[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] 1. FC Kaiserslautern - die Realität im Blick
30. Juli 2011, 10:31 geschrieben von Elbefohlen, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
1. FC Kaiserslautern
46 Punkte und der 7. Platz – die Pfälzer Achterbahn bleibt oben stehen
Mit der Prognose, dass der 1. FC Kaiserslautern die Klasse halten wird lagen wir bei der letztjährigen zwar richtig, aber dass am Ende des Aufstiegsjahres ein sensationeller siebter Rang der Abschlusstabelle herausspringen würde, daran haben wir nicht geglaubt. Allerdings standen wir damit nicht alleine da, nur die kühnsten Optimisten konnten ein derart positives Abschneiden vorhersagen. Dabei sah es bis zum Absturz auf den vorletzten Platz am 25. Spieltag eigentlich nach genau der Zittersaison aus, die von den meisten prognostiziert wurde. Doch dann lief es plötzlich. Die Roten Teufel legten einen furiosen Schlussspurt hin und gingen aus sieben der letzten neun Partien als Sieger vom Platz.
Der Start verlief äußerst verheißungsvoll, die Pfälzer gewannen zum Auftakt beim 1. FC Köln und schlugen dann im ersten Heimspiel den deutschen Rekordmeister FC Bayern München mit 2:0 – Kaiserslautern hatte nach zwei Spielen die Tabellenspitze erobert und sich so erst einmal eindrucksvoll im Oberhaus zurückgemeldet. Es sollte jedoch ein böses Erwachen folgen: In den nächsten sieben Wochen konnte man keinen Dreier landen, kassierte vom 5. bis zum 9. Spieltag gar fünf Pleiten in Serie und kam so der Abstiegszone zum ersten Mal bedrohlich nahe. Ein deutlicher 3:0-Heimerfolg gegen das krisengeschüttelte Borussia Mönchengladbach beendete diese schlechte Phase und sorgte wieder für mehr Ruhe im Verein und dem Umfeld. Nach einem kurzen Zwischenhoch und dem Sprung auf Platz zehn, nahm sich der Club dann aber ab dem 18. Spieltag seine zweite Auszeit. Diesmal blieb man sogar acht Runden ohne vollen Punktgewinn. Mit dem 2:1-Sieg vor heimischer Kulisse gegen den SC Freiburg am 26. Spieltag wurde der Bock dann umgestoßen und das Pendel schlug fortan in die andere Richtung aus.

Tobias Sippel – verlor den Status der Nr. 1 an Kevin Trapp/Foto: www.zaunsturm1905.de
Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Kaiserslautern auf fremden Plätzen mehr Siege eingefahren hat als am heimischen Betzenberg. Auswärts konnte man siebenmal gewinnen, zuhause durften die Fans nur sechs Siege bejubeln.
Bester Torschütze war mit weitem Abstand Srdjan Lakic mit 16 Treffern. Der Kroate war Dreh- und Angelpunkt des Lauterer Angriffsspiels. Auch wenn er nach dem Bekanntwerden seines Wechsels zum VfL Wolfsburg, in dessen Abwicklung er sich unrühmlicher Weise im Trikot der Wölfe ablichten ließ und so die FCK-Anhängerschaft auf die Palme brachte, eine schlechte Phase hatte, zum Saison Finale war er wieder da und sicherte mit seinen Toren den Klassenerhalt. Gefüttert wurde er oftmals von Christian Tiffert, der eine wirklich beeindruckende Serie spielte und mit seinen 17 Torvorlagen gemeinsam mit Franck Ribery in dieser Kategorie den Ligahöchstwert verzeichnete. Tiffert avancierte mit 19 Punkten auch zum besten Scorer der Betzebuben, da er noch zwei Tore erzielen könnte. Lakic folgte auf Platz zwei mit 17 Punkten. Auf dem dritten Rang kam Ivo Ilicevic, dem fünf Tore und sieben Assists gelangen.
Personalien
An der Personalfront gibt es zu Beginn der neuen Spielzeit einige spannende Fragen zu klären. Wer sichert sich den Status der Nummer eins im Tor, schafft es Martin Amedick zurück in die Stammformation und wer ersetzt den abgewanderten Srdjan Lakic? Aber der Reihe nach…
Auf der Position des Torhüters hat Marco Kurz die Qual der Wahl. Tobias Sippel war zu Beginn der letzten Saison unumstritten als Keeper Nummer eins. Und er rechtfertigte diesen Status mit tollen Leistungen. Er war oftmals der beste Spieler der Pfälzer und verdiente sich demzufolge Bestnoten, erst eine Verletzung setzte den Höhenflug nach dem 25. Spieltag ein abruptes Ende. Kevin Trapp nutzte die Gunst der Stunde. Er kam, erledigte seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit seines Coaches – und blieb bis zum Ende der Spielzeit zwischen den Pfosten. So erscheint die Frage, wer zu Beginn der neuen Saison im Kasten steht, völlig offen. Beide haben den Kampf angenommen und bieten sich im Training an. Man darf gespannt sein, wie Kurz sein “Luxusproblem” lösen wird und wer von beiden letztlich die Nase vorn haben wird.
In der Abwehrformation gibt es einen ähnlichen “Problemfall”. Martin Amedick war lange Zeit ein Eckpfeiler der Viererkette. Mehr noch, er war Abwehrchef und Kapitän. Doch er schlitterte in der Rückrunde mehr und mehr in ein Formtief. Nach der derben 0:3-Auswärtsniederlage bei Hannover 96 zog Kurz dann die Konsequenzen und nahm seinen Skipper aus der Mannschaft. Fortan kam er nur noch sporadisch zum Einsatz und musste Mathias Abel, der sich nach ewigen Verletzungsproblemen auf hohem Level zurückgemeldet hatte, den Vortritt lassen. Dass es auch in der neuen Runde nicht einfach für ihn wird, lässt zumindest die Tatsache vermuten, dass ihm das Kapitänsamt entzogen wurde. Kurz entschied sich für Christian Tiffert, Amedick gehört allerdings weiter zum Mannschaftsrat. Da Rodnei mittlerweile klar Innenverteidiger Nummer eins ist, balgt sich Amedick erneut mit Abel um den zweiten freien Platz im Abwehrzentrum. Links dürfte der Däne Leon Jessen zunächst gesetzt sein, da sein Konkurrent Aleksander Bugera aufgrund von Achillessehnensproblemen für unbestimmte Zeit nicht zur Verfügung steht. Auf der rechten Defensivposition sollten Oliver Kirch und Florian Dick das Rennen unter sich aus machen, systemabhängig könnte Kirch auch etwas offensiver agieren und so letztlich beide ihren Platz in der Startelf finden.
Im Mittelfeld wurden dem Mosaik mit Jan Moravek und Adam Hlousek zwei Bausteine entrissen. Die beiden Tschechen waren lediglich als Leihpieler auf dem Betzenberg und gingen nun wieder zu ihren Stammverein FC Schalke 04 und Slavia Prag zurück. Drei Neuzugänge sollen die entstandenen Lücken schließen. Man hofft in Kaiserslautern, dass der für 750.000 €1 aus Israel gekommene Gil Vermouth, der blutjunge Grieche Konstantinos Fortounis und Olcay Sahan, die erhoffte Qualität mitbringen. Der Türke Sahan kam ablösefrei vom MSV Duisburg, er gilt als variabel einsetzbar und ist mit 23 Jahren noch nicht am Ende seiner Entwicklung. Am neuen Kapitän Christian Tiffert ist im defensiven Mittelfeld kein Vorbeikommen, ihm zur Seite dürfte auf der Doppelsechs wohl wieder Athanasios Petsos gestellt werden. Der 20-jährige Deutsche mit griechischen Wurzeln schaffte ab dem 12. Spieltag den Sprung in die Startelf und spielte sich dort fest. Zudem gehört natürlich der Kroate Ivo Ilicevic zum Stammpersonal Mittelfeld, er kann jedoch auch in vorderster Front auflaufen.

Christian Tiffert – der neue Skipper soll das Team führen/Foto: www.zaunsturm1905.de
Während also im Bereich der Abwehr und im Mittelfeld die Umbauarbeiten überschaubar sind, sieht dies im Sturm ganz anders aus. Schmerzlich ist vor allem der Abgang von Goalgetter Srdjan Lakic, der dem Werben des VfL Wolfsburg erlag und seinen auslaufenden Vertrag bei den Pfälzern nicht verlängerte. Da auch der Österreicher Erwin Hoffer nicht gehalten werden konnte und Adam Nemec mit einer Wirbelverletzung in den nächsten Wochen verletzungsbedingt nicht zur Verfügung steht, muss man eine komplett neue Sturmreihe etablieren. Und so fanden drei neue Angreifer den Weg zum Betzenberg. Lange musste man um den Israeli Itay Shechter kämpfen, da es mit dem abgebenden Club Hapoel Tel Aviv und dessen zerstrittenen Besitzern massive Probleme gab. Letztlich wurde man sich doch einig, überwies geschätzte 2,5 Millionen € nach Israel und stattete seinen – O-Ton Kuntz – “Wunschspieler” mit einem Vierjahresvertrag aus. Shechter ist ein typischer Mittelstürmer, der in seiner Laufbahn auf eine beachtliche Torquote blicken kann. In Israels Liga ha’Al traf er nahezu in jedem dritten Spiiel – 144 Einsätze, 46 Treffer.. Inwieweit er seine Zielsicherheit sofort in der Bundesliga umsetzen kann, muss sich allerdings erst noch zeigen.
Neben Shechter verpflichtete der FCK auch Richard Sukuta-Paso von Bayer 04 Leverkusen und Dorge Kouemaha vom FC Brügge, die beide zuletzt in ihrer Entwicklung eine gewisse Stagnation zeigten und nun hoffen, in einem neuen Umfeld ihrer Karriere wieder neuen Schwung zu verleihen. Während Sukuta-Paso, der zuletzt von der Werkself – mit überschaubarem Erfolg – an den FC St. Pauli ausgeliehen war, bis ins Jahr 2015 fest an den Verein gebunden wurde, handelt es sich bei Kouemaha zunächst um ein Leihgeschäft. Für den 28 Jahre alten Kameruner ist der FCK die zweite Station in Deutschland. Der robuste und kopfballstarke Strafraumstürmer schnürte in der Saison 2008/09 in der zweiten Liga für die Zebras seine Schuhe und zeigte sich damals enorm torgefährlich – er traf 15-mal die Bude und lieferte außerdem vier Vorlagen.
Um die Personalien abzuschließen, bleibt noch zu anzumerken, dass mit dem 18-jährigen Abwehrspieler Willi Orban und den beiden Angreifern, Julian-Maurice Dersttroff (19 Jahre) und Steven Zellner (20 Jahre), drei hoffnungsvolle Talente von den jungen Teufeln zu den Profis hochgeholt worden sind. Das Trio will sich natürlich empfehlen und die Chance beim Schopf packen.

Hintere Reihe von links: Ilian Micanski, Thanos Petsos, Willi Orban, Adam Nemec, Rodnei, Martin Amedick, Lucas, Richard Sukuta-Pasu, Mathias Abel, Steven Zellner, Jiri Bilek, Florian Dick Mittlere Reihe von links: Cheftrainer Marco Kurz, Co-Trainer Günther Gorenzel, Fitnesstrainer Oliver Schäfer, Torwarttrainer Gerald Ehrmann, Bastian Schulz, Christian Tiffert, Konstantinos Fortounis, Oliver Kirch, Vereinsarzt Dr. Markus Pahl, Physiotherapeut Erik Schön, Physiotherapeut Frank Sänger, Masseur Heinz Bossert, Zeugwart Wolfgang Wittich Vordere Reihe von links: Olcay Sahan, Leon Jessen, Gil Vermouth, Clemens Walch, Alexander Bugera, Tobias Sippel, Marco Knaller, Kevin Trapp, Chadli Amri, Pierre De Wit, Ivo Ilicevic, Stiven Rivic / Foto: 1. FC Kaiserslautern
Zu- und Abgänge
Zugänge: Julian Derstroff (FCK II), Konstantinos Fortounis (Asteras Tripolis), Dorge Kouemaha (FC Brügge), Willi Orban (FCK II), Olcay Sahan (MSV Duisburg), Itay Shechter (Hapoel Tel Aviv), Richard Sukuta-Pasu (FC St. Pauli), Gil Vermouth (Hapoel Tel Aviv)
Abgänge: Marcel Correia (Eintracht Braunschweig), Dario Damjanovic (vereinslos), Danny Fuchs (Karriereende), Anel Dzaka (verineslos), Adam Hlousek (Slavia Prag), Erwin Hoffer (Eintracht Frankfurt), Srdjan Lakic (VfL Wolfsburg), Jan Morávek (FC Schalke 04), Alan Stulin (eigene Amateure)
Verein und Umfeld
Im Umfeld der Roten Teufel herrscht entspannte Ruhe. Es gibt nicht diese Euphorie wie nach dem Aufstieg im letzten Sommer, wo man voller Vorfreude dem Startschuss entgegenfieberte. Und so geht man ziemlich gelassen in das berühmt-berüchtigte, schwere zweite Jahr – die Fans wissen, dass ihre Lieblinge in der Beletage bestehen können. Man weiß allerdings auch, dass der siebte Platz höchstwahrscheinlich ein Ausreißer nach oben war und eine Wiederholung dieses Überraschungscoups nicht unbedingt zu erwarten ist. Man hat den Blick für die Realität nicht verloren.
In Sachen handelnde Personen hat sich nichts verändert. Stefan Kuntz hat als Vorstandsvorsitzender weiterhin die Zügel fest in der Hand und bestimmt die Richtung des Traditionsvereins. Wie gehabt, der große Sachverstand und die umsichtige Führung des gebürtigen Saarländers tut dem ganzen Verein gut. So kann man auch bei den Finanzen so langsam Entwarnung geben, wie auch die Faktenlage bei den im Sommer getätigten Transfers noch einmal verdeutlicht; man konnte Geld in die Hand nehmen, um die Mannschaft qualitativ zu verstärken. Die Entwicklung beim FCK ist also sowohl in sportlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht positiv. Darum verwundert es nicht, dass, der zuvor bis ins Jahr 2012 laufende Vertrag mit Kuntz, in diesen Tagen um drei Jahre bis ins Jahr 2015 verlängert werden soll.

Cheftrainer Marco Kurz – sitzt fest im Sattel und zieht konsequent seine Linie durch/Foto: www.zaunsturm1905.de
Dies freut natürlich auch Trainer Marco Kurz, der trotz zweier schwieriger Abschnitte in der letzten Saison sein “Ding” durchziehen konnte und entsprechend fest im Sattel sitzt. Kurz geht unbeirrt seinen Weg und scheut sich dabei nicht, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und durchzudrücken. Fragt nach bei Tobias Sippel oder Martin Amedick, die dies in der letzten Saison zu spüren bekamen. Oder bei Steven Rivic und Chadlj Amri, denen er unlängst den Abschied nahelegte. Der Coach hat seine Truppe im Griff und stellt den Erfolg des Vereins immer in den Vordergrund. Momentan ist er unumstritten – es müsste schon richtig mies laufen, bevor man ihm den Stuhl vor die Tür setzt.
So bleibt festzuhalten, dass der FCK in Sachen Finanzen Licht am Ende des Tunnels sieht, auch wenn nun wieder die Miete für das Fritz-Walter-Stadion in voller Höhe an die Stadt abgeführt werden muss. In den letzten vier Jahren verzichtete die Stadt auf einen Teil der jährlich zu zahlenden 3,2 Millionen €, damit ist es jetzt vorbei.
Saisonziele und Prognose
Der siebte Platz aus dem letzten Jahr könnte trügerische Sicherheit geben – doch beim FCK hat man den Blick für die Realität nicht verloren. Man ist sich durchaus bewusst, dass die abstiegsgefährdete Zone keine Tabu-Region sein muss. Das ausgegebene Ziel ist es allerdings, sich weiter im Oberhaus zu etablieren. Und dies sollte eigentlich auch möglich sein. Viel wird darauf ankommen, wie der Abgang von Lakic, Moravek, Hlousek und Hoffer kompensiert wird und sich die neue Offensivabteilung findet.
Gespannt darf man auch sein, was passiert, wenn sich einige Leistungsträger schwerwiegendere Verletzungen zuziehen und für längere Zeit ausfallen sollte. An dieser Front hatten die Pfälzer im letzten Jahr Glück. Neben Jan Simunek, der vom VfL Wolfsburg gekommen war und schließlich die komplette Spielzeit verpasste, mussten einzig Rodnei und Ivo Ilicevic längerfristige Pausen einlegen. Rodnei fiel ab dem 10. Spieltag für den Rest der Hinserie aus. Ilicevic, der ein bärenstarkes erstes Halbjahr hinlegte, war dagegen im Schlussdrittel zumeist zum Zuschauen verdammt.
In der abgelaufenen Saison präsentierte sich die Liga erneut extrem ausgeglichen. Sie war eine Wundertüte, in der vorweg abgegebene Prognosen rasch ad acta gelegt und über den Haufen geworfen wurden. Das Gleiche dürfte sich in diesem Jahr wiederholen, denn an der extremen Ausgeglichenheit hat sich nicht viel geändert. Der FCK hat ein Gesamtpaket geschnürt, das in diesem Haifischbecken bestehen kann. Unsere Prognose lautet, dass die Pfälzer das verflixte zweite Jahr unbeschadet überstehen und auch im nächsten Jahr in der deutschen Beletage vertreten sein werden. Voraussetzung ist allerdings, dass der Verein auch bei einer eventuellen Schwächephase erneut die Ruhe behält und Trainer Kurz in Ruhe arbeiten lässt. Zudem stehen die Leistungsträger in der Pflicht, Tiffert, Rodnei, Ilicevicc & Co. müssen die Mannschaft führen und vorneweg gehen.
Prognose: Platz 10 – 15
1 Als Quelle für alle aufgeführten Ablösesummen diente Transfermarkt
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