Fußball-WM 2010 in Südafrika - das Tagebuch der Nationalmannschaft: Ein entfesseltes Deutschland berauscht sich und die Welt
4. Juli 2010, 12:04 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter WM-2006, Int-Fussball.
Das MAG begleitet unsere Nationalmannschaft während der WM 2010 in Südafrika. Heute: Ein entfesseltes Deutschland berauscht sich und die Welt.
Liebes Tagebuch,
wie wohl Millionen Fußballfans in der ganzen Welt, stehe ich noch ganz im Bann des gestrigen Viertelfinals zwischen Deutschland und Argentinien. Was bitteschön war denn das für ein Galaauftritt unserer jungen Mannschaft? Schulterzucken, mit offenem Mund den Kopf schütteln und den Nachbarn bitten, mich bitte mal zu kneifen; träume ich oder wache ich? – das waren die Begleiterscheinungen während dieser aus unserer Sicht genialen 90 Minuten, die rund um den Globus für Verzückung und Lobeshymnen sorgten. Mit 4:0 wurden die aufgrund ihrer individuellen Klasse hochgewettete und favorisierte Albiceleste regelrecht demontiert und Maradonas Traum vom WM-Titel als Trainer jäh beendet. Vielmehr wurde die Partie zu einem Albtraum für Messi, Mascherano, Tévez und Co.: Anstatt einer Verbindung zum Himmel tat sich das Tor zur Hölle auf.
Aufgestoßen wurde es durch eine faszinierende Leistung einer jungen deutschen Mannschaft, die praktisch ohne Schwächen war. Taktisch diszipliniert, lauf- und zweikampfstark, voller Esprit, technisch versiert und zielstrebig, die Löw-Elf knüpfte nahtlos an das überzeugende 4:1 im Achtelfinale gegen England an und mausert sich so zum großen Turnierfavoriten. Wer hatte das vor dieser Endrunde gedacht? Wer hatte so eine Leistungsexplosion und so eine Geschlossenheit und Abgebrühtheit des durch Verletzungen reduzierten Kaders vorhergesehen? Ich nicht! Und deshalb krieche ich zu Kreuze und leiste Abbitte. Sorry, Jogi Löw, dass ich an Ihnen und Ihrer Personalpolitik gezweifelt habe, dass ich Ihnen nicht zugetraut habe, so viel aus der Mannschaft und den einzelnen Spielern herauszukitzeln und sie einen so begeisternden Fußball spielen zu lassen. Gestern war es beeindruckend mitanzusehen, wie die perfekt eingestellte Elf die hochgelobte Offensive der Argentinier kaum zur Entfaltung kommen ließ: La Pulga – vom deutschen Gift gelähmt. El Apache – skalpiert. El Pipita – verstopft. Einen guten Vergleichswert für den Einsatzwillen liefern die Laufstrecken der Spieler. Deutschland kam hierbei auf insgesamt 107 km, die Argentinier auf genau 100 km. Das ist fast so, als hätten wir mit einem Spieler mehr gespielt. Unsere Jungs sind fit und keiner ist sich zudem zu schade, Fehler eines anderen auszubügeln, auch wenn er dafür einen extra Laufweg in Kauf nehmen muss.
Nehmen wir als Beispiel mal Miroslav Klose, auf den ich keinen Pfifferling gesetzt hatte. Dem vor der WM von der Bayern-Bank gekommenen “alten, schwerfälligen und formlosen Toreverhinderer”, hat der Bundes-Jogi neues Leben eingehaucht. Der 32-jährige Stürmer präsentiert sich fit wie ein Turnschuh, er ackert und ist spritzig wie zu seinen allerbesten Zeiten, selbst seinen Jubel-Salto holte er aus der Mottenkiste. Gegen Argentinien machte er gestern sein 100. Länderspiel. Er steuerte zwei Tore zum Erfolg bei und kommt jetzt wie der bislang erfolgreichste deutsche, Gerd Müller, auf insgesamt 14 WM-Tore – zwei Spiele bleiben ihm, um mit dem Brasilianer Ronaldo, der mit 15 Treffern diese Rangliste anführt, gleichzuziehen oder ihn gar zu übertrumpfen. Auf jeden Fall hat sich das Vertrauen von Löw zu 100 % ausgezahlt.
Ich könnte weiter über die Leistungen unserer Spieler, wie beispielsweise den gestern so sattelfest agierenden Mertesacker, dem “Phantom” Müller, dem ebenfalls gegenüber der Bundesliga kaum wiederzuerkennenden Podolski usw. in Hochachtung schwelgen, jeder einzelne kickt am oberen Limit und ist ein wertvoller Bestandteil der homogenen Mannschaft. Einen Spieler möchte ich dennoch herausheben: Bastian Schweinsteiger. Es ist schier unglaublich, mit welcher Ruhe und Abgeklärtheit unser Ex-_Schweini_ in Südafrika daherkommt. Er ist der Kopf auf dem Platz und er gibt auf dem grünen Rasen einen Spielgestalter der Extraklasse. Alles was der Münchener macht, hat Hand und Fuß. Seine Übersicht, sein taktisches Verständnis und sein vorbildlicher Einsatz machen ihn bislang zum wohl besten und wertvollsten Spieler dieser Weltmeisterschaft. Er dürfte mit dieser Leistung zum globalen Topstar aufsteigen, der Herr Schweinsteiger ist gerade dabei die Welt zu erobern.
Zwei Partien stehen für unsere Jungs am Kap auf jeden Fall noch an, wobei die letzte davon doch bitte das Endspiel am kommenden Sonntag seie soll. Letzte Klippe auf dem Weg dorthin ist am Mittwoch der amtierende Europameister Spanien, deren Trainer del Bosque – ganz bescheiden – Deutschland die Favoritenrolle zuschiebt.
In diesem Sinne…
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