Terry, der sowohl als Führungsfigur im Ganzen als auch im Abwehrverbund agieren muss. Der 28-jährige vom FC Chelsea – er stand nie bei einem anderen Verein unter Vertrag – gilt dank seiner Kopfballstärke und seines Zweikampfverhaltens als Schlüsselspieler im Konzept von Nationaltrainer Fabio Capello. In der Stammformationen wird er in der Innenverteidigung von Rio Ferdinand (30, Manchester United) und links von Ashley Cole (28, Chelsea) unterstützt. Beide können auf über 70 Länderspiele Erfahrung zurückgreifen, Routine und Eingespieltheit, die ein dickes Plus für die englische Abwehr sind, der allerdings ein etatmäßiger Rechtsverteidiger fehlt. Weder Wes Brown (29, Manchester United) noch Glen Johnson (25, Liverpool) erscheinen als der Weisheit letzter Schluss, wobei Experten davon ausgehen, dass sich Brown auf Grund seiner größeren Defensivstärke durchsetzen wird.
Wie in der Abwehr gibt es auch im englischen Mittelfeld drei Namen, die zu nennen sind, drei Starspieler, die über den anderen stehen: Gerrard, Lampard und Beckham. Gerrard (29) ist wie sein Kapitän Terry eine vereinstreue Seele, spielte noch nie für einen anderen Verein als Liverpool. Tempo, Aggressivität und Antizipation gelten als Stärken von „Stevie G“, der sein erstes Länderspieltor in München schoss, beim 5:1 der Engländer gegen Deutschland. Lange Zeit wurden in England heftige Diskussionen geführt, ob Gerrard und Lampard, der im Verein eine ähnliche Rolle im zentralen Mittelfeld einnimmt, überhaupt zusammen im Nationalteam spielen können. Capello hat diese Frage stets bejaht. Er glaubt, dass sich die beiden hervorragend ergänzen und Lampard (31, Chelsea) mit seiner hohen Kreativität und Laufbereitschaft ein idealer Partner von Gerrard ist. Während die Anwesenheit der beiden also inzwischen unumstritten ist, kann dies vom dritten im Bunde, David Beckham (34) nicht behauptet werden. Nicht wenige Stimmen werden immer wieder laut, die behaupteten, dass Beckham dadurch, dass er in den USA bei LA Galaxy spielt, zu weit weg ist vom europäischen Spitzenfußball. Gegen diesen Vorwurf wehrte er sich und verbrachte zuletzt eine Halbserie in Mailand beim AC Milan. Dies wiederum interpretierten einige Galaxy-Anhänger als „Verrat“ und beschimpfen Beckham bei dessen Rückkehr wüst. An guten Tagen bringt „Becks“ mit seinen Standardsituationen und Flanken eine weitere gefährliche Ebene ins Spiel der Engländer. An schlechten Tagen spielt England mit zehn Mann.
Der englische Sturm wird an guten wie an schlechten Tagen von einem einzigen Mann dominiert, Wayne Rooney. Der 23-jährige von Manchester United ist der einzige Stürmer, der bei den Three Lions als gesetzt angesehen werden kann. Körperliche Präsenz und Torriecher machen den bulligen Stürmer zu einer wertvollen Waffe des englischen Teams. Um das in England weit verbreitete 4-4-2 spielen zu können, benötigt man jedoch einen zweiten Stürmer, und um diesen Platz buhlen Verteran Emile Heskey ebenso wie Funkturm Peter Crouch, ein zweiter Stürmer von internationalem Topformat befindet sich jedoch nicht in den Reihen von Fabio Capello.
Jener Capello ist seit Beginn der WM-Qualifikation Trainer der Engländer. Übernommen hat er den Job, wie sollte es anders sein, nach einer englischen Blamage. Da sich England nicht für die EM 2008 qualifizieren konnte, musste Steve McClaren, der erst nach der WM 2006 Nationaltrainer geworden war, seinen Hut nehmen und wurde durch den Italiener ersetzt, der ankündigte, dass jener Job sein letzter als Trainer sein werde. Die Reaktionen der britischen Presse auf dessen erste Einflussnahmen waren noch sehr begeistert. Die ersten Spiele seien eine Offenbarung gewesen und hätten gezeigt wie schlecht McClaren mit dem Team umgegangen sei. Doch in den letzten Monaten mehrten sich die Stimmen, dass das Team von Mal zu Mal schlechter spiele – ein Trend, den England mit dem überzeugenden 5:1 gegen Kroatien eigentlich gestoppt haben sollte. Außerdem hieß es Capello würde zu viele Spieler ausprobieren. Nicht ganz aus der Luft gegriffen jener Vorwurf: Immerhin 46 Spieler hat Capello in den letzten zwölf Monaten zur Nationalelf eingeladen von denen bislang 40 auch zum Einsatz kamen.
Aller Kritik zum Trotz: Capellos Bilanz mit den Three Lions kann sich sehen lassen. Von den 18 Spielen unter seiner Leitung hat England 14 gewonnen, darunter alle Qualifikationsspiele. Kein Wunder, dass er persönlich und seine Anhänger unter Fans und Verantwortlichen wenig Verständnis für die Kritik an der Spielweise der Nationalmannschaft haben. Dabei ist Capello Kritik an der Spielweise seiner Mannschaften sicherlich gewohnt. 2007 entließ Real Madrid ihn, nachdem er mit den Königlichen die spanische Meisterschaft geholt hatte, weil er zu wenig attraktiven Fußball spielen ließ. Die Art und Weise, wie die Engländer in Südafrika spielen, dürfte den meisten Fans der Mannen von der britischen Insel egal sein, wenn Capellos Spieler es schaffen, der englischen WM-Geschichte kein weiteres Versagenskapitel hinzuzufügen.
Andere Teile der Reihe im MAG:
Japan, Australien, Südkorea und Niederlande qualifiziert
Nordkorea qualifiziert
Brasilien qualifiziert
Ghana qualifiziert
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