[MAG-Bundesligavorschau 2011/12] Werder Bremen - Erfolgsverwöhnte unter Druck
28. Juli 2011, 12:09 geschrieben von Tschaikowskij, abgelegt unter Deutscher-Fussball.
Weiter geht’s bei unserer Bundesligavorschau mit einer der derbsten Enttäuschungen der abgelaufenen Spielzeit. Für den SV Werder gilt es, sich trotz arg eingeschränkter finanzieller Mittel nach einem Jahr Abstinenz wieder für das internationale Geschäft zu qualifizieren.
SV Werder Bremen
Von Königstransfers zu schrillenden Alarmglocken
Der Königstransfer Mesut Özils zu Real Madrid spülte zwar mal wieder ein erkleckliches Sümmchen in die traditionell nicht prall gefüllten Kassen des SV Werder, er hatte aber (mal wieder) eine gehörige Lücke in die Stammformation von Thomas Schaafs Elf gerissen. Der Mesut Özil, der den ein Jahr zuvor dem gleichen Werder-typischen Zyklus des Top-Spielerverkaufs zum Opfer gefallenen Diego so klasse ersetzen konnte und zur unverzichtbaren Größe im Werder-Team und in der Nationalelf heranwuchs. Die fehlende Offensivpower zog sich wie ein roter Faden durch eine völlig verkorkste Saison. Gepaart mit der traditionellen Defensivschwäche ergab dies eine gefährliche Mischung, welche die Nummer zwei der ewigen Bundesligatabelle an den Rand zum Sturz in die Zweitklassigkeit brachte. Doch der Reihe nach.
Konnte man das Aus in Runde zwei des DFB-Pokals noch als Betriebsunfall herunterspielen (man schied immerhin gegen den FC Bayern aus), so geriet man in der Champions League schon eher in Erklärungsnot. Nach der gegen Sampdoria Genua erfolgreichen Qualifikation für die Gruppenphase konnte man sich an der Weser noch zufrieden zeigen. Auch wusste man im Voraus, dass gegen den Titelverteidiger Inter Mailand nur an sehr guten Tagen etwas “drin” sein würde und auch die Tottenham Hotspurs konnte man nur mit viel Optimismus auf Augenhöhe einordnen. Doch spätestens nach dem zweiten vergebenen Matchball, nach der Heimniederlage gegen Twente Enschede am vierten Spieltag wurde das Schrillen der Alarmglocken zu einem unangenehmen Dauerton.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Verlierens
In der Liga hatte man zu diesem Zeitpunkt bereits bittere Klatschen gegen Hoffenheim und Hannover sowie Niederlagen gegen Mainz und Nürnberg hinnehmen müssen. Dies wurde durch die Punktgewinne in München und Leverkusen und den Derbysieg gegen den HSV nur unzureichend abgefangen. Doch diese äußerst mäßige erste Hinrundenhälfte war nur der Auftakt zu einer beispiellosen Leidenszeit für die Werder-Fans. Nach der 2:3-Heimniederlage am 10. Spieltag Ende Oktober dauerte es vier Wochen, bis mit Hugo Almeida endlich mal wieder ein Werder-Spieler den Ball im gegnerischen Tor unterbrachte. 0:2 gegen Enschede, 0:6 in Stuttgart, 0:4 auf Schalke, 0:3 bei Tottenham, dazwischen ein torloses Remis gegen Frankfurt – diese fünf Partien zeigten deutlich das Werder-Problem der gesamten Saison auf.

Thomas Schaaf hatte wenig zu lachen in der abgelaufenen Saison. Foto: zaunsturm1905.de
Die Rückrunde brachte zwar eine kleine Besserung, aber das Team hinkte trotz der Befreiung von lästigen nationalen und internationalen Pokalpflichten allen Ansprüchen weit hinterher. Immerhin setzte es nur noch eine derbe Niederlage, diese aber bezeichnenderweise gegen den HSV (0:4). Der folgende “Hallo-Wach-Effekt” brachte acht Spiele in Serie ohne Niederlage und gipfelte – nach einer zwischenzeitlichen Heimniederlage gegen den Abstiegskonkurrenten Wolfsburg – im Klassenerhalt sichernden Sieg am vorletzten Spieltag gegen den bereits feststehenden neuen Deutschen Meister aus Dortmund. Vorrundenaus in der Champions League, raus in der zweiten DFB-Pokalrunde und Platz 13 in der Bundesliga mit gerade mal 41 Punkten – dies sind die nackten Zahlen der schlechtesten Werder-Saison seit dem Wiederaufstieg 1982.
Personalien
Wie wird der SV Werder in der kommenden Spielzeit aussehen? Mit Sicherheit kann man sagen: anders. Der Kapitän und Führungsspieler Torsten Frings gab seine deutsche Lohnsteuerkarte ebenso ab wie der Dauerbrenner Petri Pasanen und der ewige Reservist Daniel Jensen. Aus der “zweiten Reihe” verabschiedeten sich der ständig unverstandene Jurica Vranjes, Niklas Andersen und Peter Niemeyer. Die neue Saison wird also einerseits durch einen nicht gerade kleinen Umbruch gekennzeichnet sein, andererseits gilt es aber auch die Versäumnisse der vergangenen Post-Özil-Saison nachzuholen. Werder braucht neue Offensivpower, will man seiner Philosophie des offensiv geprägten Spiels weiterhin treu bleiben.
Eingekauft wurde hauptsächlich in der Defensive. Mit Andreas Wolf kommt der Kapitän des 1. FC Nürnbergs, um die personell doch arg gebeutelte Innenverteidigung um einen erfahrenen Akteur zu bereichern. Es steht in den Sternen, wann das Stammduo vergangener Jahre Mertesacker/Naldo wieder gemeinsam auf dem Platz stehen kann. Beide befinden sich zwar schon wieder im Lauf- und Balltraining, zumindest beim Brasilianer bleibt aber abzuwarten, ob er nach mehr als einjähriger Verletzungspause überhaupt wieder zu alter Spielstärke findet. Deswegen hat man gleich noch einen zweiten Innenverteidiger nachgelegt, Sokratis Papastathopoulos kommt zunächst auf Leihbasis vom CFC Genua und soll seine Stärken in den Eigenschaften Schnelligkeit, Spieleröffnung und Zweikampfstärke haben. Der griechische Nationalspieler kann zudem auch auf der rechten Außenbahn spielen und so dem Exklusivverteidiger Clemens Fritz ein wenig Druck machen. Auch auf der anderen Defensivseite, der ewigen Baustelle des linken Verteidigers, starten Klaus Allofs und Thomas Schaaf einen neuen Versuch. Vom FC Schalke kommt der junge Lukas Schmitz mit der Empfehlung von 52 Bundesligaspielen und acht Einsätzen in der Champions League. Zudem buhlt Klaus Allofs noch um Aleksandar Ignjovski vom OFK Belgrad. Der serbische Junioren-Nationalspieler war die vergangenen beiden Spielzeiten auf Leihbasis bei 1860 München aktiv und absolvierte 53 Zweitligapartien. Er gilt als “Defensivallrounder”, ist im defensiven Mittelfeld und auf den beiden Außenverteidigerpositionen einsetzbar.

Fast ein Neuzugang: Naldo machte letzte Saison kein einziges Pflichtspiel. Foto: zaunsturm1905.de
In der Offensive kann Werder diese Saison einen Königstransfer auf der sportlichen Habenseite verbuchen. Mehmet Ekici, vergangene Saison mit 32 Leih-Einsätzen beim 1. FC Nürnberg, kommt vom FC Bayern für die stattliche Ablöse von fünf Millionen Euro an die Weser. Der Deutsch-Türke hat die ehrenvolle Aufgabe, das durch den Özil-Abgang entstandene Kreativvakuum in der Werder-Offensive zu stopfen. Zudem kehrt der Schwede Markus Rosenberg nach einem Jahr Spanien-Urlaub wieder in etwas raueres Klima zurück. Nach neun Toren bei 33 Einsätzen in der Primera Division für Racing Santander will Rosenberg an seine beiden starken ersten Jahre im Werder-Dress (2007 und 2008) anknüpfen.
Die einfache Doppelsechs
Trotz aller löblichen Angriffsbemühungen werden gute Saisonergebnisse vornehmlich im Defensivverbund erzielt. Ich möchte meine personellen Ausführungen aber gerne in der Offensivabteilung beginnen, da in Bremen traditionell die gebotene Offensivpower darüber entscheidet, wie viel Druck der Defensivverbund aushalten muss. Zudem bedeuten die Abgänge von Frings, Jensen und Vranjes eine Abkehr von der Doppelsechs hin zur in Bremen altbekannten Raute. Für die Position vor der Abwehr stehen mit Wesley, Borowski und Bargfrede nur noch drei kampferprobte Akteure im Kader – eigentlich zu wenig für zwei Positionen, zumal Schaaf im Brasilianer “… nicht unbedingt einen Sechser …” sieht: “Er ist auf den Halbpositionen wertvoller”. Denkbar ist deshalb Bargfrede auf der Sechs, flankiert vom etwas defensiver ausgerichteten Wesley auf rechts, einem eher offensiven Marin auf links und Neuzugang Mehmet Ekici auf der Spielmacherposition. Als Backup für die Sechs oder die beiden Außenpositionen könnte Tim Borowski seinen alten Mann stehen, die offensive Variante wäre Aaron Hunt (zumindest auf den Außenpositionen). Die übrigen Mittelfeldakteure im Kader bringen zwar sicherlich gute Anlagen mit, haben diese aber unter Bundesligabedingungen noch nicht unter Beweis gestellt.
Die Doppel-Sechs kann zumindest als Alternative dienen. Dann könnte Wesley auf die Sechs einrücken und die rechte Mittelfeldposition z.B. mit Marko Arnautovic oder Aaron Hunt offensiver besetzt werden. Oder Mehmet Ekici rückt von der Zehn auf rechts, dann kann Schaaf an zwei Stürmern festhalten – eventuell mit einer hängenden Spitze Claudio Pizarro. Der Peruaner ist die fixe Größe in vorderster Front, kam aber letzte Saison nur auf 22 Bundesligaspiele und wird auch nicht jünger. Neben Arnautovic, dessen Probleme letzte Saison vornehmlich neben dem Platz existierten, stehen Heimkehrer Markus Rosenberg (der hatte in seiner Bremer Zeit die Probleme meist auf dem Platz) und die beiden Youngster Denni Avdic und Sandro Wagner für den Platz neben Pizarro Gewehr bei Fuß.
In der hintersten Reihe brennt es in dieser Vorbereitung lichterloh. Teilweise hüteten fünf Innenverteidiger gleichzeitig das Lazarett der Grün-Weißen, mittlerweile befindet sich das etablierte Duo Mertesacker (Fersenverletzung)/Naldo (Knieverletzung) wieder im Training – wenn auch noch nicht mit der Mannschaft. Gerade in Naldos Fall würde dies quasi einem Neuzugang gleichen, der Brasilianer absolvierte in der Saison 2010/2011 kein einziges Pflichtspiel. In entsprechender Form dürfe an den beiden kein Weg vorbei führen, bis dahin steht mit dem Ex-Nürnberger Andreas Wolf ein bundesliga-erfahrener Ersatz zur Verfügung. Die Alternativen heißen im Moment Leon Balogun (der allerdings auch verletzt ist) und Sokratis Papastathopoulos, da Sebastian Prödl sich wegen eines Sehnenrisses erst im Aufbautraining befindet. Sokratis – wer? Sokratis Papastathopoulos ist unser neuer griechischer Innenverteidiger, der sich im Testspiel gegen Athletic Bilbao erst mal suboptimal einführte. Doch wir wollen mal nicht zu früh urteilen, im letzten Test gegen Olympiakos Piräus hatte sich der junge Nationalspieler schon ganz gut in die Mannschaft eingelebt. Hier könnte sich immerhin ein potentieller Mertesacker-Nachfolger vorstellen – der Vertrag des Nationalspielers läuft 2012 aus. Die Zentrale gleicht also einem Lotteriespiel, zumal der neue Grieche (Mann, ist dieser Nachname kompliziert) auch auf rechts dem arrivierten Clemens Fritz Feuer unterm Hintern machen soll. Auf links blüht das gleiche – dem aktuell natürlich verletzten – Sebastian Boenisch, hier wurde vom FC Schalke Lukas Schmitz verpflichtet. Gut möglich also, dass im ersten Pflichtspiel die Herren Schmitz, Wolf, Papastathopoulos (Name wurde von der Redaktion kopiert) und Fritz vor Tim Wiese verteidigen.
Zu- und Abgänge
Zugänge: Andreas Wolf (1. FC Nürnberg), Aleksandar Stevanovic (Schalke 04), Lukas Schmitz (Schalke 04), Mehmet Ekici (Bayern München), Tom Trybull (Hansa Rostock), Sokratis Papastathopoulos (ausgeliehen vom FC Genua), Marko Futacs (FC Ingolstadt – war ausgeliehen), Markus Rosenberg (Racing Santander – war ausgeliehen)
Abgänge: Dominik Schmidt (Eintracht Frankfurt), Jurica Vranjes (unbekannt), Petri Pasanen (RB Salzburg), Daniel Jensen (unbekannt), Samuel (RSC Anderlecht), Torsten Frings (Toronto FC), Niklas Andreasen (unbekannt), Timo Perthel (Hansa Rostock), Peter Niemeyer (Hertha BSC), Pascal Testroet (Kickers Offenbach), John Jairo Mosquera (Union Berlin), Felix Wiedwald (MSV Duisburg)
Verein und Umfeld
Hier gibt’s im Normalfall Werder nichts Interessantes zu berichten. Da nach einer solch desaströsen Saison, in der das Horror-Szenario “Abstieg” gerade mal eben vermieden wurde, nicht mehr viel normal ist, müssen sich auch die ruhigen hanseatischen Fahrensmänner den Regeln des Marktes beugen. Und die besagen: Stunk in der Bude. Dies wurde sicher durch die schreibenden Medien hochsterilisiert, es war aber nicht zu leugnen, dass zwischen den wirtschaftlichen Möglichkeiten und dem sportlichen Finanzierungsbedarf eine deutliche Lücke klafft. Wegen der fehlenden Einnahmen aus dem internationalen Geschäft war sogar von einem “Einkaufsstopp” die Rede. Erst müsse ein Star weg , bevor der Kader weiter verändert werden könne. Zur Disposition standen hier Tim Wiese (Wolfsburg war interessiert) und Per Mertesacker (England). Dieser Zwist zwischen der sportlichen Führung und dem Aufsichtsrat (in Person von Willi Lemke) gipfelte sogar in einer kleinen “Abschiedsdrohung” von Klaus Allofs und Thomas Schaaf: Wenn es nicht mehr passen sollte, dann wäre es zum Wohle des Vereins ratsam, dass die Verträge nicht weiterlaufen. All das gipfelte in einer Art Burgfrieden. Der Aufsichtsrat bewilligte “signifikante Ausgaben, die deutlich über die erwarteten Einnahmen hinausgehen” und die sportliche Leitung bestätigte die Politik, “einen finanziell gesunden Verein zu erhalten und auch weiterhin nur das Geld auszugeben, das eingenommen wird”.
Saisonziele und Prognose
Alles in allem steht Werder vor einer wegweisenden Saison und einer Herkulesaufgabe. Das Saisonziel ist klar umrissen und von den Verantwortlichen bereits mehrfach bestätigt: “Wir müssen ins internationale Geschäft”. Die fehlenden Einnahmen daraus sollten tunlichst in der Saison 2012/2013 wieder zur Verfügung stehen – am Besten die Einnahmen, die es in der Königsklasse zu verbuchen gibt. Die Qualifikation für die Europa League dürften weitere Einsparungen und damit eine weitere Ausdünnung des Kaders zur Folge haben. Zudem dürfte es bei dem beschriebenen Szenario “Strohhalm-Cup” nach 13 Jahren Heißen: Vielen Dank, Thomas Schaaf. Vielen Dank, Klaus Allofs.
Glücklicherweise darf sich ab der Bundesligasaison 2011/2012 auch der Viertplazierte in der Qualifikation zur Champions League versuchen. Bleibt die Frage, welche der 14 anderen Bundesligisten der SV Werder hinter sich lassen kann. Der FC Bayern hat einen stärkeren Kader, klar, auch der Titelverteidiger aus Dortmund scheint eine Nummer zu groß für Werder. Also muss man sich mit den Teams aus Leverkusen, Wolfsburg, Gelsenkirchen, Hamburg und Stuttgart um die internationalen Plätze balgen – und das sind nur die altbekannten Größen. Wer spielt die Rolle der Hannoveraner, Mainzer, Nürnberger oder Kaiserslauterer, die sich letzte Saison in ungeahnten Tabellenregionen schoben und dort festbissen?
All das kann Werder eigentlich nicht gebrauchen. Was man braucht ist die fehlende Doppelbelastung. Kein Europacup. Das hatte man zuletzt 2003/2004. Das Ergebnis ist Geschichte. Und man braucht Treffer bei den Neuverpflichtungen. Papastathopoulos und Ekici könnten die Super-Einkäufe dieses Jahr heißen … Nein, sie müssen es schon fast …
Prognose: Platz 4 – 8
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