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[2. Bundesliga 2009/10] Hansa-Kogge droht zu kentern

17. April 2010, 17:33 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Letzter DDR-Meister, Aushängeschild des ostdeutschen Fußballs, der Stolz des Tourismuslandes Mecklenburg-Vorpommern – alles Attribute, die einst auf den FC Hansa zutrafen, doch die der Verein in den letzten Jahren mehr und mehr zu verlieren scheint. Im zweiten Jahr nacheinander kämpfen die Rostocker gegen den Abstieg in die dritte Liga und nach der heutigen Heimniederlage gegen den direkten Konkurrenten FSV Frankfurt droht der Kampf diesmal verloren zu gehen.

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FC Hansa Rostock 1:2 (1:0) FSV Frankfurt

Ein Endspiel

Zum ersten Mal in dieser Saison hatte es mich heute in das ehemalige Ostseestadion getrieben. Schließlich war es ein besonderes Spiel, soetwas wie ein Abstiegsendspiel. Bis zur 68. Minute des vergangenen Spieltags hatte man noch 5 Zähler Vorspung auf die Frankfurter. Dann verspielte man selbst eine 1:0-Führung in Karlsruhe, während die Hessen in Unterzahl doch noch gegen Oberhausen gewinnen konnten. So war man am Ende des Tages punktgleich und das direkte Duell war umso wichtiger geworden.

Eine halbe Stunde vor Spielbeginn nahm ich meinen Platz ein und beobachtete beide Mannschaften beim Aufwärmen. Mein Blick ging einmal durch das ganze Stadion und es gingen mir Erinnerungen an vergangene Partien, die ich hier schon live erlebt hatte, durch den Kopf. Damals, als man sich zehn Jahre lang durchgängig in der 1. Bundesliga halten konnte, hatte ich bei jedem Heimspiel im Block gegenüber gestanden und meinen Heimatverein angefeuert. Auch, wenn es nicht immer ein Vergnügen war, konnte ich mich doch an viele schöne Momente erinnern. Auf der Anzeigetafel lief das Tor von Slawomir Majak in Bochum am letzten Spieltag 1999. Es war das 3:2, was Hansa damals in allerletzter Sekunde doch noch den Klassenerhalt sicherte. Ein unglaublicher Tag, der in die Vereinsgeschichte eingegangen ist. 10.000 Rostocker waren damals mit ins Ruhegebiet gereist.

Der Traumstart in den Albtraum

Heute konnte ich bei den Fans eine Nervosität feststellen. Es war ungewöhnlich ruhig vor dem Anpfiff, keine Pfiffe für die auflaufenden Frankfurter, kaum jemand schrie bei der Verlesung der Aufstellungen die Namen unserer Hansaspieler. Erst das Vereinslied “Hansa forever” gab den Startschuss für die gewohnte Unterstützung des Fanblocks zu meiner Linken. Weniger nervös begann das Rostocker Team. Man übernahm relativ schnell die Kontrolle und versuchte, den Ball nach vorne zu spielen. Und es passierte das, was sich jeder, der es in diesem Spiel mit Hansa hielt, nur wünschen konnte: Es fiel ein schnelles Tor. Schon in der fünften Minute rutschte eine Flanke von Schöneberg durch zum 1:0. Na bitte, sie scheinen sich wieder mal zu retten!

Der FSV schien etwa zehn Minuten zu brauchen, um sich zu berappeln. Den Hessen hätte ein Unentschieden gereicht und sie waren vermutlich darauf ausgerichtet, das 0:0 möglichst lang zu halten, weil sie wussten, dass die Hanseaten mit defensiven Ausrichtungen ihrer Gegner traditionell Schwierigkeiten haben. Aber nach einer Viertelstunde hatten auch die Gäste erkannt, dass ihnen nun überhaupt nichts anderes übrig blieb, als selbst nach vorne zu spielen. So wurden die Herrschaften neben mir zunehmend nervöser und schimpften, oftmals ungerechtfertigt, auf den Schiedsrichter. Bei mir konnten die Frankfurter bis dato keine Angst verbreiten. Zu selten klappten ihre Kombinationen, zu eng standen die Rostocker vor dem eigenen Strafraum. Doch je länger das Spiel dauerte, desto offener wurden die Räume. Nachdem Mehic die erste Möglichkeit für Frankfurt hatte, schien sein Team Selbstvertrauen gewonnen zu haben.

Im entscheidenden Moment versagt

Zwar hat Hansa auch in dieser Saison schon einige Heimspiele verloren, doch selten hatten sie dabei die Spielkontrolle so konsequent an den jeweiligen Gast abgegeben wie in den letzten fünfzehn Minuten der ersten Hälfte. Und die Ecken, Frankfurt hat viel zu viele Ecken, ging mir durch den Kopf. Nur gut, dass Standardsituationen in der vergangenen Woche offenbar nicht auf dem Trainingsplan standen. So reichte es, den Vorsprung in die Pause zu retten und es gab trotz einer eigentlich schwachen Leistung aufmunternden Applaus von den Rängen. Puh, man liegt im Plan! Um mich herum leerten sich die Plätze und viele waren mit ihrer Bratwurst noch nicht wieder zurückgekehrt, als das Unheil seinen Lauf nahm. Gleich im ersten Versuch in der zweiten Halbzeit gelang eine Frankfurter Kombination, sodass Mölders plötzlich frei vor Walke auftauchte und das nachholte, was in den 45 Minuten zuvor verpasst wurde: Er erzielte den Ausgleich. Guten Morgen, Hansa! Es war keine Minute nach Wiederanpfiff vergangen.

Allgemeines Kopfschütteln und Fluchen im Block. Die Nervosität nahm wieder zu. Der Sitzplatz, für den man bezahlt hatte, wurde in der zweiten Halbzeit kein einziges Mal mehr in Anspruch genommen. Alles stand. Und alles sah, dass Frankfurt nun das tat, was sie vermutlich von Anfang an vorgehabt hatten: Sie verteidigten. Schon eine halbe Stunde vor Schluss fing Torhüter Klandt an, bei seinen Abstößen auf Zeit zu spielen, besaß sogar die Frechheit, in aller Ruhe seinen Durst zu stillen, bevor er den Ball wieder ins Spiel brachte. Gellende Pfiffe begleiteten fortan jeden seiner Ballkontakte. Man war aufgebracht, man fluchte und schimpfte, aber zwischendurch erinnerten sich die Fans neben mir doch immer wieder daran, dass sie eigentlich gekommen waren, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Die ganze Südtribüne schrie: “HANSA” – Antwort der Nordtribüne: “ROSTOCK”.

Den Spielern auf dem Feld schien es wenig zu helfen. Zwar hatte man wieder mehr Ballkontrolle, allein es kam herzlich wenig dabei heraus. Immer wieder landeten Flanken hinter dem Tor oder auf der anderen Seite im Aus, was jedes Mal ein kollektives Aufstöhnen nach sich zog. Trainer Kostmann wechselte Kern ein. Das hielten viele, unter anderem auch ich, für keine gute Idee. Der ehemalige Held der Hanseaten sorgt schon seit fast einem Jahr nur noch für Gespött, wenn er den Rasen betritt. Auch er konnte nicht verhindern, dass die Zeit gnadenlos runterlief. Frankfurt würde das Unentschieden reichen, dem FC Hansa nicht. Also warf man noch mal alles nach vorne. Unkontrollierte Szenen, das halbe Team reklamierte ein angebliches Handspiel eines Frankfurters im Strafraum, als dieser den Ball längst schon wieder nach vorne gespielt hatte. Plötzlich Überzahl für die Gäste, drei gegen einen. Schon 40 Meter vor dem Tor war klar, was jetzt kommen würde. Die Hessen beendeten den Konter, wie ein Profiteam ihn beenden muss und erzielten in der Nachspielzeit das 2:1. Wie schon in der letzten Woche hatte Hansa eine 1:0-Führung verspielt, wie schon in der letzten Woche wurde das Spiel unmittelbar nach dem Gegentreffer abgepfiffen.

Das Ende?

Enttäuschung, Resignation, Wut – im vielleicht entscheidenden Spiel versagt. Aufbaugegner gespielt und Frankfurt erstmals seit dem ersten Spieltag aus den Abstiegsrängen ziehen lassen. Drei Punkte Rückstand bei einem Restprogramm mit Kaiserslautern, Cottbus und Düsseldorf, während der Konkurrent noch gegen die beiden Letzten Ahlen und Koblenz spielt – die Relagation scheint kaum noch vermeidbar. Und wie die Chancen dort sind, kann hier jeder realistisch einschätzen.

Als ich auf dem Weg nach Hause den Parkplatz vor dem Stadion passiere, sehe ich mir die Kennzeichen der Autos an. Von überall aus Mecklenburg-Vorpommern kommen die Fans zu den Heimspielen des FC Hansa, teilweise sogar aus Brandenburg und Sachsen. Im Umkreis von mehr als 150 Kilometern gibt es hier keinen anderes Profiteam mehr. Kaum ein Verein hat für seine gesamte Region eine solche Bedeutung wie Hansa Rostock. Nicht auszudenken, wenn man tatsächlich den Gang in die dritte Liga antreten muss. Dann wird sich zeigen, wie vergänglich “forever” sein kann. Noch gibt es Hoffnung, aber ein Slawomir Majak spielt nicht mehr im Verein…


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