Hautnah: Ein Bremer auf Abwegen
22. März 2010, 09:57 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
| Eintracht Frankfurt | 2:1 (0:1) | FC Bayern München |
Tore: 0:1 Klose (6.), 1:1 Tsoumou (87.), 2:1 Fenin (89.)
Ich konnte mein Glück garnicht fassen. Endlich, nach vielleicht 15 Jahren, hatte ich mal wieder Karten für ein Bayern-Spiel. Ich hatte es in den vergangenen Jahren ein paar Mal locker versucht, für dieses Jahr war ich sogar in zwei Ticketshops im Frankfurter Raum vorstellig geworden, nur, um vom Ticketdealer meines Vertrauens zu hören: “Karten? Für die Bayern? Ha! Versuch’s direkt im Eintracht-Shop oder auf dem Schwarzmarkt.”. Also ist’s wohl wieder Essig mit einem Blick auf das Starensemble von der Isar. … Aber Moment … Haben Dauerkarteninhaber nicht ein Vorkaufsrecht? Ich kenn’ doch da nen Dauerkarteninhaber …
An dieser Stelle nochmal meinen herzlichsten Dank an die Kollegen des EFC Kurstadt Adler Wiesbaden!
Sooo, wie bereitet man sich denn als hessischer Werder-Fan auf dieses Event vor? Werder-Schal? Ailton-Trikot? Ostkurven-Kutte? Hmmm, ich kann zwar nur schwer widerstehen, entscheide mich aber dann doch für den Eintracht-Schal. Ich will es schließlich auch mal genießen, dass endlich mal nicht 45.000 Leute mir am liebsten die Kutte vom Leib reißen und verbrennen würden. Außerdem hab’ ich Reezer von den Kurstadt Adlern versprochen, dass ich meinen Schal mitnehm’ und dieser der SGE den Sieg bringen wird …
Vorbereitung auf ein großes Spiel
Ich war ja in den letzten Jahren das ein oder andere Mal im Waldstadion. Sei es gegen den FC Gelsenkirchen, meinen SV Werder, den HSV, die TSG Hoffenheim oder in 14 Tagen gegen Bayer Leverkusen, die Stimmung ist eine andere, wenn der große FC Bayern kommt. Vor einem Vierteljahr haben die noch Juventus Turin aus der Champions League geballert, jetzt wartet schon Manchester United und zwischendrin schauen sie mal bei der Frankfurter Eintracht vorbei. Jaaa, wir Hessen, wir stehen schon in einer Reihe mit den ganz Großen! Unsere Arena ist natürlich pickepackevoll. Die Gästefans sind die ersten, die in ihrem Block zusammengepfercht sind, nach und nach füllt sich aber auch der Stehplatzbereich der Adlerträger. Apropos Adler. Ich halte traditionell Ausschau nach Attila, werde aber nicht fündig. Zum Glück, denn kurz darauf hätte er sich sicher vor Schreck losgerissen. Mit einer bisher nicht gehörten Intensität schallt der alte Klassiker “Eintracht vom Main” aus über 40.000 Kehlen. Absolute Gänsehautstimmung, es ist angerichtet, es kann losgehen.
Warum – ja warum eigentlich muss dieser Klose nach gerade einmal fünf Minuten die Führung für die Bayern markieren? Für das Spiel ist dieser Treffer natürlich das Worst-Case-Szenario. Die Bayern müssen nichts mehr für das Spiel tun und können Kontern, die Eintracht muss den Rekordmeister unter Druck setzen. Umgekehrte Vorzeichen hätten eine für den Zuschauer sicherlich interessantere Partie ergeben. Der Stimmung im weiten Rund tut das aber keinen Abbruch. Kurz geschockt, aber dann von den kurz aufkeimenden Gesängen der Bajuwaren angestachelt peitschen die Eintracht-Fans ihre Elf gegen die sich aufbauende weiße Wand. Und die Eintracht macht das für ihre Verhältnisse recht gut! Zwei, drei Mal kommen sie in der ersten Hälfte noch in aussichtsreiche Positionen, vor den Bayern auf der anderen Seite kommt nach vorne wenig. Natürlich, man sieht in einzelnen Aktionen immer wieder die unglaubliche individuelle Klasse eines Philipp Lahm, eines Bastian Schweinsteigers aufblitzen, man sieht, wie abartig schnell Arjen Robben eigentlich ist. Alles in allem verlassen sich die Bayern aber zu sehr auf das frühe 1:0.
Die Eintracht beginnt sich zu wehren
Unverändert geht’s in den zweiten Durchgang – sowohl personell als auch im Spiel. Aber die Eintracht entwickelt zu wenig Durchschlagskraft um Hansjörg Butt ernsthaft in Gefahr zu bringen. Zwischendrin hat van Gaal Tymoshchuk für Pranjic gebracht. Der Kroate wirkte, als gehöre er nicht in diese Mannschaft. Seine Aufgabe, über die linke Seite für Gefahr zu sorgen, hatte er in den 65 Minuten seines Wirkens nicht ein einziges Mal erfüllt. Für ihn kommt also der Ukrainer, der die Erwartungen an einen 10-Millionen-Einkauf bisher nicht erfüllte. Und plötzlich steht der völlig frei vor dem Eintracht-Tor! OKA!! Eine Riesen-Rettungstat des “ewigen Oka” hält die Eintracht im Spiel. Und sie weckt sowohl die Mitte der zweiten Halbzeit etwas ruhiger gewordenen Fans, als auch die kräftemäßig nachlassende Skibbe-Elf. Plötzlich ist Leben in der Bude. Jeder Eintracht-Pass mit fünf Metern Raumgewinn wird gefeiert, jeder kleine Rempler der Bayern mit einem Sturm der Entrüstung quittiert. Gelb ist da selten genug! Immer noch ist die Eintracht in der Hälfte der Bayern nicht gefährlich genug – und die Zeit verrinnt. Sollten sich diese Dusel-Bayern wirklich mit einem erschummelten 1:0 an der Tabellenspitze festmogeln? Nein, das darf nicht sein, nicht, wo die Eintracht die Roten doch 80 Minuten lang förmlich an die Wand gespielt hat!
Gerechtigkeit! Das Spiel kippt!
Vermutlich hat’s keiner im Stadion richtig gesehen, denn die Szene war eigentlich schon abgehakt. Alaba kontrolliert den Ball im eigenen Strafraum, ist nur leicht in Bedrängnis, muss den Ball nur aus dem Strafraum hauen. Inclusive Nachspielzeit sind’s vielleicht noch fünf Minuten. Aber irgendjemand scheint dem jungen Österreicher geflüstert zu haben, dass Butt den Ball viel besser weghauen kann. Damit hat keiner gerechnet, nicht mal Hansjörg Butt selbst. Der kurz vorher eingewechselte Juvhel Tsoumou springt auf Butt zu und blockt dessen Versuch den Ball wegzuschlagen ins Tor. AUSGLEICH! Nicht zu fassen! Es gibt ihn, den vielzitierten Fußballgott! Er bestraft den FC Bayern für 80 Minuten passiven Verwaltungsfußball und belohnt die Eintracht dafür, dass sie unermüdlich den Weg nach vorne gesucht hat! Rund um mich herum ohrenbetäubender Jubel, alles steht auf seinen Sitzen, das ganze Stadion flippt aus! Das ganze Stadion? Nein, direkt vor mir sitzt eine kleine Enklave aus drei rotgewandeten Häuflein Elend. Der eine hatte vor rund eineinhalb Stunden noch irgendwas von “… Zeigen wo der Hammer hängt …” gefaselt. Jetzt schweigt er. Richtig so! Traumtor!!! Und jetzt nix wie hinten rein, diesen Punkt irgendwie noch drei, vier Minuten über die Zeit bringen. Doch die Bayern scheinen sich gar nicht zu trauen, hier noch auf das 2:1 zu spielen. Würde denen ja auch früh einfallen. Im Gegenteil, was macht denn dieser Fenin da auf außen? Der hatte den Ball von Altintop bekommen, tanzt Alaba aus und zieht aus spitzem Winkel ab. Sowas hab’ ich noch nie gesehen. Ich sitze direkt hinter dem Schützen, sehe den Ball Hansjörg Butt passieren und sich in Zeitlupe auf’s lange Eck zubewegen. Das wird eng … der geht an den Pfosten. Ich sehe ihn sich am Aluminium verformen und er scheint kurz zu überlegen: “Spring’ ich rein oder spring’ ich wieder raus?” …
Er springt rein. Extase, Tollhaus, tumultartige Zustände! Was mache ich da eigentlich? Werder hat sich zu einem 3:2 daheim gegen Bochum gewürgt und ich stehe vollgepumpt mit Adrenalin auf meinem Plastikschalensitz und schreie mit geballten Fäusten einen Haufen Schwarz-Roter Fußballer an. Und das ganze Stadion schreit mit, als hätte Olli Neuville gerade in der 90. Minute das 1:0 gegen Polen gemacht. Das ganze Stadion? Nein, direkt vor mir sitzt eine kleine Enklave …
So long!
Euer Tschaikowskij
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