[Handball EM 2010] Deutschland vor dem Turnier beim Nachbarn - die Aussichten
17. Januar 2010, 17:26 geschrieben von Elbefohlen.
Am kommenden Dienstag beginnt in Österreich die Handball-EM. Die sich im Umbruch befindende deutsche Nationalmannschaft hat eine schwere Vorrundengruppe erwischt und wird von Anbeginn gefordert sein. Das Mag wagt einen Ausblick auf das Turnier…
Der komplette EM-Spielplan – Ansetzungen, Ergebnisse und Tabellen
Eine Vorhersage ist wie Glaskugel lesen…
Europameister 2004 in Slowenien, Olympia-Zweiter im selben Jahr in Athen und schließlich Weltmeister im eigenen Land 2007 – die Männer Nationalmannschaft konnte im abgelaufenen Jahrzehnt große Erfolge feiern – Heiner Brand hat in seiner Ära den Handball aus dem Dornröschenschlaf erweckt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Doch in den letzten Jahren blieben die ganz großen Triumphe und Titel aus. Die goldene Generation ist nahezu komplett abgetreten, viele neue Gesichter rückten in den Mittelpunkt und die Mannschaft befindet sich nach wie vor im Umbruch. Und so steht vor der Europameisterschaft bei unseren südlichen Nachbarn ein dickes Fragezeichen über das Abschneiden unserer Auswahl – uns erwartet eine Wundertüte. Legt man die eher durchwachsene Vorbereitung zu Grunde, dann scheinen die Medaillenränge in weiter Ferne, ja fast utopisch. Doch da Deutschland – ähnlich wie im Fußball auch – einen Ruf als Turniermannschaft hat, bedienen wir uns bei Eckart von Hirschhausens Bestseller “Die Leber wächst mit ihren Aufgaben” und hoffen für die EM: Deutschland steigert sich mit den Gegnern!
Der Kader
Will man nicht schon nach der Vorrunde, in der mit Polen, Slowenien und Schweden dicke Brocken warten, gefrustet die Heimreise antreten, ist eine Steigerung gegenüber den letzten Testspielen gegen Gastgeber Österreich, Island und Brasilien auch dringend erforderlich – alle Mannschaftsteile haben Luft nach oben. Bei der endgültigen Benennung des Sechszehner-Kaders sorgte der Bundestrainer für einige Diskussionen. Prominentester “Daheimbleiber” ist der Kieler Dominik Klein, der in den letzten Jahren ein fester Bestandteil bei allen großen Turnieren war. Allerdings kommt das Aus für den Linksaußen nicht von ungefähr. Löwe Uwe Gensheimer hat ihm schlichtweg den Rang abgelaufen. Gensheimer hat im Gegensatz zu Klein in der Liga erheblich mehr Einsatzzeiten und spielt dazu konstant auf hohem Niveau. Eine verständliche Entscheidung von Heiner Brand, die bei aller Enttäuschung sogar beim Kieler Zuspruch findet. Neben Klein mussten auch der Hamburger Matthias Flohr, der Lemgoer Martin Strobel sowie der Großwallstädter Steffen Weinhold die bittere Kröte der Nichtnominierung schlucken – Nuancen waren laut Bundestrainer ausschlaggebend.

Foto: Michael Heuberger
Der junge Weinhold kam auf der Position im rechten Rückraum ebenso nicht an Holger Glandorf und Michael Müller vorbei, wie Martin Strobel auf der Position Rückraum Mitte an Michael Kraus und Michael Haaß. Der Göttinger ist laut Brand einfach “einen Schritt weiter”. Das größte Kopfzerbrechen dürfte dem Bundestrainer aber die Wahl des zweiten Kreisläufers hinter Manuel Späth gemacht haben. Letztlich entschied er sich für den Magdeburger Christoph Theuerkauf – und damit für die offensivere Variante. Theuerkaufs Stärke liegt eindeutig im Angriff, er stellt gegen höher stehende Deckungsreihen wohl die klar bessere Alternative dar. Flohr, der ein Musterbeispiel an Teamfähigkeit und Einsatzbereitschaft darstellt, wäre eher ein Mann für Sonderbewachungen und eben für die Abwehr gewesen.
Leistungsträger und Baustellen
Mit der Mannschaft, die im Jahre 2007 im eigenen Land die Massen begeisterte und Weltmeister wurde, hat das jetzt für die EM in Österreich dominierte Team nur noch wenig gemein – richtige Führungspersönlichkeiten lassen sich an einer Hand abzählen. Dafür gibt es in allen Mannschaftsteilen Baustellen. Selbst auf der Torhüterposition, die ja sonst eine Domäne im deutschen Handball darstellt, gibt es kleine Fragezeichen. So muss man erst einmal sehen, wie Johannes Bitter sich nach seiner Operation am linken Ellenbogen präsentiert, ob er den Eingriff psychisch völlig ausblenden kann und konstant sein volles Leistungsvermögen ausschöpfen wird. Sollte dies der Fall sein, wird der Hamburger sicherlich erste Wahl sein. Beim Duell um die Nr. 2 scheint de Lemgoer Carsten Lichtlein derzeit die Nase gegenüber dem Berliner Silvio Heinevetter vorn zu haben. Heinevetter hat nach seinem Wechsel von der Elbe an die Spree etwas von seiner überragenden Form des Vorjahres eingebüßt. Dass er in den Schlagzeilen der Gazetten und in anderen Medien zuletzt oft thematisiert wurde, hat mit seinen sportlichen Aktivitäten nichts zu tun – dies ist vielmehr seine Liebesbeziehung zu der 44-jährigen Simone Thomalla geschuldet. Ob und inwieweit diese Situation ihn beeinflusst, lässt sich von außen nur sehr schwer beurteilen. Lichtlein dagegen spielt ein konstant gute Saison. Der Bundestrainer weiß zu schätzen, was er an dem ruhigen und sachlichen Keeper hat.
In der Abwehr, die wohl zumeist im bewährten 6-0-Deckungssystem agieren wird, steht nach wie vor Oliver Roggisch als Organisator am Mischpult. Der Defensiv-Spezialist hat das Sagen und soll seine Nebenleute dirigieren. Ihm zur Seite wird im Mittelblock wohl Manuel Späth sein erstes großes Turnier spielen – ein Pärchen, von dem in Sachen Stabilität viel abhängen wird. Auf den Halbpositionen müssen sich auf internationalem Parkett auch Michael Müller und Michael Haaß beweisen. Holger Glandorf, Lars Kaufmann und Torsten Jansen verfügen dagegen über genug Erfahrung und Routine, sie wissen wie der Hase läuft und kennen die körperliche Belastung beim Stelldichein der europäischen Handballnationen.
Erste Wahl für die Position des Spielmachers ist ohne wenn und aber Michael Kraus. Der für den TBV Lemgo spielende Göppinger ist im deutschen Kader der individuell stärkste. Mit seiner Dynamik, seinen Ideen und seiner Torgefahr ist er für ein erfolgreiches und durchdachtes Angriffsspiel unverzichtbar – er soll ein entscheidender Faktor sein und Spiele mit seiner Klasse entscheiden. Aber kann er das auch umsetzen? Mimi steht enorm unter Druck, er weiß, dass viel von ihm abhängt. Es bleibt abzuwarten, ob er damit umgehen und die Mannschaft wirklich führen kann. Alternativ könnte Kraus auch im linken Rückraum zum Einsatz kommen und von dort für einige Buden zuständig sein.
Dann sind wir auch schon auf der Königsposition angekommen, wo der Bundestrainer bekanntlich auf Pascal Hens verzichten muss. Pommes, der in den letzten Jahren mit vielen schwerwiegenden Verletzungen zu kämpfen hatte, nimmt sich für dieses Turnier eine Auszeit. In den Fokus rückt nun Lars Kaufmann, der nach seinem Wechsel von Lemgo zu Frisch Auf Göppingen eine deutliche Leistungssteigerung hinlegen konnte und zum besten Torschützen der Bundesliga avancierte. Der gebürtige Görlitzer hat einen mächtigen Bums und auch den Körper, um gegnerische Abwehrreihen mit Würfen aus der Distanz in Verlegenheit zu bringen – wenn er denn von seinen Mitspielern richtig eingesetzt und in gute Wurfpositionen gebracht wird. Seine Tore werden gebraucht, er spielt in den Überlegungen von Heiner Brand eine immense Rolle. Der Wetzlarer Sven-Sören Christophersen wurde als Back-up berufen, für ihn ist diese Europameisterschaft nach Olympia 2008 und der WM 2009 das dritte große Turnier.
Im rechten Rückraum soll Holger Glandorf für reichlich Tore sorgen. Doch nicht immer ist im Trikot mit der Aufschrift “Glandorf” auch wirklich Glandorf drin – der Lemgoer hat mit enormen Leistungsschwankungen zu kämpfen; Spielen mit Toren im zweistelligen Bereich folgen wieder Partien, wo er nur die Lampen ausschießt. Solche Tage sollte er in Österreich tunlichst vermeiden. Hinter ihm wartet mit Michael Müller ein Spieler auf seine Chance, der in der Liga bei den Rhein-Neckar Löwen zumeist auch in der zweiten Reihe steht. Der Rückraum könnte zur großen Problemzone im deutschen Spiel werden. Um entsprechende Ergebnisse einzufahren, brauchen wir die Tore aus der Distanz – die Jungs müssen dazu ihre ganze Klasse abrufen.
In vorderster Front sucht man Namen wie Christian Schwarzer, Andrej Klimovets, Sebastian Preiß, Florian Kehrmann oder den schon angesprochen Dominik Klein vergebens. Das Duo auf der rechten Seite bilden der Hamburger Stefan Schröder und der Kieler Christian Sprenger, der bei Olympia so viel Pech hatte und bereits im ersten Spiel nach Verletzung die Segel streichen musste. Beide sind wieselflink, verfügen über ein hohes technisches Können und wissen, wie man das Runde ins Eckige befördert. Gleiches gilt für das Gespann auf der linken Seite, Torsten Toto Jansen und Newcomer Uwe Gensheimer. Alles in allem sind die Außenpositionen wohl die, um die man sich im deutschen Spiel die wenigsten Sorgen machen muss.
Die klare Nummer eins bei den Kreisläufern ist bei dieser EM Manuel Späth, der allerdings erst 16 Länderspiele absolviert hat und somit vor seiner ersten richtig großen Bewährungsprobe auf dieser so wichtigen Position steht. Der 1,99 Meter große und fast 100 Kilo schwere Göppinger wird schwer zu tun bekommen in unzähligen Zweikämpfen mit Europas besten Abwehrspielern. Neben Treffern wird dazu von ihm erwartet, dass er Platz für seine Nebenleute schafft und auch in der Abwehr seinen Mann steht. Kein leichtes Unterfangen für den 24-Jährigen. Entlasten soll ihn Christoph Theuerkauf, der auch erst 19-mal das Trikot der Nationalmannschaft trug und ebenfalls sein Debüt bei einem so großen internationalen Event gibt. Beide sind also relativ unerfahren. Ob sie dies mit ihrem Ehrgeiz wettmachen können, wird der Turnierverlauf ergeben.
Eine aussagekräftige Vorhersage zu treffen, wie sich Deutschland bei dieser Europameisterschaft präsentieren wird und auf welchem Rang man am Ende abschließt, ist nahezu unmöglich – ein Ausscheiden nach der Vorrunde ist ebenso möglich wie der Einzug ins Halbfinale. Lassen wir uns also überraschen…
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