[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] VfB Stuttgart - reicht es für die europäische Bühne?
27. Juli 2011, 12:28 geschrieben von BVB-Benny, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Die MAG-Bundesligavorschau startet heute mit einem Blick auf die aktuelle Situation beim VfB Stuttgart. Nachdem die letzte Saison alles andere als zufriedenstellend verlief, soll dieses Jahr auch ohne den zu Wolfsburg abgewanderten Nationalspieler Christian Träsch im modernisierten Stadion alles besser werden.
VfB Stuttgart
Mund abputzen, besser machen
Die letzte Saison des VfB Stuttgart war eine zum Vergessen. Dabei wäre sie beinahe in die Vereinshistorie eingegangen – als erste Abstiegssaison seit 1975. Nach einem katastrophalen Start standen die Schwaben nach acht Spieltagen mit mageren vier Punkten am Tabellenende. Als Reaktion erfolgten – wie so oft in der Vergangenheit – zwei Trainerwechsel. Nachdem der Schweizer Christian Gross entlassen wurde, durfte sich eine Zeit lang Jens Keller versuchen, musste dann aber ebenfalls seinen Platz für Bruno Labbadia räumen. Noch nach 25 absolvierten Spielen fand sich der VfB mit 25 Punkten nur auf dem Relegationsplatz wieder. Dank eines Endspurts und der Schwäche der Abstiegskonkurrenten konnte der Klassenerhalt am Ende mit 42 Zählern doch relativ deutlich gesichert werden. Trotzdem wollte man das vergangene Jahr schnell abhaken und in der kommenden Saison alles besser machen. Die Frage, wie man nach Platz 3 und 6 in den Vorjahren so abrutschen konnte, bleibt offen. Oder liegt die Antwort auf der Hand? Schließlich wird seit der Meisterschaft 2007 Jahr für Jahr Substanz in der Mannschaft abgebaut. Da kann ein Leistungs- und Ergebnisabfall kaum verwundern. Und dieses Jahr?
Personalien
Der Vorteil, wenn man Jahr für Jahr seine Stars verkauft, ist, dass man irgendwann keine mehr zum Abgeben hat. So in der Art kann man die Situation in diesem Sommer beim VfB Stuttgart beschreiben. Und doch wurde zielsicher wieder einmal der vielleicht beste, mit Sicherheit aber talentierste Kicker abgegeben. Wobei man diesmal sagen muss: Er musste abgegeben werden. Denn es ist nicht so, als hätten die Verantwortlichen nicht versucht, Christian Träsch zu halten. Ein Fünfjahresvertrag mit drei Millionen Euro Jahresgehalt hatte man dem jungen Nationalspieler angeboten. In Wolfsburg verdient er ca. 50% mehr. Aber natürlich war es die bessere sportliche Perspektive, die für Träsch den Reiz des Angebots aus Niedersachsen ausmachte. Schließlich hätte man in der vergangenen Saison als Spieler des VfL beinahe den Nervenkitzel einer Relegation miterleben können. Im Ernst: Dass Träsch Wolfsburg mit den VW-Millionen eine Rückkehr ins internationale Geschäft eher zutraut als dem sich stetig kleiner machenden VfB – wer kann es ihm verübeln?

Delpierre und Tasci – das ideale VfB-Innenverteidiger-Duo wird immer wieder durch Verletzungen gesprengt /Foto: www.zaunsturm1905.de
Ansonsten haben keine größeren Stützen die Mannschaft verlassen. Élson und Marica wollte man schon seit längerer Zeit loswerden, dazu wurden mit Didavi und Funk zwei 21-jährige Talente abgegeben und der vom FC Liverpool geliehene Philipp Degen musste nach England zurückkehren. Und wer ist gekommen? Der bisher teuerste Neueinkauf der traditionell sparsamen Schwaben kam aus Dänemark. William Kvist vom FC Kopenhagen wurde für das defensive Mittelfeld geholt und muss jetzt Nachfolger von Christian Träsch werden. Nachdem sich Kapitän und Innenverteidiger Delpierre erneut schwer verletzt hat und für längere Zeit ausfällt, gönnte man sich noch den mexikanischen Defensivspieler Maza vom PSV Eindhoven. Außerdem wurde Hajnal als Spielgestalter fest verpflichtet und mit Ibrahima Traoré ein hoffnungsvoller junger Mann für die Außenbahn vom FC Augsburg geholt.
Zu- und Abgänge*
Zugänge: Ibrahima Traoré (FC Augsburg, ablösefrei), William Kvist (FC Kopenhagen, 3.500.000 €), Maza (PSV Eindhoven, 1.800.000 €), Tamás Hajnal (Borussia Dortmund, 1.000.000 €), Bernd Leno (VfB Stuttgart II), Ermin Bicakcic (VfB Stuttgart II), Julian Schieber (1. FC Nürnberg, war ausgeliehen)
Abgänge: Élson (unbekannt, ablösefrei), Christian Träsch (VfL Wolfsburg, 9.000.000), Ciprian Marica (vereinslos), Alexander Stolz (VfB Stuttgart II), Daniel Didavi (1. FC Nürnberg, zur Leihe, 300.000), Patrick Funk (FC St. Pauli, zur Leihe, 200.000), Philipp Degen (FC Liverpool, war ausgeliehen)
- Als Quelle für alle aufgeführten Ablösesummen diente Transfermarkt
Sportdirektor Fredi Bobic sieht laut eigener Aussage keinen Handlungsbedarf mehr. Obwohl die Transferbilanz aktuell ein Plus von 3,2 Millionen Euro aufweist, würde nur noch ein neuer Spieler geholt werden, wenn ein anderer den Verein verlässt. Die Situation könnte sich durch die Verletzung von Georg Niedermeier (Ermüdungsbruch im Oberschenkel) verändert haben. Nun stehen mit Tasci und Maza nur noch zwei, mit Boulahrouz zweieinhalb echte Innenverteidiger im Kader. Der Niederländer sollte sich aber eigentlich auf der rechten Abwehrseite um einen Platz mit Celozzi streiten. Die beiden sollen sich in der Vorbereitung das Vertrauen der sportlichen Leitung erkämpft haben. Wie genau sie das angesichts der wackeligen Abwehrleistungen in den Testspielen geschafft haben, bleibt für Außenstehende vorerst unersichtlich. Da schaut die Situation im Mittelfeld wesentlich besser aus. Hier scheint der VfB Stuttgart seine Stärken zu haben. Mit Gentner, Kvist und Kuzmanovic stehen gleich drei spielstarke Sechser zur Verfügung, Gebhardt, Audel oder Traoré können über die Flügel für Dampf sorgen und Hajnal die Bälle verteilen. Im Sturm gibt es vor allem Hoffnung: Hoffnung, dass Schieber und Harnik ähnlich gut spielen wie über den Großteil der letzten Saison. Hoffnung, dass Cacau nochmal zu der Form findet, die ihn zum Nationalspieler machte. Und Hoffnung, dass Okazaki sich in die Reihe der aufstrebenden asiatischen Talente in der Bundesliga spielt. Vorbilder: Kagawa in Dortmund und Son in Hamburg.
Saisonvorbereitung
Gemütlich ruhig verlief die Vorbereitung auf die Spielzeit 2011/12 in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. Bis auf den Abgang von Träsch gab es keine größeren Transfers, die Testspiele verliefen durchwachsen, aber nicht so schlecht, dass sich Unruhe breit machte. Zuletzt unterlag der VfB 1:2 gegen den englischen Zweitligisten Nottingham Forrest, gewann aber mit dem selben Ergebnis gegen den türkischen Erstligisten Sivasspor. Offensichtlich wurde in nahezu allen Spielen, dass es noch Baustellen in der Defensive gibt. Zwar ist das nicht verwunderlich, da diese im vergangenen Jahr stetig durchgewürfelt werden musste und nie eine Chance hatte, sich zu finden. Doch nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Delpierre und Niedermeier gibt es derzeit keine konkrete Aussicht auf Besserung und eine Lösung des Problems steht noch aus.
Nicht nur die Verletzungen machten Trainer Bruno Labbadia zum Ende des Trainingslagers in Österreich sorgen. Der Coach sah angesichts der großen Leistungsunterschiede seiner Spieler noch viel Arbeit bis zum Saisonstart beim Pokalspiel in Wiesbaden auf sich zukommen. Bezüglich benötigter Neuzugänge äußerte er sich nicht. Dass er sich aber noch den einen oder anderen Spieler wünschen würde, ist keine allzu gewagte Vermutung. Finanzieller Spielraum müsste noch da sein und auch durch Niedermeiers Verletzung gibt es nun neue Argumente.
Verein und Umfeld
Für mehr Schlagzeilen als die sportlichen Belange sorgte die Mitgliederversammlung Mitte Juli. Erwartungsgemäß wurde sie mit 2.400 Mitgliedern die bestbesuchte der Vereinsgeschichte. Es hatte zuvor heftige Diskussionen um das neu zu besetzende Präsidentenamt gegeben. Einige Mitglieder, die offenbar direkt vom Bauzaun am Bahnhof zur Mitgliederversammlung gekommen waren, hatten in Stuttgart 21-Manier mehr Demokratie reklamiert. Sie forderten eine Änderung der Satzung, die mehr als einen Kandidaten zur Wahl zulassen sollte. Der ehemalige Geschäftsführer des Vereins, Thomas Weyhing, der Ex-Torwart Helmut Roleder und der Finanexperte Björn Seemann wurden und hatten sich selbst im Vorfeld in Position gebracht. Das geschah zum Teil in einer Art und Weise, die auf der Mitgliederversammlung von den Verantwortlichen nochmals aufs Schärfste verurteilt wurde – Sportdirektor Bobic nannte die Kandidaten beispielsweise “Traumtänzer”. Letztlich wurde der ehemalige Porsche-Manager Gerd Mäuser mit knapp 60% zum neuen Präsidenten gewählt. Er löst Erwin Staudt nach acht Jahren ab, der zuvor die Erfolge seiner Amtszeit darlegte und gebührend gefeiert wurde. Gleichzeitig wurde Dieter Hundt im Amt des Aufsichtsrat-Vorsitzenden bestätigt, obwohl mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten gegen ihn gestimmt hatte. Laut Vereinsstatuten ist eine Drei-Viertel-Mehrheit für eine Abwahl nötig.

Die Cannstatter Kurve wird sich in neuem Gewand präsentieren /Foto: www.zaunsturm1905.de
Positive Nachrichten gab es zur finanziellen Situation des Klubs. Das eingeplante Minus im Geschäftsjahr 2010 beschränkte sich auf knapp 2,5 Millionen Euro. Der Personaletat konnte um fast 11 Millionen gesenkt werden. Besonders stolz zeigte sich der abgetretene Präsident Staudt über die Entwicklung des Eigenkapitals, das seinen Angaben zufolge von einem Minus von 5,8 Millionen zu seinem Amtsantritt 2003 auf mittlerweile grüne 21,5 Millionen anwachsen konnte.
Ansonsten freut sich das Stuttgarter Umfeld auf die fertig gestellte Mercedes Benz-Arena. Rechtzeitig zum Saisonstart am 6. August sollen die Umbauarbeiten nahezu abgeschlossen sein. Der VfB hofft dann gegen Schalke 04 gleich auf ein volles Haus. Nach der Modernisierung passen jetzt maximal 60.300 Zuschauer in die Arena.
Saisonziele, Prognose
Ein konkretes Saisonziel wurde bisher in Stuttgart nicht in aller Deutlichkeit ausgesprochen. Klar ist aber, dass man ein besseres Jahr als das letzte abliefern will. Von den Namen her haben die Schwaben vielleicht sogar das Potenzial, um die internationalen Plätze mitzuspielen. Dazu müssten aber alle Spieler über den Großteil der Saison ihre Topform erreichen und zumindest noch eine Verstärkung für die Defensive kommen. Da vor allem ersteres schon allein aufgrund der frühen Verletzungssorgen unwahrscheinlich erscheint, wird sich das Team am Ende wohl eher im Mittelfeld wiederfinden.
Prognose: Platz 8 bis 12.
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Ein wirklich gut geschriebener Teamcheck. Kompliment, auch wenn ich als VfB-Fan auf eine bessere Platzierung in der neuen Saison hoffe, muss ich objektiv dem Geschriebenen zustimmen.
— Der Rühle Jul 27, 14:10 #