[1. Bundesliga 09/10] Die MAG-Halbzeitbilanz: VfB Stuttgart
10. Januar 2010, 13:05 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Die MAG-Halbzeitbilanz: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart
Die MAG-Halbzeitbilanz befasst sich heute mit dem Champions-League-Teilnehmer aus Stuttgart. Mit großen Ambitionen waren die Schwaben in die neue Saison gestartet, die sie zumindest in der Bundesliga zu keinem Zeitpunkt erfüllen konnten. Bisher steht in der Hinrunde eine beispiellose Misserfolgsserie zu Buche, die Trainernovize Markus Babbel bereits den Job gekostet hat.
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| … | … | … | … | … |
| 14. | Hannover 96 | 17 | 21:27 | 17 |
| 15. | VfB Stuttgart | 17 | 16:23 | 16 |
| 16. | VfL Bochum | 17 | 18:33 | 16 |
| … | … | … | … | … |
Die Hinrunde
Der VfB begann die Saison nach der erfolgreichen Qualifikation für die Champions League durchschnittlich. Niederlagen beim Meister Wolfsburg gleich am ersten Spieltag und beim HSV standen ein Sieg gegen Freiburg und ein Punktgewinn in Dortmund entgegen. Zwar ließ man daheim gegen Nürnberg einen Punkt liegen und verlor daheim gegen den 1. FC Köln, doch schien diese Scharte durch den Sieg in Frankfurt (3:0) am siebten Spieltag bereits wieder ausgewetzt. Zwei Heimniederlagen gegen Werder und Schalke starteten aber eine schwarze Serie von am Ende neun Bundesligaspielen ohne dreifachen Punktgewinn, die den VfB von Platz 11 auf Platz 17 abstürzen ließ und die Trainer Markus Babbel am Ende den Job kostete. Erst an den letzten beiden Spieltagen fing sich das Team wieder und hievte sich mit vier Punkten noch auf Rang 15.
In den Pokalwettbewerben lief es zwar auch zäh, jedoch zumindest international wesentlich erfolgreicher. Gegen den zugegebenermaßen dankbaren Gegner FC Timisoara qualifizierten sich die Schwaben für die Königsklasse und wurden dort in eine ebenso dankbare Gruppe mit dem FC Sevilla, den Rangers aus Glasgow und Unirea Urzizeni gelost. Nach vier Spieltagen stand man allerdings gemeinsam mit den Schotten und drei Punkten am Tabellenende, erst Siege in Glasgow und zu Hause gegen Urzizeni hievten den VfB auf Rang zwei hinter die Spanier.
Über den Pokalauftritt darf in dieser Saison getrost der Mantel des Schweigens gehüllt werden. In drei Runden gegen allesamt unterklassige Gegner wusste der VfB nur in Runde 1 gegen den Viertligisten SG Sonnenhof Großaspach zu überzeugen. In Runde 2 benötigte man gegen die Viertligisten vom VfB Lübeck schon ein spätes Tor und eine Verlängerung gegen den Zweitligisten aus Fürth war dann im Achtelfinale Schluss.
Der Saisonverlauf |
Platz: 15 |
| Punkte: 16 – 3 S/7 U/7 N | |
| Heim: 10 – 2/4/3 | |
| Auswärts: 6 – 1/3/4 | |
| Beste Schützen: Schieber (3 Tore), Pogrebnyak (3) | |
| Bester Scorer: Schieber 5 – 3 Tore/2 Vorlagen | |
| Zuschauerschnitt: 41.167/ Auslastung: 73,7% | |
| Fair-Play-Wertung: Platz 17/ 51 Punkte |
Personalien
Danijel Ljuboja und Mario Gómez hießen die Abgänge des VfB vor dieser Saison. Damit stand im Ländle ein Umbruch vom Ausmaß eines mittleren Erdbebens an, erzielte Super-Mario doch in den abgelaufenen drei Spielzeiten satte 79 Pflichtspiel-Treffer. Und da solche Traumquoten traditionell Begehrlichkeiten erwecken, latzte der große FC Bayern im Sommer irgendwas zwischen 30 und 35 Millionen Euro für den Nationalspieler. Gutes Geld, für das der VfB seinerseits auf Einkaufstour gehen musste um den herben sportlichen Verlust auch nur annähernd kompensieren zu können. Neben den beiden Top-Verstärkungen fürs Mittelfeld (Kuzmanovic kam für acht Millionen aus Florenz, Aliaksandr Hleb auf Leihbasis vom FC Barcelona) holte Horst Heldt als direkten Gómez-Nachfolger Pavel Pogrebnyak vom UEFA-Cup-Sieger von 2008 Zenit St. Petersburg.

Pavel Pogrebnyak in typischer Pose … Verzweiflung pur … / Foto: www.zaunsturm1905.de
Der russische Nationalspieler war 2008 gemeinsam mit Bayern Münchens Luca Toni Torschützenkönig im UEFA Cup, erzielte in zwei Spielzeiten bei den Russen 22 Treffer und steht beispielhaft für die äußerst dürftigen Auftritte des VfB unter Markus Babbel. Pogrebnyak hing häufig in der Luft, fand nicht ins Spiel und traf in 21 Partien unter Babbel ganze drei Mal. Unter dem neuen Trainer Christian Gross netzte er in drei Partien gleich zwei Mal. Genau wie sein Sturmpartner Ciprian Marica übrigens. Der Rumäne sollte eigentlich im Winter endlich verkauft werden, hatte er sich doch schon in den letzten beiden Spielzeiten mit ganzen sechs Treffern eher das Prädikat “teuerster Fehleinkauf der Vereinsgeschichte” gesichert. Doch Marica traf ebenfalls zwei Mal in den drei Spielen unter Gross und soll mit Pogrebnyak das Sturmduo für die Rückrunde bilden. Im Schatten der beiden soll Youngster Julian Schieber (erst im Sommer mit einem Profivertrag ausgestattet) in Ruhe reifen. Zwar zeigte der Zwanzigjährige starke Auftritte und rettete seinem Coach Babbel sogar das ein oder anderer Mal den Hals. Sein Ausgleich in der 77. Minute im Pokal gegen den Zweitligisten Lübeck brachte den VfB in die Verlängerung und den 3:0-Auswärtssieg in Frankfurt (übrigens der letzte Sieg vor der Neun-Spiele-Durststrecke) schoss er fast im Alleingang heraus. Zudem ist er der beste Scorer und Torschützenkönig des VfB für diese Hinrunde. Alles in allem waren seine Schultern für die große Verantwortung aber noch zu schmal. Ein weiterer Lichtblick ist der junge Serbe Zdravko Kuzmanovic. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten in der ersten Saisonhälfte avancierte der 22-Jährige zum Stammspieler, Leistungsträger und Torschützen (gleich zwei Buden in der Champions League).
Doch nur mit Lichtblicken sackt man natürlich nicht von Rang drei im Sommer auf Rang 15 im Winter. Irgendwo müssen die faulen Eier vergraben liegen. Sind es die Stürmer? Fünf davon erzielten gerade mal neun Treffer in der kompletten Hinrunde, ganze 16 Treffer stehen insgesamt zu Buche. Kommt aus dem Mittelfeld zu wenig? Fünf Tore aus dem Mittelfeld sind eigentlich OK, vier Vorlagen sind zu wenig, aber wenn die Stürmer sie halt nicht rein machen? Ist die Abwehr zu wackelig? Eigentlich nicht. Die Stamm-Viererkette um Boka, Delpierre, Tasci und Träsch hat einen Kicker-Notendurchschnitt von 3,63. Das Tor hütet Routinier Jens Lehmann zuverlässig; veräppeln lässt er sich ausschließlich von gegnerischen Balljungen. Und 23 Gegentreffer bedeuten normalerweise einen sicheren Mittelfeldplatz.
Ist das Problem die fehlende Hierarchie im Team? Das wäre meine These. Schaue ich mir eine mögliche Achse mit Jens Lehmann, Serdar Tasci, Thomas Hitzlsperger, Alex Hleb und Pavel Pogrebnyak an, so stellt das nicht unbedingt das Gerüst einer Mannschaft dar. Die Leistungen von Jens Lehmann sind über jeden Zweifel erhaben. Doch abseits des Platzes scheint die Integration in die Mannschaft und somit der Respekt der Kollegen zu fehlen. Von Trainer Babbel wurde der Ex-Nationalkeeper mit Sonderrechten eines Topspielers ausgestattet (z.B. genoss Lehmann nach Spieltagen als einziger einen freien Tag). Das missfiel den Kollegen. Wenn die komplette Mannschaft nach Spielen in Teamwear den Bus bestieg erschien Lehmann auch gerne mal in modischer, aber privater Kluft. Auch das trug nicht zur Integration in die Gruppe bei. Mit diversen mannschafts- und vereinskritischen Interviews polarisierte Lehmann weiter. Sein Sturm in den Olymp aller Enfants Terribles gipfelte im Tritt von Mainz, als Lehmann zehn Minuten vor Schluss dem FSV-Spieler Aristide Bancé völlig unmotiviert auf den Fuß stieg, mit Rot vom Platz flog und der fällige Elfmeter den VfB zwei Punkte kostete. In die Hierarchie gehört er also nicht, obwohl er in selbiger einen Führungsplatz für sich beansprucht.

Ein Leithammel ohne Herde: Jens Lehmann / Foto: www.zaunsturm1905.de
Nationalverteidiger Serdar Tasci spielte zwar eine solide Hinrunde, war aber weit von seinen Leistungen entfernt, die ihm einen Platz im Kader von Joachim Löw einbrachten. Mit Stabilisator Thomas Hitzlsperger lief ein weiterer Nationalspieler seiner Form eher hinterher. Seine schwachen Auftritte brachten ihm garniert mit dem ein oder anderen unglücklichen Interview und dem Fehlen von Führungsqualitäten den Verlust der Kapitänsbinde ein. Neuer Käpt’n ist jetzt der stark in der Innenverteidigung spielende Mathieu Delpierre. Rückkehrer Alex Hleb zeigte seinem Talent entsprechend überragende Aktionen (z.B. sein Traumtor in der CL-Quali gegen Timosoara), insgesamt hatte der Weißrusse aber zu sehr mit Verletzungen und Formschwankungen zu kämpfen. Der einzige konstante Benefit bei seinen Einsätzen war sein großer Name, der dem Gegner per se Respekt einflößte. Fehlt noch der treffsichere Stürmer, der die gegnerischen Abwehrreihen in Angst und Schrecken versetzen soll – der Nachfolger von Mario Gómez also. Diese Rolle konnte Pavel Pogrebnyak in der Hinrunde bei weitem nicht ausfüllen. Dauerpatient Marica steigerte sich wie Pogrebnyak erst in den letzten drei Saisonspielen und von Neu-Nationalspieler Cacau kam so wenig, dass Joachim Löw erst mal von weiteren Nominierungen Abstand nehmen sollte.
Wo genau sollte man jetzt bei dieser Masse von Baustellen anfangen? Das wussten bis Anfang Dezember nicht mal die VfB-Verantwortlichen und so entscheiden sie sich erst mal für die einfachste Möglichkeit. Markus Babbel darf sich jetzt ganztags und ohne lästige Unterbrechungen seiner Trainerausbildung in Köln widmen; für ihn wurde Anfang Dezember endlich Christian Gross in die Bundesliga geholt.
Trainer und Umfeld
Der Schweizer stand schon einige Male vor einem Wechsel in die Bundesliga. In seiner Heimat hatte sich Gross mit sechs Meistertiteln und fünf Pokaltriumphen seine Meriten verdient. Der neunfache Schweizer Trainer des Jahres sollte als erfahrener Coach den “Knopf finden und drücken, damit die Mannschaft wieder funktioniert” nach dem Trainernovize Babbel vergeblich gesucht hatte.

Der neue Heilsbringer aus dem Lande der Eidgenossen /Foto: www.zaunsturm1905.de
Sein Einstand verlief dann auch optimal, sieht man mal vom von Jens Lehmanns Fußtritt verschuldeten Punktverlust in Mainz ab. Gegen Urzizeni wurde in souveräner Manier der Einzug ins CL-Achtelfinale gefeiert und zum Jahresabschluss gab es ein 3:1 gegen die um den Einzug ins internationale Geschäft spielenden Hoffenheimer – der erste Bundesligasieg seit dem siebten Spieltag ließ den VfB wenigstens auf einem Nicht-Abstiegsplatz überwintern.
Was der Impuls “Trainerwechsel” dem unter Druck stehenden Horst Heldt wirklich bringt, wird man erst in der Rückrunde abschließend beurteilen können. Zudem wird entscheidend sein, welche Neuzugänge der Schweizer in der Winterpause bei Heldt durchsetzen kann. Mit Christian Molinaro steht der erste Winterpausentransfer fest. Der Italiener kommt auf Leihbasis von der Alten Dame aus Turin. Er wird in Konkurrenz zu Arthur Boka auf der linken Verteidigerposition treten. Der Ivorer hat dabei erstmal die schlechteren Karten, weilt er doch zunächst bei der ivorischen Nationalmannschaft beim Afrika-Cup. Zudem wird nach einer Verstärkung für den Angriff gesucht, als Streichkandidat gilt hier Cacau. Spruchreifes gibt es aber nach Horst Heldt noch nicht.
Die Saisonziele, Prognose
Ganz klar gibt der neue Trainer ein einziges Saisonziel aus: “Den Abstieg zu verhindern ist das einzige Ziel, nur das zählt. Dafür müssen wir alle unsere Kräfte bündeln.”. Das Achtelfinale der Königsklasse gegen den übermächtigen FC Barcelona schenkt der Schweizer zwar nicht ab, bezeichnet es aber als “Dessert”. Er legt seine ganze Konzentration auf den Januar und den Februar. Dann steigen die Bundesligaspieltage 18 bis 24, unter anderem gegen vermeintlich direkte Konkurrenten wie Freiburg, Nürnberg und Köln. Hier gilt es für den VfB aus den bisherigen 16 Punkten in Richtung der 30-Punkte-Marke zu steuern, um das letzte Saisondrittel etwas entspannter bestreiten zu können. Mit dem Abstieg kann und darf dieser Kader – auch ohne einen Mario Gómez – nichts zu tun haben.
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