[Handball-EM 2010] Deutschland vs. Frankreich
24. Januar 2010, 16:47 geschrieben von Elbefohlen.
Im ersten Spiel der Hauptrunde traf Deutschland heute um 16:30 Uhr in Innsbruck auf Angstgegner Frankreich – ein schweres Unterfangen für das Team von Heiner Brand. Und trotz toller Moral musste man sich am Ende mit 22:24 geschlagen geben.
Der komplette EM-Spielplan – Ansetzungen, Ergebnisse und Tabellen
Das deutsche Team vor dem Turnier
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Deutschland | 22:24 (10:12) | Frankreich | ![]() |
Vorgeplänkel
Nach dem Kraftakt im letzten Spiel der Vorrunde gegen Schweden, der mit einer deutlichen Leistungssteigerung im Vergleich zu den beiden ersten Partien einherging und Grundlage für das Erreichen der Hauptrunde war, trifft man dort auf einen alten Bekannten: Angstgegner Frankreich. Die Franzosen gehören neben Russland, Spanien, Kroatien und Deutschland zu jenen Mannschaften, die bisher an allen Europameisterschaften teilgenommen haben (neun) und sind das Team, gegen das Deutsche bei kontinentalen Meisterschaften die meisten Niederlagen kassierten. Fünfmal zog man gegen die Equipe Tricolore den Kürzeren – bei der letzten EM in Norwegen verlor man gleich zweimal gegen den Nachbarn. Darunter das 26:36-Debakel im Spiel um den dritten Platz, die höchste Niederlage bei einer Endrunde für die DHB-Auswahl aller Zeiten.
Im Vergleich zur Vorrunde gibt es im deutschen Kader eine Veränderung. Der Lemgoer Martin Strobel wurde nachnominiert und soll Gewehr bei Fuß stehen, falls sich die Verletzung seines Klubkameraden Michael Kraus doch als schwerwiegender herausstellt. Des einen Glück ist eines anderen Leid: Mit Strobel ist der Kader nun voll, so dass der dritte Torhüter Carsten Lichtlein keine Chance mehr auf einen Einsatz hatte und ohne Einsatz seine Koffer packen musste.
Frankreich, das als einer der großen Favoriten ins Turnier ging, tat sich in der Vorrunde unerwartet schwer. Mit nur einem Sieg und zwei Remis schloss man die Gruppe D zwar ungeschlagen ab, wurde aber hinter den Spaniern nur Zweiter. Claude Onesta, der es neben dem Russen Wladimir Maximow als einziger Trainer geschafft hat, alle drei großen Trophäen (Olympia 2008, Weltmeister 2009, Europameisterschaft 2006) zu gewinnen, hat in seinem Kader nach wie vor Handballer der Extraklasse, wie beispielsweise Nikola Karabatic oder den in der Bundesliga für den THW Kiel spielenden Ausnahme-Keeper Thierry Omeyer. Weitere Leistungsträger sind Abwehrchef Didier Dinart, Rückraumkanonier Daniel Narcisse, die Gebrüder Bertrand und Guillaume Gille sowie Luc Abalo und Michael Guigou.
Die erste Halbzeit
Die Hymnen erklingen und in den deutschen Gesichtern spiegelt sich neben Anspannung auch Trauer. Der Tod des alten Weggefährten Oleg Velyky hat die Mannschaft schwer getroffen – sie hat sich vorgenommen, heute auch für ihn zu spielen. Der 32-jährige gebürtige Ukrainer erlag nach langem und schweren Kampf einem Krebsleiden. Auch wenn es schwer fällt, die Spieler müssen diese bittere Nachricht während der Partie aus den Köpfen verdrängen, oder schweißt diese Hiobsbotschaft die junge Mannschaft gar zusammen?
Heiner Brand beginnt im linken Rückraum ohne Lars Kaufmann, für ihn wird Michael Kraus dort sein Glück versuchen. Glandorf nimmt sich die ersten Würfe, scheitert aber einmal an Omeyer und am Pfosten. Die Franzosen machen es besser und gehen in Führung. Jansen trifft beim Gegenstoß den französischen Torwart am Kopf – zum ersten Mal schlagen Emotionen hoch. Schon nach 4 min zeigt sich, dass sich Deutschland mit der sattelfesten Abwehr der Franzosen schwer tut. Allerdings ist auch bei ihnen vor dem deutschen Tor noch Sand im Getriebe, Kraus trifft zum 1:1.
Jetzt macht er es dann besser, er läuft am Kreis ein und trifft zum 2:2, im Gegenzug bringt Fernandez seine Farben wieder in Front (7.). Und der Kapitän der Franzosen legt gleich noch einen Treffer nach, nachdem sich Kaufmann ein Fehlabspiel leistete – Frankreich hat den besseren Start.
Doch der 2-Tore Vorsprung ist schon wieder Makulatur, Jansen vom Punkt, vom Kreis und Kaufmann aus dem Rückraum bringen Deutschland in Front (14). Sprenger erhöht per Schnellangriff nach einem erneuten Ballverlust der Franzosen auf 6:4 – Onesta reagiert und nimmt seine Auszeit. Glandorf kassiert die erste Zeitstrafe im Spiel, Karabatic trifft zweimal zum 6:6 (17.) und danach bringt Joli die Franzosen wieder nach vorn. Doch die Partie wogt hin und her – Bitter hält gut und Theuerkauf trifft vom Kreis.
20 Minuten sind gespielt und im deutschen Lager ist man sauer auf die rumänischen Schiedsrichter, die jetzt einige zweifelhafte Entscheidungen zu Gunsten der Franzosen getroffen haben. Davon unberührt tankt sich Kaufmann durch und verkürzt auf 8:9. Bitter wert erneut ab und schickt Sprenger auf die Reise. Omeyer pariert, ist aber wenig später bei Glandorfs Hammer chancenlos. Frankreich gelingt die erneute Führung und Brand nimmt die Auszeit (23.). Joli trifft vom Punkt, der eingewechselte Heinevetter hat keine Abwehrmöglichkeit (9:11). Die passende Antwort der Deutschen kommt von Glandorf, der heute sehr dynamisch und zielstrebig wirkt, auch wenn ihm nicht alles gelingt. Im Gegensatz dazu präsentiert sich Sprenger mit ungewohnter Abschlussschwäche – wieder scheitert er beim Tempogegenstoß.
Halbzeit in Innsbruck. Deutschland liegt in der nicht gerade ansehnlichen, aber hart umkämpften Partie mit 10:12 hinten, steht aber in der Abwehr kompakt und hat im Angriff noch Steigerungspotenzial. Die Franzosen präsentieren sich nicht unschlagbar.
Die zweite Halbzeit
Bei Deutschland ersetzt Schöne den glücklosen Sprenger, die Franzosen agieren jetzt mit drei Rechtshändern im Rückraum – und erwischen einen Start nach Maß in die zweite Halbzeit. Narcisse und zweimal Abalo lassen die Führung auf fünf Tore anwachsen. Joli verwandelt seinen fünften 7-Meter und in Heiner Brands Gesicht wächst die Verzweiflung. Doch schon wieder ist der Ball weg und Abalo zeigt sich einfach gnadenlos, kann verkürzt Schöne auf 11:17 – das erste Tor im zweiten Durchgang.
Deutschland muss jetzt aufpassen, dass die Partie nicht schon früh entschieden ist – es muss wieder mehr Bewegung und Druck in die Offensivaktionen gebracht werden. Müller trifft in Unterzahl, nach 40 gespielten Minuten steht es 12:18 und der Torschütze von eben muss für 2 min auf die Bank, dazu gibt es Strafwurf und Joli behält seine makellose Weste. Deutschlands Wurfeffektivität liegt bei erschreckenden 36 %! – so kann man nicht gewinnen. Gensheimer sorgt für eine Verbesserung der Quote, ein schönes Tor des Linksaußen zum 13:19. Glandorf hindert Karabatic am Wurf und die Rumänen pfeifen schon wieder Strafwurf für die Franzosen – doch diesmal ist Heinevetter auf dem Posten. Doch der Jubel währt nur kurz, Roggisch bekommt eine Zweiminutenstrafe.
Nach 44 Minuten beträgt der Abstand immer noch sechs Tore. Im Angriff werden einfach weiterhin zu viele Bälle verloren, jetzt zielt Glandorf am langen Eck vorbei. Nein, das wird heute wohl nichts. Und schon wieder muss Bitter hinter sich greifen, Karabatic netzt ein. Kaufmann und Narcisse treffen, der Rückstand hat Bestand und Heiner Brand nimmt seine letzte Auszeit in der 46. Minute beim Spielstand von 14:21.
Schöne verkürzt, Bitter pariert und puscht sich – ist wenig später aber erneut von Karabatic überwunden. Es läuft die 51. Minute und Jansen meldet sich mal wieder – 17:22. Bitter mit einer weiteren Parade – dem Keeper kann man überhaupt keinen Vorwurf machen, dass man zurückliegt. Und Jansen erhöht sein Torekonto mit einem verwandelten 7-Meter. Kraus verkürzt per Tempogegenstoß weiter, es steht 19:22, geht da doch noch was?
Onesta nimmt die Auszeit, doch Bitter ist jetzt heiß gelaufen und leitet den nächsten Angriff ein – Tor durch Glandorf und noch 6 Minuten zu gehen. Das gibt es doch nicht, Jansen setzt den Ball beim Siebenmeter an den Pfosten und vergeigt wenig später eine weitere Chance, schade, das hätte der Anschluss sein müssen.
Doch die Stimmung kocht jetzt über, denn Heinevetter pariert seinen zweiten 7-Meter, ist in Minute 57 dann aber beim nächsten Versuch von Joli ohne Glück. 20:23.
Kaufmann hämmerte den Ball in den Winkel und Bitter ist schon wieder da – unglaublich der lange Blondschopf. Die Uhr tickt unerbittlich herunter, da zogen die Franzosen mit dem 24. Treffer keine 50 Sekunden vor dem Ende wohl für die Entscheidung. Kraus verkürzt zwar noch einmal auf 22:24, doch das ist nur noch Ergebniskosmetik. Deutschland muss sich den Franzosen mal wieder geschlagen geben – unsere Nachbarn von der Seine sind und bleiben unser Angstgegner.
Ausschlaggebend für die Niederlage war die Phase direkt nach Wiederanpfiff, als die Franzosen diesen Vorsprung auf fünf Tore ausbauten. Trotz toller Moral gelang es der DHB-Sieben nicht, den Spieß noch umzudrehen. Im Angriff war die Fehlerquote einfach zu hoch, zu viele technische Unzulänglichkeiten und vergebene Würfe prägten das Szenario.
Statistik
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