Fußball-WM 2010 in Südafrika - das Tagebuch der Nationalmannschaft: Keine Katerstimmung!
8. Juli 2010, 13:17 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter WM-2006, Int-Fussball.
Das MAG begleitet unsere Nationalmannschaft während der WM 2010 in Südafrika. Heute: Warum wir nach dem Ausscheiden zwar enttäuscht sein dürfen, aber nicht traurig sein müssen.
Liebes Tagebuch,
schade Deutschland, alles ist vorbei! Nein, das war kein hämischer Gesang, sondern eine ernstgemeinte Aussage. Wie schon vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft waren es wieder die Spanier, die unseren Traum vom Titel haben platzen lassen. Auch, wenn die Enttäuschung groß ist, weil man sich spätestens nachdem 4:0 über Argentinien ernsthaft etwas ausgerechnet und sich möglicherweise sogar zum Favoriten gemausert hatte, ist diese Niederlage sehr viel einfacher zu verschmerzen als die vor vier Jahren im WM-Halbfinale gegen Italien. Warum? Aus mindestens zwei Gründen…
Erstens war die Pleite gestern verdient. Die Spanier haben eindeutig besser gespielt, es war fast von Beginn an nur eine Frage der Zeit, bis es klingeln würde. Nach meinem Eindruck schien die deutsche Mannschaft doch beeindruckt von der fast übermenschlichen Ballsicherheit des Gegners. Das kann zwar verwundern, weil die Spanier seit drei Jahren dafür bekannt sind, allerdings zeigten sie diese Stärke gestern erstmals in diesem Turnier. So stark hatten die Iberer bisher nicht gespielt und daher hegten wohl auch unsere Jungs die Hoffnung, sie endgültig zu entzaubern. Sie haben uns eins gehustet und gezeigt, dass sie nach wie vor das beste Team der Welt sind. Aber warum ging eigentlich offensiv nichts? Naja, wenn du in ein Spiel nicht gut hereinkommst und merkst, dass die anderen eigentlich besser sind und du nur hinterherläufst, fängst du an nachzudenken, und ab diesem Zeitpunkt ist eigentlich schon alles zu spät. Uns hätte gestern wohl nur so ein frühes Tor wie das gegen Argentinien geholfen, denn dann wären es Villa und Co. gewesen, die ins Grübeln gekommen wären. Interessant auch die Aussage von Miroslav Klose nach dem Spiel, die große Stärke der deutschen Mannschaft, die Präzision im Passspiel, habe gestern nicht funktioniert, weil man, sobald man den Ball hatte, von dem minutenlangen Hinterherlaufen einfach permanent erschöpft gewesen sei. Das erklärt auch, warum die deutsche Mannschaft gestern bei Ballbesitz immer wieder das Tempo aus dem Spiel nahm. Erklärbar oder nicht, es war das falsche Mittel.
Und bitte, bitte, bitte jetzt keine Rufe, wie ich sie gestern nach dem Spiel von Fans hören musste, aus denen hoffentlich nur die Enttäuschung sprach: “Wir haben verloren, weil wir die falsche Taktik hatten.” Irrtum! Wir haben verloren, weil die Spieler gestern nicht in der Lage waren, die vorgegebene Taktik entsprechend umzusetzen. Denn Jogi Löw hatte vor der Partie eindeutig gesagt, dass man nicht bewusst defensiver spielen wolle. Die Mannschaft tat es trotzdem, aus Respekt, teilweise Ängstlichkeit. Das kann man einem so jungen Team kaum anlasten, aber dem Trainer schon gar nicht! Es wäre ja ein Traum, wenn jede Mannschaft in jedem Spiel in der Lage wäre, die Taktik perfekt umzusetzen. Zumindest für den Trainer. Für uns Fans eher weniger, denn dann gäbe es tatsächlich nur noch Rasenschach zu sehen.
Und was uns dieses Spiel auch gelehrt hat: Die Weisheit “Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive (Welt-)Meisterschaften”, stimmt nach wie vor. Denn die jeglichen Raum raubende spanische Deckung war es, die unser Offensivfeuerwerk bändigen und uns somit bezwingen konnte. Aus diesem Grund wird Spanien im Normalfall auch Weltmeister, aber im Fußball kann bekanntlich alles passieren.
Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum die Niederlage und das Ausscheiden verschmerzbar sind, und zwar, dass wir absolut optimistisch in die Zukunft blicken können. Die Mannschaft hat gezeigt, wozu sie an guten Tagen imstande ist. Dass sie noch nicht konstant gute Tage haben kann, wenn es darauf ankommt, erklärt sich durch das Durchschnittsalter. Wir haben viele große Talente, die Hoffnung machen. Und das reden wir uns nicht ein, die Anfragen für Özil, Müller, Khedira und Schweinsteiger von europäischen Topklubs beweisen es. Natürlich wird der eine oder andere stagnieren und sich nicht so entwickeln, wie wir es uns jetzt wünschen und hoffen können. Aber es sind ja auch noch andere Talente vorhanden, die bei diesem Turnier noch keine Rolle gespielt haben. Grade in der Abwehr, die momentan vielleicht noch der Schwachpunkt ist, machen Hummels, Höwedes, Aogo und Co. Hoffnung auf Besserung. Spanien wird auch für noch einige weitere Jahre die Mannschaft sein, die es zu schlagen gilt, wenn man etwas erreichen will. Aber das Team steht kurz vor dem Zenit. Vielleicht lässt es sich am besten so ausdrücken: Spanien wird alt, wir werden erfahren!
Zwei Wünsche hätte ich am Ende noch, liebes Tagebuch, auch wenn ich weiß, dass du sie nicht erfüllen kannst. Der erste Wunsch wäre, dass Deutschland am Samstag das Spiel um Platz 3 gegen Uruguay gewinnt. Es wäre wirklich bitter, wenn ein insgesamt doch wirklich starkes Turnier nur mit dem vierten Platz belohnt wird. Und dann möchte ich bitte, dass Jogi Löw weitermacht. Er hat sich seinen Status, den er vor der EM 2008 hatte, mit diesem Turnier zurückerkämpft und seinen Kritikern jegliche Argumente geraubt. Oder hat noch jemand was zu mucken? Er hat dieses Team zusammengestellt und er weiß, wie es weitergehen muss. Dieses Team ist nicht am Ende, also ist Jogi Löw es auch nicht!
In diesem Sinne…
Teile uns deine Meinung zu diesem Artikel über das Kontaktformular mit.
Weitere Artikel
- [Basketball-WM 2010] Nach Machtdemonstration gegen Griechenland: Spanien im Viertelfinale
- [Basketball-WM 2010] Das Aus: Deutschland verliert gegen Angola
- [Basketball-WM 2010] Vorbericht zur Basketball-WM 2010 in der Türkei
- Eingeworfen: Die Fussball-WM der Vergessenen
- Fußball-WM 2010 in Südafrika - das Tagebuch der Nationalmannschaft. Heute: Auf Wiedersehen, Südafrika - was bleibt hängen?
« Fußball-WM 2010 in Südafrika - das Tagebuch der Nationalmannschaft. Heute: Von ungläubigen Holländern und einem Szenario, das nicht sein darf | Fußball-WM 2010 in Südafrika - das Tagebuch der Nationalmannschaft. Heute: Experten und der Trainer... »
