Broke - Die Premier League vor dem Umbruch? Teil 1: Der Fall FC Portsmouth
26. Februar 2010, 16:18 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Int-Fussball.
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Die Premier League ist die vielleicht beliebteste europäische Fußball-Liga. Nicht nur für die Fans, auch für Spieler bot sie in den letzten Jahren ein großes Maß an Attraktivität. Immer mehr Stars wechselten nach England, Gehälter explodierten, Investoren mussten her, um dem Wettbewerb standhalten zu können. Nun sieht es so aus, als müssten die Briten nach der weltweiten Finanzkrise den Preis dafür zahlen, was sie sich in den letzten Jahren alles „gegönnt“ haben. In einer Zeit, in der die Taschen leerer sind denn je.
Rund vier Milliarden Euro Schulden haben die Vereine mittlerweile angehäuft. Gerüchten zufolge sind die Big Four, also Manchester United, der FC Liverpool, der FC Arsenal und der FC Chelsea allein für ein Drittel davon verantwortlich. Hinzu kommen 510 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die den englischen Verband FA derzeit drücken. Bei den Vereinen ist die Lage unübersichtlich: Sind sie selbst pleite oder eigentlich nur ihre Investoren? Und was bedeutet es für einen Verein, wenn sein Investor pleite ist? In einer sechsteiligen Serie beschäftigt sich das MAG mit englischen Vereinen in Geldnot, die Lage der Premier League im Allgemeinen sowie möglichen Folgen der Finanzmisere. Teil 1 heute:
Der Fall FC Portsmouth
Der FC Portsmouth ist wohl der Verein, der den Finanzproblemen, die derzeit so viele englische Vereine plagen, als erstes zum Opfer fällt. Schon im Januar diesen Jahres hätte nicht viel zum Super-GAU gefehlt, stand man doch damals bereits nur Zentimeter vor dem Insolvenzantrag. Was war passiert? 2009 musste der Club gleich viermal seinen Besitzer wechseln. Doch die Turbulenzen und Schwierigkeiten schienen nur mit jedem Mal mehr zu werden. Bereits zweimal in dieser Saison war der Verein von der Südküste Englands nicht in der Lage, die Spielergehälter rechtzeitig zu zahlen. Die Dramatik begann erst richtig, als Ali Al-Faray, seit Oktober 2009 Besitzer des Vereins, selbst in akute Finanznot geriet. Zahlungsforderungen von mehr als 50 Millionen Euro, unter anderem vom früheren Besitzer des FC Portsmouth, brachten den Immobilien-Tycoon aus Saudi-Arabien ins Schwitzen.
Sanktionen im Januar, Konkursanmeldung im Februar
Kurz vor dem Jahreswechsel wurde bekannt, dass das Finanzamt noch rund 6,6 Millionen Euro Steuern von Portsmouth erwartet. Mittlerweile wurden mehrere Gnadenfristen gewährt. Die ausstehenden Zahlungen an den Fiskus sollten im Januar durch Spielerverkäufe finanziert werden. Dies gelang jedoch nicht. Zusätzlich müssen die Potteries vorerst auf ihre Einnahmen aus den TV-Geldern verzichten und stattdessen diese direkt an ihre Gläubiger abführen. Von der Liga gab es ein Einkaufsverbot und die Auflage, durch Spielerverkäufe innerhalb des Transferfensters neues Geld zu erwirtschaften. Nachdem zumindest die Schulden gegenüber anderen Vereinen abgebaut wurden, hob man Ende Januar das Verbot wieder auf. Die Lage blieb trotzdem dramatisch, der Schuldenstand liegt heute etwa bei 92 Millionen Euro. Das ist zwar deutlich weniger als bei Manchester United, allerdings nimmt der vergleichsweise kleine Verein aus Portsmouth auch längst nicht so viel ein wie der rote Riese. Sportlich läuft es ohnehin schon mies, man kämpft bereits die ganze Saison gegen den Abstieg.
Doch am 4. Februar konnte die vermeintliche finanzielle Rettung vermeldet werden. Es gab erneut einen neuen Besitzer für den FC Portsmouth. Diesmal handelt es sich um Balram Chainrai, einem Geschäftsmann aus Hongkong. Aber auch er konnte nicht mehr den endgültigen Kollaps abwenden. Ziemlich schnell zeichnete sich ab, dass die Lage dramatischer ist, als der Chinese sie offenbar eingeschätzt hatte. Letzte Rettungsversuche wurden unternommen: Portsmouth stellte den Antrag, auch außerhalb der Transferperiode Notverkäufe tätigen zu dürfen. Die FA lehnte ab, woraufhin Chainrai begann, sich nach neuen Käufern umzusehen. Doch am gestrigen Donnerstag lief die Frist ab, bis zu der der Verein seine Steuerschulden von mittlerweile mehr als 13 Millionen Euro beglichen haben musste. Chainrai sah keine Möglichkeit, die Verhandlungen mit einem der vier interessierten Investoren vor Montag abzuschließen. Somit stellte der Verein den Konkursantrag, um einem Zwangsabstieg zu entgehen.
Portsmouth muss von vorne anfangen
Nach den Statuten der Premier League werden dem FC Portsmouth nun neun Punkte abgezogen. Das ist mehr als die Hälfte der Zähler, die das Team bisher sammeln konnte. Mit jetzt nur noch sieben Punkten auf dem Konto steht man abgeschlagen am Tabellenende und kann den Abstieg wohl nur noch theoretisch verhindern. Doch hängen lassen dürfen sich die Potteries für den Rest der Saison trotzdem nicht. Denn nach der sogenannten Leeds-Regelung wird am Ende der Spielzeit geschaut, ob der Verein auch ohne den Punktabzug abgestiegen wäre. Ist das der Fall – bei Portsmouth durchaus zu erwarten – wird der Abzug mit in die nächste Saison genommen und man würde bei minus neun Punkten starten.
Nachdem lange um die Rettung gerungen wurde, ist nun also das vermutlich schon lange Unausweichliche eingetreten. Der von Liga-Chef Taylor gefürchtete erste Insolvenzfall könnte die Premier League nachhaltig erschüttern. Für den FC Portsmouth geht es jetzt um einen Neuaufbau. Mit dem Konkursantrag wurde dafür die erste Voraussetzung geschaffen. Die Broke-Serie wird in den kommenden Tagen untersuchen, ob noch weitere Katastrophen diesen Ausmaßes auf der Insel drohen.
Broke-Serie Teil 2: Manchester United
Broke-Serie Teil 3: FC Liverpool
Broke-Serie Teil 4: FC Chelsea
Broke-Serie Teil 5: FC Arsenal
Broke-Serie Teil 6: Aktuelle Situation und mögliche Folgen
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