[1. Bundesliga 09/10] Die MAG-Halbzeitbilanz: Hannover 96
12. Januar 2010, 09:24 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Die folgende MAG-Halbzeitbilanz beschäftigt sich mit der tragischen Figur der bisherigen Bundesliga-Saison. Selten war eine Halbzeitanalyse so schwierig wie im diesjährigen Falle Hannover. Wie sehr dürfen die tragischen Geschehnisse um den ehemaligen Torwart Robert Enke in der Bewertung der Hinrunde eine Rolle spielen? Das MAG macht einen Versuch und begibt sich dabei auf eine Gratwanderung.
Hannover 96
Tabelle nach der Hinrunde
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| … | … | … | … | … |
| 13. | SC Freiburg | 17 | 19:33 | 18 |
| 14. | Hannover 96 | 17 | 21:27 | 17 |
| 15. | VfB Stuttgart | 17 | 16:23 | 16 |
| 16. | VfL Bochum | 17 | 18:33 | 16 |
| 17. | 1. FC Nürnberg | 17 | 12:32 | 12 |
| … | … | … | … | … |
Die Hinrunde
Der Saisonauftakt war für die 96er bereits verkorkst, bevor das erste Spiel in der Bundesliga angepfiffen wurde. Im DFB-Pokal schied man in der ersten Runde durch ein 1:3 bei Eintracht Trier aus. Auch das vermeintlich leichte Startprogramm in der Liga wurde verpatzt: 0:1 in Berlin, 1:1 zu Hause gegen Aufsteiger Mainz 05. Konsequenz: Dieter Hecking nahm nach dem 2. Spieltag seinen Hut. Nun muss man dazu wissen, dass schon die letzte Saison nicht so gelaufen war, wie man sich das in Hannover vorgestellt hatte. Dieter Hecking hatte im Vorfeld angekündigt, um die Teilnahme am UEFA-Cup mitspielen zu wollen, am Ende stand Platz 13 für Hannover 96 zu Buche, mit mehr Anschluss nach unten als nach oben. Der Trainer wollte offenbar nicht erneut die Weichen für eine erfolglose Saison stellen und zog deshalb die Notbremse. Sein Nachfolger wurde Andreas Bergmann, der bis dato das U23-Team der Hannoveraner trainiert hatte.
Der Saisonverlauf |
Platz: 14 |
| Punkte: 17 – 4 S/5 U/8 N | |
| Heim: 10 – 2/4/3 | |
| Auswärts: 7 – 2/1/5 | |
| Bester Schütze: Ya Konan 6 | |
| Bester Scorer: Ya Konan 9 – 6 Tore/3 Vorlagen | |
| Zuschauerschnitt: 37.336 / Auslastung: 76,2% | |
| Fair-Play-Wertung: Platz 7 / 31 Punkte |
In den ersten zehn Spielen unter Bergmann holten die 96er 15 Punkte, standen nach dem zwölften Spieltag auf Tabellenplatz 10. Große Highlights blieben allerdings auch in dieser Phase aus, maximal das 5:2 zu Hause gegen Freiburg sowie die Unentschieden in Bremen, gegen Dortmund und den HSV ließen aufhorchen. Dass das 2:2 gegen Hamburg ein besonderes Spiel bleiben würde, wusste beim Abpfiff noch niemand – niemand, außer einem Einzigen vielleicht. Am 10.November, zwei Tage nach dem er in diesem Nordderby noch mit herausragenden Paraden aufgefallen war, nahm sich Torwart Robert Enke das mit Schicksalsschlägen und einer Depression behaftete Leben. Dass diese Tragödie eine Auswirkung auf die restliche Saison hatte und haben wird, lässt sich nicht leugnen. Auch wenn durch die Länderspielpause zumindest ein bisschen Zeit da war, um das Geschehene zu verarbeiten, kam Hannover 96 noch nicht wieder auf die Beine, holte in den verbliebenen fünf Spielen bis Weihnachten nur noch einen einzigen Punkt. In den drei ersten davon erzielten sie kein Tor. Kurios die Partie am 16. Spieltag bei Mönchengladbach, als den Gästen gleich drei Eigentore unterliefen. Der liebe Gott schien in dieser Hinrunde wahrlich kein Hannoveraner zu sein. So steht man nach 17 Spielen mit gerade mal 17 Punkten auf dem 14. Rang. Einen Punkt Vorsprung hat Hannover auf den Relegationsplatz, fünf sind es auf einen Abstiegsplatz.
Personalien
Spektakuläre Neuzugänge blieben schon in der Transferperiode im Sommer aus. Karim Haggui, Innenverteidiger von Bayer Leverkusen, war vielleicht noch der Bekannteste auf der Liste. Der Tunesier blieb bei weitem nicht fehlerfrei, absolvierte allerdings als einziger Hannoveraner alle 17 Hinrundenspiele über die vollen 90 Minuten. Auch der zweite Neuzugang von der Werkself, Constant Djakpa, machte immerhin 16 Spiele, 14mal stand er in der Start-Elf.
Didier Ya Konan, der erst im August von Rosenborg Trondheim kam, ist nach der Hinserie bester Torschütze der Niedersachsen, führt mit sechs Treffern die interne Rangliste vor Jiri Stajner an, der bisher fünf Tore erzielt hat. Ansonsten ist Schlaudraff der einzige Spieler der 96er, der mehr als einen Treffer machte.

Der Dauerbrenner der Niedersachsen: Karim Haggui / Foto:
Genau hier ergibt sich eines der Probleme: Hannover hat zwar bisher zehn verschiedene Torschützen zu verzeichnen, es fehlt jedoch ein richtiger Torjäger. Sechs Tore in 15 Spielen von Ya Konan sind okay, gerade wenn man bedenkt, dass es die erste Bundesligasaison des Ivorers ist. Aber er hätte bei besserer Chancenverwertung, vor allem zu Beginn, schon im zweistelligen Bereich liegen und Hannover in der Tabelle deutlich höher platzieren können. Ähnlich schaut es bei Stajner aus, der zwar Publikumsliebling ist, dessen Leistungen aber auch zwischen Genie und Wahnsinn schwanken. Im Sturm besteht allerdings die größte Hoffnung für die Rückrunde, da Hanke und Schlaudraff dann endlich fit sein dürften.
Auch im Bereich der Personalien kommen wir wieder nicht am Namen Robert Enke vorbei. Mit seinem Tod ist Hannover der einzige überragende Spieler weggebrochen. Er war der Ruhepol und trotzdem einer der Anführer, der einzige, der internationale Erfahrung hatte. Sein Nachfolger Florian Fromlowitz ist ohne Zweifel bundesligatauglich, hat mit seinen 23 Jahren sogar noch viel Entwicklungspotenzial und kann ein Großer werden. Klar ist aber genauso, dass er an die Klasse des Nationaltorhüters noch nicht heranreichen kann. Im Winter hat Hannover 96 sich den erfahrenen Uwe Gospodarek von Wacker Burghausen als zweiten Mann hinter Fromlowitz geholt, bis jetzt die einzige Neuverpflichtung des Winters.

Jiri Stajner – muss er den genesen Hanke und Schlaudraff weichen? / Foto:
Es ist allerdings auch schwierig, da sich eigentlich keine konkrete Schwäche der Hannoveraner ausmachen lässt. An den eigenen Ansprüchen gemessen hat man sowohl zu wenig Tore erzielt, als auch zu viele kassiert. Zur Bewertung erschwerend hinzu kommt noch, dass die Spieler zuletzt aus genannten Gründen ohnehin nicht mehr in der Lage waren, ihr volles Potenzial abzurufen.
Am offensichtlichsten drückt der Schuh in der Innenverteidigung, zumal Karim Haggui in den ersten Wochen der Rückrunde sich in Angola aufhalten muss, wo er mit der Nationalmannschaft Tunesiens den Afrika-Cup erfolgreich bestreiten will. Bisher war jedoch noch nichts von Nachrüstungsplänen zu hören, obwohl bei einer Internet-Umfrage der Neuen Presse 65% der Ansicht waren, dass dies dringend nötig sei.
Trainer und Umfeld
Als Dieter Hecking ging, war Andreas Bergmann zuerst nur als Übergangslösung vorgesehen. Man wollte sich auf dem Markt umschauen und dann einen geeigneten Übungsleiter verpflichten. Letztlich entschied man sich aber dann doch dafür, den bisherigen Amateurtrainer zu behalten. An den eingefahrenen Ergebnissen kann es nicht unbedingt gelegen haben, nach dem nicht überraschenden Sieg beim Aufsteiger aus Nürnberg kassierte Hannover unter Bergmann eine 0:1-Heimniederlage, bevor dieser endgültig zum Cheftrainer befördert wurde. Die Entscheidung für den Mann, der noch keinerlei Bundesligaerfahrung hatte, liegt wohl vor allem im schmalen Geldbeutel, der zusätzlich die Suche nach einer Alternative erschwerte, begründet.
Trotzdem eine Verbesserung im Vergleich zu Hecking? In der vergangenen Saison holte Hannover 96 unter ihm im Schnitt 1,2 Punkte pro Spiel, in den bisherigen 15 Spielen unter Bergmann sind es 1,1. Schaut man sich allerdings die Ausbeute bis zum 12.Spieltag – eben dem letzten Spieltag unter normalen Umständen – an, so kommt man auf 1,5 Punkte pro Spiel. Letztlich ist Andreas Bergmann noch nicht lange genug im Amt, als dass solche Statistiken Aussagekraft haben könnten. Man kann noch nicht viel über ihn sagen, seine Philosophie, seine Führungsstärke. Auffällig ist nur, dass es bisher relativ ruhig um sein Person geblieben ist. Es war mehr Sportdirektor Jörg Schmadtke, der sich 2009 profilierte. Das scheint vorerst so zu bleiben, nach der peinlichen Testspielniederlage zuletzt gegen Union Berlin ging durch die Medien, dass Schmadtke es war, der in der Kabine eine Wutrede hielt. Was Bergmann davon hielt und ob er selbst auch eine Meinung zu der Leistung seiner Mannschaft hatte, ist nicht überliefert.
Die Saisonziele, Prognose
In Hannover war eine schwierige Saison erwartet worden. Nachdem man in der vergangenen Spielzeit lange im Abstiegskampf steckte, sollte ein Jahr der Stabilisierung folgen, in dem man sich möglichst weit von der gefährlichen Zone entfernt halten wollte. Seit dem 12. Spieltag sieht es nicht mehr so aus, als könnte dies gelingen. Stand man vor dem Schicksalsschlag noch im gesicherten Mittelfeld, ist man nun fest im unteren Tabellendrittel verankert. Hannover muss aufpassen, dass die Saison nicht in der völligen Katastrophe endet. Dazu ist es notwendig, dass sich bei den Spielern der Schalter wieder umlegt. Natürlich ist das leicht gesagt, Berichte von einem beim Training zusammenbrechenden Stajner lassen bestenfalls erahnen, was für psychologische Auswirkungen der Verlust von Torwart Robert Enke auf seine ehemaligen Teamkameraden hat. Man kann nur hoffen, dass es dem Trainerteam in der Winterpause gelingt, wieder positive Energien in die Mannschaft zu bringen. Sonst droht es am Ende eng zu werden für Hannover 96. In einer Saison, in der wir alle ein bisschen Hannoveraner sind.
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