Eingeworfen: Quo vadis, FC Liverpool?
28. Juli 2010, 17:40 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Int-Fussball.
Der FC Liverpool steht im Sommer 2010 am Scheideweg. Nach einer katastrophalen Saison, die gekennzeichnet war vom sportlichen Misserfolg, verfehlter Transferpolitik, negativen Schlagzeilen über die klamme Finanzlage, der ungewissen Zukunft in Sachen Eigentumsverhältnisse und der brach liegenden Pläne zum Bau des neuen Stadions, ist nun so etwas wie Aufbruchstimmung rund ums altehrwürdige Anfield zu spüren. Handelnde Personen wurden ausgetauscht und die Mannschaft steht vor einem Umbruch…
Benítez’ verbranntes Erbe
Wenn man mit anderen Fußballfreunden über die großen Clubs diskutiert, dauert es meist nicht lange, bis der Name FC Liverpool fällt. Zurecht, denn die Reds zählen dank ihrer illustren Titelsammlung, Trainerpersönlichkeiten wie Bill Shankly oder Bob Paisley und einer Vielzahl großartiger Spieler zu den traditions- und erfolgreichsten Vereinen weltweit. Und obwohl die letzten Erfolge mittlerweile einige Jahre zurücklagen, wähnte man sich nach der knapp verpassten Meisterschaft 2008/09 dennoch auf einem guten Weg – ein Irrglaube, wie sich in der letzten Spielzeit herausstellte. Keines der anvisierten Ziele wurde auch nur annährend realisiert. Nur der Insolvenz und dem damit einhergehenden Ausschluss des FC Portsmouth aus der Europa League haben es die Reds zu “verdanken”, dass sie mit dem 7. Platz in der Premier League in diesem Jahr überhaupt auf internationaler Ebene dabei sind.
So triumphal der Einstand von Rafael Bentíez mit dem spektakulären Gewinn der Champions League 2005 auch war und der Spanier sich damit einen riesigen Kredit erwarb, bei seinem Abschied am 03. Juni diesen Jahres stand er auf verlorenem Posten. Außer ein paar seiner Lieblingsspieler weinte ihm kaum jemand eine Träne nach. Immer öfter hatten seine Entscheidungen und Interviews für Kopfschütteln gesorgt, seine taktische Raffinesse kam kaum mehr zum Tragen und seine Personalpolitik war den meisten Anhängern ein riesiges Rätsel. Benítez’ Transferbudget war trotz aller Unkenrufe über finanzielle Schwierigkeiten der amerikanischen Eigner Hicks und Gillett doch recht ansehnlich, allein ein glückliches Händchen hatte er bei seinen Einkäufen nicht allzu oft. Bis heute weiß wohl niemand außer ihm selbst, warum er unbedingt einen verletzten Alberto Aquilani für stolze 20 Mio. € vom AS Rom loseisen musste? Es kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass die Mannschaft falsch zusammengestellt war. So fehlte bspw. ein Backup für den verletzungsanfälligen Goalgetter Fernando Torres, ein adäquater Nachfolger für den in Unfrieden zu Real Madrid abgewanderten Xabi Alonso oder wirkungsvolle Außenstürmer. Zudem stieß sein spanisch geprägter Trainer- und Scoutingstab ebenso auf größer werdendes Unverständnis, wie das fehlende Vertrauen in die in der Jugendakademie in Kirkby ausgebildeten Nachwuchskräfte. Und so stieß die Bekanntgabe der Trennung von Benítez nach sechs Jahren, obwohl dessen Kontrakt erst im März 2009 bis 2014 verlängert wurde, auf ein breites positives Echo. Die so erfolgreich begonnene Ära von Rafael Benítez endete mit tiefer Tristesse.
Mit Hodgson Back to the roots
Beauftragt mit der Trainersuche wurden Managing Director Christian Purslow, der im Juni 2009 Rick Parry ablöste und seitdem als Geschäftsführer tätig ist, und Reds-Legende “King” Kenny Dalglish, der von Benítez 2009 zurück an seine alte Wirkungsstätte geholt wurde, wo er sowohl als Spieler als auch Trainer große Triumphe feiern konnte und der heute den Verein als Repräsentant vertritt sowie einen exponierten Job in der Jugendakademie bekleidet. Nach schwieriger Sondierungsphase zeichnete sich Roy Hodgson als Favorit ab. Der fast 63-jährige Coach, der in der letzten Saison in der Europa League mit dem FC Fulham für Furore sorgte und als Anerkennung für die Leistung von seinen Kollegen zum Trainer des Jahres in England gewählt wurde, zögerte beim eingehenden Angebot dann auch nicht lange: “This is the biggest job in club football and I’m honoured to be taking on the role of manager of Britain’s most successful football club. I look forward to meeting the players and the supporters and getting down to work at Melwood.”
Rund um Anfield zeigte man sich mit dem Engagement des erfahrenen Hodgson zufrieden, auch wenn man in seiner Vita die ganz großen Erfolge vergeblich sucht. Doch Hodgson hat einen guten Ruf auf der Insel, genießt Respekt und kennt den englischen Fußball. Genau darauf hoffen nicht nur die glühensten Anhänger, die ihre Verbundenheit zu den Reds bei jedem Heimspiel vom legendären Kop auf den Rasen übertragen: Mit Hodgson back to the roots, sprich, zurück zum britisch geprägten Fußball mit wieder einheimischen Profis.
Hodgson hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben und soll die Mannschaft wieder zurück an die Spitze führen. Dazu ist ein Umbruch von Nöten – und der wird nicht leicht. Nach persönlichen Gesprächen mit den Leistungsträgern zeichnet sich ein Verbleib der beiden Topstars Steven Gerrard und Fernando Torres ab, obwohl sie angeblich mit viel Geld und verlockenden Angeboten von finanzkräftigen Großclubs wie bspw. Real Madrid oder dem FC Chelsea umworben werden. Auch von Vereinsseite ließ man verlauten, dass sie unverkäuflich seien und als Korsettstangen des neuen Teams künftig eine tragende Rolle spielen sollen. Anders verhält es sich bei Javier Mascherano, der nicht bleiben will und dies auch deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Sein Weg könnte zu Inter Mailand führen, wo ihn sein alter Trainer Rafa Benítez mit weit geöffneten Armen empfangen würde.
Als Ablöse für den wechselwilligen Argentinier, der noch bis 2012 Vertrag in Liverpool hat und dessen Abgang man erstmal sportlich auffangen müsste, stehen 30 Mio. € Ablöse im Raum – Geld, das man gut für die Umstrukturierung des Kaders gebrauchen könnte. Es wartet viel Arbeit auf Hodgson, dessen Vorstellungen und der Umsetzung des Konzepts fiebert man mit Spannung entgegen. Die ersten Verpflichtungen lassen hoffen. So konnte Hodgson den von einigen Vereinen umworbenen Joe Cole überzeugen, künftig ins rote Trikot mit dem Liverbird auf der Brust zu schlüpfen. Ein echter Coup, der Signalwirkung haben könnte. Neben dem genau wie Cole ablösefreien Milan Jovanovic, der von Standard Lüttich kam, stehen bislang noch zwei junge Briten als Neuzugänge fest. So wurden 2,4 Mio. € für den 18 Jahre alten schottischen U21-Nationalspieler Danny Wilson auf das Konto der Glasgow Rangers überwiesen, immerhin 2 Mio. € waren Pool die Dienste des ebenfalls erst 18-jährigen Engländers Jonjo Shelvey von Charlton Athletic wert. Investitionen für die Zukunft, um gleich wieder erfolgreich oben mitspielen zu können, müssen weitere gestandene Profis her und dazu der Kader ein Stück weit ausgemistet werden. Wie gesagt, es wartet viel Arbeit auf den neuen Liverpool-Trainer…
Die Aufräumarbeiten des Martin Broughton
Abseits der sportlichen Umbaumaßnahmen hat auch Chairman Martin Broughton alle Hände voll zu tun. Mit der Ernennung des bekennenden Chelsea-Fans am 10. April 2010 zum Präsidenten des FC Liverpool hat man eigentlich den Bock zum Gärtner gemacht. Doch Broughton, der auch der British Airways vorsteht, hat einen exzellenten Leumund und scheint nun der richtige Mann, um wieder Ordnung in den ins Straucheln geratenen Traditionsclub zu bringen. Broughton soll einen Käufer für den mit geschätzt 350 Mio. Britischen Pfund verschuldeten Clubs finden, die Übernahme abwickeln und somit das unsägliche Kapitel Hicks und Gillett beenden.
Die beiden Amerikaner, die im Februar mit großen Versprechungen in Anfield vorgestellt wurden und danach allerdings für Chaos sorgten und für das weitere Wachsen des Schuldenstandes verantwortlich sind, könnten das “Abenteuer” Liverpool auch noch mit einer fetten Rendite beenden. Für rund 200 Mio. € wurden sie Eigentümer, nun stehen als Verkaufspreis 570 Mio. € im Raum – zurück bleibt ein Scherbenhaufen. Horrende Bankkredite müssen bedient und der seit Jahren anvisierte Bau einer modernen Arena kommt einfach nicht voran. Doch es gibt auch positive Signale. Darunter fällt mit Sicherheit der Deal mit Standard Chartered Bank, die künftig als Trikotsponsor auftritt und dafür bis 2014 kolportierte 90 Mio. € zahlt. Auch wenn die fast 20 Jahre andauernde Partnerschaft mit Carlsberg damit zu Ende geht und man sich erstmal an den neuen Schriftzug gewöhnen muss, finanziell ist der Vertrag lukrativ und begrüßenswert.
Doch dieses Geld reicht bei weitem nicht, um die angespannte Finanzlage zu beseitigen. Dazu bedarf es frisches Kapital von einem neuen Investor, dem, so sollte er denn gefunden werden, auch wirklich etwas am FC Liverpool liegen sollte und nicht nur leere Versprechungen macht. Vom Regen in die Traufe – dieses Szenario können sich die Reds eigentlich nicht leisten.
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ausgezeichneter Artikel, gefällt mir. Ich würde es gerne sehen, wenn die Reds sich wieder stabilisieren, wirtschaftlich, aber auch sportlich… Roy Hodgson hat jedenfalls schon mal den richtigen Weg eingeschlagen!
— Julius K Jul 28, 22:15 #