Louis van Gaal: Biographie & Vision - eine Rezension
24. November 2010, 20:10 geschrieben von Francescoli, abgelegt unter Rezensionen.
Louis van Gaal: Biographie & Vision; 2 Bände, mit DVD; Verlag: VisieSport, 279 u. 162 Seiten; gebunden; Text: Louis van Gaal, Robert Heukels, Andries Jonker; ISBN-10: 3000321837; 2010; 49,90 Euro
gelesen von: Francescoli
Unter großer medialer Beachtung präsentierte Louis van Gaal im Oktober die deutsche Ausgabe seiner Biographie. Das MAG hat sie interessiert gelesen.
Es ist tatsächlich ein imposantes Werk, das Louis van Gaal gemeinsam mit dem niederländischen Journalisten Robert Heukels und seinem Assistenztrainer Andries Jonker im VisieSport-Verlag vorlegt: zwei Bände (“Biographie” und “Vision”) mit insgesamt über 440 Seiten, hunderten Fotos sowie zahlreichen graphischen Darstellungen und illustrierten Trainingsübungen. Gegenüber der niederländischen Originalausgabe, die im Oktober 2009 erschien, wurde die deutsche um mehrere Abschnitte zu van Gaals Zeit in München erweitert.
Dort ist Louis van Gaal seit Mitte 2009 Trainer des FC Bayern. Die erste Saison begann unter Schwierigkeiten; erst zum Ende der Hinrunde erreichte die Mannschaft ein Niveau, das den hohen Erwartungen des deutschen Rekordmeisters entsprach. Phantastisch verlief dann die Rückrunde: Am Ende hatten die Bayern die Meisterschaft und den Pokal gewonnen und konnten auf europäischer Bühne erst im Champions League-Finale durch Inter Mailand gestoppt werden. Beachtlich war an diesem ersten Jahr insbesondere, dass Louis van Gaal junge Spieler in sein Team einbaute und der Bayern-Fußball nicht nur die eigenen Fans begeisterte.
Der holländische Prozesstrainer
Er sei ein “Prozesstrainer”, dessen Fokus auf der Entwicklung der Mannschaft liegt, ließ der oft unnahbar und streng wirkende Holländer die deutsche Öffentlichkeit wissen. Van Gaal sieht sich dabei nicht nur als fußballerischer Übungsleiter klassischer Schule, sondern als “Trainer-Coach”, der eine klare Vorstellung von Fußball besitzt und diese mit großer Beharrlichkeit seinen Spielern zu vermitteln versucht. So schienen deutsche Sportjournalisten in Interviews nicht selten überfordert, wenn van Gaal in sympathischem Deutsch dozierte, dass im Fußball vor allem das Gehirn entscheide und Konzepte wie „Positionsfußball“, “Dreiecke bilden”, “optimale Feldaufteilung”, “Ordnung” oder “betrokkenheid” elementar wichtig seien. Fremd wirkte dies. Aber die Erfolge der Bayern und der neue Stil ihres Fußballs machten neugierig, mehr über den Menschen und Trainer Louis van Gaal zu erfahren.
Biographisches
Einige Antworten finden sich in den vorliegenden Bänden. In der Biographie (Bd. 1) ist sehr viel Privates über Louis van Gaal zu lesen, einsetzend bei den Kinderjahren im Amsterdam der 1950er Jahre. Louis wächst als jüngstes von neun Kindern in gesicherten sozialen Verhältnissen auf, verliert aber früh den Vater, der an den Folgen einer Herzerkrankung stirbt. Den Verlust meistert die Familie nur mit Disziplin, Verantwortung und Fleiß – Werte, die das Leben van Gaals bis heute bestimmen und erklären, warum er auch als Fußballtrainer engen Regelwerken eine herausgehobene Bedeutung zumisst. Deutlich wird dies spätestens in den chronologisch angeordneten Kapiteln über seine Karriere als aktiver Fußballer, seine Ausbildung an der Niederländischen Sportakademie und die Trainerstationen, die ihn über Alkmaar und Ajax Amsterdam in die Beletage des Profifußballs nach Barcelona und München führten: Professionalität bedeutet für Louis van Gaal stets Prinzipientreue.
Band 1 folgt dabei dem klassischen Muster einer Autobiographie, in der zumeist nur wenig Kritisches über die Hauptperson zu lesen ist. An einigen Stellen entsteht daher der Eindruck, dass van Gaal sein Buch auch als eine Art Abrechnung verfasst hat, wenn er beispielsweise Ronald Koeman maßgeblich verantwortlich macht für seine Entlassung als Technischer Direktor bei Ajax Amsterdam (2004). Nicht nur hier, sondern auch in den Passagen zum Niederländischen Fußballverband oder zum AZ Alkmaar werden mitunter Details diskutiert, die für den deutschen Leser nicht ohne weiteres nachzuvollziehen sind. Dennoch ergibt sich eine interessante Gesamtsicht auf den Menschen, Fußballer und Fußballtrainer Louis van Gaal, dessen Lebensphilosophie und Arbeitsethik den von ihm betreuten Teams enorme Entwicklungsimpulse verliehen haben. Dem FC Bayern sind insgesamt 40 Seiten gewidmet.
Visionäres
Band 2 ist mit “Vision” überschrieben. Und tatsächlich geht es um die Vision eines perfekten Fußballs. Van Gaal präsentiert zunächst auf 45 Seiten die aus seiner Sicht zentralen Einflussbereiche eines Trainers: Umfeld; Organisation; Scouting und Spielerauswahl; Training; Spielvorbereitung; Coaching während des Spiels; Statistiken, Spielanalysen und Nachbesprechung. Er ist überzeugt, dass nur das gut geplante Zusammenwirken aller Bereiche zum Erfolg führen kann. Das Ziel ist immer ein attraktiver Fußball, den er “Angriffsfußball” nennt und dem er sich so sehr verpflichtet fühlt, dass er eine Art Ehrenerklärung abgibt (S. 44). Einen pragmatischen, hauptsächlich defensiven Fußball lehnt van Gaal entschieden ab, was ansatzweise erklärt, warum es ihn nie in die italienische Serie A verschlagen hat.
Unterhaltsam lesen sich die interviewartig gestalteten Beiträge ehemaliger und aktueller Spieler und Co-Trainer. Zu Wort kommen neben Andrés Iniesta, Xavi, Carles Puyol oder Frank de Boer – das Buch nennt sie “Ziehsöhne” – unter anderem auch Mark van Bommel, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. Sie berichten über van Gaals Fußball und beschreiben, was es ihnen bedeutet, mit diesem Trainer gearbeitet zu arbeiten bzw. mit ihm zu arbeiten. Allen gemeinsam ist die Anerkennung, die sie seiner Fachkompetenz, aber auch seiner Menschlichkeit zusprechen.
Praktisches
Eine echte Perle findet sich am Ende des zweiten Bandes. Hier stellen Louis van Gaal und sein langjähriger Assistent Andries Jonker Trainingsformen vor, die sie in “Passen und Ball spielen”, “Positionsspiel”, “Systemübungen” und “Mannschaftsspiele” kategorisieren. Detailliert werden jeweils Übungsaufbau und -ablauf beschrieben, wobei der Rezensent einräumen muss, nicht über die ausreichenden Fachkenntnisse zu verfügen, um abschließend über die Trainingselemente urteilen zu können. In jedem Fall dürfte dieser Teil des Buches jedoch für Leser mit Trainingserfahrung einen reichhaltigen Fundus mit interessanten Anregungen bieten.
Louis van Gaal und seinen Co-Autoren ist es gelungen, ein überaus interessantes Werk vorzulegen, das dem Leser Einblicke in das fußballerische Wirken des holländischen Meistertrainers gibt. Beide Bände sind sehr gut ins Deutsche übertragen worden; das gesamte Buch liest sich flüssig, ist reich bebildert und glänzt durch eine hochwertigen Aufbereitung. Von daher erscheint der Preis von 49,95 Euro gerechtfertigt. Wer einem fußballinteressierten Vater, Freund oder Ehemann ein besonderes Weihnachtsgeschenk bereiten möchte, dem sei Louis van Gaal – Biographie & Vision empfohlen!
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