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Quo vadis, HSV? - Der MAG-Kommentar zur Situation beim HSV

23. November 2010, 23:23 geschrieben von Schneiderlein, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

Die Niederlage gegen Hannover zeigt, dass der Hamburger SV 2010/11 wieder nicht mit der Ligaspitze mithalten kann. Die Qualifikation für Europa ist fraglich. Der MAG-Kommentar von HSV-Fan Schneiderlein beleuchtet die Situation beim Liga-Dino und zieht ein ernüchterndes Fazit: Keep calm!

Am Ende war es ein 3:2 für den HSV – den “kleinen” HSV aus Hannover gegen den “großen” HSV aus Hamburg, den Liga-Dino mit dem zweitteuersten Kader der Liga. In den letzten vier Spielen war das nun schon die dritte Niederlage. Platz 9 in der Tabelle, gerade noch in der oberen Tabellenhälfte, weil Nürnberg daheim gegen Kaiserslautern nicht punkten konnte. Sieben Punkte hinter den anvisierten Champions-League-Plätzen.

Grau und trist wie das Wetter, so sieht es derzeit beim Hamburger Sportverein aus. Von Spielfreude und guter Stimmung ist auf dem Platz schon lange nichts mehr zu spüren. Auch Siege wie der gegen Hoffenheim neulich wirken derzeit allenfalls routiniert.

Die HSV-Krisenhistorie

Laut Wikipedia ist eine Krise eine “problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation”. In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche mal größere, mal kleinere Krisen beim HSV. Allein die personellen Veränderungen sprechen hier Bände. Armin Veh ist nunmehr der sechste Chefcoach der Hanseaten seit 2007! Zumindest die sportliche Leitung des Vereins wurde zu dieser Saison komplett ausgewechselt. Von einem unbefangenen Neuanfang kann gleichwohl keine Rede sein. Die Frage, ob Bastian Reinhardt schon verbraucht ist, ehe erst richtig angefangen, liegt nicht fern. Scheint es doch, dass er keineswegs erste, womöglich nicht einmal zweite oder dritte Wahl war, als der Posten des Sportchefs neu zu besetzen war.

Aber auch der Blick auf eine andere Personengruppe wirft kein gutes Licht auf die Verantwortlichen: die Mannschaft. Verschrien als «Söldner-Truppe», muss dieses negative Image doch ein wenig korrigiert werden. Immerhin sind mit Frank Rost, Joris Mathijsen, Guy Demel, David Jarolim, Pjotr Trochowski und Paolo Guerrero sechs Stützen aus allen Mannschaftsteilen und Stammspieler seit 2007 dabei. Das Bemühen um Kontinuität kann der sportlichen Führung also kaum abgesprochen werden. Von kontinuierlicher Entwicklung oder gar Wachstum ist dagegen allerdings nichts zu spüren. Immerhin hat sich der HSV im oberen Ligadrittel und als eine Top-Adresse der Liga etabliert. Weder konnte sich die Mannschaft aber auch nur ein einziges Mal in den letzten Jahren für die Champions League qualifizieren, noch ist sie in Europa League (respektive UEFA-Cup) oder DFB-Pokal über das Erreichen des Halbfinales hinausgekommen.

Die Rendite der enormen Anstrengungen in den vergangenen Jahren muss als eher mau bezeichnet werden, jedenfalls als unverhältnismäßig. Hinzu kommen die geradezu traumatischen Erfahrungen (vor allem das Doppelaus gegen Werder Bremen 2009) in großen Pokalspielen der letzten beiden Jahre. Zentrale Spieler scheinen angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre “verbrannt”. Eindrückliches Beispiel hierfür ist David Jarolim. Jarolim ist so etwas wie das Gesicht des HSV und zugleich das Gesicht eines Traumas. Auf der 6 beheimatet und für Schwalben und harte Fouls gleichermaßen bekannt, war er der Lenker im Mittelfeld des HSV. David Jarolim in der Saison 2010/11 beeindruckt nur noch mit mäßigen Leistungen, ein Schatten der vergangenen Jahre.

Dass also regelmäßig Leistungsträger nicht gehalten wurden, ist ein Mythos. Tatsächlich hat der HSV Leistungsträger nur dann ziehen lassen, wenn daran über die Maßen verdient werden konnte (de Jong, Boateng, van der Vaart). In den letzten Jahren konnten wichtige Spieler gehalten werden; die Transfers waren – und das passt zum Bild – kaum “Zukunftsinvestitionen”. Elia und Berg sind Ausnahmen, waren allerdings ja auch wahrlich keine Schnäppchen. Mit Zé Roberto, van Nistelrooy und Westermann wurden fertige Spieler geholt, mit denen die Mannschaft gezielt verstärkt wurde. Darüber hinaus wurde der Kader in der Breite verstärkt. Kurzum: die Transferstrategie der letzten Jahre verfolgte kurzfristige Ziele. Die HSV-Verantwortlichen wollten die schnelle Rendite – und sind damit ziemlich auf die Nase gefallen.

Titel lassen sich im Fußball nicht einplanen. Diese Erfahrung mussten auch schon andere Vereine machen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass der Verein sich selbst in eine ausweglose Situation manövriert hat: Das Produkt ist eine verbrannte, überbezahlte Mannschaft, gezeichnet durch die Depression übermäßigen Erfolgsdrucks und mindestens ebenso übermäßig bitterer Misserfolge.

Wer ist verantwortlich?

Natürlich musste die Darstellung der Krisenhistorie wichtige Episoden weglassen: Der unglückliche Weggang von Huub Stevens; die mysteriöse Flucht von Martin Jol; der Machtkampf zwischen Beiersdorfer und Hoffmann, den letzterer für sich entscheiden konnte; das tragische Kapitel Labbadia, unter welchem der HSV im Übrigen den attraktivsten Fußball der letzten Jahre bot; der plötzliche Rückzug Urs Siegenthalers noch vor Amtsantritt und, und, und.

Vor der Frage der persönlichen Verantwortung muss meines Erachtens die Frage nach den sachlichen Ursachen stehen. Vor allem anderen muss dabei, meine ich, die an kurzfristiger Rendite orientierte Denke genannt werden, die das Agieren des Vereins in den letzten Jahren geprägt hat. Das Interesse galt nicht der Mannschaft, sondern dem Erfolg. Augenfällig wird diese Denke in dem überdimensionierten Plakat, das vor dem Viertelfinale der Europa League 2009/10 am Stadion aufgehängt wurde: «Eine Stadt. Ein Finale. Ein Ziel.» stand da mit großen Lettern darauf, dazu eine rückwärtslaufende Uhr. Noch in der Nacht nach der Niederlage gegen Fulham verschwand es, ohne dass darüber ein Wort verloren wurde.

Verantwortlich hierfür ist ein Mann: Bernd Hoffmann – der Mann, der schon seine eigene Arbeit bei seinem Amtsantritt über die Rendite definierte. Den HSV unter den Top 20 Europas etablieren wolle er. Dabei brauchen die Erfolge Hoffmanns nicht verschwiegen zu werden. Im Vergleich zum Graue-Maus-Dasein der Neunziger hat der HSV 2010 durchaus an Flair gewonnen. Daneben darf aber auch der personelle Verschleiß der Hoffmann-Ära nicht unbeachtet bleiben. Die Flucht Beiersdorfers nach dem verlorenen Machtkampf mit dem Sonnenkönig Hoffmann ist in ihren Konsequenzen kaum zu überschätzen. Seine Arroganz und Überambitioniertheit spalteten die Anhängerschaft. Zuletzt führte dies Fußballdeutschland der sogenannte Putschversuch der Supporters bei der Wahl des Aufsichtsrates 2009 vor Augen. Damals ging Hoffmann als strahlender Sieger bei der Wahl hervor. Im Januar 2011 stehen wieder Aufsichtsratswahlen an und diesmal könnte es anders kommen.

Wie geht es weiter?

Die Emotionen der Fans sind angesichts wachsender Liga-Lethargie nach innen gerichtet. “Pro-Hoffmann”- und “Anti-Hoffmann-Lager” stehen sich gegenüber. Integrative Figuren wie etwa Beiersdorfer wurden vom Sonnenkönig weggeekelt. Integrative sportliche Erfolge konnten nicht generiert werden. Desillusioniert steht der Verein im perspektivlosen Niemandsland – wie schon in den 90ern. Nur dass der Kader mittlerweile dafür zu teuer ist.

So oder so: Der HSV ist in einer Umbruchsituation. Ob nun Hoffmann für seine schwerwiegenden Fehler im Januar abgestraft wird oder nicht, eine Neuorientierung ist unausweichlich. Die Weichen dafür sind gestellt. Womöglich ist die Neuausrichtung des HSV auch eine Neuausrichtung Bernd Hoffmanns, jedenfalls wäre das zu wünschen.

Armin Veh ist angesichts dieser Großwetterlage in einer undankbaren Situation: er muss das Maximum aus einer Mannschaft herausholen, die auf dem Abstellgleis steht. Die Fans sind nach meinem Eindruck noch im Großen und Ganzen dem Trainer wohlgesonnen. “Veh raus”-Rufe sind kaum zu vernehmen.

Kleinere Brötchen backen!

Die wichtigste Konsequenz aus dem Irrsinn der letzten Jahre lautet: kleinere Brötchen backen! Titelambitionen sollten auf absehbare Zeit tabu sein. Man wird der sportlichen Leitung jetzt einige Zeit geben müssen, um die Mannschaft neu zu formen. Dies wird nicht von heute auf morgen gehen und womöglich einige Jahre dauern. Wie man etwa an Borussia Dortmund sehen kann, muss das keineswegs das Schlechteste sein. Mein Fazit daher: Keep calm!

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