[1. Bundesliga 2010/11] 6:3 in Leverkusen - Gladbacher Schützenfest beendet schwarze Serie
30. August 2010, 13:32 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Das 57. Aufeinandertreffen der rheinischen Rivalen Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga war eines jener Spiele, die die Herzen der Fußballfans höher schlagen lassen. Gladbach, das seit dem Herbst 1994 bei einem Ligaspiel nicht mehr gegen den Nachbarn gewinnen konnte, beendete diese schwarze Serie mit einer Galavorstellung und schenkte der Werkself vor deren eigenem Publikum ein halbes Dutzend Tore ein.
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| Bayer Leverkusen | 3:6 (1:3) | Borussia M’gladbach |
Irritiert, kopfschüttelnd, staunend und größtenteils sogar fassungslos verfolgten die Besucher in der ausverkauften BayArena am Sonntagnachmittag die Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und den Gästen aus Mönchengladbach, denn auf dem wunderbar gepflegten, grünen Rasen spielten sich wundersame Dinge ab. Eigentlich waren drei Punkte für die Werkself gegen die Fohlen fest eingeplant, schließlich galt die Borussia als Lieblingsgegner – seit 26 Partien versuchten sie vergeblich, Bayer in einem Punktspiel zu besiegen. Nachdem in den ersten 20 Minuten zunächst auch alles in geordneten Bahnen verlief und die Hausherren die Partie gegen abwartend agierende Gladbacher im Griff hatten, begann mit einem schwerwiegenden Lapsus von Vidal ein Spektakel in neun Akten.
Die Borussia bittet zum Tanz
Welche Pferde Vidal da geritten hatten, den Ball neben dem eigenen Sechzehner leichtfertig und völlig überflüssig im Zweikampf gegen Idrissou herzuschenken, weiß der chilenische Nationalspieler wohl selbst nicht genau. Sein Fauxpas wurde jedenfalls bitter bestraft, Idrissou spielte flach vor das Tor und der 19-jährige Hermann verwandelte aus Nahdistanz (20.). Nur vier Minuten später dürfte auch Vidal kräftig durchgepustet haben, denn Derdiyok war mit einem schönen Kopfstoß zum Ausgleich erfolgreich und reparierte so den vermeintlichen Flurschaden (24.).
Doch die Bayer-Profis wurden danach eines Besseren belehrt, kurz vor der Pause schraubten Brouwers, per Abstauber nach einem Schuss von Marx (40.), und erneut Hermann (44.) das Ergebnis auf 3:1 für die immer selbstbewusster aufspielenden Gäste. Der dritte Treffer der Borussia offenbarte das große Defizit Bayers an diesem Tage: im Abwehrbereich stimmte so gut wie gar nichts. Man kann das weitere Spielgeschehen nicht treffender beschreiben als der frustrierte Heynckes, der seiner Mannschaft nach Abpfiff ein ganz schlechtes Zeugnis ausstellte: “Wir haben
die Borussia zu Party eingeladen und sind dafür bitter bestraft worden.” Doch auch wenn in der Tat die Abwehrleistung und die gesamte Rückwärtsbewegung äußerst indiskutabel und ungewöhnlich für diese spielstarke Mannschaft war, so war dies nur die eine Seite der Medaille. Die andere war die bärenstarke Vorstellung der Fohlen, die nur so vor Spielfreude strotzten und diese 90 Minuten mit jedem Atemzug genossen.
Während die Gladbacher Profis teilweise Katz und Maus mit ihren Kontrahenten spielten, feierten die mitgereisten Anhänger frenetisch und wohl etwas ungläubig jeden weiteren Treffer – drei an der Zahl, und alle herrlich herausgespielt und anzuschauen. Arango zirkelte einen Freistoß aus fast 30 Metern wunderschön am chancenlosen und inzwischen zutiefst frustrierten Adler vorbei in den rechten oberen Winkel (56.). Ein Traumtor des Venezuelaners, der damit seine Flaute beendete. Dem 4:1 folgte praktisch im Gegenzug der zweiten Treffer Leverkusens, Vidal verwertete einen an ihm selbst verschuldeten Strafstoß (58.). Ging vielleicht doch noch etwas für Bayer?
Mitnichten, wieder nur zwei Minuten später stellte Idrissou den alten Abstand wieder her. Reus war wieder einmal am rechten Flügel auf und davon und flankte präzise auf den halblinks an der Strafraumgrenze ebenso allein gelassenen Arango, der nicht lange fackelte und volley abzog. Adler konnte den harten Schuss nicht festhalten, Idrissou war gedankenschneller als seine Gegenspieler und beförderte den Ball in die Maschen (60.). Wahnsinn, doch auch das war noch nicht das Ende der Fahnenstange. Den Schlusspunkt aus der Gladbacher Sicht setzte Reus, der ungehindert durch im Mittelfeld laufen konnte und dann genau wie Mannschaftskollege Arango die Kugel ins rechte Dreiangel zirkelte (69.). Dass Kießling nur Sekunden später einer Unachtsamkeit von Bailly zum 3:6 aus Sicht der Heimelf nutzte (70.), spielte nun keine Rolle mehr und war nicht mehr als Ergebniskosmetik – die Borussia feierte sich und ließ sich feiern.
Die Vorstellung am gestrigen Nachmittag erinnerte an längst vergessenen Zeiten. Zeiten, in denen Bayer-Trainer Heynckes selbst das Trikot mit der Raute trug und die Borussia von Erfolg zu Erfolg eilte. Nun macht eine Schwalbe noch keinen Sommer, aber die unwiderstehliche Darbietung lässt doch hoffen, dass man beim Blick auf die Tabelle die Borussia wieder öfter in der oberen Hälfte findet. Gestern gab es jedenfalls erstmal ein echtes Freudenfest, denn neben dem Ende der schwarzen Serie gab es noch Historisches: Noch nie zuvor hatte Bayer 04 Leverkusen vor heimischer Kulisse in der Bundesliga sechs Buden gekriegt.
Statistik
Leverkusen: Adler – Castro, Reinartz, Hyypiä, Kadlec – Vidal (71. Balitsch), Ballack (63. Bender), Renato Augusto, Barnetta (63. Jørgensen) – Kießling, Derdiyok – Trainer: Heynckes.
Mönchengladbach: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Daems – Marx, Bradley – Herrmann (80. Schachten), Reus (85. Neustädter) – Arango (75. Bobadilla) – Idrissou – Trainer: Frontzeck.
Tore: 0:1 Herrmann (20.), 1:1 Derdiyok (24.), 1:2 Brouwers (40.), 1:3 Herrmann (44.), 1:4 Arango (56.), 2:4 Vidal (58./Foulelfmeter), 2:5 Idrissou (60.), 2:6 Reus (69.), 3:6 Kießling (70.)
Schiedsrichter: Stark (Ergolding)
Zuschauer: 30.210 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Castro / Marx
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