MAG-Analyse: Hertha BSC-Berlin - Krise ist kein Ausdruck
28. September 2009, 16:25 geschrieben von informer, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Gestern noch top, heute ein Flop: Die Verwandlung von Hertha BSC Berlin vom Meister der Effizienz zur Schande der Liga ist perfekt. Herthas verwandeltes Erscheinungsbild versetzt selbst lebensfroheste Chamäleons in Staunen. Sechs Pleiten in Serie atomisieren in kürzester Zeit Berlins mühsam erarbeitetes Ansehen und machen Hertha zum begehrtesten Gegner – als Punktelieferant.
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Wie unterschiedlich die Bilder doch sein können: Noch vor wenigen Monaten schien Berlin Titelaspirant Nr. 1 der Bundesliga zu sein – jetzt ist Berlin auf dem besten Weg, das Ideal einer Fahrstuhlmannschaft zu bilden. Was ist passiert mit der Hertha, die „den Charakter der Mannschaft geändert“ hat, die den Wandel vom langweiligen Hauptstadtclub zur sexy Topmannschaft angestrebt hat (wenn auch ohne Geld)?
Mit Pantelic, Simunic und Voronin fehlen die Säulen
Trainer Lucien Favre dürfte sein Gefühl für Gleichgewicht inzwischen besser entwickelt haben als manch anderen Sinn. Zu heftig waren die Klatschen der vergangenen Wochen, sein Stuhl ist zum Sägeobjekt Nr. 1 der Bundesliga geworden. In einer Krisensitzung mit Manager Preetz sollen die Weichen gestellt werden. Hatte Ex-Manager Hoeneß bei Favre noch die Fähigkeit gelobt, „der Mannschaft eine Struktur zu geben und ein gutes Klima zu erzeugen“, sodass auch Ausfälle kompensiert werden konnten, so ist diese Fähigkeit inzwischen abhanden gekommen. Nachdem Voronin, Pantelic und Simunic den Verein verlassen haben und Torwart Drobny verletzt fehlt, scheinen der Hertha aus Berlin die Säulen zu fehlen. Da Favre an den Abgängen nicht unbeteiligt ist, richtet sich das entsicherte Schnellfeuergewehr des Krisenvereins derzeit auf den Trainer. Favre rechnet minütlich damit, Bekanntschaft mit der nächsten direkten Ausfallstraße aus Berlin hinaus zu machen. In einigen Zeitungen werden Berlin Kontakte zum ehemaligen Trainer Jürgen Röber und auch zu Hans Meyer nachgesagt.
Dazu kommt, dass die Neuverpflichtungen Berlins ähnlich gut eingeschlagen sind, wie der Eisberg in die Titanic. Und Routinier Arne Friedrich, der schon gefragt worden ist, ob er absichtlich gegen Favre spiele, läuft seiner Form genauso hinterher, wie viele andere Berliner auch. Ob Friedrich mit seiner Leistung die Ausmusterung durch Favre im Endspurt der vergangenen Saison zurückzahlen will, konnte nicht geklärt werden – dazu wollte er nichts sagen.
Hertha nach sechs Pleiten an der Wand
Abgesehen von derlei Erscheinungen, die bei allen Teams in Krisenzeiten zum selbstverständlichen Szenario gehören: Berlin präsentiert sich in den letzten Spielen nicht als Mannschaft, sondern als Schande des deutschen Fußballs. In der Europa League reichte es gerade zu einem Unentschieden im Olympiastadion gegen Ventspils. Mal wieder hat die Hertha gezeigt, Ambitionen der Bundesliga auf eine dauerhaft höhere Einordnung in Europa nicht stützen zu können. Vom letzten Spiel gegen das Dauerprojekt Hoffenheim bleibt nur in Erinnerung, ob Hoffenheims Abwehrchef Simunic in der Pause seinen Platz räumte, um den Untergang der alten Kollegen nicht live mitansehen zu müssen. Ein Berliner Sturm war nicht auf dem Platz, und wenn es ein neues Buch über Passivität in der Abwehr geben sollte: das Beispiel Berlin bewies gegen Hoffenheim Lehrbuch-Qualitäten. Die Früchte, die ein eigens beorderter Mental-Trainer säen sollte, sind nicht aufgegangen. Nach sechs Pleiten in Serie taumelt Berlin von einer Wand gegen die nächste. Nach dem 0:4 gegen Aufsteiger Freiburg hatte Favre ein Drei-Spiele-Ultimatum bekommen. Aber es folgten das Aus im DFB-Pokal und das 1:5 gegen Hoffenheim. Demnach wäre dann Donnerstag gegen Sporting Lissabon in der Europa League das Thema Favre spätestens beendet.
Trainer Favre, der mit Gutsherren-Manager Dieter Hoeneß einigermaßen zurecht kam, hat es jetzt mit Preetz zu tun. Einem Manager, den er auf dem Posten noch nicht lange kennt. Und dazu kommt, dass der Baum nicht erst brennt, sondern schon fast abgefackelt ist. Das verschlechtert die Chancen auf weitere Beschäftigung erheblich. Der Berliner Kurier titelte am Montag: ‚Preetz rückt von Favre ab’. Das sind Schlagzeilen, die im krassen Gegensatz zur täglichen Ration Baldrian stehen, den Favre mittlerweile konsumieren dürfte. Nach Hoeneß’ Abgang dachten alle, Favre würde der kommende starke Mann in Berlin werden. Darüber wird heute nicht mal mehr in den dunkelsten Fluren Berlins gemauschelt.
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