Broke - Die Premier League vor dem Umbruch? Teil 6: Aktuelle Situation und mögliche Folgen für die Zukunft
8. März 2010, 20:25 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Int-Fussball.
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Die Lage der Premier League ist ernst. 3,85 Milliarden Euro Schulden wurden im Oktober 2008 vermeldet, mittlerweile dürfte der Berg auf mehr als vier Milliarden angewachsen sein. Insolvenz musste bisher noch kein Verein anmelden, doch mehrere Clubs waren bzw. sind bedroht. Die weltweite Finanzkrise hat sichtbar gemacht, auf welch wackligem wirtschaftlichen Fundament der englische Fußball in den letzten Jahren gebaut wurde. Dieses Erdbeben könnte nun dafür sorgen, dass die schillerndste europäische Liga des vergangenen Jahrzehnts ein paar Stockwerke verliert und nicht mehr ganz so weit in den Himmel ragt.
Auch West Ham United ist gefährdet
Die Folgen, die sich aus der finanziellen Lage ergeben könnten, sind vielfältig, aber allesamt bedrohlich. Noch ist nicht sicher, dass nach Portsmouth nicht doch noch kurzfristig ein weiterer Verein von der Wirtschaftskrise in die Knie gezwungen wird. Seit die isländische Landesbanki infolge der Krise in staatlichen Besitz überging, befindet sich Bjorgolfur Gudmundsson, Investor bei West Ham United, in akuten finanziellen Nöten. Der Verein aus London rechnet zwar nicht damit, dass der Isländer sein Geld aus dem Verein zieht, sieht sich aber dennoch vorsorglich nach einem neuen Sponsor um. Was es für Wellen schlagen würde, wenn noch weitere Klubs in absehbarer Zukunft ihrer Abhängigkeit erliegen, kann kaum vorausgesagt werden.
Der Begriff Investor scheint sich auf der Insel fast zu verbieten, denn das Wort „investieren“ impliziert, dass von dem hereingesteckten Geld am Ende auch wieder etwas herauskommt. Aus England ist noch kein Fall bekannt geworden, in dem dies so funktionierte, wie man es sich vorstellt. Die Vereine dort scheinen mehr Verbrennungsmaschine für das Geld der Reichen geworden zu sein. Solange dies die Investoren selbst nicht stört, ist das kein Problem. Doch verlieren sie die Lust an ihrem Spielzeug, wird es schwierig, die verkaufte Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass sich schnell der nächste Interessierte mit dickem Portemonnaie findet. Bisher hat das fast immer geklappt, der FC Portsmouth droht endgültig das erste Gegenbeispiel zu werden. Auch potenzielle Investoren haben natürlich in der Vergangenheit die Schlagzeilen über Schuldenberge sowie die finanzielle Lage von Liga und Vereinen gelesen. In Zukunft könnte das sicherlich eher abschreckend denn wie ein Magnet wirken. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass das Engagement bei einem englischen Fußballklub für die Geldgeber selbst selten bis niemals ein lukratives Geschäft ist. So kann es passieren, dass es demnächst schwierig wird, den Retter in der Not noch rechtzeitig zu finden und Fälle wie eben beispielsweise der FC Portsmouth müssten auf ihr Happy End verzichten.
Wird die Premier League für Investoren unattraktiv?
Auch die Sparkurse, die sich aus den Finanznöten der Vereine ergeben, werden Folgen haben. Ticketpreise könnten weiter steigen, wie im Falle des Old Trafford in Manchester beispielsweise schon geschehen. Der Verlust von Stars droht, Spielerverkäufe wie der von Cristiano Ronaldo im Sommer von Manchester nach Madrid werden sich häufen. Die Ablösesummen können oftmals nicht mehr in die Mannschaft reinvestiert werden, sondern fließen direkt in den Schuldenabbau. So wird nach und nach stetig Geld aus der Liga gezogen. Anders als bei der Weltwirtschaftskrise platzt die Blase allerdings nicht mit einem Knall, sondern ihr wird langsam aber kontinuierlich die Luft abgelassen und mittel- bis langfristig schrumpft die in den letzten Jahren aufgeblähte Premier League wieder auf eine gesunde Größe herab – im Idealfall.
Das ganze Dilemma könnte auch die Hierarchie in der Liga durcheinander rütteln. Wenn Manchester United und der FC Liverpool sich in der nächsten Zeit hauptsächlich mit Schuldenabbau beschäftigen müssen und ihr erwirtschaftetes Geld nicht ins Team stecken können, drohen sie auf Sicht aus den Big Four herauszufallen und entweder durch solide und unabhängig wirtschaftende Vereine oder durch Klubs mit Investor ohne Finanzprobleme abgelöst zu werden. Nutznießer könnte beispielsweise der FC Arsenal sein, der zwar noch durch das Emirates Stadium belastet, insgesamt aber wirtschaftlich gesund ist. Auch Manchester City, deren arabische Besitzer finanzielle Sorgen derzeit nur vom Hörensagen kennen, hat möglicherweise eine rosige Zukunft vor sich. Inwieweit der FC Chelsea profitieren könnte, ist unklar, da die Finanzsituation der Blues momentan als eher rätselhaft bezeichnet werden muss. Meldungen über Schuldenfreiheit sind nicht frei von allen Zweifeln, und selbst wenn sie stimmen, ist unklar, ob die Südwestlondoner fortan eigenständig wirtschaften können.
Die Bundesliga als Profiteur?
Es gibt Romantiker, die davon träumen, dass insbesondere auch die Bundesliga ein großer Profiteur der Finanzmisere des englischen Fußballs werden könnte. Gehälter könnten auf deutsches Niveau sinken und somit kein Argument für einen Wechsel nach England mehr sein. Stars, die verkauft werden müssen, werden möglicherweise in die plötzlich reizend solide wirkende Bundesliga kommen. Ausschließen kann man diese Dinge momentan natürlich nicht, jedoch sind entschieden zu viele spekulative Ansätze in solchen Träumereien enthalten. Der englische Fußball ist noch nicht vollständig kollabiert und die Vereine arbeiten mit Hochdruck daran, den Schaden zu begrenzen. Denn mittlerweile hat selbst die UEFA ein Auge auf die größten Sünder geworfen und droht mit dem Ausschluss aus internationalen Wettbewerben, sollten die entsprechenden Klubs nicht etwas an ihrer Lage ändern. Diese Drohung sprach UEFA-Generalsekretär David Taylor bereits im September 2008 aus. Kurz zuvor hatte FA-Verbandschef David Triesmann, der sich ganz nebenbei auch noch um die 500 Millionen Euro Schulden seines eigenen Verbandes (hauptsächlich durch den Bau des neuen Wembley-Stadions) zu kümmern hat, den Schuldenstand der Premier League-Teams auf 3,85 Milliarden Dollar beziffert.
Die UEFA erhebt den Zeigefinger
Die UEFA wollte daraufhin einen Arbeitskreis einberufen, der für eine bessere Kontrolle sorgen und wenn nötig eingreifen sollte. Die Arbeit scheint jedoch derzeit auf Eis zu liegen, es ist jedenfalls nichts zu hören von irgendwelchen Maßnahmen der UEFA, obwohl sich die Situation der Liga in 2009 nicht verbessert hat. Es scheint fast, als gäbe es momentan aufgrund der Finanzkrise eine Schonfrist. Doch diese dürfte demnächst abgelaufen sein. Wie der europäische Verband dann reagiert, ob er seine Drohung wahr macht und beispielsweise ein einheitliches Lizensierungsverfahren für alle europäischen Vereine einführt, bleibt abzuwarten. Die Lage der englischen Liga ist jedenfalls ernst und bedrohlich, nicht aussichtslos. Kammerflimmern beim englischen Patienten, aber noch keine Nulllinie.
Broke-Serie Teil 1: FC Portsmouth
Broke-Serie Teil 2: Manchester United
Broke-Serie Teil 3: FC Liverpool
Broke-Serie Teil 4: FC Chelsea
Broke-Serie Teil 5: FC Arsenal
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