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Eintracht Frankfurt im freien Fall. Interview mit Stefan Krieger von der Frankfurter Rundschau.

13. März 2011, 17:03 geschrieben von Mario, abgelegt unter Deutscher-Fussball.

0:3, 0:1, 0:1, 0:0, 0:3, 0:3, 0:2, 0:0, 1:2. Nein, das ist nicht etwa die Bilanz von Tasmania 1900 Berlin – die wird, ohne nachgeschaut zu haben, besser gewesen sein. Das ist die erschreckende Rückrunden-Serie des Bundesliga-Klubs Eintracht Frankfurt. Die Hessen befinden sich nach der erfolgreichen Hinrunde, die man mit 26 Punkten auf Platz sieben abschloss, im freien Fall.

Das Magazin hat in seiner Tops und Flops-Ausgabe vom 22. Spieltag bereits über den Niedergang der Frankfurter Eintracht berichtet. Auch vier Spieltage später gibt es nichts Positives über den Traditions-Klub zu berichten, außer vielleicht dem ersten Tor nach der Winterpause, das zudem auf derart kuriose Weise fiel, wie nur wenige Treffer in der Bundesligageschichte zuvor. Wir wollten wissen, wie es zu diesem, für Fans und Verantwortliche, völlig unerwarteten Absturz der Eintracht kommen konnte und haben Stefan Krieger, redaktioneller Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau, bekennender Eintracht-Fan sowie Kenner der Szenerie, zum Interview gebeten. Durch seine Tätigkeiten für die Online- sowie I-Pad-Ausgabe der Zeitschrift beschäftigt sich Krieger vor allem mit dem hessischen Bundesliga-Klub und ist verantwortlich für Blog-g, der Diskussionsplattform von FR-online. Er ist also nah dran am Geschehen der Eintracht. Sowohl beim Training, als auch an Spieltagen spürt Krieger die Stimmung, die derzeit im Klub herrscht, praktisch unmittelbar. Grund genug für das MAG, da mal nachzufragen.

Stefan Krieger: stets hautnah dabei.

MAG:
Hallo Stefan, wie ist das werte Befinden, nach der neuerlichen, absolut verdienten Niederlage auf Schalke?

Stefan Krieger:
Nicht so gut. Ich denke die Niederlage auf Schalke war das endgültige Aus. Gerade durch die Art und Weise wie diese Niederlage zu Stande kam. Es war wieder mal alles drin, was einen Absteiger ausmacht. Unglaubliche Fehler in der Abwehr, das von allen seit langem geforderte dreckige Tor, das die Krise beenden sollte, das dann aber doch nicht für auch nur einen Punkt gereicht hat, kaum eigene erspielte Chancen gegen einen Gegner, der selbst alles andere als gut aufgestellt war und zudem noch mit eigenen Problemen und einem CL-Spiel in den Knochen zu kämpfen hatte. Das letztlich entscheidende Tor durch einen Fußballrentner kurz vor Ende der Partie setzte dem ganzen dann die Krone auf.

MAG:
Wir haben es in der Einleitung kurz angesprochen. Niemand, selbst der kühnste Pessimist, hat nach der erfolgreichen Hinserie mit einem derartigen Niedergang der Eintracht gerechnet. Was um Himmels Willen ist da geschehen? Wie konnte es zu solch einem Bruch im Spiel des Teams kommen, das ja durchaus spielerisches Potential zu haben scheint, zumindest wenn man den Großteil der Hinrunde betrachtet?

Stefan Krieger:
Man hat in Frankfurt lange Zeit die Augen vor der Realität verschlossen. Auch in der Hinrunde lief es nur eine sehr kurze Zeit wirklich rund. Man erinnere sich nur an den katastrophalen Saisonstart. Dann kamen einige Spiele, bei denen man sehr viel Glück hatte. Aber schon ab dem 0:0 in Bremen, die zum damaligen Zeitpunkt von wirklich jedem Gegner geschlagen wurden, funktionierte das alleine auf Gekas ausgerichtete Spielsystem nicht mehr. Dann folgten ein Sieg des Willens über Mainz, und ein mehr als glücklicher Erfolg über Dortmund, der mit der Winterpause Eintracht Frankfurt endgültig das trügerische Gefühl der Sicherheit gab. Wenn man jetzt mit einigem Abstand auf die Hinrunde schaut wird man sehen, dass keinesfalls ein Großteil der Serie gut lief. Es war nur ein kleiner Teil, und da war viel Glück dabei.

MAG:
Der Name Michael Skibbe stand vor seiner Amtsübernahme für die Förderung junger Spieler. Dennoch wanderten in der Winterpause Talente wie Tosun und Alvarez entnervt ab. Sie bemängelten, nie eine reelle Chance bekommen zu haben ihr Können zu beweisen. Auch etablierte Kräfte, wie etwa Korkmaz oder Steinhöfer, unter Funkel noch Stammspieler, verdienen ihr Geld längst woanders. Caio und Ochs waren auf dem Sprung, blieben aus zum Teil kuriosen Gründen letztendlich doch. Waren das schon die ersten Anzeichen von Auflösungserscheinungen im Kader der Eintracht? Denn auch Schwegler wollte plötzlich die zuvor anvisierte Vertragsverlängerung nicht mehr unterschreiben. Spüren Spieler wenn die Stimmung zu kippen droht?

Stefan Krieger:
Natürlich spüren die Spieler so etwas früher als das Umfeld. Alvarez und Korkmaz wussten schon sehr früh, dass im System Gekas niemals Platz für sie sein würde. Aber auch Fenin wollte ja schon weg, bekam aber vom Trainer keine Freigabe. Man darf nicht vergessen, dass auch Spieler wie Caio und selbst Köhler schon länger auf der “Abschussliste” von Skibbe standen, aber sich schlicht keine Interessenten für sie fanden. Um so erstaunlicher ist es, dass diese Spieler teilweise ein halbes Jahr später wieder enorm wichtig für den Trainer wurden. Andere, die ihr Potential durchaus bewiesen haben, wurden erst gebracht, als wirklich fast niemand mehr zur Verfügung stand. Als Beispiel sei da nur Ricardo Clark genannt.

MAG:
Michael Skibbe, das werfen ihm nicht wenige vor, setzt auf einen Stamm von 15/16 Spielern. Andere, wie Amanatidis, Fenin oder Heller, lässt er gerne links liegen. Das Stammpersonal kann sich seiner Sache also sicher sein. Ist das Ziel führend? Braucht eine Mannschaft keinen Konkurrenzdruck?

Stefan Krieger:
Jeder Spieler neigt dazu bequem zu werden, wenn er keinen Konkurrenten hinter sich weiß. Selbst Schwegler spielt ja inzwischen auf einem Niveau, das es ihm, wenn es nur nach aktueller Leistung gehen würde, schwer machen würde einen Stammplatz zu haben. Er spielt aber, obwohl Alternativen da wären. Da kann man natürlich jungen Kräften nur schwer vermitteln, dass sie sich nur in Geduld üben müssen, sie ihre Chance schon erhalten werden.

MAG:
Kommen wir zum Spielsystem. Skibbe gilt auch was das angeht, als konservativ und stur. Während er sich zu Beginn seiner Tätigkeit noch relativ experimentierfreudig zeigte, z.B. Ochs ins offensive Mittelfeld beorderte, oder Gekas auch mal eine Denkpause verordnete, hält er jetzt mit stoischer Ruhe an altbewährtem fest. Mit Ausnahme des Schalke-Spiels, in dem erstmals Ex-Kapitän Amanatidis von Beginn zur Startformation gehörte, wechselt Skibbe nur in Notsituationen, dann aber auch stets System treu. Auch während des Spiels zeigt sich Skibbe wenig entscheidungsfreudig, stellte, wenn wir das richtig beobachtet haben, selten um, es sei denn, man lag kurz vor Schluss zurück. Das Team wirkt verunsichert und unflexibel. Werden im Training keine anderen Formationen geübt, als Flanken aus dem Halbfeld auf Gekas zu schlagen, dem einzigen Stürmer im System Skibbe?

Stefan Krieger:
Im Training wird so etwas überhaupt nicht geübt. Das Training zeichnet sich durch die üblichen, bei allen Klubs längst eingeführten Passübungen auf engstem Raum und ein paar Standardübungen wie Flanken und Torschuss aus. Zu Beginn seiner Amtszeit ließ Skibbe noch vermelden, er würde beide Systeme einüben lassen. In der Praxis und den Trainingsspielen wird immer nur mit einer zentralen Spitze und zwei verhältnismäßig starren Außen gespielt.

MAG:
Du bekommst sie mit, die Stimmung im Team, nach und vor dem Spiel. Uns ist aufgefallen, dass sich einige Spieler nach dem Schlusspfiff des Gladbach-Spiels (0:1) im Mittelkreis versammelten und dort Späße miteinander machten. Bei einigen Stars war ein Grinsen zu sehen. Kann es sein, dass dem ein oder anderen die gebotene Ernsthaftigkeit fehlt?

Stefan Krieger:
Nein, das glaube ich nicht. Ich denke auch nicht, dass sich irgendwer im Team über eine Niederlage freut. Vieles von dem, was man als Grinsen wertet, ist nichts anderes als Verlegenheit. Keine Ahnung was da nach dem Gladbach-Spiel los war, aber das würde ich nicht zu hoch hängen.

MAG:
Nach dem Kaiserslautern-Match (0:0) hast du im Blog einen Audiomitschnitt von Amanatidis veröffentlicht. Bei ihm war das Adrenalin und der unbedingte Wille zum Erfolg eindrucksvoll zu spüren. Wen, außer den Griechen, würdest du noch erfolgsbesessen einschätzen? Wessen Naturell geht in die Richtung eines Amanatidis?

Stefan Krieger:
Ich würde da unbedingt Maik Franz nennen, der sich allerdings inzwischen selbst eher zurück hält, wurde er doch von Skibbe nicht mal in den Mannschaftsrat berufen. Auch Marco Russ ist einer, der nach einem Spiel durchaus offen und mit Feuer redet, hat aber im Team nicht so das Standing wie Franz. Ochs ist auch einer, der sich während des Spiels zerreißt, er stellt sich auch im Falle einer Niederlage. Leider sind seine Aussagen nicht immer die glücklichsten. Und durch seine Wechselabsichten ist er auch nicht mehr in der stärksten Position – wie auch Schwegler.

MAG:
In den letzten Tagen war in Foren und deinem Blog immer wieder die Rede davon, dass die Eintracht sehenden Auges in die zweite Liga geht. Der Klub macht den Eindruck, als habe man sich seinem Schicksal ergeben. Der Wille, etwas zu ändern, ist sowohl beim Trainer, als auch beim Vorstandvorsitzenden nur eher schwach ausgeprägt. Wird die Reißleine nach dem St.. Pauli-Spiel gezogen, wenn auch das nicht gewonnen wird? Wie schätzt du die Situation ein? Bruchhagen ist ja dafür bekannt, seinen Trainern stets den Rücken zu stärken, was diesmal fatale Folgen haben könnte.

Stefan Krieger:
Sollte das Spiel gegen St. Pauli auch noch verloren werden, wird Bruchhagen tätig werden müssen. Ich bin sowieso der Meinung man hat bis jetzt nur deshalb nichts unternommen, weil man sich über einen Nachfolger noch nicht einig werden konnte. Vielleicht ist diese eine Woche genau die Zeit, die man noch braucht.

MAG:
Michael Skibbe, so die Meinung einiger Fans, die vom Training berichten, erreicht sein Team schon lange nicht mehr. Nach dem Abschlusstraining sei beobachtet worden, dass die Spieler wortlos am Trainer vorbei stiefeln, um dann auf der Tafel nach zuschauen, ob sie für das kommende Spiel im Kader stehen, bevor sie das Trainingsgelände verlassen. Kannst du diesen Eindruck bestätigen? Spricht Skibbe nicht mit seinen Spielern, obwohl er stets beteuert nah dran zu sein an seinen Akteuren?

Stefan Krieger:
Skibbe spricht während des Trainings so viel oder so wenig mit den Spielern wie sein Vorgänger auch. Das würde ich aber nicht so hoch hängen, das ist einfach eine Frage der Persönlichkeit. Der eine macht das so, der andere eben anders. Was hinter den Kulissen vor sich geht … davon hört man zwar hier und da mal etwas, aber als gesichert würde ich das nur in den seltensten Fällen verkaufen wollen. Fest steht, dass einige Spieler seit Wochen logischerweise auch darauf warten, dass ihnen jemand einen Weg aus der Krise zeigt. Wenn der Trainer da nichts zu bieten hat, leidet auch sein Standing. Ganz klar.

MAG:
Letzte Frage: Wie viel Hoffnung, dass die Eintracht der Liga erhalten bleibt, hast du noch? Was muss sich ändern, damit der Abstieg vermieden wird?

Stefan Krieger:
Ohne die Hilfe von Außen steigt Eintracht Frankfurt ab, da bin ich mir ziemlich sicher. Wenn die anderen mitspielen, kann vielleicht noch ein Relegationsplatz drin sein. Dazu muss aber gegen St. Pauli gewonnen werden, das ist klar. Wenn das Spiel am Samstag auch noch vergeigt wird, bringt auch ein neuer Trainer nichts mehr. Dann bleibt aber in Frankfurt auch kein Stein auf dem anderen. Selbst bei einem Sieg wird es eng genug. Man schaue sich nur mal das Restprogramm der Eintracht an. Das ist richtig heftig.

Vielen herzlichen Dank für das Interview.


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  1. Der Fisch stinkt am Kopf zuerst. Hier wurde offenen Auges geschlafen. Das Derby gegen den FSV wird kommen. Schade !
    Viel Glück, “eintracht”


    — Winni    Mär 14, 07:31    #
  2. glückwunsch zu dieser analyse.trifft die situation genau,insbesonders auch was die glücklich verlaufene vorrunde angeht.was spieler wie meier oder auch köhler in der 1.liga zu suchen haben,werde ich wohl nie begreifen.auch über die konditionelle verfassunghätte man sch früher ein paar gedanken machen müssenlediglich 2 einheiten mittwochs und donnerstags sind doch wohl ein witzund grenzen fast an verordnete arbeitsverweigerung.in anderen sportarten…..


    — brinkwirth    Mär 14, 10:56    #
  3. sehr gelungenes interview. beschreibt die lage leider sehr treffend.


    — daniel    Mär 14, 18:01    #

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