Olympia 2010: Spiele der Maßlosigkeit?
3. März 2010, 13:10 geschrieben von Roxeus.

Vancouver 2010
Das waren sie, die 21. olympischen Winterspiele in Vancouver. Sportlich ein Erfolg für den DOSB. Stimmungstechnisch waren sie nach einhelliger Meinung auch fantastisch. Aber organisatorisch? IOC-Präsident Rogge lobte die Spiele über den Klee – wie gewohnt. Organisatorisch wurden aber einige Schwachstellen aufgedeckt. Olympia wird seit jeher mit dem Slogan höher, schneller, weiter verbunden. Höher, schneller und weiter – aber ohne Maß. Das wird vielen Menschen im Gedächtnis bleiben, wenn sie sich an Vancouver 2010 erinnern. Das MAG zieht Bilanz.
Kumaritaschwili – das tragische Gesicht der Spiele
Der traurige Höhepunkt fand bereits wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier statt, als der georgische Rennrodler Nodar Kumaritaschwili beim Training verunglückte. 144 km/h kamen bei der Top-Speed-Messung vor dem Ziel heraus, kurz bevor Kumaritaschwili stürzte. Auf dem Weg ins Krankenhaus erlag der erst 21-Jährige an seinen Verletzungen. Und die ganze Welt fragte sich: Warum? Musste das sein?
Rodeln, Bobfahren und Skeleton zählen nicht zu den zuschauerfreundlichsten Sportarten. Die Welt- und Europameisterschaften sind von den Wettbewerben außerhalb des Eiskanals losgelöst. Einem breiteren Publikum wird der Sport also in der Regel nur einmal in vier Jahren präsentiert. Dann setzt man natürlich auf das Spektakel. Doch bitte nicht auf Kosten der Sicherheit. Der Leser möge in sich gehen und sich fragen, ob er den Unterschied zwischen einem 140 km/h schnellen Bob und einem Schlitten mit 150 km/h erkennen würde, ohne die entsprechende Geschwindigkeitsanzeige. Diese Rekordjagd ist Olympias nicht würdig.
Olympia ist längst keine Amateurveranstaltung mehr. Zweifellos treten die besten Schlitten-Akrobaten gegeneinander an. Dass die Bobfahrer die Kurve 13 dennoch liebevoll 50:50 getauft haben – in Anlehnung an die Chance sie unbeschadet zu überstehen – zeigt das ganze Dilemma auf. Wie gesagt, wir reden hier von der absoluten Weltspitze. Die vielen Stürze kamen auch keineswegs überraschend. Seit den ersten Testfahrten wurde die Bahn kritisiert. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der tragische Tod Nodar Kumaritaschwilis hätte verhindert werden können.
Sie quälte sich zur Medaille
Abseits der Bob- und Rodelbahn hatten die Olympioniken aber auch so ihre Schwierigkeiten. Die Eisschnellläufer/innen empfanden das Eis als uneben, wellig. In der Damen-Abfahrt wurde über einen unangemessen anspruchsvollen Zielsprung selektiert. Sogar Olympiasiegerin Anja Pärson stürzte schwer – und holte einen Tag danach eine Bronzemedaille. Getoppt wurde das noch von der slowenischen Langläuferin Petra Majdic. Sie brach sich beim Warmmachen vier Rippen und zog sich einen Lungenfellriss zu. Dennoch quälte sie sich wenige Stunden später unter Schmerzen noch zur Bronze-Medaille im Sprint. Eine Heldin der Spiele? Wahnsinnige Energieleistung werden die Einen sagen. Aber auch irgendwie geschmacklos, dass wenige Tage nach dem Unfalltod ihres Kollegen eine schwerverletzte Athletin ihre Gesundheit riskiert. Höher, schneller, weiter und gefährlicher.
Das Wetter spielte nicht mit
Und allen setzten die Witterungsverhältnisse zu. Die Freiluft-Veranstaltungen sind ja stets stark vom Wetter abhängig. Den Glücksfaktor kann man nicht komplett ausschließen. Dass z.B. beim Sprintwettbewerb der Biathlon-Herren nur die ersten zehn bis zwölf Starter überhaupt Chancen auf den Sieg hatten, weil die Strecke in der Folge abgestumpft ist, kommt auch im Weltcup vor. Auf der anderen Seite ist da der zweite Einzelwettkampf der Kombinierer, der sich zur Farce entwickelte. Das Springen war eine einzige Lotterie. Drei Tage vor dem Schlusstag wäre noch genug Raum gewesen den Wettbewerb zu verschieben. Weitere Wettkämpfe auf der Sprungschanze waren auch nicht angesetzt. War es richtig, dass den Weltcup-Führenden die schlechtesten Verhältnisse geliefert wurden? Das Wetter können die Organisatoren natürlich nicht beinflussen. Offenbar erlebte Vancouver den wärmsten Februar seit 114 Jahren. Aber im Hau-Ruck-Verfahren einen Wettkampf über die Bühne zu bringen? Das entspricht auch nicht dem, was Zuschauer und Aktive sich von Olympia versprechen.
Sportlich also top, organisatorisch flop? Ganz so ernst war es sicher nicht. Trotz des warmen Wetters waren die Wettkampfstätten vorbereitet, wenn sie gebraucht wurden – auch wenn nicht immer top präpariert. Ob es glücklich war die Austragung der Winterspiele 2014 nach Sotschi, ans schwarze Meer, zu vergeben? Den russischen Machern ist viel Glück beim Wetter zu wünschen – und vor allem ein Umdenken hinsichtlich der spektakulären Rekordjagd nach Höhe, Geschwindigkeit und Weite.
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