[Rezension] 66/67 - Fairplay war gestern: Furchtbarer Untertitel, wunderbarer Film
11. Oktober 2010, 16:31 geschrieben von Jinxo, abgelegt unter Rezensionen.
66/67 – Erstklassige Charakterstudie trotz Drittligafans
„66/67“ betreibt Etikettenschwindel. Das heißt, eigentlich betreibt nicht der Film Etikettenschwindel, sondern der Filmverleih. Auf dem Cover der DVD angepriesen mit „Der HOOLIGAN-Film von Ludwig & Glaser“, versehen mit dem Untertitel “Fairplay war gestern” und ausgestattet mit Trailern für „Green Street – Hooligans“ und „3. Halbzeit“, stellt man den Film in eine Ecke, in der er keineswegs gehört. Die Hauptpersonen des Films sind zwar Hooligans, doch wirklich wichtig ist das für die Geschichte nicht.
Die Fußballkulisse dient lediglich als Hintergrund für eine packende, tiefgründige Charakterstudie von jungen Männern; jungen Männern, die zwar schon Anfang 30 sind, aber noch immer nicht richtig erwachsen werden wollen. Es geht um das Übernehmen beziehungsweise vielmehr um das Ablehnen von Verantwortung für das eigene Tun und Handeln und das damit verbundene Scheitern. Jede der Figuren scheitert auf eigene Weise und an anderen Tatsachen, doch am Ende lässt der Film den Zuschauer trotz des Scheiterns hoffnungsvoll zurück. Es gibt kein Happy End im eigentlichen Sinne, nur ein „Könnte besser werden, muss aber nicht“.
Zentrale Figur des Films ist Florian (Fabian Hinrichs; Sophie Scholl – Die letzten Tage), der Anführer der Hooligan-Truppe „66/67“, benannt nach der Meistersaison der Braunschweiger Eintracht: Diplom-Ingenieur mit sehr gutem Diplom, der nicht einmal seinem Vater erzählt, dass er das Studium schon abgeschlossen hat. Stattdessen verharrt er im Leben als angeblicher Student, zögert das endgültige Erwachsenwerden heraus, wohl da ihm so mehr Zeit für Eintracht Braunschweig bleibt. Diese über allem stehende Beziehung zum niedersächsischen Traditionsclub ist es auch, die seine beginnende Beziehung zu Özlem (Melika Foroutan; Wut), Schwester von Hooligan-Kumpel Tamer, behindert und letztlich scheitern lässt. Özlem will einen Mann der Verantwortung übernimmt, doch Florian kann das nicht leisten. Zumindest nicht außerhalb von „66/67“, denn um seine Jungs kümmert er sich fürsorglich wie ein Vater.
Seine Jungs, das sind Otto, der schwule Hartz IV-Empfänger, der seinen Lebenssinn auf anonymen Sex-Partys sucht (Fernsehpreisträger Christoph Bach; Dutschke), der psychisch labile Christian (Christian Ahlers), Polizist Henning, welcher der Truppe und der Stadt langsam entwächst (Maxim Mehmet; Fleisch ist mein Gemüse), Tamer, der die Stammkneipe der Truppe führt und sich um seinen todkranken Vater kümmern muss (Fahri Ogün Yardim; Chiko) und Mischa (Aurel Manthei, Kommissar Stolberg). Der Rest der früher zahlreichen Hooligantruppe hat sich bereits ins normale Leben verabschiedet, der Film verdeutlicht dies exemplarisch und doch ohne Keule an einem ehemaligen Mitglied der Truppe, das jetzt in einem Metzgerladen arbeitet und sämtliche Rückwerbungsversuche von Florian abweist.
Es sind solche kleinen Szenen, die dem Film seine Stärke verleihen, nicht die zwei Prügeleien, die sich die Truppe mit Wolfsburgern beziehungsweise Hannoveraner liefert. Diese Schlägereien dürften nicht fehlen, schließlich definiert sich die Gruppe darüber, doch sie definieren den Film nicht. Definiert wird der Film vielmehr durch die starken Schauspieler, die dem Film eine Intensität verleihen, die dem Film zurecht den Preis „bester deutschsprachiger Film“ beim Zürich-Festival 2009 eingebracht haben, und durch die Beziehungen der Figuren untereinander, die realistisch und in sich stimmig sind. Das Mitfühlen und Mitleiden mit den Figuren wird dadurch einfach, auch wenn man ihr Handeln nicht immer gutheißen kann.
Man kann daher eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen, auch für die DVD-Extras (Teil der DVD ist ein sehenswertes 50-minütiges Making-Of, sowie einige „Deleted Scenes“ – wahlweise mit oder ohne Audiokommentar der Regisseure). Der Film ist mehr als nur sehenswert, auch und gerade für Nicht-Fußball-Interessierte. Nur, wer sich auf Grund des Marketings Gewaltexzesse und Schlägereien in Hülle und Fülle erwartet, wird enttäuscht sein. Zum Glück, denn hätte der Film diese, wäre er nur halb so gut.
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