Eingeworfen: Frühlingserwachen in der Rosenau - der FC Augsburg spielt sich in den Fokus
21. Februar 2010, 15:50 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
In Augsburg, der drittgrößten Stadt des Freistaates Bayern, spielt sich derzeit eine Art Märchen ab, das ein bisschen an Dornröschen erinnert. Etwas mehr als 100 Jahre nach seiner Gründung scheint der FC Augsburg aus seinem “Tiefschlaf” erwacht und mobilisiert die Anhängerschar rund um die Fuggerstadt …
![]()
FC Augsburg
100 Jahre Anlauf
Auch wenn Augsburg mit Ulrich Biesinger, Helmut Haller, Bernd Schuster, Armin Veh, Raimond Aumann, Christian Hochstätter und Roland Grahammer Geburtsstadt für mehr als eine Hand voll großartiger Fußballer war, so bringt man die Universitätsstadt am Lech auf Anhieb nicht unbedingt mit dem runden Leder in Zusammenhang. Der Normalbürger stellt wohl eher eine Verbindung zum alten Kaufmannsgeschlecht der Fugger und zur Augsburger Puppenkiste her – die zweitälteste Stadt Deutschlands ist abseits der regionalen Bedeutung fußballerisch gesehen ein weißer Fleck. Doch so wie Urmel einst aus dem Eis kam und für viel Gesprächsstoff sorgte, gerät jetzt der Zweitligist FC Augsburg zunehmend in den Fokus der deutschen Fußballlandschaft.

Das Rosenaustadion war fast 60 Jahre die Heimat des FCA /Foto: www.zaunsturm1905.de
Der Verein wurde 1907 gegründet und musste sich fortan zumeist mit dem Mittelmaß anfreunden, dass man mit sieben Titeln Rekordmeister der Bayernliga ist, gibt einen deutlichen Fingerzeig. 1974 klopfte man allerdings schon einmal ganz oben an, scheiterte aber als Neuling und späterer Meister der Regionalliga Süd in der Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga als Gruppenzweiter nur knapp an Tennis Borussia Berlin. Es folgte ein über fünf Jahre andauerndes erstes Kapitel in der 2. Bundesliga und nach dem Abstieg 1979, zwei direkte Wiederauf- und Abstiege. Der im Jahr 1983 ist bis heute sportlich der letzte für die Schwaben. Allerdings bekam man in der Saison 1999/2000 aufgrund eines geplatzten Investorenvertrages vom DFB keine Lizenz für die neugegründete, zweigleisige Regionalliga und rutschte zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Viertklassigkeit.
Mit der Jahrtausendwende auf zu neuen Ufern
Doch die Rot-Grün-Weißen fanden auf dem Platz rasch die Antwort auf diesen Schock. Getreu dem Motto ihres Vereinsliedes: “Wir waren oben, waren unten. Haben manche Chance schon versiebt, haben uns gequält und uns geschunden – gehofft, dass uns der Fußballgott vergibt”, schien der FCA nun einen guten Draht zu eben diesem Fußballgott gefunden zu haben. 2002 kehrte man in die Regionalliga Süd zurück und 2006 erfolgte nach 23 Jahren Amateurfußball mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga der Sprung in den Profifußball – der vorerst letzte Schritt nach oben.
Zusammen mit dem sportlichen Aufschwung, entwickelte sich der Verein auch in anderen Bereichen und versuchte so, die Grundlage für eine gesicherte Zukunft zu erschaffen. Auf der einen Seite fand man neue, verlässliche Geldgeber, die eine finanziell gesunde Basis schafften und wirtschaftliches Handeln garantierten. Auf der anderen Seite lagerte man die Profiabteilung in eine GmbH und Co. KG aA aus und wurde Teilhaber an der neu gegründeten FCA Merchandising GmbH. Weiterhin steckte man Geld in ein reines Fußballstadion: Die impuls arena, die in Zusammenarbeit mit der Stadt entstand, am 26. Juli 2009 eröffnet wurde und zunächst einmal 30.660 Besuchern angenehmen Komfort bietet. Auch wenn die Schwaben am liebsten jeden Euro zweimal umdrehen würden und sich lange nicht mit der etablierten Konkurrenz in Sachen Finanzquellen messen lassen können, man hat gut gearbeitet und scheint langfristig gesehen auf einem viel versprechenden Wege zu sein. Die Macher, zu denen in erster Linie wohl der Vorstandsvorsitzende Walther Seinsch, der Aufsichtsratsvorsitzende Peter Bircks, der Finanzvorstand Jakob Geyer sowie der umtriebige Geschäftsführer Andreas Rettig gehören, haben viele Dinge auf den Weg gebracht, die jetzt konsequent fortgeführt werden müssen.
Manager und Geschäftsführer Rettig hatte in den zurückliegenden Jahren wohl die meisten Baustellen zu beackern. Als Hauptverantwortlicher für das aktuelle Tagesgeschäfts standen etliche wegweisende Entscheidungen an. Nachdem sich Rettig nach dreieinhalb Jahren beim 1. FC Köln Ende 2005 selbst eine Auszeit verordnet hatte, leistete FCA-Präsident Seinsch, früherer Mitinhaber und -gründer von Takko und kik, Überzeugungsarbeit und holte ihn ins Schwabenland. Rettig, der sich nach eigener Aussage als “Pionier” sieht, konnte sich rasch für die neue Aufgabe begeistern, trat zum 1. Juli 2000 die neue Stelle an und ist nun mit vollem Elan dabei.

Manager Andreas Rettig leistet “Pionierarbeit” bei den Schwaben /Foto: www.zaunsturm1905.de
Infolge einiger unglücklicher Entscheidungen war sein Standing bei der Fangemeinde nicht immer unumstritten. So stieß beispielsweise die Regelung der Nachfolge des im September 2007 gefeuerten und immens beliebten Aufstiegstrainers Rainer Hörgl durch zunächst Ralf Loose und dann Holger Fach ebenso wenig auf Gegenliebe, wie die zurückhaltende Transferpolitik. Bei Letzterem blieb ihm allerdings auch nur wenig Spielraum, da man die finanzielle Situation der Augsburger zu Grunde legen muss – angesichts dieser Tatsache, sollte man hier mit Kritik zurückhaltend sein. Der Manager setzte bei seinen Neuverpflichtungen zunächst fast ausschließlich auf ablösefreie und woanders auf das Abstellgleis geratene Akteure, die allerdings auch einige gehörige Portion Erfahrung im Zweitligageschäft vorzuweisen hatten. In groben Zügen hat diese Strategie bis zum jetzigen Zeitpunkt Bestand, nur das die letzten Zugänge in ihrem Leistungsvermögen deutlich stärker und eben mehr als pure Alternativen sind – alle Transfers des FC Augsburg im Überblick. Peu à peu wurde der Kader qualitativ besser und der Konkurrenzkampf belebt. Und damit kommen wir zur gegenwärtigen Situation, die äußerst viel versprechend ist …
Ein Holländer, gute Einkäufe und ein Goalgetter in Allzeithoch
Ein überaus glückliches Händchen scheint Rettig nun bei der Wahl des aktuellen Coaches gehabt zu haben. Nach zehn sieglosen Spielen am Stück und dem am Horizont aufziehenden Abstiegsgespenst, waren die Tage des wenig gelittenen Fachs im April 2008 gezählt. Jos Luhukay, mit dem man sich bereits als Nachfolger für Fach zur neuen Saison geeinigt hatte, trat den Job nun vorzeitig an und wurde vom Umfeld mit weit geöffneten Armen empfangen. Der Niederländer feierte ein gelungenes Debüt auf der Bank der Schwaben am 17. April 2009. Vor heimischer Kulisse gelang ein klarer 3:0-Erfolg gegen den VfL Osnabrück. Ein Mann drückte mit allen drei Treffern diesem Spiel seinen Stempel auf, der auch in der jetzigen Spielzeit Woche für Woche für Furore sorgt und untrennbar mit dem Höhenflug des FCA im Zusammenhang steht: Michael Thurk.

Jos Luhukay: hat den Aufstieg im Visier /Foto: Andreas Reimer
Im Nachhinein erwies sich der vorzeitige Amtsantritt als Vorteil. In die Planungen für die neue Saison wäre der Holländer zwar sowieso involviert gewesen, aber beim täglichen Umgang mit dem vorhandenen Personal, konnte er aus nächster Nähe Stärken und Schwächen der einzelnen Profis ausloten und sich ein Bild von der Leistungsstärke machen. Die Mannschaft wurde erneut für relativ kleines Geld gezielt verstärkt (u. a. mit den gestandenen Marcel Ndjeng, Simon Jentzsch, Daniel Brinkmann, Axel Bellinghausen, Dominik Reinhardt Stefan Buck, Goran Sukalo und dem jungen Ibrahima Traore) und gewann durch diese Transfers deutlich an Stärke und Struktur.
Doch der Start verlief recht holprig. Man kassierte in den ersten 11 Saisonspielen zwar nur zwei Niederlagen – 1:3 am 1. Spieltag in Cottbus und 0:1 am 11. Spieltag daheim gegen Aachen -, konnte aber auch nur zwei Partien gewinnen. Die Initialzündung erfolgte dann in der 12. Runde, als das Team beim Gastspiel in Fürth förmlich explodierte und nach dramatischen Verlauf mit 5:4 die Oberhand behielt. Seitdem hat man nur beim ungeliebten bayerischen Rivalen 1860 München eine Niederlage kassiert, auf der anderen Seite stehen acht weitere Siege und zwei Unentschieden – eine eindrucksvolle Serie, die den FC Augsburg bis auf den dritten Platz vorgespült hat und nun vom Aufstieg in die Beletage des deutschen Fußballs träumen lässt.
Nicht ganz zufrieden mit dem Verlauf der Hinrunde und durchaus mit dem Bewusstsein im Hinterkopf, dass man eventuell ernsthaft in den Aufstiegskampf eingreifen kann, wurde das Personalkarussell in der Winter-Transferperiode noch einmal angeschmissen. Youssef El Akchaoui kam von NEC Nijmegen ebenso auf Leihbasis wie Nando Rafael von Arhus GF, dazu kehrte Daniel Bayer vom VfL Wolfsburg zurück an den Lech. Vor allem das Leihgeschäft mit Nando scheint sich auszuzahlen. Der Stürmer, mit dem Luhukay eine gemeinsame Vergangenheit bei Borussia Mönchengladbach hatte, ließ in seinen ersten Einsätzen aufhorchen und erwies sich als treffsicher. Auch am letzten Samstag sicherte er mit seinem Tor den 1:0-Auswärtssieg bei Hansa Rostock. Aber auch der Marokkaner Akchaoui hat auf Anhieb den Sprung in die Stammformation geschafft. Wie groß mittlerweile die Konkurrenz in Augsburg ist, unterstreicht die Tatsache, dass beispielsweise für Buck, Brinkmann oder Bellinghausen momentan kein Platz in der Anfangsformation ist.
Die Tabellensituation
| Pl. | Verein | Spiele | Tore | Punkte |
| 1. | 1. FC Kaiserslautern | 22 | 34:17 | 47 |
| 2. | FC St. Pauli | 22 | 48:21 | 46 |
| 3. | FC Augsburg | 23 | 47:28 | 44 |
| 4. | Fortuna Düsseldorf | 23 | 36:22 | 40 |
| 5. | Arminia Bielefeld | 23 | 35:23 | 40 |
| 6. | MSV Duisburg | 23 | 38:31 | 38 |
Der komplette Spielplan: Ansetzungen, Ergebnisse und Tabelle
Die Mannschaft macht gegenwärtig einen gefestigten Eindruck, mit breiter Brust und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen werden die Aufgaben abgearbeitet. Man steht kompakt im von Kapitän Uwe Möhrle organisierten Abwehrverbund und hat im Angriff mit Michael Thurk einen Knipser, wie es in der gesamten Liga in diesem Jahr keinen weiteren gibt. Der 33-jährige Stürmer, der für kolportierte 250.000 € im Januar 2008 von der Frankfurter Eintracht zum FCA kam, befindet sich auf einem absoluten Höhenflug: 20 Treffer markierte Thurk in 21 Ligaspielen. Insgesamt haben die Schwaben mit 47 Treffern den zweitbesten Angriff der gesamten zweiten Liga, nur St. Pauli (48) ist in dieser Kategorie besser.

Trifft nach Belieben – Oldie Michael Thurk /Foto: www.zaunsturm1905.de
Im deutschen Unterhaus geht es beim Kampf um den Aufstieg recht eng zu, gleich sechs Mannschaften besitzen realistische Chancen. Der FCA belegt momentan mit 44 Punkten den dritten Rang, also den Relegationsplatz, und hat ein kleines Polster von vier Zählern vor Fortuna Düsseldorf und Arminia Bielefeld auf den Plätzen vier und fünf. Ob man diesen Vorsprung bis zum letzten Spieltag am 9. Mai allerdings verteidigen kann oder gar dem 1. FC Kaiserslautern oder dem FC St. Pauli den direkten Aufstieg vermasselt, lässt sich bei der Ausgeglichenheit der Liga nur schwer vorhersagen. Und das Restprogramm hat es durchaus in sich. Vor allem auf fremden Platz warten richtige Gradmesser. Man muss noch im Karlsruher Wildpark, auf dem Aachener Tivoli, am Hamburger Millerntor und zum Abschluss auf dem Betzenberg in Kaiserslautern antreten – viel schwieriger geht es kaum.
Doch Luhukay weiß wie man nach oben klettert: Vor zwei Jahren führte er Borussia Mönchengladbach als Zweitligameister ins Oberhaus und machte damit die Fußballanhänger am Niederrhein glücklich. Gelingt ihm Gleiches nach dieser Spielzeit in Schwaben? Das Potenzial haben die Datschiburger, aber ob die derzeitige Form Bestand hat und inwieweit sich der steigende Druck auf die Mannschaft auswirkt, weiß wohl niemand. Wie schnell aus Träumen Schäume werden, weiß man beispielsweise in Fürth, wo man gleich einige Male auf der Zielgeraden stehen blieb. Aber dem müssen die Augsburger ja nicht unbedingt nacheifern …
Abseits vom Ligaalltag sorgt der FC Augsburg obendrein im DFB-Pokal ordentlich für Furore und somit für stattliche Zusatzeinnahmen, die dem Verein gut zu Gesicht stehen. Nach einem Auswärtserfolg beim FC Ingolstadt, schaltete man nacheinander vor heimischer Kulisse den SC Freiburg, den MSV Duisburg und zuletzt den 1. FC Köln aus und marschierte so ins Halbfinale. Letzte Hürde auf dem Weg zum Pokalendspiel in Berlin, was dieser Saison die Krone aufsetzen würde, ist nun allerdings auswärts Werder Bremen. Eine weite Reise von Lech bis an die Weser, auf der die Schwaben aber Geschichte schreiben und als Außenseiter unbedarft aufspielen können.
Teile uns deine Meinung zu diesem Artikel über das Kontaktformular mit.
Weitere Artikel
« [2. Bundesliga 2009/10] Duisburg gewinnt auf der Alm | [2. Bundesliga 2009/10] FCK siegt souverän im Spitzenspiel »

Top Beitrag !!!
Ja der weisse Fleck wird langsam aber sicher rot grün weiss !
Hee ja hee ja FCA !!!!
— Heinzl1907 Feb 21, 23:52 #
Toller Artikel! Danke für die Mühe…
Ein FCA-Fan
— Walter Mühlberger Feb 22, 10:58 #
Besser hätte man den FCA nicht beschreiben können!
— viva augusta Feb 23, 21:21 #
Danke für diesen sehr positiven sowie ausgezeichnet recherchierten Artikel, von dem sich einige sogenannte Journalisten aus der Fuggerstadt ne dicke Scheibe abschneiden können.
— Pepe Feb 27, 20:25 #