Broke - Die Premier League vor dem Umbruch? Teil 4: Der Fall FC Chelsea
4. März 2010, 12:39 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Int-Fussball.
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Die Premier League ist die vielleicht beliebteste europäische Fußball-Liga. Nicht nur für die Fans, auch für Spieler bot sie in den letzten Jahren ein großes Maß an Attraktivität. Immer mehr Stars wechselten nach England, Gehälter explodierten, Investoren mussten her, um dem Wettbewerb standhalten zu können. Nun sieht es so aus, als müssten die Briten nach der weltweiten Finanzkrise den Preis dafür zahlen, was sie sich in den letzten Jahren alles „gegönnt“ haben. In einer Zeit, in der die Taschen leerer sind denn je.
Rund vier Milliarden Euro Schulden haben die Vereine mittlerweile angehäuft. Gerüchten zufolge sind die Big Four, also Manchester United, der FC Liverpool, der FC Arsenal und der FC Chelsea allein für ein Drittel davon verantwortlich. Hinzu kommen 510 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die den englischen Verband FA derzeit drücken. Bei den Vereinen ist die Lage unübersichtlich: Sind sie selbst Pleite oder eigentlich nur ihre Investoren? Und was bedeutet es für einen Verein, wenn sein Investor pleite ist? In einer sechsteiligen Serie beschäftigt sich das MAG mit englischen Vereinen in Geldnot, die Lage der Premier League im Allgemeinen sowie möglichen Folgen der Finanzmisere. Heute im Focus:
Der Fall FC Chelsea
Roman Abramowitsch ist nicht nur der wohl bekannteste Investor eines Fußballvereins, sondern er gilt auch als der Begründer aller kapitalistischen Entwicklungen der Premier League, manchmal sogar des Weltfußballs. Es lässt sich darüber streiten, ob diese These zutreffend ist. Fest steht allerdings, dass der Russe viele der Eigenschaften verkörpert, die Fußballfans einen Schauer über den Rücken laufen lassen, wenn sie nur das Wort „Investor“ hören. Erkennbar ist das schon allein an der Übernahme im Jahr 2003 an sich. Erst zur WM 2002 in Japan und Südkorea hatte der Ölmilliardär ein Interesse für den Fußballsport entwickelt. Der Entschluss, sich einen eigenen Verein als Spielzeug zu halten, kann also kaum lange in ihm gereift sein. Auch die Entscheidung für den FC Chelsea war mehr zufällig denn in Liebe begründet. Schließlich stand unter anderem auch der Kauf der Stadtrivalen Tottenham Hotspur und FC Arsenal, von Ligakonkurrent Manchester United oder auch des italienischen Klubs Lazio Rom zur Debatte. Dass die Blues letztlich den Zuschlag erhielten, war allein eine Sache des Kaufpreises: Der FC Chelsea war zu diesem Zeitpunkt schlichtweg am günstigsten zu haben.
Schon zu Beginn seines Engagements schieden sich somit die Geister an der Person Roman Abramowitsch. Nicht nur, weil man das Gefühl gewann, seine Verbundenheit mit dem Verein sei begrenzt. Man sah nicht nur an der Stamford Bridge allein die Anwesenheit eines Investors als kontrovers an. Einerseits würde der Russe viel Geld und somit auch sportliche Qualität nicht nur in den Süden Londons, sondern in die ganze Liga, bringen. Andererseits war man sich der Gefahr der Abhängigkeit bewusst. Auch die Herkunft des Vermögens von Abramowitsch geriet zum Thema, da bekannt wurde, dass er sein Geld offenbar nicht immer auf legalem Wege erwirtschaftet hatte und wegen solcher Machenschaften sogar bereits in Untersuchungshaft gesessen ist. Doch letztlich hatte der Verein gar keine andere Wahl, als auf das Angebot des Russen einzugehen, da zum damaligen Zeitpunkt Zahlungsforderungen von etwa 25 Millionen Pfund im Raum standen, die der FC Chelsea selbst nicht hätte bedienen können.

Mit Abramowitsch kamen nicht nur Stars, sondern auch der Erfolg an die Stamford Bridge
Seit 2003 hat Abramowitsch viel Geld in seinen Verein investiert, viele Spieler zu teils immens hohen Ablösesummen gekauft. Der FC Chelsea ist dadurch nicht nur in der Liga zum ständigen Mitfavoriten geworden, sondern hat sich auch auf internationaler Ebene zu einem ernstzunehmenden Team entwickelt. Auch, wenn der große Traum des Eigners, der Gewinn der Champions League, bisher ausgeblieben ist. Nahe dran war man schon einige Male. Doch bei allen sportlichen Vorteilen, die der Investor den Londonern gebracht hat, wie ist es um die Wirtschaftlichkeit bestellt? Seit 2003 hat der Verein regelmäßig Verluste in Rekordhöhe eingefahren. Diese stehen als Schulden gegenüber Abramowitsch zu Buche. Logisch, dass dieser sein Geld irgendwann zurückhaben wollen würde.
Im Dezember 2008 schien dann das bevorzustehen, wovor sich so viele gefürchtet hatten: Roman Abramowitsch hatte offensichtlich das Interesse an seinem Spielzeug verloren und war bereit, den FC Chelsea für einen symbolischen Betrag von einem Euro zu verkaufen, wenn der neue Eigentümer dafür im Gegenzug die Schulden, die laut Focus-Bericht damals bei 1,1 Milliarden Euro lagen, übernähme. Diese Absicht wurde zumindest von der Öffentlichkeit so kolportiert. Der Verein selbst vermeldete hingegen, der Eigner wolle nicht verkaufen und man habe auch „nur“ rund 650 Millionen Euro Schulden bei ihm.
Fast genau ein Jahr später lautete die Schlagzeile, der FC Chelsea sei schuldenfrei. Was war passiert? Die zu diesem Zeitpunkt noch übriggebliebenen 375 Millionen Euro Darlehen von Roman Abramowitsch wurden schlichtweg in Klubanteile umgewandelt. Damit hat der Verein vorerst tatsächlich keinerlei Verbindlichkeiten mehr. Vorausgesetzt, es ist die Wahrheit, was derzeit rund um die Stamford Bridge umhergeistert. Denn dass der Schuldenstand innerhalb eines Jahres von 650 Millionen auf 375 Millionen Euro gesunken sein soll, klingt fast wie ein Märchen. Schließlich gab es keine großen Spielerverkäufe, man hatte sich lediglich mit Einkäufen zurückgehalten – zumindest, wenn man die vorangegangenen Jahre als Maß nimmt. Dass der FC Chelsea jedes Geschäftsjahr durchaus einen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich macht, ist unumstritten. Nur stehen dem auch übermäßig große Ausgaben gegenüber.

Direkt an die Außenfassade der Stamford Bridge ist ein Hotel angebaut – eine zusätzliche Einnahmequelle für den FC Chelsea
Davon ausgehend, dass es trotzdem stimmt, was im vergangenen Dezember vermeldet wurde, stellt sich die Frage, wie die wirtschaftliche Zukunft der Blues aussehen soll. Ist der Verein nun in der Lage, sich selbst zu tragen? Sind die Investitionen des Roman Abramowitsch beendet? Oder müssen neue Schulden aufgenommen werden und das 2003 begonnen Szenario fängt praktisch von vorn an? Sollte der FC Chelsea tatsächlich auf wirtschaftlich eigenen Beinen stehen können, zählt er von nun an zu den wenigen englischen Top-Klubs, die finanziell vorerst sorgenfrei sind.
Broke-Serie Teil 1: FC Portsmouth
Broke-Serie Teil 2: Manchester United
Broke-Serie Teil 3: FC Liverpool
Broke-Serie Teil 5: FC Arsenal
Broke-Serie Teil 6: Aktuelle Situation und mögliche Folgen
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