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Nach dem WM-Debakel: Wo steht der deutsche Handball?

26. Januar 2011, 18:42 geschrieben von BVB-Benny.

Das MAG bilanziert die Handball-Weltmeisterschaft in Schweden aus der Sicht des deutschen Teams, analysiert die Ursachen und Probleme, gibt einen Ausblick für die Zukunft und stellt dabei auch die Frage, welche Rolle Heiner Brand bei ihrer Gestaltung spielen wird.

Bestandsaufnahme

Als die deutsche Handballnationalmannschaft 1997 die WM-Qualifikation verpasste, übernahm Heiner Brand das Amt des Nationalcoaches. Und er führte das Team bis in die Weltspitze, feierte 2004 mit EM-Titel und Olympia-Silber sowie 2007 mit dem Weltmeistertitel im eigenen Land die größten Erfolge. Heute, vier Jahre später, scheint der deutsche Handball am Abgrund angelangt. Nachdem schon im letzten Jahr das schwächste Abschneiden bei einer Europameisterschaft zu verzeichnen war, gelang selbiges nun auch bei der Weltmeisterschaft in Schweden. Keine Frage, es geht abwärts. Aber das Schlimmste ist: Es besteht keine Aussicht auf baldige Besserung.

Die goldene Generation ist in Rente. Namen wie Christian Schwarzer, Markus Baur oder auch Henning Fritz lassen die Herzen deutscher Handballfans höher schlagen und uns in Erinnerungen schwelgen. Erinnerungen an Erfolge, die in dieser Form in absehbarer Zeit nicht mehr zu erwarten sind. Denn heute sind die Namen Kraus, Hens und Glandorf. Sie stehen nur noch für enttäuschte Hoffnungen. Säulen für eine sich im Umbruch befindende Mannschaft sollten sie werden, vielleicht sogar eine neue goldene Generation. Doch bei den internationalen Turnieren der letzten Jahre stellte sich heraus, dass sie zu hölzern sind, um zu glänzen. Ihr Talent scheint schlichtweg nicht ausreichend, um mit dem Rest des Teams an das hohe Niveau vergangener Tage heranreichen zu können. Nur Weltklasse auf der Torhüterposition reichen dafür nicht aus. Und unsere vorhandenen Talente auf Außen brauchen einfach einen besseren Rückraum, um ihre Stärke irgendwann einmal voll ausspielen zu können.

Handball zum Abgewöhnen

Mit Bauchschmerzen muss Heiner Brand schon nach Schweden gereist sein. Schließlich ist er Experte genug, um über die wahre Stärke seiner Mannschaft von Anfang im Bilde gewesen zu sein. So gab er nun im Nachhinein auch zu, dass er sich nicht um den Halbfinal-Einzug sorgte, sondern ihn viel mehr die Angst umtrieb, das Nationalteam könnte gegen Ägypten und Tunesien gar die Hauptrunde verspielen. Der Weltmeister von 2007 hat Angst vor den Afrikanern! Diese Aussage stellt in voller Brutalität dar, wie es um den deutschen Handball 2011 bestellt ist. Denn diese Angst war – auch wenn beide Spiele gewonnen werden konnten – keineswegs unangebracht. Die Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass dies die Teams sind, auf deren Stufe die deutsche Mannschaft mittlerweile herabgestiegen ist. Dass das nun von allen anerkannt wird – und man es nicht als einfachen Misserfolg, der bei einem Turnier mal vorkommen kann, verharmlost – ist immens wichtig. Gerade auch die Liga muss hier aufwachen. Aber dazu später mehr.

Erst einmal müssen wir uns noch anschauen, warum Deutschland momentan so schlecht ist. Auch wenn es weh tut – es fehlt an allen Ecken und Enden. Das Problem lässt sich nicht auf einen Mannschaftsteil eingrenzen, was die Lösung umso schwieriger macht. In der Endbewertung kommt die Abwehr wohl noch am besten weg. Sie bot zumindest zeitweise ansprechend gute Leistungen. Klar wurde aber vor allem hier eine ganz generelle Schwierigkeit: Deutschen Spielern fehlt es im internationalen Vergleich an der Physis. Es sei an dieser Stelle nur auf die französischen oder kroatischen Brocken hingewiesen, an denen wesentlich schwerer ein Vorbeikommen war als an der deutschen Defensive. Hinzu kommt, dass unsere Abwehr nur die 6:0-Deckung auf internationalem Niveau beherrscht. Heiner Brand hat in einem Vorbereitungsspiel auf die WM gegen Island versucht, ein 5:1 auszuprobieren, musste aber feststellen, dass sein Team diese Formation nicht in einer Form beherrscht, die man bei einem solchen Turnier anbieten kann. Damit ist dem Trainer aber ein wichtiges taktisches Grundmittel genommen: Er kann seine Abwehr nicht – zumindest nicht taktisch – umstellen, wenn der Gegner Mittel und Wege gefunden hat, sie zu knacken.

Ein Bild, das für längerer Zeit der Vergangenheit angehören dürfte: Deutschland auf dem Handballthron/Foto: DHB, Michael Heuberger

Bei einem Blick auf die Performance des deutschen Angriffs in Schweden können Handballfreunde nur das kalte Grausen kriegen. Man kann nur dankbar für die relative Wurfstärke aus dem Rückraum sein, da es ansonsten wohl noch viel finsterer ausgesehen hätte. Man war fast über das gesamte Turnier nicht in der Lage, eine spielerische Überlegenheit zu erarbeiten. Meist wurde der Ball im Rückraum hin und her geschoben, ohne jeden Druck auf die gegnerische Abwehr, bis irgendjemand fand, dass es Zeit war, abzuschließen, und den Ball aus bestenfalls neun, gegen Norwegen auch gern mal aus elf bis zwölf Metern, aufs Tor zu hämmern. Anspiele an den Kreis oder auf die Außen, die freie Würfe ermöglichten, konnte man in jedem Spiel nahezu an einer Hand abzählen. Das Ganze wurde natürlich umso schwieriger, sobald die Deutschen auf eine offensivere Abwehrformation trafen, die dann eben darauf ausgerichtet war, gerade auch die Würfe aus dem Rückraum zu verhindern. In den ersten Spielen kamen noch hin und wieder eigene Gegenstöße hinzu, die dann aber auch immer seltener wurden. Im Gegenteil, der Angriff produzierte zunehmend leichte Ballverluste, die dem Gegner Konter ermöglichten und es so den eigenen Torhütern und auch der Abwehr schwer machten. Überhaupt schien der Angriff bis auf wenige Ausreißer immer schwächer zu werden. So, wie man sich an der eigenen Leistung berauschen kann, kann man eben auch an ihr selbst verzweifeln.

Die Schuld der Liga – das Ausländerproblem

Die deutsche Nationalmannschaft ist im internationalen Mittelfeld angelangt, vielleicht sogar im unteren. Im krassen Unterschied dazu steht die deutsche Handballbundesliga, die als stärkste der Welt gilt. Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Es ist offensichtlich: Die Stützen der deutschen Spitzenteams sind nicht die Spieler, die die Stützen der deutschen Nationalmannschaft sein sollten. Seit Jahren setzen die Klubs auf teure ausländische Stars, einheimische Spieler dienen meist nur der Ergänzung. Das bringt gleich mehrere Probleme mit sich. Zum einen haben junge und hoffnungsvolle Nachwuchstalente kaum Perspektiven, in den Profikader eines deutschen Bundesligisten aufzusteigen. Wenn dies doch mal gelingt, hat er entweder wenig Spielzeit, oder trägt nicht die Verantwortung, die ihn zum Führungsspieler machen könnte. Pascal Hens, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, ist bestenfalls Aushängeschild seines Vereins HSV Hamburg, aber ganz bestimmt nicht der Wortführer innerhalb des Teams. Genauso verhält es sich bei Mimi Kraus. Die Spieler lernen in ihren Vereinen nicht mehr, Verantwortung zu tragen, sondern haben dort immer die Möglichkeit, sich hinter den wahren Leistungsträgern zu verstecken. Wenn es bei ihnen nicht läuft, springt im Verein eben jemand anderes in die Bresche. Viele Spieler scheinen dort nur das endgültige Abschneiden ihrer Mannschaft zu sehen, aber jedes Gefühl dafür verloren zu haben, welchen Anteil sie selbst daran eigentlich haben. So könnte vielen deutschen Schützlinge die Begrenzheit ihres sportlichen Potenzials erst jetzt bei der WM auf brutale Art und Weise vor Augen geführt worden sein. Denn in der Nationalmannschaft ist kein ausländischer Topspieler, hinter dem man sich verstecken oder an dessen starker Leistung man sich aufrichten kann. Das Ergebnis haben wir in den vergangenen zwei Wochen beobachten können.

Es ist bei weitem nicht so, dass diese Probleme neu wären oder erst durch den phänomenalen Misserfolg bei der WM ans Licht kommen. Heiner Brand weist viel mehr schon seit mehreren Jahren daraufhin, dass die Klubs mehr auf Eigengewächse oder zumindest einheimische Spieler setzen müssen. Wirklich erhört wurde er bisher nicht, auch wenn jetzt ernsthaft über die Einführung einer “Deutsch-Quote” zur Saison 2012/13 diskutiert wird. Der konkrete Inhalt dieser Regelung zeigt das ganze Ausmaß des Problems: Sie schreibt vor, dass jeder Bundesligaverein wenigstens vier (!) deutsche Spieler in seinem Kader haben muss. Mal ganz abgesehen davon, dass die Anzahl schon ein Witz an sich ist, haben die Spieler vom bloßen “im Kader sein” noch keinen entscheidenden Vorteil. Doch es scheint das Maximum zu sein, was mit den Vereinen machbar ist, die nicht bereit sind, zugunsten deutscher Talente und der Nationalmannschaft möglicherweise kurzfristig auf Erfolge zu verzichten. Dass gerade sie es waren, die ganz massiv von den Erfolgen der DHB-Auswahl, vor allem vom WM-Titel 2007, profitiert haben, scheinen fast alle vergessen zu haben. Auch die HBL scheint entweder nicht willens oder nicht mächtig genug, um einzugreifen. Eine Situation, die Heiner Brand schon lange frustrieren muss – und dies auch tut.

Geht Heiner Brand?

Auch deshalb stellt sich die Frage, ob der Bundestrainer nach der Schmach in Schweden nun das Handtuch schmeißen wird. Im Machtkampf mit der Liga und den Vereinen ist er seit Jahren unterlegen, und es muss für ihn kaum einzusehen sein, warum er jetzt die Konsequenzen dafür mit der Nationalmannschaft ausbaden soll. Man hat wohl noch nie einen so enttäuschten und resignierten Bundestrainer gesehen wie nach der herben Pleite gegen Norwegen. Spieler, die er immer wieder gefördert hat, haben ihn bitterlich im Stich gelassen. Kraus bietet seit der WM 2007 mehrheitlich schwache Leistungen, trotzdem hielt Brand an ihm fest, schenkte ihm das Vertrauen – um einmal mehr enttäuscht zu werden. Will er sich das wirklich weiter antun? Und Besserung ist nicht in Sicht. Man muss lange überlegen, um auf den Namen eines deutschen Nachwuchstalents zu kommen, dass in naher Zukunft nachhaltig helfen kann. Dabei ist das Juniorenteam unter Coach Martin Heuberger erst im August 2009 Weltmeister geworden. Dass sich das noch nicht auf das A-Nationalteam auswirkt, liegt vor allem an der bereits beschriebenen Situation in den Vereinen, die lieber fertige Stars für viel Geld und den schnellen Erfolg verpflichten, statt die billigere, aber eben auch langwierigere Lösung zu wählen und dem Nachwuchs eine Chance zu geben.

Die Perspektive für Brand scheint also nicht verlockend. Hinzu kommt, dass sein großes Ziel, auf das er so lange hingearbeitet hat, so gut wie verfehlt ist. Bei Olympia in London 2012 wollte er mit seinem Team eine gute Rolle spielen. Nun schaut es so aus, als würde man überhaupt keine Rolle spielen, da Platz 7 in Schweden nötig gewesen wäre, um am Qualifikationsturnier teilnehmen zu können. Es besteht nur noch die Möglichkeit, über eine außergewöhnlich gute Leistung bei der EM im nächsten Jahr nach London zu kommen. Aber wo soll die herkommen? Somit scheint das letzte große Projekt von Heiner Brand beendet, bevor es überhaupt angefangen hat. Was soll also den Bundestrainer noch halten? Die einzige Chance ist vielleicht das gewaltige neue Argument, mit dem er nun versuchen kann, die Liga doch noch zum Umdenken zu bewegen. Gemeint ist das schwache Abschneiden bei der jetzigen Weltmeisterschaft. Vielleicht wachen Vereine und HBL nun endlich auf und sehen ein, dass sie zum Handeln gezwungen sind. Das wäre ein verspäteter Sieg für Heiner Brand, der ihm eine neue Perspektive geben und möglicherweise zum Bleiben bewegen könnte. Geschieht dies nicht, dürfte er weg sein und sein Nachfolger hätte einen Neustart unter schwierigsten Voraussetzungen vor sich.


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  1. Gratulation! Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf und analysiert treffend die derzeitige Situation in der Nationalmannschaft. Anscheinend haben Bundesligavereine und Ligaverband immer noch nicht begriffen, dass sie durch ihr $$-Denken und Handeln zum Totengräber einer wunderschönen Sportart in Deutschland werden können.


    — fietje    Jan 26, 19:11    #

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