Der Höhenflug der Adler, Wunder oder logische Konsequenz?
7. April 2010, 23:23 geschrieben von Mario, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Das MAG beschäftigt sich mit dem unerwarteten Höhenflug der Frankfurter Eintracht, die kurz vor ihrer besten Saison seit 1994 steht. Erleben wir das Wunder vom Main, oder ist der Erfolg der Hessen die logische Konsequenz einer Strategie?
Eintracht Frankfurt
Rückblende
Exakt ein Jahr ist es her, dass Eintracht Frankfurt irgendwo im Niemandsland der Tabelle umherdümpelte und das Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart – fast schon selbstverständlich – verloren hatte. Mit 32 Punkten auf dem Konto war der Abstand zur Grauzone folglich – eigentlich wie fast in jedem Jahr – leicht besorgniserregend. Aber, und auch das war eigentlich wie fast in jedem Jahr, den Abstieg würde man vermeiden. Denn die Verhältnisse in der Liga, da herrschte Einigkeit, sind zementiert. Manchmal dachten sich die Eintracht-Fans: wozu eigentlich das ganze Spektakel, wenn am Ende alles so kommt wie vorhergesagt. Dann doch lieber einen knüppelharten Abstiegskampf mit Happy End. Gras fressen, Gegner abgrätschen, 90 Minuten lang Gas geben, das Spiel des Kontrahenten zerstören. Zumindest dafür würde es sich lohnen in den Stadtwald zu gehen und mit seiner Eintracht mitzufiebern. Aber Mittelmaß? In Frankfurt, einer Metropole voller Leben und Tatendrang. Hier wo sie geschrieben wurden, die großen Geschichten, wo sie gefeiert wurden, die großen Siege. Jürgen Grabowski (Weltmeister 1974), Bernd Hölzenbein (Weltmeister 1974), Uwe Bein (Weltmeister 1990) und etliche weitere klangvolle Namen – sie alle zu nennen, würde den Rahmen sprengen – spielten im Dress der Rot-Schwarzen. Eintracht Frankfurt ist ein Traditionsverein mit einer langen, teilweise überaus erfolgreichen Geschichte. In Europas Stadien sind die Hessen umher gereist, haben 1980, als bis dahin zweiter deutscher Verein überhaupt, den Uefa-Cup nach Frankfurt geholt. Lange ist’s her und doch unvergessen. Wer die Geschichte dieses Vereins kennt, kann mit Mittelmaß nichts anfangen, und wer das Vergangene gar miterlebte schon gar nicht.
Die Macht der Fans
Natürlich muss man einen Verein, der gerade aus den Niederungen des Fußball gekommen ist und zudem kurz vor dem finanziellen Ruin stand, erst einmal konsolidieren, auf gesunde Füße stellen und im Oberhaus etablieren. Natürlich sind die Anhänger erst mal zufrieden, wenn es wieder gegen den FC Bayern oder Schalke 04 geht, anstatt gegen Alemannia Aachen oder Greuther Fürth spielen zu müssen. Fraglich ist, wie lange man den Fans den Graue-Maus-Nimbus zumuten kann, denn auch deren Geduld ist nicht unerschöpflich. Und so war es auch kein Zufall, dass die Fans den Umbruch einleiteten, den der Traditionsklub Eintracht Frankfurt aktuell durchlebt. Sie waren es, die keine Lust mehr auf den grässlichen Mauerfußball hatten und dies auch Woche für Woche kundtaten. Sie waren es, die den Vorstand des Klubs letztendlich zum Umdenken bewegten, der sich schließlich genötigt sah, den einst gefeierten Aufstiegshelden Friedhelm Funkel zum Rücktritt zu bewegen.
Er, Funkel, war angetreten um die Eintracht aus den Niederungen der zweiten Liga zurück ins Oberhaus zu führen. Dies war ihm eindrucksvoll gelungen. Auch den Folgeauftrag, die Hessen dort wo sie hingehören, zu etablieren, führte er trotz bescheidener finanzieller Mittel in seiner stoischer Eigenart aus. Fast schien es so, als sei ihm das lieber als alles andere, als sei das Mittelmaß der Liga das, wo er hingehört – die Eintracht sowieso. Gerade als Funkel anfing seine Rolle als Verwalter des Ist-Zustands zu zementieren und mit Sätzen alá „mit mir wird die Eintracht nie wieder absteigen“, oder „kein Trainer nach mir wird mit der Eintracht mehr erreichen als ich“, zu untermauern, wurde es im Umfeld mächtig unruhig. Schließlich musste Funkel seinen Stuhl nach fünf Jahren erfolgreicher Tätigkeit räumen.
Große Worte, große Taten!
Der neue Trainer, Michael Skibbe, steht für modernen Fußball. Bei seinem Amtsantritt verkündete er Großes vor zu haben mit der Frankfurter Eintracht. Die Fans haben ein Recht auf spektakulären Fußball, ließ er verlauten. Es muss wieder ein Highlight sein, samstags in Stadion zu gehen und die Eintracht zu sehen. Die Gegner sollen wieder Respekt haben, wenn sie in die Commerzbank-Arena kommen. Es müsse das Ziel sein, mit möglichst wenigen Ballkontakten und präzisem Passspiel gefährlich vor das gegnerische Tor zu kombinieren. Schließlich sei es auch sein Anliegen den Problem-Brasilianer Caio auf Vordermann zu bringen, ihn in die Mannschaft zu integrieren. Große Worte, denen Skibbe große Taten folgen ließ.

Selbsternannte Lokomotive des Vereins: Michael Skibbe /Foto: www.zaunsturm1905.de
Schon heute, ein paar Tage vor dem 30. Spieltag, kann man behaupten, dass der gebürtige Gelsenkirchener alle Erwartungen übertroffen hat. Eintracht Frankfurt spielt technisch versierten, erfolgreichen, manchmal sogar richtig schönen Fußball. Die Hessen stehen aktuell vor der erfolgreichsten Saison seit einer gefühlten Ewigkeit. Bei optimalem Verlauf könnte es sogar zur Qualifikation für die Europa-League reichen. Und als habe Skibbe sich das Beste bis zum Schluss aufgehoben, so spielt Caio plötzlich eine tragende Rolle im Team, ist manchmal sogar der Mann für die magischen Momente. Was hat der neue Trainer, der zwischenzeitlich immer wieder auf den Tisch des Hauses gehauen hat, alles in Frage stellte, sogar Bruchhagen, den mächtigen Vorstands-Boss, öffentlich kritisierte, bloß getan, um das Wunder vom Main auf den Weg zu bringen?
Umbau
Chris, in dem Funkel den idealen defensiven Mittelfeldspieler sah, spielt unter Skibbe da wo er am wertvollsten ist – in der Innenverteidigung. Hier kommt nicht nur seine enorme Zweikampfstärke, sondern auch sein gutes Auge für die Spieleröffnung besser zur Geltung. Sebastian Jung, der in der vergangenen Saison nur sporadisch zum Einsatz kam, erbte den rechten defensiven Part von Patrick Ochs, den Skibbe ins offensive Mittelfeld beorderte. Da Jung sowie Ochs ähnliche Spielertypen sind und über eine gute Grundschnelligkeit verfügen, ist das Spiel über Rechts zur Waffe geworden. Die meisten aller Angriffe werden über die Schokoladenseite vorgetragen. Als ideale Ergänzung zu den beiden hat sich zudem Marcel Heller in den Vordergrund gespielt, den man eigentlich abschieben wollte. Schlussendlich beorderte Skibbe Alexander Meier nach hinten, wo er auf der zweiten Sechser-Position der ideale Partner von Pirmin Schwegler zu sein scheint. Hier kommen seine enorme Laufbereitschaft, das überdurchschnittliche Kopfballspiel und die exzellente Spieleröffnung noch besser zum Tragen als im offensiven Mittelfeld. Dort kann das einstige Problemkind Caio jetzt seine ganze spielerische Klasse entfalten. Der Brasilianer verfügt über eine sensationelle Schusstechnik, ist dribbelstark und hat stets ein Auge für den freien Mann.
Psychologie
Michael Skibbe hat seinen Spielern darüber hinaus vermittelt, dass Gewinnen mehr Spaß macht als nicht Verlieren. Er hat sie davon überzeugt, dass es schöner ist Tore zu schießen, als sie zu verhindern. Er hat im Training fast ausschließlich Gestalten anstelle von Zerstören üben lassen. Siege über Top-Klubs wurden nicht als überraschende Ausnahmen abgetan, sondern als Indiz für vorhandenes Potential eingestuft. Schwächen wurden mit Vehemenz bekämpft, statt sie als Normalzustand hinzunehmen. Da Skibbes Team aus erfolgshungrigen Spielern besteht, die Ziele vor Augen haben, ist der Höhenflug der Eintracht kein Wunder, sondern die logische Konsequenz einer Strategie. Nicht mehr, aber auch kein bisschen weniger! Quelle
Der Eintracht-Thread im Forum
Zur offiziellen Website
Die Eintracht in den FF-Statistiken
Teile uns deine Meinung zu diesem Artikel über das Kontaktformular mit.
Weitere Artikel
- [1. Bundesliga 2010/11] Remis im Duell Magath vs. Daum
- Eintracht Frankfurt entlässt Trainer Skibbe, Daum kommt
- Eintracht Frankfurt im freien Fall. Interview mit Stefan Krieger von der Frankfurter Rundschau.
- [1. Bundesliga 2010/11] Die MAG-Halbzeitbilanz: Eintracht Frankfurt - Mit Gekas nach Europa?
- [1. Bundesliga 2010/11] Lustlos, mutlos, blutleer. 0:1 gegen Freiburg - Eintracht Frankfurt am Boden!
« [Champions League 2009/10] 4:1 - Messi schießt Arsenal ab | [Champions League 2009/10] Der FC Bayern kämpft sich ins Halbfinale »

Ein sehr guter Beitrag und eine (fast) optimale Analyse der Situation. Der Blick geht nach vorne. Allerdings wird die schwere Verletzungs“orgie” der vergangenen 2 Saisons kaum berücksichtigt. Spieler, die uns gut tun, wie Chris, Amanatidis, Spycher, Alex Meier, Preuß, Vasoski oder auch Fenin und Heller fielen lange und schwer verletzt aus. Wir haben im Moment auch ein paar Verletzte, doch die Mannschaft lernt irgendwann damit umzugehen. Statt Kweuke holen wir nun Altintop – das sagt alles.
— Joe Legend Apr 8, 00:40 #
Der letzte Abschnitt könnte glatt von mir stammen. Moment … der stammt von mir:
http://www.blog-g.de/wow-sehr-erfreulich-das.html#comment-291125
Ich inspiriere gerne, aber ohne Quellenangabe fast wörtlich zitiert zu werden … oh, oh.
— Isaradler Apr 8, 12:11 #
Danke für deinen Kommentar.
Du hast Recht, dass ich durch dich inspiriert wurde, denn deine Sicht der Dinge hat Gänsehaut bei mir ausgelöst, weil es die Situation der Eintracht auf den Punkt bringt. Gerne reiche ich daher eine Quelle nach, wenn gewünscht. Ehrensache!
— Mario Apr 8, 12:38 #