[WM-Qualifikation 2010] Deutschland qualifiziert
16. Oktober 2009, 21:37 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Int-Fussball, WM-2006.
Durch das 1:0 in Russland konnte sich die deutsche Nationalelf am vorletzten Spieltag für die Endrunde in Südafrika qualifizieren. Das MAG blickt zurück auf die überaus erfolgreiche WM-Geschichte Deutschlands und wagt einen kurzen Ausblick auf das nächste Jahr.
| Deutschland |
Steckbrief:
Trikotfarbe: weiß-schwarz
FIFA-Weltrangliste: 4
WM-Teilnahmen: 1934, 1938, 1954, 1958, 1962, 1966, 1970, 1974, 1978, 1982, 1986, 1990, 1994, 1998, 2002, 2006
Größter Erfolg: Weltmeister (1954, 1974, 1990)
Kontinentalmeister: 1972, 1980, 1996
Rekordnationalspieler: Lothar Matthäus (150 Spiele)
Rekordtorschütze: Gerd Müller (68 Tore)
Trainer: Joachim Löw (49 Jahre)
WM-Historie, aktuelle Spieler und Trainer:
Deutschland nahm bislang 16 mal an Fußballweltmeisterschaften teil, nur 1930, als es keine Qualifikation für das in Uruguays Hauptstadt Montevideo stattfindende Turnier gab und man sich die Reise über den Ozean ersparte, sowie 1950, als man von der WM in Brasilien infolge des Zweiten Weltkriegs ausgeschlossen wurde, fehlte Deutschland im Teilnehmerfeld. Eingebettet zwischen dem ersten Tor, das Stanislaus Kobierski beim 5:2- Achtelfinalerfolg gegen Belgien am 27. Mai 1934 in Florenz in der 18. Minute markierte, und dem 190., für das Sebastian Schweinsteiger am 8. Juli 2006 in Stuttgart beim 3:1-Sieg gegen Portugal im Spiel um Platz 3 in der 78. Minute mit den zwischenzeitlichen 3:0 verantwortlich war, finden sich unvergessene Erfolge und große Momente, aber auch bittere Niederlagen und Szenen, die man lieber aus dem Gedächtnis streichen möchte. In den insgesamt 92 Endrundenspielen (55 Siege/19 Remis/18 Niederlagen) – dies sind genauso viel wie der fünffache Rekordweltmeister Brasilien bei allerdings 18 Teilnahmen ausgetragen hat – wurden Dramen geschrieben und Helden geboren. Alle diese Geschichten und Protagonisten hier zu beleuchten würde den Rahmen um ein Vielfaches sprengen. Daher wird hier nur auf die wirklichen Höhepunkte und weitere schicksalhafte Momente eingegangen, die einerseits noch heute für Gänsehaut, andererseits aber für Zornesröte und aufgestellte Nackenhaare sorgen, und diese mit bewegten Bildern zusammengefasst.
Deutschland – dreifacher Weltmeister
Der erste der drei Titel ist wohl unangefochten der größte Coup. Nachdem Deutschland 1934 in Italien im Halbfinale am Nachbarn Tschechoslowakei (1:3) gescheitert war und sich 1938 in Frankreich im Achtelfinale (1:1 n. V. und 2:4 n. V. im Wiederholungsspiel) mit der Schweiz erneut einem Nachbarland geschlagen geben musste, reiste die Herberger-Elf 1954 als Außenseiter zu den Eidgenossen. Doch es wurde ein Ausflug der am 4. Juli mit dem “Wunder von Bern” endete und eine ganze Nation aus dem Tal der Tränen riss. Schauplatz des Triumphes war das Wankdorfstadion, der Gegner die als schier übermächtig eingestuften Ungarn, die Deutschland in der Vorrunde mit 8:3 vom Platz gefegt hatten. Doch die Deutschen wuchsen in diesem Finale über sich hinaus und drehten vor 62.471 Zuschauern einen 0:2-Rückstand noch in einen 3:2-Sieg. Helden waren Sepp “Der Weise von der Bergstraße” Herberger und die Spieler um das Brüderpaar Ottmar und Fritz Walter, Keeper Toni Turek und Max Morlock alle – aber nur einer war “Der Boss”: Helmut Rahn, der den ersten deutschen Treffer vorbereitete und dann nach dem Ausgleich auch jenes Siegtor zum 3:2 erzielte, das – zusammen mit dem Kommentar von Herbert Zimmermann – bis heute diese Weltmeisterschaft symbolisiert.
20 Jahre später wurde im eigenen Land der zweite Triumph eingefahren – und der kam weit weniger überraschend. Trainer Helmut Schön hatte einen Kader der absoluten Extraklasse zur Verfügung, zurückblickend wohl den besten, den Deutschland je zu einer Weltmeisterschaft schickte. Namen wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Berti Vogts, Paul Breitner, Wolfgang Overath und Gerd Müller stehen für diese Mannschaft – Aushängeschilder des deutschen Fußballs bis in die Gegenwart. Nach zwei Gruppenphasen, in die auch die Niederlage in Hamburg gegen die DDR (0:1) und die legendäre Wasserschlacht von Frankfurt (1:0 gegen Polen) fielen, qualifizierte man sich als Sieger der zweiten Runde direkt für das Finale. Dieses fand am 7. Juli im Münchener Olympiastadion statt, wo der Gegner Niederlande hieß. Die spielstarken Holländer um ihren Superstar Johann Cruyff waren bis dato ungeschlagen und gingen als Favorit in diese Partie, die dann nervenaufreibendend wurde. Zunächst verteilte der englische Schiedsrichter John Taylor Geschenke, indem er auf jeder Seite einen höchst umstrittenen Elfmeter pfiff. Noch in der ersten Halbzeit sorgte ein Mann für die Entscheidung zu Gunsten der Deutschen, der einen Torriecher wie kein Zweiter hatte und eine unvergleichliche Art besaß, den Ball im Netz unterzubringen: Gerd Müller, der “Bomber der Nation”. Mit seinem 14. WM-Treffer, die bis heute deutscher Rekord sind, traf er in der 43. Minute zum 2:1 – ein typischer Müller, unnachahmlich und einzigartig
1990 folgte bei den Titelkämpfen in Italien der dritte und bislang letzte Streich. Angeführt von einem überragenden Lothar Matthäus, der heute noch mit 25 Spielen die meisten WM-Einsätze Deutschlands aufweisen kann, spielte sich Deutschland bis in das Finale in Rom, wo es am 8. Juli zur Revanche für das verlorene Endspiel 1986 gegen Argentinien (2:3) kam. Teamchef Franz “Geht’s raus und spielt Fußball” Beckenbauer hatte eine gut funktionierenden Mannschaft zusammengestellt. Der Abwehrverbund mit Buchwald, Kohler, Brehme und Augenthaler ließ kaum etwas anbrennen und wurde vom Letztgenannten hervorragend organisiert; im Mittelfeld schwang, begleitet von den technisch und spielerisch starken Häßler und Littbarski, König Matteos das Zepter, und im Angriff war auf das laufstarke Duo Klinsmann/Völler die erste Wahl. Anders als vor vier Jahren ließ die deutsche Elf Argentinien und Superstar Maradona nicht zur Entfaltung kommen, benötigte aber einen Strafstoß, um die Gauchos niederzuringen. Da Kapitän Matthäus sich mit neuen Schuhen nicht so recht in die Verantwortung traute, legte sich Brehme, der sich auch durch die minutenlangen, heftigen Proteste der Argentinier nicht aus der Ruhe bringen ließ, den Ball auf dem Punkt zurecht, lief an und verwandelte in der 85. Minute bombensicher ins linke untere Eck – Deutschland hatte nur ein Jahr nach der Wiedervereinigung schon wieder einen Grund zum Feiern.
Deutschland – viermaliger Vize
Neben den drei gewonnenen Endspielen stand Deutschland noch viermal im WM-Finale – vier Niederlagen, die schmerzen und untrennbar mit Spielern des jeweiligen Konkurrenten verknüpft sind. Legendär und außergewöhnlich ist die Niederlage gegen Gastgeber England 1966 (2:4 n. V.). Nachdem Deutschland durch Weber in der Nachspielzeit zum 2:2 die abwechslungsreiche Partie ausgleichen konnte, sorgte der russische Linienrichter Tofiq Bahramov mit der wohl am meisten diskutierten Entscheidung der Fußballgeschichte dafür, dass England die Oberhand behielt und zum ersten und einzigen Mal Weltmeister wurde. Der Russe entschied nach Jeff Hursts Schuss, der von der Unterkante der Latte senkrecht auf die Torlinie prallte und dann von Weber ins Aus befördert wurde, dass der Ball die Linie komplett überschritten hatte – 3:2 für England. Die Deutschen fühlten sich verschaukelt, die Engländer sahen dies natürlich anders. Jeder Fußballfan kennt die Szene: Hier grübelt Rudi Michel, hier kollabiert der englische Kommentator
1982 bei der Weltmeisterschaft in Spanien schaffte es Deutschland unter Trainer Jupp Derwall erneut bis in das große Finale. Dort traf man auf Italien und auf einen überragenden Bruno Conti. Dieser führte die Squadra Azzurra vor 90.000 Zuschauern im Bernabéu gegen die nach einem dramatischen Halbfinale gegen Frankreich (5:4 i.E.) in der zweiten Halbzeit spürbarer abbauende deutsche Elf zum Sieg. Doch nicht der Name Conti blieb im Zusammenhang mit dieser Niederlage in den Köpfen haften, sondern der von Paolo Rossi, der nach torloser Vorrunde im weiteren Verlauf des Turniers förmlich explodierte und mit sechs Treffern Torschützenkönig wurde. Sein Treffer in der 56. Minute ebnete dann auch im Finale den Weg für die Italiener.
Vier Jahre später bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko lenkte bereits “Kaiser Franz” die Geschicke des DFB. Beckenbauer führte das Team dann auch ins Endspiel, wo man allerdings gegen Argentinien mit einem Maradona auf dem Höhepunkt seiner Karriere als klarer Außenseiter galt. Und dies schien sich im Azteca vor der riesigen Kulisse von rund 115.000 Besuchern zunächst auch zu bewahrheiten, denn die Albiceleste wurde ihrer Favoritenrolle gerecht und ging mit 2:0 in Führung. Doch Deutschland gab nicht auf und kam in der Schlussphase durch Rummenigge und Völler zum Ausgleich – dann wollte man das Momentum nutzen und noch in der regulären Spielzeit den Sieg. Leider vernachlässigte man dabei die Abwehrarbeit, Maradona schicke Jorge Burruchaga mit einem tollen Pass in die völlig entblößte deutsche Hälfte – Burruchaga vollstreckte eiskalt und Argentinien durfte sich Weltmeister nennen.
Bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea bekleckerte sich die deutsche Nationalmannschaft wahrlich nicht mit Ruhm. Dennoch schaffte die von Rudi Völler trainierte Mannschaft wiederum den Sprung ins Finale von Yokohama. Obwohl Deutschland die beste Leistung des gesamten Turniers abrief, musste man sich letztlich Brasilien mit 0:2 geschlagen geben. Michael Ballack, die zentrale Figur im deutschen Spiel, fehlte aufgrund einer Gelbsperre. Auch ohne Ballack stand es fast 70. Minuten lang 0:0, vor allem, weil der bis dato alles überragende Oliver Kahn im Kasten nahtlos an die vorangegangenen Partien anknüpfte und einfach keinen Ball vorbei ließ. Doch dann unterlief ausgerechnet dem Torwart-“Titan” ein folgenschwerer Fehler, den Ronaldo per Abstauber in die Führung für die Seleção ummünzte. Gut zehn Minuten vor dem Abpfiff legte der Stürmerstar mit seinem achten Turniertreffer nach und sicherte den Ballartisten vom Zuckerhut den fünften WM-Titel.
Legendäre Spiele und Momente
- 1970: Das Halbfinal-Aus gegen Italien in Mexiko-Stadt – im nach Meinung nicht weniger Experten vielleicht besten WM-Spiel aller Zeiten überhaupt musste sich Deutschland der Squadra Azzurra mit 3:4 nach Verlängerung geschlagen geben.
- 1974: Die Ernüchterung von Hamburg – die Bundesrepublik verlor in der Gruppenphase das innerdeutsche Duell gegen die DDR mit 0:1. Der Magdeburger Sparwasser erzielte das prestigeträchtige Tor, das ihn in Ostdeutschland zu einem der populärsten Fußballer machte und ihn fortan regelrecht verfolgte. Westdeutschland raufte sich nach dieser historischen Niederlage zusammen und wurde schließlich Weltmeister.
- 1978: Der Name einer Stadt hat sich im Zusammenhang mit der WM 1978 in Argentinien wie ein Geschwür in den Köpfen aller deutschen Fußballanhänger eingebrannt: Córdoba – Deutschland verlor nach desaströsen 90 Minuten gegen unseren südlichen Nachbarn Österreich mit 2:3 und verabschiedete sich damit aus dem Turnier, das danach immer auf die “Schande von Córdoba” reduziert wird.
- 1982: In Spanien trug Deutschland wohl zu einem der größten Skandale der gesamten WM-Geschichte bei, als man im letzten Spiel der 1. Finalrunde am 25. Juni nach einer 1:0-Führung gegen Österreich das Fußballspielen einstellte und sich auf einen Nichtangriffspakt mit dem Konkurrenten verständigte. Das Ergebnis reichte für beide Mannschaften zum Einzug in die nächste Runde – das tapfere Algerien blieb auf der Strecke und die Schande von Gijón (Nachbetrachtung) war geboren. Österreich und Deutschland traten die Fairness mit Füßen und ernteten dafür Häme und Verachtung – man konnte sich nur schämen
- 1982 Nochmal Spanien. Wie das Halbfinale 1970 gegen Italien hätte auch das Semifinale von Sevilla eigentlich mehr Platz verdient. Deutschland und Frankreich lieferten sich im Estadio Sánchez Pizuán einen unvergessenen Tanz auf der Rasierklinge. Am Ende setzten sich die Deutschen mit 5:4 im Elfmeterschießen durch. Stellvertretend für die Dramatik hier das vierte Tor in der Verlängerung, der spektakuläre Fallrückzieher von Klaus Fischer zum 3:3 in der 108. Minute. Aber eine Szene legte sich wie ein dunkler Schatten über diesen Klassiker. Die Rede ist von der bösen Attacke Toni Schumachers gegen Patrick Battiston, die für den Torwart ohne Konsequenzen blieb, den Franzosen allerdings einige Zähne und die Fortsetzung des Turniers kostete.
- 1990: Neben dem WM-Titel blieb vor allem der 2:1-Sieg im Achtelfinale gegen die Niederlande in den Erinnerungen haften. Schuld daran war der unrühmliche Auftritt von Frank Rijkaard, der vollkommen die Nerven verlor und sich gegen Rudi Völler zu einer Spuckattacke hinreißen ließ. Sowohl Rijkaard als auch der völlig unschuldige Völler wurden vom argentinischen Referee Loustau mit Rot des Feldes verwiesen – Klinsmann und Brehme rächten mit ihren Treffern “Tante Käthe”.
- 1994: Titelverteidiger Deutschland spielte in den USA ein Turnier zum Vergessen. Der von Berti Vogts trainierten Mannschaft fehlte es an Zusammenhalt und zudem stimmte die Mischung nicht. Man rumpelte sich durch die Vorrunde und schied dann, nachdem man im Achtelfinale gegen Belgien (3:2) die beste Leistung dieser Weltmeisterschaft zeigte, im Viertelfinale gegen Bulgarien mit einer 1:2-Pleite aus. Der Knock-out-Treffer von Jordan Letchkov war da bei einer mit Symbolcharakter für das Auftreten Deutschlands in Übersee. Der kleine “Icke” Häßler musste völlig alleingelassen von seinen Kollegen im Strafraum zum Kopfballduell gegen Letchkov hoch steigen. Er machte dabei keine gute Figur. Richtig, da war doch noch was … genau, der berühmte Stinkefinger des Stefan Effenberg. Der große Blonde mit dem großen Ego “bedankte” sich während der Partie gegen Südkorea auf seine Weise bei den mitgereisten Anhängern, indem er dem Publikum den ausgestreckten Mittelfinger entgegenstreckte. Das war es dann für Effe; er wurde von Vogts vorzeitig in die Heimat geschickt.
- 1998: Auch in Frankreich ereilte die DFB-Kicker das Aus im Viertelfinale. Das 0:3 gegen Kroatien war neben dem 3:8 1954 gegen die Ungarn und dem 3:6 1958 gegen Frankreich die höchste WM-Niederlage überhaupt. Weichenstellend für diese herbe Klatsche war ein bitterböser Fehlpass van Matthäus, der letztlich zu einen Platzverweis für Wörns führte. In der Folgezeit hatten die Deutschen den Kroaten in Unterzahl dann nicht mehr viel entgegenzusetzen.
- 2006: Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land begeisterte Deutschland die Massen. Doch nach einem dramatischen Erfolg im Viertelfinale gegen Argentinien (4:2 i.E.) war im Halbfinale Endstation gegen den späteren Weltmeister Italien. Ein gewisser Fabio Grosso, der das Motto: “Die Welt zu Gast bei Freunden” wohl falsch verstanden hatte, wurde mit seinem Treffer in der Verlängerung zum Spielverderber und beendete den Traum der von Klinsmann trainierten deutschen Mannschaft vom großen Triumph vor eigenem Publikum.
Mannschaft und Trainer
Auch wenn nicht alles perfekt war, was Deutschland in der Qualifikation darbot – die Mannschaft von Jogi Löw meisterte sie letztlich souverän: zwei Siege über die starken Russen ebneten den Weg. Lediglich die zwei Unentschieden verdarben eine makellose Bilanz, wobei das 1:1 am letzten Spieltag nach bereits feststehender Teilnahme an der Endrunde eher ein Freundschafts- als ein echtes Qualifikationsspiel war.
Jogi Löw hat seit seiner Amtsübernahme 2006 – für manche war er allerdings schon unter Jürgen Klinsmann der eigentliche Trainer der DFB-Auswahl – viele neue Akteure getestet. Und auch wenn er sein Gerüst für Südafrika im Kopf hat, bis zum Sommer des nächsten Jahres werden wohl noch einige hoffnungsvolle Talente ihre Chance bekommen – der deutsche Nachwuchs präsentiert sich derzeit stark wie nie. So stehen beispielsweise die beiden Newcomer des FC Bayern München, Thomas Müller und Holger Badstuber, im Fokus des Bundestrainers.
Wie schon vor der Weltmeisterschaft 2006 steht die Frage nach der Nummer 1 im Mittelpunkt der Diskussionen. Anders als damals, als man zwischen Kahn und Lehmann aus purer Erfahrung wählen konnte und letztlich die fußballerischen Fähigkeiten Lehmanns das Pendel zu seinen Gunsten ausschlagen ließen, haben alle jetzt zur Auswahl stehenden Keeper noch kein großes Turnier im Seniorenbereich bestritten. Derzeit hat der Leverkusener René Adler die Nase vorn. Zurecht, denn nach dem krankheitsbedingten Ausfall von Robert Enke konnte sich Adler in den letzten Spielen auszeichnen und gewaltig Pluspunkte sammeln. Neben Adler und Enke ist momentan Manuel Neuer der dritte Mann im Trio, wobei aber auch Tim Wiese noch nicht ganz aus dem Rennen scheint.
In welcher Zusammensetzung die Abwehr, das Mittelfeld und der Angriff die Reise zum südlichen Ende des schwarzen Kontinents antritt, lässt sich nur sehr schwer vorhersagen. Neben Kapitän Michael Ballack, Abwehrchef Per Mertesacker, dem flexiblen Pilipp Lahm sowie den beiden Stürmern Miroslav Klose und Mario Gómez werden wohl auch Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Thomas Hitzlperger, Simon Rolfes und Heiko Westermann ihr Ticket nahezu sicher haben. Auch Arne Friedrich, Mesut Özil, Andreas Beck, Piotr Trochowski und der letzte Debütant, Jérôme Boateng, werden wohl ihren Sommerurlaub nach hinten verlegen müssen. Die Liste weiterer Akteure, die sich Hoffnung machen können, ist lang: Sami Khedira, Erdar Tasci, Marko Marin, Marcel Schäfer oder Christian Gentner aus der aufstrebenden Fraktion, dazu Torsten Frings, Christoph Metzelder, Clemens Fritz, Cacau oder der momentan so stark aufspielende Stefan Kießling, aus der etwas erfahreneren Abteilung. Selbst der derzeit wegen eines Kreuzbandrisses zum Zuschauen verurteilte Patrick Helmes könnte noch auf den Zug aufspringen. Eine genaue Einschätzung der WM-Kandidaten wird dann vorgenommen, wenn der endgültige Kader benannt ist.
Fakt ist, dass Löw im Hinblick auf die Endrunde im nächsten Jahr in Südafrika noch einige Arbeit hat. Der Abwehr fehlt es oftmals an Stabilität, im kreativen Bereich und im Angriff mangelt es an Ideen. Aber noch bleibt genug Zeit, um das Team für das Großereignis fit zu machen, den nötigen Feinschliff und das beste System zu einzustudieren. Dabei besitzt der Bundestrainer das volle Vertrauen der DFB-Spitze. Der Vertrag von Löw endet im kommenden Jahr. Unabhängig vom Ausgang der Weltmeisterschaft möchte der DFB vorzeitig mit ihm verlängern. Und auch, wenn Löw momentan noch mauert und seine Entscheidung ganz in Ruhe treffen will, so spricht im Grunde nichts gegen eine weitere Zusammenarbeit.
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