Informers Abgegrätscht: Der Scherbenhaufen zwischen dem DFB und Bundestrainer Löw
8. Februar 2010, 13:15 geschrieben von informer, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Trotz der einigermaßen günstigen EM-Auslosung blickte Bundestrainer Joachim Löw leicht indigniert zu Boden. Die Gedanken an die nächsten Monate sorgten offenbar für eine mentale Ungemütlichkeit, die dem “höögscht disziplinierten” Bundestrainer bisher fremd war. Heimlich, still und leise war das Klima zwischen DFB und Bundestrainer gefroren und hat sich zum Nachfolger der Spannungen zwischen Ostblock und Westmächten entwickelt. Jetzt droht es zu zerbrechen.
Bierhoff will sich wieder unsterblich machen
Was war passiert?? Der DFB wollte den Vertrag mit Joachim Löw verlängern und bot branchenüblich fünf Prozent mehr Gehalt. Nicht nur für Löw, sondern für den gesamten Trainerstab. Löw wollte allerdings mehr: Nämlich die Alleinzuständigkeit für die Hoffnungsspieler der U21, die bis dato unter den Fittichen von Matthias Sammer stand und seit langer Zeit mit dem Gewinn der U21-EM auch mal wieder einen Titel eingefahren hatte. DFB-Boss Zwanziger schluckte diese Kröte aber – er wollte die Zusammenarbeit nicht gefährden.
Übersehen worden war bisher dabei Mr. Golden-Goal 1996, Oliver Bierhoff. Als Nationalelf-Manager war ihm schon häufiger die Frage gestellt worden, was er seinem Gehalt eigentlich für eine Leistung entgegenstellt. Außer fachsprachlichen Verwirrungen konnte er meist wenig Konkretes angeben. So sah er wohl just in diesem Moment die Chance, sich nach seinem Golden Goal ein zweites Mal unsterblich zu machen: Bierhoff forderte ein Vetorecht bei der Verpflichtung künftiger Bundestrainer (vulgo: er will der Aufsichtsrat sein, der letztlich grünes Licht gibt) – und ferner ein volles Jahresgehalt Handgeld für alle Beteiligten für den Fall, dass die Verträge nicht eingehalten werden (Bierhoff wies das im Pay-TV-Sender Sky zurück: das solle nur am Ende der Vertragslaufzeit der Fall sein – bedeutet also eine saftige Gehaltserhöhung von 100 Prozent). Den DFB möchte Bierhoff also zum Vorschlagssammler und Zahlmeister degradieren.
Haben Löw und Bierhoff die Bodenhaftung verloren?
Rums. Das saß. Fußballdeutschland rieb sich verwundert die Augen und blickte misstrauisch auf den Kalender – in der Hoffnung, dort wider Erwarten den 1. April vorzufinden. Fehlanzeige. DFB-Boss Zwanziger beendete nach diesem “Angebot” Bierhoffs die Verhandlungen, weil die Seiten zu weit voneinander entfernt sind. Fußball-Experte Günter Netzer bewertete die Forderungen Bierfhoffs als “utopisch”, der künftige Fußball-Experte Oliver Kahn redete gar von “Amtsmissbrauch”.
Bundestrainer Löw ist an der Eskalation nicht so unschuldig, wie es scheint: Bierhoff handelte in Absprache mit Löw. Und das zeigt: Löw beweist zum wiederholten Mal, dass er unfähig ist, Konflikte auch nur mit ganz vagen Zeichen von Anstand oder gar Normalität zu lösen (Personalien Ballack, Frings, Kuranyi). Sein Nominierungsverhalten gegenüber einzelnen Spielern entspricht häufig dem Gegenteil dessen, was er ankündigt. Endgültige Schnitte hat Löw noch nie sauber hinbekommen. Das könnte ihm zum Verhängnis werden: Auch bei seiner eigenen Person ist Löw offenbar nicht in der Lage, einen geraden Verhandlungsweg zu gehen. Nibelungentreu steht er zu Oliver Bierhoff, den er in Anbetracht der Darwinschen Theorie als Sieger zu sehen scheint. Es könnte allerdings auch sein, dass Löw’s Optik (geblendet von welchem Erfolg eigentlich?) einen Sehfehler produziert: Bierhoff halten viele für das austauschbarste Element in der Systemkette DFB-Löw-Erfolg.
Löw bald Trainer der Türkei?
Auch wenn beide Seiten vorgeben, miteinander die Zukunft gestalten zu wollen: das Tischtuch ist zerschnitten. Der Blätterwald rauscht mächtig – und zu hören ist das Ende der Zusammenarbeit. Wie die Bild am Sonntag in Umfragen herausfand, unterstützt die Mehrheit der Befragten das Verhalten des DFB. Löw selbst stellt sich jetzt auf das Unternehmen WM 2010 in Südafrika ein – ohne neuen Vertrag. Einzelne Medien berichten bereits von Kontakten mit dem türkischen Fußballverband. Das DFB-Präsidium verschob die Verhandlungen auf “nach der WM”.
Vielleicht finden sie auch gar nicht mehr statt. Nämlich dann, wenn das Verhältnis zerbricht und das Thema Löw beim DFB noch vor der WM erledigt wird. Im Gegensatz zum Bundestrainer selbst ist der DFB in der Lage, Themen meist ohne großen Kollateralschaden zu beenden. Und mit Matthias Sammer stände ein Nachfolger bereit, der im DFB mehr Sympathisanten finden dürfte als es Löw jemals gelingen wird. Denn Löw ist für den DFB nüchtern betrachtet nichts anderes als ein Relikt der Klinsmann-Zeit, die mit dessen Rücktritt aber eigentlich beendet sein sollte. So eine Chance, das Thema endgültig zu erledigen, bekommt der DFB nicht schnell wieder.
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