[1. Bundesliga 09/10] Die MAG-Halbzeitbilanz: Werder Bremen
12. Januar 2010, 09:25 geschrieben von informer, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Werder Bremen schien die Mannschaft der Hinrunde – doch letztlich ist den Bremern die Puste ausgegangen. Tabellenplatz 6 zeigt, dass der Verein besser dasteht, als viele erwarteten. Und doch ist Platz 6 eine Enttäuschung….
SV Werder Bremen
Die Tabellensituation
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| … | … | … | … | … |
| 4. | Hamburger SV | 17 | 34:19 | 31 |
| 5. | Borussia Dortmund | 17 | 23:17 | 30 |
| 6. | Werder Bremen | 17 | 32:16 | 28 |
| 7. | TSG 1899 Hoffenheim | 17 | 27:17 | 25 |
| 8. | VfL Wolfsburg | 17 | 32:32 | 24 |
| … | … | … | … | … |
Die Hinrunde
Im Jahr eins nach Diego und ohne Teilnahme an der talermäßig lukrativen Champions League hat Werder Bremen die Hinrunde auf Tabellenplatz 6 abgeschlossen. Das ist einerseits überraschend, weil der Saisonverlauf unverhoffterweise mehr erwarten ließ – andererseits trifft es viele vor der Saison formulierte Erwartungen. Platz 6 berechtigt auf europäischer Ebene zu rein gar nichts und damit steht Bremen da, wo Realisten nach der Kaderplanung den Verein eingeordnet haben: Im Land der goldenen Ananas.
Der Saisonverlauf |
Platz: 6 |
| Punkte: 28 – 7 S/7 U/3 N | |
| Heim: 12 – 3/3/2 | |
| Auswärts: 16 – 4/4/1 | |
| Bester Schützen: Pizarro, Özil 7 | |
| Bester Scorer: Özil 14 – 6 Tore/8 Vorlagen | |
| Zuschauerschnitt: 34.324/Auslastung: 81,5% | |
| Fair-Play-Wertung: Platz 5/27 Punkte |
Den Verein verließen Tziolis, Harnik, Baumann, Diego und im August noch Sanogo – dafür kamen Marin (Halbjahresbilanznote 3,15), Borowski (4,0) und Moreno, aus der eigenen Jugend wurde nach Jahren mal wieder Talent in den Stamm berufen: Bargfrede verstärkte die Mannschaft – und degradierte den als Führungsspieler gekauften Borowski zum Reservisten. Ferner wurde Pizarro nach der Ausleihe in der vergangenen Saison wieder verpflichtet.
Wechselnde Leistungen zu Saisonbeginn
Die Vorbereitung lief nicht ganz glatt. Entgegen der Vorjahre stotterte der traditionell früh gut laufende Werder-Motor, so dass es in Tests unter anderem ein 2:2 gegen RW Essen und gegen den FC Valencia gab. In der 1. Runde des DFB-Pokals schien die Werder-Welt aber wieder in Ordnung – verpasste man dem nicht so ganz schwach eingeschätzten Berliner Union-Team doch eine klare 5:0-Klatsche, in Berlin wohlgemerkt. Doch die Skeptiker durften sich nach dem 1. Bundesliga-Spieltag bestätigt fühlen: Mit dem 2:3 gegen Eintracht Frankfurt ging der Liga-Auftakt voll daneben, der dauerhaften Eintritt ins Mittelmaß schien gemacht. Aber nach der Heimpleite gegen Frankfurt legte Bremen kontinuierlich zu und wurde mit Herbstmeister Leverkusen dann die Mannschaft der Hinrunde. Eine Serie von 24 Spielen ohne Niederlage hatten viele den Bremern nicht zugetraut. Das allerdings ist ein toxischer Erfolg, denn Bremen ließ bei den Unentschieden viele Punkte liegen, die am Ende der Hinrunde fehlen.

Claudio Pizzaro: unumstritten im Angriff und nur scher zu ersetzen /Foto: www.zaunsturm1905.de
Das Fehlen von Siegen geht einher mit dem Ausfall von Top-Stürmer Pizarro (Abteilung Ballsicherung vorn) und von Mittelfeldmann Bargfrede (Abteilung Balleroberung – hier ist Frings allein aufgrund seiner Langsamkeit überfordert). Immerhin ist Bremen noch in allen Wettbewerben vertreten, aber um etwas zu erreichen, muss auch noch mehr kommen.
Herkules-Aufgabe steht bevor
Man überwintert mit fünf (!) Punkten Rückstand auf die “Krisen-Bayern” auf CL-Qualifikationsplatz 3 der Tabelle (das allein sagt schon viel: ein Krisenverein steht fünf Punkte vor Bremen!) und steht schwer unter Druck, den Anschluss nach Europa nicht zu verpassen. Ob es reicht, mit Schwung Geheimgleis 9 ¾ zu betreten? Zweifelhaft. Und dass dies der Führung bewusst ist, zeigen zwei Tatsachen: Zum einen gewann Bremen kein Spiel gegen eins der Teams, das vor Bremen in der Tabelle steht – die Fähigkeit, einen “Großen” zu schlagen, muss die Mannschaft also erstmals nachweisen. Zum zweiten zeigt das erneute Interesse an Stürmer Mario Mandzukic, dass das Management die Lage erkannt hat. Bremens Scouting-Abteilung hat mit Transfers unbekannter Spieler seit der Verpflichtung von Diego nur noch Nieten gezogen. Leih-Stürmer Moreno bekam eigentlich keine Chance (warum er für zwei Millionen (!) geliehen wurde, dürfte zu den vielen Geheimnissen der Werder-Führung gehören) und scheiterte demzufolge. Ein Stürmer, der diese Bezeichnung verdient und von Bremen zu bezahlen ist, wird also gesucht. Dazu fehlt nach Boenischs Verletzung ein standardmäßiger Linksverteidiger – Bremen hat seine lang gepflegte Zurückhaltung in der Winterpause aber nicht aufgegeben. Im Visier war der tunesische Linksverteidiger Abdennour (drei Nationalspiele), außer einem Probetraining ereignete sich nichts weiter. Für einen etablierten Linksverteidiger fehlt Bremen das Geld. Weitere Zielobjekte wurden weder aus dem Urlaub noch aus dem ungewohnten Wintertrainingslager Dubai veröffentlicht. Bremen scheint also sehendes Auges den schwersten Weg zu wählen, durch die Rückrunde zu kommen. Doch damit nicht genug: Shooting-Star Özil und Hunt sollen länger an Werder gebunden werden, Erfolge bei diesen Themen sind aber nicht in Sichtweite. Es wird für Werder eine interessante Rückrunde werden.
Aus Klaus & Klaus wird Klaus, Klaus & Klaus
Noch zwei andere Baustellen haben Werder neben dem Stadionausbau beschäftigt – eine davon wird noch weitere Energie binden: das Thema Vereinsarzt. Nachdem Ex-Stürmer Klasnic Vereinsarzt Dimanski Behandlungsfehler vorwarf und ihn deswegen auf etwa zwei Millionen Euro verklagte, stellte sich Mr.Werder Bremen Klaus Allofs demonstrativ an Dimanskis Seite. Mittlerweile liegen allerdings drei verschiedene Gutachten vor, die Dimanskis Behandlung als fehlerhaft darstellen. Ob er aus dieser Nummer heil herauskommt, bezweifeln nicht nur medizinische Kreise in Bremen. Denn wenn Dimanski alles richtig gemacht hätte, wäre ein Vergleichsvorschlag der Richter des Bremer Landgerichts über 350.000 Euro vor Beginn des Prozesses nicht erforderlich gewesen. Es könnte für Allofs also empfehlenswert sein, nicht nur nach neuen Spielern Ausschau zu halten. Näheres dazu dann in 2010.
Baustelle zwei wurde in der Geschäftsführung beendet: Mit Manfred Müller ging eins der Mitglieder, der langjährige Adidas-Manager Klaus Filbry übernahm das Amt zum Jahreswechsel. Sein Ziel: den Stellenwert Werders außerhalb Deutschlands stärken.
Prognose: schwierig
Man darf gespannt sein, welchen sportlichen Erfolg Trainer Schaaf und Werder-Chef Allofs mit der Mannschaft als Grundstock für dieses Ziel einbringen – Pokalerfolge sind eben schlecht planbar. Angesichts der Perspektiven und des finanziellen Nicht-Backgrounds scheint es einfacher, Bob den Baumeister im Polarkreis bekannt zu machen als Bremen im europäischen Ausland als Fußball-Hochburg zu verkaufen. Aber vielleicht schafft Trainer Schaaf das Unmögliche und spielt mit Bremen eine phantastische Rückrunde und setzt das Team doch unter den ersten drei der Tabelle fest.

Thomas Schaaf: Was wird der langjährige Werder-Coach in der Rückrunde mitzuteilen haben? /Foto: www.zaunsturm1905.de
Ohne größere Verletzungen könnte der bisher knapp bemessene Kader vielleicht über sich hinauswachsen. Sollten Säulen wie Mertesacker, Naldo, Frings oder Pizarro noch einmal mehrere Wochen fehlen (Bargfrede ist noch länger verletzt), wird der Weg auf die Plätze für die Teilnahme am europäischen Wettbewerb für Bremen ein deutliches Stück schwerer werden. Scheitern nicht ausgeschlossen. Im Winter gab’s nur einen Test gegen den arabischen Pokalsieger Al Ain Club, den man dank eines Pizarro-Doppelpacks mit 2:1 für sich entschied. Weitere Tests wird es nicht geben.
Bremen macht in dieser Winterpause vieles anders. Aber eben nicht alles.
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