[MAG-Bundesligavorschau 2010/11] Eintracht Frankfurt - Ein Verein will nach oben.
16. August 2010, 13:13 geschrieben von Mario, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Heute in der MAG-Saisonvorschau: Eintracht Frankfurt. Wenn sogar der Vorstand der Eintracht Verluste für einen gestiegenen Spieler-Etat in Kauf nimmt, muss bei den Hessen etwas passiert sein, das rational nicht erklärbar ist. Magier am Main? Das MAG forscht nach.
Eintracht Frankfurt
Rückblick
Als Michael Skibbe in Frankfurt das Amt von Trainer-Guru Friedhelm Funkel übernahm, kündigte er an, schnellen, aggressiven und offensiven Fußball spielen zu lassen. Den großen Worten ließ der Coach große Taten folgen. Tatsächlich zeigte das Team des Ex-Bundestrainers über die gesamte Saison hinweg einige sehr ansehnliche Spiele. Herausragend waren sicherlich die Heimsiege gegen Bayern München (2:1) und Leverkusen (3:2). Aber auch auswärts zeigten die Hessen längst nicht nur Fußball-Magerkost. Die Siege in Bremen und Dortmund (jeweils 3:2) zählt jeder Eintracht-Anhänger zu den Highlights der zurückliegenden Spielzeit. Bis auf wenige Ausnahmen merkte man den Hessen darüber hinaus in jedem Spiel an, dass die Zeiten des Reagierens vorbei sind. Pressing, teils schon in der Hälfte des Gegners, aggressives Verschieben ganzer Mannschaftsteile in Ballnähe und schnelles Kurzpassspiel, prägten die Auftritte des Bundesligisten im überwiegenden Teil der Saison. Nicht von Ungefähr kam daher die Punkteausbeute von 46 Zählern zustande, die man bis dato als erfolgreichstes Abschneiden seit dem Wiederaufstieg 2005 bezeichnen kann. Mehr Punkte schaffte eine Frankfurter Erstliga-Mannschaft seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr.
Transfers
Obwohl das Transferfenster noch bis Ende August geöffnet ist, erklärte man bei der Eintracht schon Anfang Juli alle Aktivitäten auf dem Transfermarkt für beendet. Der schon im Winter von Michael Skibbe umworbene Ex-Torschützenkönig Theofanis Gekas unterschrieb einen Zweijahresvertrag.

Gekas, griechischer Hoffnungsträger/Foto: www.zaunsturm1905.de
Zur Überraschung von Kennern der Eintracht-Szene wurde darüber hinaus Halil Altintop, der im Winter von Schalke 04 kam, gehalten, obwohl Vorstandboss Bruchhagen im Vorfeld der Transferperiode verlauten ließ, dass man nicht in der Lage sei, vier gute Bundesliga-Stürmer zu bezahlen. Darüber hinaus gelang die Verpflichtung von Sebastian Rode, für den sich angeblich die halbe Liga interessierte. Rode kommt vom ungeliebten Nachbarn aus Offenbach und gilt als verheißungsvolles Talent im defensiven Mittelfeld, dem eine gute Zukunft vorausgesagt wird. Letztlich bekam Sonny Kittel, hessisches Wunderkind aus der eigenen Jugend, mit gerade mal 17 Jahren seinen ersten Profivertrag. Kittel zählt zum goldenen Jahrgang seiner Altersklasse, dem ebenfalls eine rosige Zukunft in Aussicht gestellt wird, sofern ihn sein zuteil gewordener Ruhm nicht aus der Bahn wirft. In beiden sieht Skibbe künftige Alternativen. Während Rode möglicherweise schon in dieser Saison vom ein oder anderen Einsatz träumen darf, wird Kittel wohl über U23-Einsätze langsam an die härtere Gangart der Profis herangeführt.
Auch in der Abwehr, die mit dem Weggang des Kapitäns Christoph Spycher ihren Leader verloren hat, bemühten sich die Hessen um adäquaten Ersatz. Mit Giorgios Tzavellas, der vom griechischen Erstligist Panionios Athen kam, scheint dieses Unterfangen, zumindest auf den zweiten Blick, gelungen zu sein. Spycher, Ruhepol himself, ist freilich das genaue Gegenteil seines Nachfolgers. Der Schweizer, wegen seines Intellekts und seiner soliden Spielweise beliebt, mangels Spieltempo manchmal gehasst, überlässt das Feld einem 22-Jährigen, der durch seine offensiven Vorstöße und sehr gute Schusstechnik besticht. Ob er darüber hinaus die Abwehr stabil halten kann, wird sich zeigen müssen. Hierin sieht mancher Skeptiker eine Gefahr, zumal die negative Tordifferenz der Vorsaison ein Indiz für Abwehrprobleme sein könnte.

Man spricht griechisch. Tzavellas, Neuzugang aus Athen, und Amanatidis beim Test gegen Chelsea./Foto: www.zaunsturm1905.de
Habib Bellaid (Racing Straßburg) und Markus Steinhöfer (Kaiserslautern), deren Leihverträge beide nicht verlängert wurden, gehören ab sofort wieder zum Profikader der Eintracht. Ob die Verantwortlichen, vor allem Trainer Skibbe, darüber sehr glücklich sind, darf bezweifelt werden. Nachdem man beiden Spielern nahe gelegt hat, sich um einen neuen Verein zu bemühen, stehen sie jetzt wieder auf der Gehaltsliste der Eintracht. Das gleiche gilt für Nikola Petkovic, der einst als Alternative für Spycher aus Belgrad geholt wurde. Auch er wird keine Zukunft in Frankfurt haben.
Den Verein verlassen haben hingegen Selim Teber und Nikos Liberopoulos. Teber zog es in die türkische Süperlig zu Kayserispor, Libero, wie er von den Fans genannt wurde, lässt seine Karriere in Athen ausklingen. Juvhel Tsoumou, bekannt durch sein Ausgleichstor gegen Bayern München (2:1), trieb es mangels Perspektive in die zweite Liga zu Alemannia Aachen.
Der Trainer
Michael Skibbe hat es nicht nur geschafft, Aufbruchstimmung zu erzeugen, er hat innerhalb eines Jahres einen kompletten Verein, mit all seinen verkrusteten Strukturen, in eine andere Richtung bewegt. Eintracht Frankfurt stand für Kontinuität, Solidität und Unaufgeregtheit. Seitdem Skibbe die sportlichen Geschicke des Traditionsklubs führt, hat sich auf allen Ebenen der Hessen ein Umdenkprozess breit gemacht. Wurde bis vor Jahresfrist das Mittelmaß nicht nur als zementiert, sondern gerne auch als Erfolg verkauft, stehen die Zeichen jetzt auf Angriff. Man will nach oben. Skibbe möchte Fortschritt – schönen Fußball sowieso. Und als ob dies magische Momente seien, staunte die halbe Liga, als Vorstandboss Bruchhagen verkündete, der Spieleretat sei – anders als in der Vergangenheit – erhöht worden, obwohl sich daraus ein gesamtwirtschaftlicher Verlust von ca. drei Millionen Euro ergibt. Natürlich vergaß die Führungsspitze nicht den Hinweis, der Verlust sei schließlich durch Rücklagen gedeckt. Die kaufmännischen Grundgesetze hat Skibbe indes noch nicht durchbrochen, dafür aber einen Umdenkprozess eingeleitet, der kaum noch für möglich gehalten wurde. Sollte sein Engagement weiter von Erfolg gekrönt sein, werden auch die letzten Pessimisten seine Richtung einschlagen – eine Richtung des Erfolgs.

Michael Skibbe, bereit, um in neue Sphären vorzustoßen./Foto: www.zaunsturm1905.de
Die Offensivabteilung
Ohne Zweifel das Prunkstück der Eintracht. Sollte Ioannis Amanatidis, der fast die gesamte zurückliegende Saison nicht zur Verfügung stand, nicht abermals durch sein lädiertes Knie ausfallen, stehen der Eintracht zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit vier gute Bundesliga-Stürmer zur Verfügung. Genau daran hat es laut Skibbe in der vergangenen Spielzeit gehapert. Fenin (Leiste) und Amanatidis konnten aufgrund ihrer Verletzungen nicht mitwirken, während Liberopoulos mit 35 Jahren kaum mehr in der Lage war, den Alleinunterhalter im Angriff zu geben. Im Winter wurde schließlich mit Halil Altintop eine echte Alternative an den Main gelotst, die Skibbe teils vehement gefordert hatte, nachdem die Verpflichtung von Theofanis Gekas zunächst nicht gelang und dieser es vorzog, zum Tabellenletzten Hertha BSC Berlin zu wechseln.
Auch im offensiven Mittelfeld hat Skibbe die Qual der Wahl. Mit Caio, Korkmaz, Heller, Köhler und Ochs stehen fünf Bewerber für zwei Plätze zur Verfügung. Ochs, Vizekapitän und Leistungsträger, dürfte allerdings genau wie Allrounder Benjamin Köhler, die Nase vorn haben. Insbesondere Caio, der in der vergangenen Saison drauf und dran war, auch seine letzten Kritiker zu überzeugen, wird das nicht gefallen. Er könnte ein Opfer des Systems werden. Denn wenn alle Stürmer fit sind, empfiehlt es sich für Skibbe zumindest zwei davon regelmäßig einzusetzen. Caios zentrale Mittelfeldposition, die er bisweilen am besten interpretierte, könnte dadurch wegfallen. Heller wird sich weder im offensiven Mittelfeld, noch im Sturmzentrum behaupten können, es sei denn ein Virus würde die halbe Mannschaft lahmlegen.

Altintop, für ihn wird es schwer in der ersten Elf zu stehen../Foto: www.zaunsturm1905.de
Die Defensivabteilung
Die einen hielten ihn für unersetzlich, andere wiederum weinen ihm keine Träne nach. Gemeint ist Christoph Spycher, Ex-Kapitän und Ruhepol in der Defensive. Spycher polarisierte. Als Sprachrohr der Mannschaft geschätzt, charakterlich über jeden Zweifel erhaben, rief seine Spielweise immer wieder Nörgler auf den Plan. Der Schweizer sei kein Motor, sondern oft genug Bremse des Eintracht-Spiels. Spycher zeigte sich unbeeindruckt und verkörperte wie kein anderer im Team die so oft zitierte hessische Unaufgeregtheit, auf und neben dem Platz. Mit Giorgios Tzavellas hat die Eintracht jemanden geholt, der unterschiedlicher kaum sein konnte. Jungspund und Haudrauf, gepaart mit guter Technik. Dazu einen feinen linken Fuß, der gute Flanken aus vollem Lauf und tolle Standards produziert. All das war seinem Vorgänger nicht gegeben. Und doch wird Tzavellas, was die Stabilität der Abwehr angeht, einige Defizite aufarbeiten müssen, um Spycher vollwertig ersetzen zu können. Mit Sebastian Jung (rechts), Tzavellas (links), sowie Chris, Russ, Franz und Vasoski in der Innenverteidigung, verfügt Michael Skibbe auch in der Abwehrkette über genügend Qualität. Hier scheint ausnahmslos der zum Kapitän beförderte Brasilianer Chris gesetzt zu sein. Mit Ochs und Köhler stehen für die Außenpositionen darüber hinaus Alternativen zur Verfügung. Heimkehrer Bellaid werden kaum Chancen auf Einsätze eingeräumt.
Im defensiven Mittelfeld wird an Pirmin Schwegler und Alexander Meier kein Weg vorbei führen. Meier, der eigentlich gelernter Offensiv-Allrounder ist, verkörpert den defensiven Part wunschgemäß. In Sachen Zweikampfstärke ist Schwegler zwar überlegen, dafür ist der “Lange”, wie ihn die Fans liebevoll nennen, der bessere Umschaltspieler. Als Backup steht hier der im Winter an den Main gewechselte US-Amerikaner Ricardo Clark zur Verfügung. Aber auch dem Nationalspieler räumt man kaum Chancen auf Einsatzzeiten ein, sofern das Stammpersonal von Verletzungen verschont bleibt. Ob das Synonym für Verletzung, Zlatan Bajramovic, jemals wieder eine Bundesligaspiel bestreiten kann, steht in den Sternen. Wirklich auf der Rechnung hat ihn bei der Eintracht niemand mehr.
Der Klub und sein Umfeld
Eintracht Frankfurt steht, wenn man es so will, am Scheideweg. Jahrelang wurde das Mittelmaß als Erfolg verkauft. Die Zeiten, in denen ein 0:4 gegen Bayern als lästiges Übel empfunden wurde, das der Bundesliga-Alltag mit sich bringt, sind seit dem Weggang Funkels endgültig vorbei. Michael Skibbe hat den Verein wachgerüttelt. Skibbe hat seiner Mannschaft Selbstvertrauen eingeimpft und mit ihrer unbekümmerten Spielweise das gesamte Umfeld auf seine Seite gezogen. Der Trainer ist die Lokomotive des Vereins, sagte er, und ließ seinen Worten Taten folgen. Skibbe hat sogar den miesepetrigen Machtmenschen Bruchhagen in seinen Bann gezogen. Anders ist dessen Umdenken in der Transferpolitik nicht zu deuten. Die Mannschaft folgt Skibbe, der Vorstand, der Aufsichtsrat, die Fans sowieso. Wenn sich das auch noch in der Tabelle bemerkbar macht, liegt ihm die Mainmetropole zu Füßen.
Saisonziele, Prognose
Michael Skibbe hat innerhalb eines Jahres aus einem Mausgrauen Verein des zementierten Mittelmaßes ein homogenes, sympathisches sowie erfolgshungriges Team geprägt, das die Vorgeben ihres Trainers mehr und mehr verinnerlicht. Eintracht Frankfurt steht wieder für guten Fußball und dass das bei den Hessen so gewünscht wird, ist nicht neu. Sollte der Saisonstart positiv verlaufen und die Leistungsträger der Mannschaft von schweren Verletzungen verschont bleiben, ist diesem Team eine ganze Menge zuzutrauen. Die interne Zielsetzung wurde auf 50 + X beziffert. Das ist ambitioniert. Zu schaffen ist es allemal.
MAG-Prognose: Eintracht Frankfurt schafft einen guten einstelligen Tabellenplatz mit Tendenz zu den internationalen Plätzen.
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Sehr gute Einschätzung über die SGE!
— Patrick Aug 16, 14:41 #