[1. Bundesliga 2010/11] Die MAG-Halbzeitbilanz: Eintracht Frankfurt - Mit Gekas nach Europa?
10. Januar 2011, 12:27 geschrieben von Mario, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Heute befasst sich unsere Halbzeitbilanz mit der Frankfurter Eintracht, die nach beschwerlichem Start in die Erfolgsspur zurückfand. Mit 26 Punkten liegen die Hessen zur Winterpause im Soll, nachdem die zum Saisonbeginn herausgegebene Zielmarke von 50 Zählern anfangs belächelt wurde.
Eintracht Frankfurt
Die Hinrunde
Denkbar schwer kamen die Hessen, wie erwähnt, in die Saison. Nach fünf Spieltagen standen drei Punkte auf der Habenseite. Viel zu wenig, gemessen an den Zielen, die sogar der Vorstands-Boss, Heribert Bruchhagen, infrage stellte. Ihm habe noch niemand erklärt, gegen wen die kolportierten 50 Punkte in dieser Saison geholt werden sollen, polterte es vor dem Start aus ihm heraus. Nun, Mannschaft und Trainer hatten sich nach der Spielzeit 2009/10, die mit 46 Punkten recht erfolgreich verlief, darauf verständigt, noch ein paar Zähler oben drauf zu packen. Eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr sollte es schon sein. Ambitioniert, aber durchaus machbar, meinte die MAG-Redaktion.
Nach der ärgerlichen Auftaktniederlage in Hannover (1:2) folgte die fast schon erwartungsgemäße Heimniederlage gegen den Hamburger SV (1:3). Bezeichnend war allerdings, dass man in beiden Spielen im ersten Abschnitt das überlegene Team stellte, in der zweiten Halbzeit dann aber in besorgniserregender Weise nachließ. Mit dem überzeugenden 4:0-Sieg in Gladbach sollten dann alle Zweifel beseitigt werden – wurden sie aber nicht. Aus Fan-Kreisen war zu hören, die Mannschaft habe ein Fitness-Problem. Diese These schien das Skibbe-Team mit den beiden folgenden Niederlagen gegen Freiburg (0:1) und Leverkusen (1:2) bestätigen zu wollen. Tatsächlich berief der Mannschaftsrat danach eine Zusammenkunft ein, die ohne Trainer stattfand.
Damit war die Trendwende eingeleitet. Es folgten 17 Punkte aus sieben Spielen sowie die beachtliche 5:2-Revanche gegen den Hamburger SV im DFB-Pokal. Zwischentiefs in Bayern (1:4) und gegen Hoffenheim (0:4) wurden erstaunlich gut verarbeitet. Versöhnlich, vor allem für die Fans, waren die finalen Hinrunden-Heimspiele, die man nacheinander gegen den Tabellenzweiten, Mainz 05 (2:1), und den Überfliegern aus Dortmund (1:0), knapp aber verdient, für sich entscheiden konnte. Leider verlief dafür der Saisonabschluss im Pokal denkbar unglücklich. In Aachen, bei Zweitligist Alemannia, musste man sich nach denkwürdigem Spiel im Elfmeterschießen geschlagen geben. Ausgerechnet Pirmin Schwegler, Spielgestalter und Antreiber in Personalunion, leistete sich nach einer knappen Viertelstunde den spielentscheidenden, kapitalen Fehler (Notbremse im Strafraum), der ihm die Rote Karte einbrachte. Selbst der im Anschluss von Ralf Fährmann gehaltene Strafstoß konnte die sich anbahnende, sehr unglückliche Niederlage nicht mehr verhindern, was den Hessen, auch aus finanzieller Sicht, arg missfiel. Im Viertelfinale erwartet jetzt der Zweitligist – anstelle der Eintracht – den lukrativsten aller Gegner, Bayern München, am heimischen Tivoli. Doppelte Tragik sozusagen.

| Platz: 07 |
| Punkte: 26 – 8S/2U/7N |
| Heim: 13 – 4/1/3 |
| Auswärts: 13 – 4/1/4 |
| Bester Schütze: Gekas 14 |
| Beste Scorer: Gekas 14T/1V – Ochs 2T/3V |
| Zuschauerschnitt: 47.225 / Auslastung: 91,7% |
| Fair-Play-Wertung: Platz 9 / 36 Punkte |
Personalien
Ungewöhnlich, wenn man den Vorstands-Chef der Eintracht kennt, war die Verpflichtung von Theofanis Gekas schon. Denn vier Stürmer auf diesem Niveau, vor allem was das Gehalt angeht, so Bruchhagen, könne man sich nicht leisten. Da der Verein das Vertragsangebot an Halil Altintop nicht, wie erwartet, zurückzog, sowie mit Ioannis Amanatidis und Martin Fenin bereits etablierte – aber auch teure – Angreifer im Kader der Hessen standen, kam die Vollzugsmeldung mit dem Ex-Herthaner – einst Torschützenkönig mit dem VfL Bochum – ziemlich überraschend. Dass sich diese Entscheidung als eine von edelster Güte entpuppte, darüber konnte man zum damaligen Zeitpunkt nur spekulieren. Gekas, der eiskalte Vollstrecker, strafte all diejenigen, die in ihm den alternden Star sahen, mit Toren am Fließband. Wo stünde Eintracht Frankfurt ohne die 14 Liga-Treffer des Griechen, was immerhin mehr als die Hälfte aller Torerfolge des Traditions-Klubs ausmacht? Natürlich, auch ohne Gekas, sagen Fachleute, traf die Eintracht im vergleichbaren Vorjahreszeitraum lediglich zwei Mal weniger ins Netz. Dennoch, so scheint es, kreieren die Hessen weniger Chancen, um erfolgreich zu sein. Das Spiel wurde effektiver, was Kräfte spart und Respekt beim Gegner verschafft – immerhin.

Theofanis Gekas: Schießt er die Eintracht nach Europa? /Foto: www.zaunsturm1905.de
Wie erwähnt bekam Halil Altintop, der zur Winterpause der Spielzeit 2009/10 von Schalke ausgeliehen wurde, einen Vertrag bei der Eintracht. Das in ihn gesetzte Vertrauen zahlte er allerdings nicht zurück, denn der Deutsch-Türke enttäuschte in fast jedem Spiel. Sicherlich, seine Wunschposition durfte der gelernte Stürmer seit der Verpflichtung des Torgaranten Gekas nicht mehr ausüben. Dennoch erwartet man von einem Spieler seines Schlages mehr. Allein sein Trainer, Michael Skibbe, hält nach wie vor große Stücke auf Altintop, zog ihn Woche für Woche Martin Fenin vor, der sich darüber not amused zeigte, seither mit einem Wechsel liebäugelt. Doch gehen lassen will der Trainer den Tschechen auf keinen Fall. Fenin, so Skibbe, spielt nach wie vor eine große Rolle in seinen Planungen, sei schließlich, neben Altintop versteht sich, eine echte Alternative für die linke Außenbahn.
Nachdem es Ex-Kapitän und Leitwolf Christoph Spycher zurück in seine Heimat zu den Young Boys Bern zog, schien die linke Abwehrseite verwahrlost. Zudem zählte der Schweizer zu den Vorbildern seines Faches, gab Kommandos auf und neben dem Platz. Sein Wort hatte Gewicht, sein Charisma war bemerkenswert. Spycher sei unersetzlich, jammerten nicht wenige Eintracht-Anhänger, er würde eine nicht zu schließende Lücke hinterlassen. Doch der Verteidiger hatte nicht nur Freunde. Spielerisch, ließen Kritiker durchblicken, sei Spycher eher Bremse als Motor des Spiels der Eintracht. Seine Flanken seien ein Ärgernis, zudem eine Seltenheit. Giorgios Tzavellas, Neuverpflichtung aus Athen, würde seine liebe Mühe haben, den Platzhirsch der Mannschaft ersetzen zu können. Ein Irrtum, wie sich aktuell herausstellt. Tzavellas überzeugt sowohl hinten, wo er seinen Part nach anfänglichen Schwierigkeiten solide ausfüllt, als auch vorne, wo er sich mit guten Standards und Flanken von der linken Außenbahn gekonnt ins Offensivspiel seiner Mannschaft einbringt. Von Chrsitoph Spycher spricht indes niemand mehr.
Weiterhin positiv in Erscheinung getreten ist Sebastian Jung, der auf der rechten Abwehrseite zur unverzichtbaren Größe avancierte. Seine Vorstöße, zusammen mit Vize-Kapitän Patrick Ochs, sind mittlerweile ligaweit bekannt, sogar ein wenig gefürchtet.

Patrick Ochs: zum Offensivspezialist umgeschulter Vize-Kapitän, der im Sommer für Drei Millionen Euro Ablöse gehen könnte. Will er das? /Foto: www.zaunsturm1905.de
Dass Pirmin Schwegler auch in seiner zweiten Saison weiter eindrucksvoll die Fäden im defensiven Mittelfeld ziehen würde, darüber gab es schon zu Beginn der Hinrunde keine Zweifel. Der Schweizer überzeugt nach wie vor auf ganzer Linie, was leider, aus Sicht der Eintracht, auch den Liga-Konkurrenten nicht verborgen blieb. Sein Bleiben gilt dennoch als sicher. Als bester Umschaltspieler ist Schwegler laut Skibbe ohnehin aus dem Team nicht wegzudenken.
Etwas, was man von Korkmaz, Heller, Petkovic oder Steinhöfer nicht unbedingt behaupten kann. Erstgenannter will sich in der Rückrunde durchbeißen, nachdem bisher die Tribüne sein Stammplatz war. Für Petkovic hat Skibbe nach wie vor keinerlei Verwendung. Steinhöfer und Heller können gehen, sobald sich zahlungswillige Interessenten gefunden haben. Die Nachwuchskräfte Tosun sowie Alvarez sollen zwar gehalten werden. Beide sind allerdings wegen ihres Reservisten-Daseins unzufrieden und können aufgrund einer neuen Vertragsklausel, die Mindesteinsatzzeiten vorschreibt, gehen, sofern sie einen neuen Arbeitgeber finden.
Nun, das Personalkarussell dreht sich vielerorts. Neue Spieler, das ist mittlerweile sicher, wird die Eintracht in der Winterpause trotz allergrößter Personalsorgen im Abwehrbereich nicht holen. Zum einen sind die Kassen traditionell leer, zum anderen wurde die zunächst als Experiment eingestufte Pokal-Notlösung, mit Vasoski und Schwegler in der Innenverteidigung, auch für den Rückrundenstart favorisiert. Da aber auch der Mazedonier, letzter etatmäßiger Defensivspezialist, durch einen Muskelfaserriss, den er sich im türkischen Belek einfing, mehrere Wochen nicht zur Verfügung steht, muss man sich irgendwie in den Februar retten. Denn dann spätestens wird mit der Rückkehr der Rekonvaleszenten Russ sowie Franz gerechnet. Bis dahin gilt die Übergangslösung Clark/Schwegler als machbar, zumal sich Rohdiamant Sebastian Rode, der Ex-Offenbacher, gut erholt von seinem leichten Knorpelschaden im Knie zeigte und mit Macht ins Team drängt. Dort könnte er, sofern Schwegler doch länger als erwartet in der Abwehr aushelfen muss, das defensive Mittelfeld unterstützen. Alternativ stünde schließlich Nachwuchstalent Kevin Kraus für die Innenverteidigung zur Verfügung, der, in weiser Voraussicht, schon einige Wochen vor der Winterpause von Trainer Skibbe zu den Profis berufen wurde. Möglicherweise gibt er sein Startdebüt.
Auch Kapitän Chris ist mit ins Trainingslager in die Türkei gereist. Bei ihm wird es allerdings noch eine Weile dauern, bis er komplette Einheiten mit der Mannschaft absolvieren kann. Die Spritzenkur scheint zwar die Entzündung im Rücken erfolgreich bekämpft zu haben, denn der Brasilianer ist schmerzfrei. Allerdings hat Chris laut eigener Aussage sechs Kilogramm Muskelmasse während seiner monatelangen Leidenszeit verloren, die er für sein kraftaufwändiges Spiel dringend braucht. Diese muss jetzt erst wieder antrainiert werden, bevor der Defensiv-Allrounder zurück zu alter Schaffenskraft finden kann. In seinem Fall ist also Geduld gefragt.
Trainer und Umfeld
Michael Skibbe hat es innerhalb von eineinhalb Spielzeiten geschafft, einen ganzen Verein mit all seinen verkrusteten Strukturen auf einen anderen, nämlich seinen Kurs, zu bringen. Und dieser Kurs hat mit grauem Mittelmaß, in dem sich die Eintracht seit dem Wiederaufstieg befindet, nicht viel gemeinsam. Skibbe steht für Aufbruch. Er hasst es, nicht konkurrenzfähig zu sein. “Wir müssen zwar in jedem Spiel an unsere Grenzen gehen, um erfolgreich zu sein”, sagt der Trainer, aber Angst sei ein schlechter Ratgeber. Natürlich, das weiß auch Skibbe, braucht ein konkurrenzfähiges Team eine gewisse Qualität. Die Mannschaft muss kontinuierlich verstärkt werden – auch in Zeiten klammer Kassen. Deshalb war ihm die Entwicklung des Kaders der wichtigste Gradmesser im Bezug auf die anstehende Verlängerung seines im Sommer auslaufenden Vertrages. Skibbe wäre wohl nicht zur Unterschrift bereit gewesen, wenn auch nur einer der Leistungsträger den Verein verlassen würde. Da sich Bruchhagen und Skibbe im Trainings-Camp relativ schnell über die Modalitäten des Arbeitspapiers einig waren, könnte jetzt lediglich der Aufsichtsrat den Vorstandsbeschluss in Sachen Verträge des Trainers sowie zwei seiner wichtigsten Spieler, Schwegler und Köhler, anlässlich seiner turnusmäßigen Sitzung am 17. Januar noch kippen. Davon ist nicht auszugehen.

Mittelmaß ist für ihn ein Fremdwort: Michael Skibbe /Foto: www.zaunsturm1905.de
Währenddessen hadert Heribert Bruchhagen wohl immer noch mit dem Pokal-Aus. Das Erreichen des Viertelfinales wäre aus finanzieller Sicht immens wichtig gewesen. Immerhin hat der knausrige Vorstands-Boss bei der Kaderplanung für die aktuelle Saison fast all seine Tugenden beiseite gelegt, um dem Trainer seine Wünsche zu erfüllen. Es grenzte schon fast an ein Wunder, als bekannt wurde, dass die Eintracht mit einem gesamtwirtschaftlichen Verlust zwischen drei und fünf Millionen plant. Angesichts dieser Tatsache hätten ein paar Pokal-Milliönchen gut getan, zumal diverse Vertragsverlängerungen, unter anderem die mit Benjamin Köhler, einen finanziellen Mehraufwand bedeuten. Die Eintracht kommt nicht umhin, den Kader zu verkleinern, um nicht an die Grenzen des Machbaren gehen zu müssen. Das weiß auch Michael Skibbe, wie aus dem Trainingslager zu hören war. Schließlich habe Bruchhagen ihm die Sachlage verdeutlichen müssen, bevor es ans Eingemachte ging.

Grimmiger Vorstands-Boss sowie Manager der Eintracht: Heribert Bruchhagen /Foto: www.zaunsturm1905.de
Nun, solange die Hessen an ihren Grundprinzipien festhalten und kein fremdes Geld aufnehmen, um ihre Ziele zu erreichen, dürfte am Main alles in geordneten Bahnen laufen. Dafür wird Heribert Bruchhagen schon sorgen. Er, der den Weg der kleinen Schritte bevorzugt, der sich von niemandem treiben lässt und stets unaufgeregt an die Dinge herangeht, wird es nicht zulassen, dass die Vereinspolitik von einer unrealistischen Erwartungshaltung des Umfeldes geprägt wird.
Saisonziel, Prognose
Eintracht Frankfurt, so scheint es, steht am Scheideweg. Tatsächlich hat man, seitdem Michael Skibbe bei den Hessen angeheuert hat, den Weg nach oben angetreten. Inwieweit man die beschwerlichen Stufen in dieser Saison noch hinaufschafft, liegt zum einen daran, wie schnell das Team wieder vollzählig ist. Zum anderen muss dann auch endlich die Chance, wenn sie den kommt, konsequent genutzt werden. Etwas, was in Fan-Kreisen bisher schmerzlich vermisst wurde. Der sogenannte Killerinstinkt fehlt noch. Dann, wenn es gilt den nächsten Schritt zu gehen, versagten bisher die Nerven. Wenn Michael Skibbe es schafft, seiner Mannschaft diese Angst auch noch zu nehmen, können die Hessen es tatsächlich schaffen die europäischen Plätze anzugreifen. Das Potential ist vorhanden, zweifelsfrei.
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