Rezension: Sebastian Deisler: Zurück ins Leben
2. November 2009, 23:14 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Rezensionen.
Michael Rosentritt: Sebastian Deisler: Zurück ins Leben. Die Geschichte eines Fußballspielers, erschienen 2009, 247 Seiten, mit einem Vorwort von Ottmar Hitzfeld und zahlreichen farbigen Abbildungen, teilweise Schwarz-Weiß-Abbildungen, Maße: 19,3 × 25,6 cm, gebunden, edel-Verlag; 22,95 Euro; ISBN-10: 3941378287; ISBN-13: 9783941378285
Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist absolut lesenwert! Autor Michael Rosentritt hat zusammen mit Sebastian Deisler viel Arbeit investiert, um die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Fußballers nachzuzeichnen. Fast drei Jahre sind vergangen, seit Deisler wenige Tage nach seinem 27. Geburtstag aufgrund psychischer Probleme seinen Rücktritt vom aktiven Fußball verkündete. Rosentritt, Berliner Sportjournalist, kennt ihn seit langem, zwischen beiden besteht ein Vertrauensverhältnis. Sie haben intensive Gespräche miteinander geführt, herausgekommen ist ein feines Buch.
Sebastian Deisler ringt heute noch um seine Gesundheit, muss seine Vergangenheit verarbeiten und neue Perspektiven entwickeln, das Buch ist für ihn ein Mittel dazu. Es liegt in der Natur der Sache, dass es keine einfachen Erklärungen für seine Depressionen und das endgültige Karriere-Aus gibt, denn Sebastian Deisler selbst befindet sich noch auf der Suche nach den Gründen. In seinem Buch nehmen er und Rosentritt den Leser mit auf eine Erkundungsreise, bei der wir außerdem viel über das Hintergrundgeschehen im Profi-Fußball erfahren.
Mir hat das Buch sehr viel Freude bereitet – auch weil ich den Fußballer Sebastian Deisler sehr bewundert habe.
Sebastian Deisler als Shootingstar
Wer war der Spieler Sebastian Deisler? Für mich – und ich sage das ganz bewusst – war er einer der besten offensiven Mittelfeldspieler, die der deutsche Fußball nach 1990 hervorgebracht hatte. Dies ist wichtig, um die Bedeutung des Fußballers Deisler zu verstehen. 1990 würde ich nicht nur wegen des WM-Titels als Vergleichspunkt wählen, sondern auch, weil der deutsche Fußball damals eine sehr hohe Dichte an kreativen Mittelfeldspielern auf Top-Niveau hatte. Sollte ich Namen nennen, dann fallen mir Icke Häßler, Pierre Littbarski, Uwe Bein und auch Olaf Thon ein. Diese Spielertypen repräsentierten Weltklasse.
Häßler und Littbarski über einen längeren Zeitraum, Bein und Thon in bestimmten Phasen. Olaf Thon war als Fußballer hochtalentiert, ein Ausnahmetalent, das dann mit 22 Jahren zum FC Bayern ging und in sechs Spielzeiten fast 150 Bundesligaspiele für den besten deutschen Fußballklub absolvierte und dabei 30 Tore schoss. Thon konnte jedoch nie die Lücke schließen, die Lothar Matthäus durch seinen Weggang nach Inter Mailand hinterlassen hatte. Und Thon konnte sich später, nachdem Matthäus aus Italien zurückgekommen war, nie aus dessen Schatten lösen. Matthäus war ein anderer Spielertyp, er brauchte Platz für sein Spiel. Er lief in die unmöglichsten Räume und spielte seine überragende Dynamik aus. Aber auf engem Raum kam Matthäus nicht so gut zurecht.
Matthäus wurde älter und der Fußball wandelte sich, das Geschehen auf dem Platz wurde immer enger. Ein Fußballspiel auf Topniveau findet zu fast 90 Prozent auf einem hochverdichteten Raum von etwa 50 mal 40 Metern statt. Zinedine Zidane hat später einmal eindrucksvoll beschrieben, worum es im modernen Fußball vor allem geht: sich aus der Enge des Raumes befreien – nicht wie in Zeiten der Manndeckung durch einen 60-Meter-Pass, sondern durch Kombinationsspiel, Inspiration, Kreativität. Dies repräsentierte Ende der 1990-er Jahre im deutschen Fußball nur noch Mehmet Scholl, der aber lange brauchte, um das Image des Mega-Talents zu überwinden und fußballerisch reifer zu werden, bevor er dann sehr häufig von Verletzungen zurückgeworfen wurde.
Und damit wären wir wieder bei Sebastian Deisler. Dieser schmächtige Junge stieß urplötzlich in dieses Vakuum, das sich in deutschen Fußball allerspätestens nach Häßlers Abgang 1996 aufgetan hatte. Nachdem Deisler 1998 mit seinen 18 Jahren die ersten Bundesligaspiele für Borussia Mönchengladbach gemacht hatte, horchte man auf: In Gladbach ist ein neuer Superspieler. Und dann achtete man, spätestens in der Rückrunde, näher auf diesen Deisler, von dem man wusste, dass er mit 15 Jahren aus Süddeutschland ins Gladbacher Fußballinternat gezogen war. Deisler spielte für einen Achtzehnjährigen wirklich stark, auch wenn er den Abstieg nicht verhindern konnte. Wegen eines Kreuzbandanrisses und zweier Meniskusrisse spielte er in seiner ersten Profisaison nur 17 Bundesligaspiele für Gladbach und wurde dann von der Hertha nach Berlin geholt.
Sebastian Deisler als Heilsbringer
In der Hauptstadt waren damals wirtschaftliche, politische und publizistische Gruppen darin übereingekommen, dass große Kräfte in den Klub investiert werden sollten, um Berlin wieder in zu einer Topadresse des Fußballs werden zu lassen. „Basti Fantasti“ erfüllte exakt das Anforderungsprofil. Er versprach Erfolg und zudem einen Fußballstil, der bestens zu vermarkten war. Trotz weiterer schwerer Verletzungen – Achillessehnen, Kreuzbandriss, Meniskusschaden und Leistenoperation – spielte Deisler auch in Berlin weiter stark, sehr stark sogar. Seine Ballfertigkeit, seine Dribblings, sein Blick für den Mitspieler, sein Passspiel, seine Standards – Deisler besaß Talent im Überfluss. In Berlin legte er leistungsmäßig noch einmal zu und kam bestens mit dem Bundesliganiveau zurecht. Die Defensivspieler des Gegners hatten ihre liebe Not mit diesem jungen Mittelfeldspieler, der wie jeder Kreativspieler extrem viel auf die Knochen bekam. Deislers Fußball war Fußball zum Genießen. Und so erlangte er nicht nur einen Heldenstatus in Berlin und topdotierte Werbeverträge von global agierenden Unternehmen, die einem deutschen Star lange herbeigesehnt hatten, sondern bekam natürlich bald auch sein erstes Länderspiel.
Der DFB hatte den Antifußball und das Scheitern bei der WM 1998 noch als Betriebsunfall abgetan und den zuletzt glücklosen Hans-Hubert „Berti“ Vogts gegen den Großmeister Erich Ribbeck eingetauscht. Sagen wir es in den Worten von Jens Jeremies: Die Nationalmannschaft war damals in einem jämmerlichen Zustand. Da kam einer wie Deisler genau richtig. In ihn wurden unglaublich hohe Erwartungen gesetzt, Deutschland wollte sich bei der EM 2000 wieder als starke Fußballnation präsentieren. Das Ergebnis ist bekannt: Mit einem Unentschieden und zwei Niederlagen blamierte sich die DFB-Elf und reiste bereits nach der Vorrunde ab.
Sebastian Deisler wird in Berlin demontiert
Sebastian Deisler blieb bis Sommer 2002 in Berlin, insgesamt drei Jahre. Die letzten Monate wurden zu einem Spießrutenlaufen. Durch eine Indiskretion von Bankmitarbeitern war bekannt geworden, dass Deisler zum Saisonende zum FC Bayern wechseln würde und ein Handgeld in Höhe von 20 Mio. DM bezogen hatte. Deisler wird vom Berliner Publikum gnadenlos ausgepfiffen, kann sich aber, wie er es ausdrückt, nicht wehren, da er verletzt auf der Tribüne sitzt. Auch außerhalb des Stadions ist er Anfeindungen ausgesetzt. Er selbst schweigt. Auch die Hertha-Verantwortlichen, die den Spieler eindringlich gebeten hatten, nichts über den Wechsel zu sagen, klären die Sachlage nicht auf und lassen den jungen, sensiblen Spieler im Regen stehen. Noch heute ist bei Sebastian Deisler die Enttäuschung darüber riesengroß.
Sebastian Deisler kämpft um seine Karriere
Die WM 2002 findet ohne Deisler statt. Erst im Februar 2003 kann er wieder Fußball spielen. In seiner ersten Saison für die Bayern macht er gerade einmal acht Bundesligaspiele. Im September 2003 kehrt er zur Nationalmannschaft zurück. Seine Zeit in München ist geprägt von Verletzungen, hoffnungsvollen Comebacks und wiederum großen Rückschlägen. Im November muss er sich aufgrund psychischer Probleme erstmals stationär in Behandlung begeben. Deisler fühlt sich völlig ausgebrannt. Nur noch zwei Bundesligaspiele macht er in der Saison 2003/04, die EM verpasst er. Doch er kämpft sich wieder auf den Platz zurück. 2004/05 fehlt er nur in wenigen Pflichtspielen des FC Bayern. Er spielt jetzt immer häufiger auf der zentralen Spielmacherposition. In der Nationalmannschaft – inzwischen trägt er die emblematische Nummer 10 – brilliert er beim Confed-Cup 2005. Nach außen scheint es so, als habe sich seine Gesundheit stabilisiert, doch in ihm drin sieht es anders aus. Jedes Spiel kostet ihn Kraft, auch die Bewältigung des Alltags fällt ihm schwer; er zieht sich innerlich zurück.
Die Saison 2005/06 verläuft zunächst Erfolg versprechend, bis Deisler im März 2006 im Training mit Owen Hargreaves zusammenkracht und sich eine komplizierte Knorpelabsprengung im Knie zuzieht. Wieder wird eine Operation nötig, er verpasst die WM im eigenen Land. Viele glauben, dass dies das Karriereende bedeuten würde, doch auch dieses Mal kommt Sebastian Deisler zurück. Im November 2006 steht er wieder für den FC Bayern auf dem Platz, zunächst für ein paar Minuten im Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart, dann wird er gegen den HSV zur Halbzeit eingewechselt. Dieses Comeback gerät sensationell. Sebastian Deisler spielt traumhaften Fußball, gibt zwei geniale Torvorlagen, der FC Bayern kann das Spiel mit 2:1 gewinnen. Deisler hat das Spiel gedreht. Aber es ist vorbei, er spürt es bereits. Während des Wintertrainingslagers vertraut er sich Uli Hoeneß an und teilt ihm mit, dass er nicht mehr könne. Die Beiden reden die halbe Nacht miteinander. Hoeneß erkennt, dass der Spieler Sebastian Deisler verloren ist. Am 16. Januar 2007 gibt Deisler sein Karriereende bekannt.
Sebastian Deisler muss aufhören
Auch für uns Fußballfans war dies ein Schock. Wir haben einen Fußballer verloren, der uns große Freunde bereitet hat. Deislers Fußball war schön. Es war der Fußball eines wilden Jungen, der Spaß am Ball hatte und nie das Schöne am Spiel aufgeben wollte. Doch der Mensch Sebastian Deisler trug eine Traurigkeit in sich, die ihn zunehmend belastete und krank werden ließ. Das Buch Sebastian Deisler: Zurück ins Leben. Die Geschichte eines Fußballspielers sucht nach Gründen. In einem der letzten Abschnitte („Warum und woran ist Deisler gescheitert?“) unternimmt Michael Rosentritt einen kenntnisreichen und sehr einfühlsamen Versuch, das Unerklärliche zu erklären. Vieles wird klarer, aber es bleibt ein Versuch.
Bei allen Problemen, die Sebastian Deisler gehabt hat und wohl auch noch hat, muss man aber auch noch eine sehr, sehr starke Seite dieses Spielers und Menschen herausstellen: seinen unbändiger Wille, seine Liebe zum Fußball, die ihn nach unzähligen schweren Verletzungen immer wieder zurückkommen ließen – auf ein fußballerisches Niveau, das nicht viele erreichen. Wer steht schon diese Vielzahl an Operationen und Reha-Torturen durch? Wie viel innere Kraft braucht es dafür? Gleichwohl war Sebastian Deisler nicht stark genug, diese große Traurigkeit, die sich am Ende zu einer Depression auswuchs, zu besiegen. Das muss ihn im wahrsten Sinne des Wortes fertig gemacht haben.
Der Blick nach vorne
Doch das Leben geht weiter. Auch nach der Karriere. Ottmar Hitzfeld schreibt im Vorwort, er wünsche sich und Sebastian Deisler, dass er eines Tages den Weg zum Fußball zurückfindet – wenn nicht als Spieler, dann doch als Trainer; junge Spieler könnten viel von ihm lernen. Ich denke, was Ottmar Hitzfeld da schreibt, ist ein guter Ratschlag. Sebastian Deisler sollte wieder den Ball in den Mittelpunkt seines Lebens stellen!
Links
Sebastian Deisler im Interview: ‘Man muss härter sein als ich’ (Die Zeit)
Vorwort zum Buch von Ottmar Hitzfeld (Tagesspiegel)
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