[WM-Qualifikation 2010] Kamerun qualifiziert
14. November 2009, 21:05 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Int-Fussball.
| Kamerun |
Steckbrief:
Trikotfarbe: grün-rot
FIFA-Weltrangliste: 14
WM-Teilnahmen: 1982, 1990, 1994, 1998, 2002
Größter Erfolg: Viertelfinale 1990
Kontinentalmeister: 1984, 1988, 2000, 2002
Rekordnationalspieler: Rigobert Song (129 Länderspiele)
Rekordtorschütze: Samuel Eto’o (41 Tore)
Trainer: Paul Le Guen (45 Jahre)
Bilanz der letzten 10 Spiele: 6 Siege, 1 Unentschieden, 3 Niederlagen (19:8 Tore)
WM-Historie, aktuelle Spieler und Trainer:
Wenn es eine Nationalmannschaft gibt, die in Europa als stellvertretend für den afrikanischen Fußball gilt, so ist dies wahrscheinlich die von Kamerun. Mit ihrem unglaublichen Lauf im Jahre 1990 bei der WM in Italien spielten sich die unzähmbaren Löwen in die Herzen vieler Europäer. Besonders dafür ausschlaggebend dürfte das Eröffnungsspiel jener WM gewesen sein, als die Kameruner den amtierenden Weltmeister Argentinien mit 1:0 bezwingen konnten, obwohl sie am Ende nur noch mit neun Mann agierten. Nachdem sie auch noch das zweite Gruppenspiel gegen Rumänien mit 2:1 gewannen, hatten sie endgültig die Herzen der Zuschauer erobert. Es war in diesem Spiel, in dem der legendäre Roger Milla mit zwei Toren die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gelangte, acht Jahre zuvor war er in seinen drei WM-Spielen für Kamerun torlos geblieben. Auch die 0:4-Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen die UdSSR – das letzte Spiel einer sowjetischen Mannschaft bei einer WM – verhinderte nicht, dass Kamerun die Gruppenphase als Sieger abschloss.
Im Achtelfinale war erneut Milla-Time, der damals bereits 38-jährige erzielte beide Tore im 2:1-Sieg über Kolumbien. Eines davon ist bis heute Teil des WM-Gedächtnisses: Er nahm dem wie immer mitspielenden Torwart René Higuita den Ball im Zweikampf ab und dribbelte den Ball ins leere Tor. Den Treffer feierte er dann mit einem Tanz an der Eckfahne; ein Bild, das bis heute in kaum einer WM-Geschichte fehlt. Auch im Viertelfinale gegen England schafften es die unzähmbaren Löwen in die Verlängerung. Platts Führungstreffer hatten Kundé (per Elfmeter) und Ekéké gedreht, ehe Lineker per Elfmeter sieben Minuten vor Ende der Partie den Ausgleich erzielte. In der Verlängerung dann brachen die Kameruner ein, der Kräfteverschleiß des Turniers führte zu Unkonzentriertheiten und einem weiteren Foulelfmeter für England. Lineker trat an und obwohl wahrscheinlich die ganze Fußballwelt außerhalb Englands hoffte, dass er verfehlen würde, traf der WM-Torschützenkönig von 1986. Kamerun war nach einem großen Turnier ausgeschieden und hatte die Herzen vieler neutraler Fans erobert.
Dass die Kameruner keine Laufkundschaft im internationalen Fußball waren, hatten sie bereits acht Jahre zuvor in Spanien unter Beweis gestellt. Keines der drei Gruppenspiele hatten sie damals verloren, allerdings auch keines gewonnen. So kamen nicht die Zentralafrikaner (3 Punkte, 1:1 Tore), sondern die späteren Weltmeister aus Italien (3 Punkte, 2:2 Tore) weiter. Auch bei den drei WM-Teilnahmen nach 1990 kamen die unzähmbaren Löwen nie über die Gruppenphase hinaus. Nicht 1994 in den USA, wo auf ein viel versprechendes 2:2 gegen Schweden (später WM-Dritter), ein 0:3 gegen Brasilien (später Weltmeister) und ein 1:6 gegen Russland (schied mit Kamerun aus) folgte. Jenes Spiel gegen Russland nimmt bis heute einen besonderen Platz in der WM-Geschichte ein. Kameruns Tor erzielte Roger Milla, der damit der älteste WM-Torschütze aller Zeiten wurde; fünf der sechs russischen Tore kamen von Oleg Salenko, der damit der einzige Spieler ist, der je in einem einzigen WM-Spiel fünf Tore erzielt hatte. Salenko hatte zuvor bereits ein Tor erzielt und wurde, obwohl er nur drei Spiele gemacht hatte, zusammen mit dem Bulgaren Hristo Stoichkov Torschützenkönig. Möglich gemacht hatte dies vor allem eine völlig indisponierte Kameruner Abwehr, die unter akuten Auflösungserscheinungen litt, nachdem sie vom schwedischen Führungstreffer gegen Brasilien gehört hatte, der alle Hoffnungen aufs Weiterkommen, zunichte machte.
Vier Jahre später in Frankreich, holte man zwar doppelt so viele Punkte wie in den USA, schied aber dennoch in der Vorrunde aus. Zwei 1:1-Unentschieden gegen Chile und Österreich waren zu wenig, nachdem man zwischendrin mit 0:3 gegen Italien verloren hatte. 2002 in Japan verdoppelte man erneut die Punktzahl des vorhergehenden Turniers und errang sogar den ersten WM-Sieg außerhalb Italiens – ein 1:0 gegen Saudi-Arabien, Torschütze Samuel Eto’o. Dennoch scheiterten die Kameruner, ein 1:1 gegen Irland hatte sie in die Situation gebracht gegen Deutschland gewinnen zu müssen. Sie taten es nicht, stattdessen gewann Deutschland durch Tore von Bode und Klose. Gar keine Chance auf die erneute Verdoppelung der Punktzahl des vorigen Turniers hatten die unzähmbaren Löwen dann 2006. In der Qualifikation für das Turnier in Deutschland scheiterten sie am letzten Spieltag. Ein Sieg zuhause in Yaounde gegen Ägypten hätte genügt, doch stattdessen gab es nur ein 1:1, da die Elfenbeinküste gleichzeitig im Sudan gewann, fuhren die Elefanten nach Deutschland, die Löwen mussten zu Hause bleiben. Es war erst das zweite Mal seit 1982, dass sich Kamerun nicht für eine WM qualifizieren konnte, in der Qualifikation für das Turnier 1986 in Mexiko war man ebenfalls gescheitert, damals aber schon in der zweiten Qualirunde, nach einer 1:4-Niederlage in Sambia.
Dafür gesorgt, dass es nicht zu einem erneuten Verpassen der WM kam, hat eine illustre Runde an Spielern, von denen viele in Europa einen hervorragenden Ruf genießen. Besonders auffällig ist, dass keiner der Kameruner auf dem eigenen Kontinent aktiv ist. Der herausragende Star ist sicherlich Samuel Eto’o. Der 28-jährige Stürmer von Inter Mailand ist Kopf und Kapitän der Mannschaft und gleichzeitig auch Rekordtorschütze der unzähmbaren Löwen. Die Frage, ob der schnelle, technisch beschlagene Eto’o oder der bullige, direkt spielende Didier Drogba der beste Stürmer Afrikas ist, ist eine der heiß diskutiertesten Fragen des afrikanischen Fußballs. Während Eto’o die Stütze des Angriffs ist, übernehmen in den anderen Mannschaftsteilen mit Geremi (Newcastle) und Song (Trabzonspor) zwei weitere international sehr erfahrene Akteure die Rolle des Anführers von Mittelfeld beziehungsweise Abwehr. Sowohl Geremi als auch Song sind jenseits der 30 Jahre und auch jenseits der 100 Länderspiele.
Neben den alten Hasen, die dem Spiel der Zentralafrikaner eine enorme Sicherheit verleihen haben aber auch jüngere Kräfte den Weg ins Nationalteam gefunden. Egal ob Alexandre Song (22, Arsenal), Stephane Mbia (23, Marseille) oder André Bikey (24, Burnley), nahezu alle der jungen Nationalspieler spielen in den großen europäischen Ligen. Dies gilt auch für den erst 25-jährigen Keeper der unzähmbaren Löwen, Carlos Kameni. Der 54-malige Nationalspieler steht bei Espanyol Barcelona unter Vertrag und ist dort die unumstrittene Nummer Eins. Er ist damit der einzige afrikanische Torwart in einer der vier großen Ligen Europas.
Übungsleiter all dieser Talente und Routiniers ist der Franzose Paul Le Guen. Der 45-jährige hatte im Juli dieses Jahres den Job vom deutschen Otto Pfister übernommen, nachdem die Verantwortlichen des Verbands die WM-Qualifikation in Gefahr sahen. Kein Wunder, standen die Kameruner doch zu diesem Zeitpunkt auf dem letzten Platz ihrer Qualifikationsgruppe, doch unter Le Guen gewannen sie alle vier noch ausstehenden Wm-Qualifikationsspiele und fahren nun doch nach Südafrika. Für den ehemaligen französischen Nationalspieler ist es die erste Station als Nationaltrainer. Zuvor war Le Guen als durchaus erfolgreicher Vereinstrainer bekannt, vor allem seine Zeit bei Olympique Lyon sorgte für den guten Ruf des Fußballlehrers. In jeder der drei Spielzeiten, die Le Guen Lyon trainierte wurde Olympique Meister. Nach diesen drei Jahren trat er freiwillig zurück und nahm sich ein Jahr Pause, nach diesem Jahr wurde er Trainer der Glasgow Rangers.
Hier jedoch kam Le Guen überhaupt nicht zurecht und seine Reputation erlitt erste Kratzer, nach nur knapp sechs Monaten wurde der Übungsleiter nach einem Streit mit Kapitän und Rangers-Idol Barry Ferguson beurlaubt. Nur zehn Tage nach seiner Beurlaubung in Glasgow hatte Le Guen einen neuen Job gefunden, er übernahm das Training bei Paris St. Germain, dem Verein für den er als Spieler aufgelaufen war. Mit PSG gewann er in seiner ersten Saison zwar den Ligapokal und qualifizierte sich damit für den UEFA-Cup, in der Liga jedoch rettete sich der Verein erst kurz vor Saisonende vor dem Abstieg. Nachdem auch die zweite Saison wechselhafte Ergebnisse und keine Rückkehr in die Spitze des französischen Fußballs bedeutete, entschied sich der Verein dafür Le Guens Vertrag nicht zu verlängern, dies ermöglichte Le Guen das Engagement in Kamerun. Dort ist er, wie schon bei anderen Trainerstationen durchaus nicht unumstritten, sein hartes Durchgreifen gegen die „Partyatmosphäre (…), die lange Zeit die Treffen der Nationalmannschaft charakterisierte.“(so die Website der FIFA), die Professionalisierung der Strukturen des Verbands und die Ablösung Rigobert Songs als Kapitän haben dem Franzosen nicht nur Freunde beschert. Doch wenn sich die Kameruner in Südafrika wieder in die Herzen der Zuschauer spielen, ist all dies sicherlich vergessen.
Andere Teile der Reihe im MAG:
Japan, Australien, Südkorea und Niederlande qualifiziert
Nordkorea qualifiziert
Brasilien qualifiziert
Ghana qualifiziert
Spanien und England qualifiziert
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